Helen und Jennifer saßen am Tisch, der Kaffee war fast durchgelaufen und es schien ein sonniger und tatsächlich angenehmer Tag zu werden.
„Wann ist René wieder nach Hause gekommen?“, fragte Helen beim Aufstehen, um den Kaffee zu holen?
„Ich weiß es nicht. War er überhaupt da?“
Jennifer antwortete gleichgültig.
„Wieso, hast du ihn nicht gesehen?“
„Wieso sollte ich ihn gesehen haben, ich schlafe nachts normalerweise und warte nicht ewig darauf, bis ‚Mister Selbstgefällig‘ wieder eintrudelt.“
„Jennifer!“
Helen ermahnte ihre Tochter.
„Er ist nicht selbstgefällig.“
„Und wie nennst du es, wenn er sich einen schönen Tag macht und seine hochschwangere Freundin bei ihrer auch noch zu ihm haltenden Mutter hocken lässt?“
„Sei nicht ungerecht, einer muss ihn ja wenigstens ein klein wenig in Schutz nehmen.“
„Ist er denn nicht alt genug, sich selbst in Schutz zu nehmen, braucht er dann noch meine Mutter?“
Helen wurde sanfter in ihrer Sprache, um die Situation nicht weiter aufzuheizen.
„Wenn ich auch noch über ihn herziehe, steht er allein da mit zwei gegen ihn.“
„Aha, und wie bitte schön beschreibst du jetzt meine Situation, etwa ausgeglichen?“
Jennifer schüttelte ihren Kopf.
Helen schwieg, denn Jennifer hatte recht und das nicht zum ersten Mal in den Monaten, in denen es langsam aber stetig bergab ging mit Jennifers Laune und der Beziehung zu René. Bei all ihrer Liebe zu ihrem neuen Familienmitglied hatte Helen ihre Tochter natürlich nicht vergessen, doch aber ziemlich vernachlässigt. Die einst vor Energie strotzende Jennifer verlor stetig an Kraft. Jeder suchte die Ursache für den Missstand in der Familie und der Beziehung nur bei ihr. Sicher war ihre Schwangerschaft der Hauptgrund, doch muss sie deswegen dann ausschließlich als Sündenbock herhalten?
„Es tut mir leid, mein Schatz!“
Helen nahm ihre Tochter in ihre Arme und hielt sie umschlungen, wie schon lange nicht mehr.
„Entschuldige!“
Jennifer genoss ihre Mutter.
„Ist schon gut, Mama.“
René hatte in dieser Nacht kein Auge zugemacht. Er hatte rote Augen, war nicht rasiert und sein T-Shirt vom gestrigen Tag machte auch nicht mehr den frischesten Eindruck. Dr. Bruillon begrüßte ihn freundlich wie jeden Tag, fragte ihn dann aber doch mit skeptischer Miene, ob er wirklich dableiben wolle, weil es dann ja das erste Mal sei, dass er auch an einem Samstag in der Praxis wäre. Er schmunzelte dabei, denn er wusste, dass Renés Freundin schwanger ist und er deshalb aus gutem Grund so durcheinander war. Ohne Renés Antwort abzuwarten, schickte er ihn auch gleich mit der Bemerkung wieder fort, dass es besser so wäre.
Die kilometerlangen Straßenschluchten nahmen kein Ende. Es dauerte für ihn eine Ewigkeit, bis er endlich die vertraute Umgebung erreichte, in der Dine wohnte.
Über sein Handy rief er sie an: „Bist du zu Hause?“
„Guten Morgen, René, ja, ich bin in meiner Wohnung, wenn du das meinst.“
„Ich will nicht heim, ich möchte niemanden von den beiden sehen.“
„Dann komm her“, sagte sie und legte auf.
Sie zog sich etwas über. Kurz darauf klopfte es schon an ihrer Wohnungstür.
„Bist kaputt, stimmts?“, fragte sie und stellte fest, dass er sehr gut ein Bad gebrauchen könnte.
„Ich lasse Wasser ein.“
Sie ging ins Bad. Das Wasser rauschte. Bald kam sie wieder heraus und schob ihn durch die Tür.
„Zieh dich aus und dann ab hinein.“
Sie verpasste ihm einen Klaps auf seinen Po und verließ den Raum.
Aus der Küche hörte er sie sagen, dass sie Kaffee machen wolle.
„Du bist aber ganz schön früh dran, war wohl nicht viel mit Schlafen letzte Nacht?“
Das duftende Wasser, der Schaum, die leise Musik, die sich automatisch einschaltete, wenn man das Bad betrat und das entfernte Gurgeln der Kaffeemaschine beruhigten ihn. Er wollte diese Ruhe nicht stören, nein, er wollte einfach diesen Moment genießen und antwortete deshalb auch nicht. Als er kurz davor war, einzuschlafen, kam Dine herein.
