René war aufgebracht. Die blöden Weiber, nichts haben die verstanden. Da reißt man sich seinen Arsch auf, löhnt ‘nen Haufen Kohle und wofür? Meine Güte, bin ich blöd gewesen. Aber soll ich nun noch mehr zahlen? Das muss ich wohl, bringt es das Biest zum Schluss tatsächlich fertig und gibt das Kind zur Adoption frei, so wie sie es androhte. Was ist mit meinem Recht als Vater, kann ich da etwas machen? Sicher doch, aber das kostet wieder Geld und würde in einer riesigen Schlammschlacht enden. Und zum Schluss hängt sich vielleicht noch das Jugendamt rein. Dann wäre sowieso alles vorbei.
Er hatte die Geschwindigkeit seines Wagens inzwischen etwas reduziert und war wieder unterwegs, ohne eine Gefahr für andere darzustellen. Die Fahrt ging somit trotz seiner Rage ohne Unfall und Knöllchen zu Ende.
Mitternacht. Wieder einmal stand René vor dem Wohnhaus, in dem auch Dine wohnte. Sie hatte noch Licht und war, wie sich glücklicherweise herausstellte, auch allein.
„Du kannst langsam bei mir einziehen, so oft, wie du hier bist“, begrüßte sie ihn, „natürlich kannst du hier schlafen.“
Beide gingen ins Wohnzimmer.
„Du hast Glück, Peter ist erst vor ein paar Minuten gegangen, sonst wäre ich auch schon im Bett gewesen. Ich wollte gerade ins Bad unter die Dusche.“
Sie schaute René ganz lieb an.
Kurz darauf hörte er die Dusche rauschen.
„Natürlich“, rief er ins Bad, „ich bin ja auch nicht hier, um mit dir zu duschen, sondern …“
Er merkte, dass sie ihn nicht hörte, und schwieg.
Bei Dine fühle ich mich immer wohl, dachte er sich jedes Mal, wenn er sie besuchte. Er holte sich ein Glas, füllte es mit Leitungswasser und fragte sich auch heute, was ihre Wohnung eigentlich so von anderen unterscheidet.
Das Rauschen hörte auf, ein dumpfes Klappern war zu hören und Dine stand sich ihre Haare reibend in der Tür.
„Ich musste einfach duschen, hatte es zwar schon, als ich von der Arbeit kam, aber Peter war aufgetaucht und wir waren essen. Und danach, na ja, da muss man eben …“
Sie schaute zu René, der ihr mit einem Schmunzeln signalisierte, dass er das auch gut verstehen würde.
„Nicht, dass es mich etwas anginge, doch hoffentlich hat es etwas gebracht.“
„Also, das Essen war fantastisch, und darauf kommt es doch schließlich an.“
Sie stand ihm gegenüber, schüttelte ihre Haare und kniff ihn in die Wange.
„Aber du bist doch sicher nicht gekommen, um mit mir über mein Verhältnis zu reden! Was ist vorgefallen? Lass mich raten! Jennifer hat wieder einmal Ärger gemacht und du bist dann weg. Richtig?“
„Nicht ganz, aber sehr nah dran.“
René begann, den Abend zu schildern und blieb dabei immer dicht bei Dine, die sich im Schlafzimmer ihr dünnes Nachthemd überzog und dann im Bad für die Nacht fertigmachte.
„Also hast du jetzt ein mächtiges Problem. Das Geld habe ich hier hinter der Luke.“
Sie beugte sich nach unten zur Badewanne, entfernte eine Fliese und zog den Umschlag hervor.
„Es gab einmal Probleme mit dem Ablauf. Irgendwo ist Wasser ausgetreten. Die Firma hat dann hier die Luke eingebaut, um den Abfluss zu erneuern.“
Als sie wieder stand, gab sie ihm den Umschlag.
„Gut, dass du das Geld nun dafür nehmen kannst.“
„Hast du die Zehntausend wenigstens raus?“
„Nee, lass mal René, ist schon in Ordnung, ich habe doch nichts dafür getan“, sagte sie und machte mit einer Hand eine dankend abwehrende Geste.
„Du bekommst deinen Anteil, wie besprochen, und keine Widerrede.“
Er umarmte sie.
„Ich brauche also Fünfunddreißig und das nur für morgen. Dann packen wir wieder alles zusammen hier drunter, wenn das für dich in Ordnung geht?“
Dine lächelte; „natürlich geht es das.“
Eine viertel Stunde später lag René auf der Couch, weil Dine ihn darum gebeten hatte. Sie sagte, dass sie nach einem Besuch von Peter nicht mit ihm in einem Bett schlafen kann, was am anderen Tag schon wieder ganz anders aussehen könnte.
Dine versuchte, sehr leise zu sein. Trotzdem wachte René auf.
„Guten Morgen, Dine!“
„Schlaf weiter, René, ich mache dir Kaffee mit in die Kanne, die hält bis heute Nachmittag warm. Bis dahin wirst du gefrühstückt haben, denke ich einmal.“
Er bedankte sich kurz und schlief wieder ein.
Gegen elf verließ er das Haus. Per Telefon hatte er bei Helen nachgefragt, ob jemand zu Hause anzutreffen sei, wenn er gegen Mittag da wäre. Weil sie es bejahte, machte er sich mit dem Geld in die Bellham auf.
Helen wartete schon. Sie empfing ihn freundlich und bat ihn ins Haus.
„Hallo René.“
„Hallo Helen, ich werde auch gleich wieder weg sein. Wo ist Jennifer?“
Er schaute sich um.
„Sie ist nicht hier“, sagte Helen und schaute zur Toilette, „hat mich aber gebeten, alles mit dir zu besprechen.“
„Okay.“
Er holte die Scheine aus der Tasche und hielt sie Helen hin.
„Hier ist das Geld und ich hoffe, wir werden uns einigen.“
Bevor sie etwas sagen konnte, war er schon wieder zur Tür draußen.
„Was hat er gesagt?“
Jennifer lugte vorsichtig hinter der Toilettentür hervor.
„Er ist wieder weg.“
„Und, hat er das Geld gehabt?“
Helen nickte nur.
„Ja was? Hat er es nun?“
„Ja“, sie konnte nicht verhindern, ihre Anspannung mit in ihre Antwort zu legen und wiederholte laut: “ja, er hat es dabeigehabt.“
„Und ich werde es bekommen, darauf kann der sich verlassen und …“, Jennifer hielt inne.
Helen wartete darauf, dass sie noch etwas sagen würde. Weil aber nichts kam, fragte sie kurze Zeit später nach: „Und was?“
Keine Antwort.
„Und was? … Jennifer, mach mir ja nichts Unüberlegtes! Er versucht, alles ohne Probleme über die Bühne zu bekommen und du?“
„Und ich, was ich? Der hat dir gerade mal das Geld gezeigt, aber wir haben es noch lange nicht und wer weiß, was der sich noch so einfallen lässt. Vielleicht will er uns nur locken? Und wo hat er die Kohle überhaupt so schnell her? Lag die vielleicht irgendwo nur mal so rum?“
„Trotzdem, ich kann mir nicht vorstellen, dass er uns linken will, nicht René.“
„Hast du schon vergessen, wie der gestern drauf war?“
„Wir waren alle ein wenig aufgeregt. Aber du hast natürlich recht, bitte, komm wieder runter.“
Helen versuchte, ihre Tochter zu beruhigen.
„Ich will einfach nur, dass alles so bald als möglich über die Bühne geht und das ohne Ärger“, sagte Helen und Jennifer bestätigte mit Nachdruck: „Und genau das möchte ich auch.“
Verdammt, mein Termin! René rief in der Praxis des Dr. Bruillon an. Die Sprechstundenhilfe sagte ihm am Telefon, dass die Praktikantenstelle ersatzlos gestrichen worden sei und er nur noch seine Sachen holen müsse. Auf Renés Nachfrage, ob der Doktor ihm ein Zeugnis ausstellen würde, wusste sie keine Antwort und verwies ihn an den Doktor persönlich, der in etwa zwei Wochen noch einmal in der Praxis wäre. Die Nummer von seiner Frau könnte sie ihm ohnehin nicht geben, selbst wenn sie die hätte. Damit war das Gespräch auch beendet.
René fuhr direkt zum Haus der Bruillons. Er klingelte und Luise öffnete persönlich.
„René, Sie haben sich verspätet, was war?“
„Ich hatte versucht, Sie zu erreichen, aber ich habe keine Nummer bekommen, die in der Praxis halten dicht, sagen nichts.“
„Das hat ihnen Dr. Bruillon eingeschärft und war sicher nicht gegen sie persönlich gerichtet. Aber kommen Sie doch herein.“
Eine offene Geste begleitete René durch die Tür.
„Möchten Sie etwas trinken?“
Er nahm dankend an.
„Also, erzählen Sie, was war vorgefallen? Es muss etwas vorgefallen sein, denn ich würde mich doch sehr wundern, hätten sie den Termin einfach so vergessen.“
René erzählte die Geschichte vom Abend zuvor und weil Luise mehr über den Hintergrund erfahren wollte, breitete er schließlich seine gesamte Vergangenheit bis ins Detail vor ihr aus. Er hatte auch den Wunsch, dass ihm endlich jemand wirklich etwas von der Last nahm, die seit dem Vorfall damals auf ihm lag. Denn, wie Luise zwischendurch bestätigte, ist der Vorfall von damals als ursprünglich für seine jetzigen Probleme anzusehen. Alle, mit denen er bisher über seine Vergangenheit gesprochen hatte, konnten ihm nicht helfen. Zuhörer gab es also mehrere, auch gute Ratschläge, vor allem von der Schwägerin von Luise, doch den psychischen Druck von ihm nehmen und ihn auffangen, das konnte niemand.
„Ich bin beeindruckt von Ihrem Leben, glaube aber auch, Sie benötigen Unterstützung, und das über einen längeren Zeitraum, damit Ihr Leben einmal wieder in geraden Bahnen verläuft. Nennen wir es einfach Therapie. Ich würde Ihnen anbieten, dass ich mich um Sie kümmere.“
René fühlte sich schon für den Rest seines Lebens beobachtet, als Luise ihn besänftigte.
„Sie werden natürlich so weiterleben, wie bisher, ich wünsche es sogar. Sie können tun, was Sie wollen, können Ihre Freunde besuchen, ausgehen, was halten Sie davon?“
René dachte nach.
„Das hört sich gut an. Muss ich mich sofort entscheiden?“
„Natürlich müssen Sie sich nicht sofort entscheiden. Aber, nur um es zeitlich eingrenzen zu wollen, wäre es doch sinnvoll, Sie könnten eine Entscheidung treffen, bevor das Kind da ist, um es für den Fall, Sie stimmen zu, hier in diesem für mich allein viel zu großem Haus unterzubringen. Wir könnten ein Kindermädchen engagieren, die sich wie eine Mutter liebevoll um das Kleine kümmern würde, damit Sie auch Zeit für sich und Ihre Wünsche haben. Sie könnten zum Beispiel mit dem Psychologiestudium beginnen, das wollten Sie doch einmal. Was halten Sie davon?“
René wurde gerade wegen dieses großzügigen Angebotes stutzig. Alles schien wie in einem Traum und er würde einfach aufwachen und es wäre vorüber, noch bevor er richtig angefangen hat. Es war eben fast zu verlockend, als dass da nicht ein Haken dabei sein sollte.
„Warum haben Sie ein so großes Interesse an mir?“
„Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Dr. Bruillon und seine Schwester stammen aus einer der angesehensten Familien im Westen des Landes, also dort, wo sie wieder hinziehen werden, genauer gesagt, schon wieder hingezogen sind. Ihr beider Vater, der Preisträger für ‚Psychologische Forschung‘, Prof. Dr. Dr. Psych. G. Bruillon, der Ihnen ganz sicher in einem Ihrer Bücher schon einmal aufgefallen ist, hat ihnen ein Vermögen hinterlassen, welches dieses Haus hier ohne Frage entbehrlich macht. Er verfügte in seinem Testament, über dessen Inhalt jeder in der Familie schon vor seinem Ableben Bescheid wusste, dass das Vermögen nur an die beiden Geschwister geht, wenn sie nach seinem Tod nach Bath zurückkehren würden, um dort sein ‚Institut für medizinische Forschung Bath‘ in seinem Namen weiterzuführen. Ich habe, weil ich zusicherte, mich bei der Verteilung des doch beachtlichen Vermögens zurückzuhalten, dieses Haus und eine ansprechende Summe Bargeld erhalten.“
Sie nahm seine linke Hand.
„Wissen Sie René, ich werde diese, nennen wir es Abfindung, ohnehin nicht in meinem Leben ausgeben können. Dr. Bruillon trat in mein Leben, als ich kurz davor war, mein Studium erfolgreich abzuschließen. Ihm war der Schatten, den sein Vater auf ihn warf, zu übermächtig, sodass er doch recht weit entfernt von seinem Elternhaus Fuß fassen wollte und es hier auch konnte. Wir waren jung und übermütig und hatten, wie viele damals, kaum Ambitionen, gewissenhaft zu verhüten. So kam, was kommen musste: ich wurde nach relativ kurzer Zeit schwanger. Damit war für mich das Studium zu Ende. Die Hochzeit war kaum vorüber, als ich eine Fehlgeburt hatte. Ich sollte das Studium seitens meines Mannes auch nicht wiederaufnehmen. Dabei ist es geblieben. Zum Schluss hatte ich weder ein Kind noch einen Studienabschluss, und eine Dissertation war gleichwohl in unerreichbare Ferne gerückt.“
Kaum dass sie den Satz beendet hatte, begann sie wieder zu erzählen.
„Sie erinnern sich an das Buch, das ich Ihnen zeigte? Zu einem Großteil habe ich die Bände geschrieben. Weil aber die Fachwelt nur die Meinung von ihresgleichen akzeptiert, wurden sie mit relativ großem Erfolg unter dem Namen meiner Schwägerin veröffentlicht. Und, um Ihre Frage zu beantworten, Sie hatten Glück, einfach nur Glück, das auch jemand anders hätte haben können.“
René war mit dieser Antwort mehr als zufrieden und sagte dann auch prompt zu.
Ich mache mit und wenn es schieflaufen will, wars das eben und ich haue mit dem Kleinen ab, dachte er sich und hielt ihr dankend seine Hand hin.
„Ich wusste doch, dass Sie ein vernünftiger junger Mann sind. Willkommen daheim! Übrigens, ich heiße Luise.“
Sie drückte ihn und bat ihm das ‚du‘ an. Erst zögerte er, doch dann wurde ihm warm um sein Herz und er freute sich über die unverhofft gefundene Familie, zumal es mit einem sorgenfreien Leben verbunden sein sollte.
Luise zog an einer Kordel. Kurze Zeit später standen Leute da und wurden ihm vorgestellt, von denen er bislang nicht einmal ahnte, dass sie auch in diesem Haus waren und sogar arbeiteten: „Margrit, unsere Hausangestellte, das Mädchen für alles in diesem Haus, na ja, für fast alles, Karl, der die groben Dinge erledigt, also unser Hausmeister bei Bedarf und …“, Luise fragte Margrit: „Haben Sie Gertrud gesehen?“
Als Margrit diese Frage verneinte, fuhr Luise fort, „Gertrud ist unsere Köchin, ihre Kochkunst ist unübertroffen.“
René begrüßte die beiden, stellte sich selbst auch vor und konnte noch Gertrud die Hand geben, die mit einem Geschirrtuch in der Hand und sich ein paar Haare unter die Haube steckend erschien.
„Ich muss noch einmal zu Dine, ihr etwas vorbeibringen.“
„Ja natürlich, aber versuche bitte, um achtzehn Uhr wieder hier zu sein? Dann essen wir nämlich!“
Kein Problem, dachte sich René und fuhr grenzenlos erleichtert zu Dine.
„Hier das Geld, meine Süße, du glaubst gar nicht, was heute passiert ist.“
Sie schloss die Tür. Er ging in die Wohnung und warf das Geld in die Luft.
„Ab heute wird es keine finanziellen Probleme mehr geben, weder für mich, noch für dich! Und damit du jetzt schon mal was davon hast, schenke ich dir das ganze Geld. Behalte es.“
Dine wusste nicht, wovon er sprach und fragte nach.
“Mach langsam, René. Was ist in dich gefahren? Hattest du einen Unfall? Hast du getrunken?“
Sie ging zum Fenster und schaute nach unten, wo sein Auto ohne Kratzer fein säuberlich geparkt vor dem Haus stand.
„Also was ist mit dir?“
„Ich habe doch von der Frau Bruillon erzählt, die immer so streng hinter mir gesessen hat, wenn ich wieder einmal Akten abstellte. Sie heißt Luise und ist wirklich richtig nett.“
Während René sprach, wunderte sich Dine über solch eine rasche Entwicklung.
„Sie hat mich bei sich aufgenommen und wird mir helfen, den Kleinen großzuziehen. Was sagst du nun?“
„Einfach so? Alles ohne Gegenleistung?“
„Ja, sie möchte nichts dafür, außer vielleicht jemanden, der sie beerbt, denn sie hat keinen Nachfahren, da komme ich doch gelegen.“
„Wenn du meinst“, sagte Dine mit dem skeptischen Gefühl in ihrem Bauch, dass das, was René wusste, noch nicht alles gewesen sein konnte.
„Und du kannst doch jederzeit aussteigen, oder?“
„Na klar kann ich, wir haben doch keinen Vertrag. Apropos Vertrag, sie wird mir auch wegen meines Lütten helfen. Sie kennt wohl die besten Anwälte hier und die Kohle zum Zahlen hat sie auch, um meinen Kleinen zu uns zu holen.“
„Zu uns?“
Dine runzelte die Stirn.
„Ja, zu Luise und mir.“
„Ach so.“
Dine hatte es jetzt gehört.
„Los, freu dich mit mir!“
René hob ihre Arme, damit auch sie jubelt.
„Du, ich habe kein gutes Gefühl dabei.“
„Was soll denn schiefgehen, du hast eben gesagt …“
„Ja, das habe ich, aber …, ach, was solls.“
Sie wachte endlich aus ihren Überlegungen auf und konnte tatsächlich so etwas wie Freude für René empfinden.
„Aber das Geld bleibt trotzdem noch in unserem Versteck, vorerst wenigstens, okay?“
Pünktlich achtzehn Uhr war René wieder in seinem neuen Zuhause. Der Tisch im Esszimmer stand gedeckt für vier Personen. An der Stirnseite saß schon Luise, die René an ihre linke Seite bat.
„Wer kommt noch?“, fragte René.
„Ich habe kurzfristig Herrn Simon einladen können, er ist Inhaber der ‚Simon & Partner Rechtsanwaltssozietät‘ und wird uns heute Abend mit seiner Gattin beehren.“
Beehren, oh, wird er, dachte sich René, beließ es aber bei einem erstaunten Gesichtsausdruck.
Der Türgong ertönte. Margrit öffnete und bat die Gäste herein. Es hatte etwas geregnet, sodass sie Herrn Simon den Schirm abnahm.
„Darf ich Sie in den Salon bitten?“, fragte Margrit hörbar aus dem Eingangsbereich.
„Das sind sie. Du machst am besten gar nichts und überlässt mir das Reden. Herr Simon wird dich begrüßen wie einen Bruillon, also erwarte ich von dir, dass du dich ihm gegenüber auch wie ein Bruillon verhältst.“
Langsam verstand René, dass Geld selbst auch einen Preis hat.
„Aber ich bin doch gar kein Bruillon!“, versuchte er seine Lage zu verbessern, wenigstens etwas aufzulockern.
„Ab heute bist du es. Es wird dir sicher auch nicht besonders schwerfallen, am Anfang vielleicht nur etwas ungewohnt, aber das ändert sich schnell, glaube mir.“
Luise und René standen auf, entfernten sich etwas vom Tisch zum Eingangsbereich hin und begrüßten die Simons.
„Nigel, es ist mir eine Freude, Sie heute in meinem bescheidenen Heim begrüßen zu dürfen. Lydia, immer noch dieses Strahlen in Ihren Augen, wie machen Sie das nur? Darf ich Ihnen René vorstellen? Er ist mein neues Familienmitglied, ich hatte Ihnen von ihm erzählt.“
Sie machte einen Schritt zur Seite, damit René und die Simons sich direkt gegenüberstanden. Er gab ihnen die Hand und sagte nichts, so wie ihm Luise aufgetragen hatte. Da er einen Frosch im Hals hatte, wäre ihm das Reden ohnehin unmöglich gewesen. So reduzierte sich diese Begrüßungszeremonie auf ein Handgeben und einen angedeuteten Diener.
Margrit hatte die Aufgabe, den Simons beim Hinsetzen ihre Stühle unterzuschieben und wenn alle saßen, die Getränke zu bringen. Sie war, wie sich an diesem Abend herausstellte, auch für das Servieren der Speisen verantwortlich und natürlich für das Nachschenken der verschiedenen Getränke.
„Nigel, Sie waren in der Zeitung abgebildet. Diese Betrugssache hatte Kreise gezogen, doch Sie haben den Fall wieder bravourös für sich entscheiden können. Wahrheit muss eben Wahrheit bleiben und die Gerechtigkeit muss siegen. Genau dafür benötigen wir solche Persönlichkeiten wie Sie.“
Luise erhob ihr Glas und alle stießen an, kaum, dass sich die Gläser berührten.
„Lydia, Sie sehen mich sprachlos, mit welch einer Energie Sie sich für den hiesigen Kindergarten einsetzen. Es kamen so viele Spenden zusammen, konnte ich der Presse entnehmen.“
Erneut wurde angestoßen oder eben so getan als ob.
„Und“, Luise wandte sich wieder zu Nigel, „wann kann ich Sie als neuen Bürgermeister begrüßen?“
„Das wird doch hoffentlich bald sein, wenn auch Sie mir zur Seite stehen.“
Er erhob sein Glas und man prostete sich wieder zu. Das wiederholte sich noch einige Male an diesem Abend. Erst zu fortgeschrittener Stunde, als das deliziöse Mahl, wie sie alle Luise bescheinigten, zu Ende war und der gemütliche Teil bei einem Cognac im Raucherzimmer begann, kam Luise auch auf die Belange von René zu sprechen.
„Nigel, mein Teuerster, René hat eine Freundin und die Gute ist in anderen Umständen. Sie kann sich überhaupt nicht mit dem Gedanken anfreunden, das Kind behalten und großziehen zu wollen und hat sich entschlossen, das Kind nach der Geburt zur Adoption freizugeben, obwohl der leibliche Vater“, sie legte ihre Hand auf Renés Unterarm, „das Kind unbedingt bei sich und somit in rechten Händen wissen möchte. Er hat ein Recht darauf, finde ich.“
„Ja, natürlich hat er ein Recht darauf“, bestätigte Nigel, „es kommt hier nur darauf an, dass man sehr behutsam vorgeht, denn es hat bereits Fälle gegeben, in denen Väter ihre Kinder nicht zugesprochen bekamen, sie sogar noch nicht einmal sehen durften, nur, weil die Mütter der Kinder behaupteten, dass der Vater gewalttätig geworden sei. Im Handumdrehen hat man sich mit so einem Handicap seine Vorschusslorbeeren verdorben, die man automatisch hat, wenn man um sein Kind kämpft. Also, ich finde tatsächlich, dass man mit der werdenden Mutter einen Vertrag schließen sollte, der alle Vorgehensweisen bis ins Detail regelt. Wenn sie das Kind schon weggeben wollte, benötigen wir einen Beweis für ihr mögliches Ansinnen, um für den Notfall gewisse Argumente unterstützen zu können. Ich biete Ihnen an, diese Argumente zu besorgen und gleichzeitig die nötigen Dokumente vorzubereiten. Es dürfte also kein allzu großes Problem sein, die junge Frau davon zu überzeugen, dass wir der richtige Verhandlungspartner sind.“
„Der Abend war doch gut gelungen!“, sagte Luise und winkte den Simons nach, als sie vom Grundstück fuhren.
„Du musst dir wirklich keine Sorgen mehr machen, er ist der Beste und wird das alles zu unserer vollsten Zufriedenheit lösen.“
René hatte Kopfschmerzen – sein Kopf dröhnte und jeglicher Ansatz eines Gedankens endete darin, nur noch schlafen zu wollen. Luise brachte ihn in sein neues Refugium mit Schlafzimmer und Aufenthaltsbereich, Ankleideraum und Bad in einem ursprünglich für Gäste reservierten Flügel des Hauses. Sie wünschte ihm eine gute Nacht, schloss die Tür und entließ ihn in sein neues Leben, in dem er tief durchatmete.
Trotzdem konnte er lange nicht einschlafen. Ihm gingen die Gespräche durch den Kopf, in denen er eine gewisse Leichtigkeit des Seins erkannte, sollte man dafür einfach nur ausreichend Kapital hinter sich stehen haben. Luise war zwar noch eine völlig Unbekannte für ihn, denn die Anzahl der gewechselten wirklich persönlichen Worte nach seinem Einzug beschränkte sich gerade einmal auf ein paar Dutzend. So wird sich das ganz bestimmt während ihres Zusammenlebens bald ändern, war er sich sicher. Ihre sehr offene Art, die seiner Meinung nach immer öfter zum Tragen kam, verhieß ihm also eine rosige Zukunft.
Mit diesem Gedanken schlief er auch beruhigt ein.