„Ich schrubbe dir den Rücken. Wie lange hat das keiner mehr bei dir gemacht?“
Sie saß auf dem Wannenrand und ließ mit leichtem Druck den Schwamm auf seinem Rücken kreisen.
„Tut gut, nicht wahr?“
René hatte seine Augen geschlossen während sich sein Oberkörper im Rhythmus ihrer Bewegungen wiegte.
„Schon zu Ende?“, fragte er schmollend.
„Ich möchte doch nicht, dass du dich daran gewöhnst, also, der Kaffee ist fertig.“
Sie hielt ihm das Badetuch vor, schlug es um ihn und rubbelte seinen Rücken trocken. Ihr Morgenmantel war etwas klein und überhaupt nichts für einen Mann, doch genoss er es, selbst diesen Morgenmantel anzuhaben.
Das alles geschah so wohltuend, ohne böse Worte, sich kümmernd, vertraut und doch neu, in einer Umgebung, die so einzigartig war, weil nicht von ihm. Oder weil von Dine?
Sie tranken ihren Kaffee, kurz, doch ohne Hast.
Dann zog sie René am Morgenmantel ins Schlafzimmer. Sie zog sich splitterfasernackt aus, zog auch René den Morgenmantel herunter, legte sich ins Bett, öffnete die Decke und bat ihn hinein.
René wusste nicht, was geschehen würde und gleichsam überrascht war er auch nicht in der Lage, darüber nachzudenken. Er legte sich auf seinen Rücken zu ihr. Sie drehte ihn sanft, bis sie sich ganz eng an seinen Körper schmiegen konnte und legte einen Arm um ihn. Ein Wunder geschah inmitten dieser unglaublichen Situation: René schlief ein.
Jennifer legte auf. Sie hatte es schon viermal versucht, René an sein Telefon zu bekommen, doch er ging nicht ran. Auch hatte sie gleich am Morgen in der Praxis von Dr. Bruillon angerufen und gefragt, ob René vielleicht an diesem Samstag in die Praxis kommen oder sonst welche Wege für ihn erledigen wollte. Dr. Bruillon jedoch sagte ihr, dass René zwar da gewesen sei, er aber dann von ihm weggeschickt wurde, weil er so angeschlagen aussah.
„Ich weiß auch nicht, wo er hingefahren ist. Leider kann ich Ihnen hierbei nicht weiterhelfen“, sagte er und wünschte ihr noch ein erholsames Wochenende.
Jennifer machte sich Vorwürfe.
Dine ging auch nicht an ihr Telefon, die Nummer von ihrem Bruder wusste sie nicht, also musste sie warten, bis René wieder auftaucht.
Indes war es Nachmittag geworden.
Wie Dine und René eingeschlafen waren, wachten sie auch wieder auf.
Sie öffneten ihre Augen gleichzeitig, bewegten sich aber nicht, sondern fühlten den anderen, die Wärme, die Haut, die Aura und tankten, was sie beide für das Leben da draußen brauchten – menschliche Nähe.
„Hast du gut geschlafen?“, fragte Dine flüsternd, fast schon zärtlich.
„Ja!“, sagte er leise und genoss ihre weiche Haut in vollen Zügen.
„Das ist schön“, flüsterte Dine noch und drückte ihn leicht noch etwas näher an sich heran.
Da lagen sie nun, ihre Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt. Sie sahen sich in ihre Augen, ganz tief und lange und kein Ereignis dieser Welt würde ihnen diesen Augenblick nehmen können. Dine strich ihm über seine Schläfe und René über ihren Rücken und beide wussten in diesem Moment, dass es genau hierbei bleiben wird, wunderschön, vollkommen nackt und trotzdem unschuldig, einen geliebten Menschen zu spüren ohne Gier und Triebe.
Nachdem sie aufgestanden waren, legte Dine im Vorbeigehen den Hörer wieder aufs Telefon. Sie verbrachten noch einen sehr angenehmen Tag miteinander, indem sie im City-Park spazieren gingen und dabei Unmengen Eis aßen, sich den neuesten Film im Kino ansahen und sie ihn tatsächlich noch zu einem Snack ins Gillhes einlud.
„Grüße Jennifer schön von mir“, bat sie René, bevor sich die Haustür hinter ihm schloss. Ob er das machen könnte, wusste er aber nicht. Jennifer würde Fragen stellen, berechtigte Fragen. Sie weiß um die sehr innige freundschaftliche Beziehung, die er zu Dine hat und außerdem würde sie wissen wollen, warum er nicht einen Anruf angenommen oder wenigstens eine der vielen SMS ‚Wo steckst du?‘, ‚Was machst du?‘, ‚Ich will!‘ beantwortet hatte. Für sie würde es so aussehen, als wollten er und Dine nicht gestört werden. Das war schließlich auch der Fall, doch eben bei Weitem nicht so, wie sie es denken würde.
Um Himmels willen, Jennifer darf von diesem Tag bei Dine nichts erfahren!
„Ich habe dich vor mehr als vierundzwanzig Stunden das letzte Mal gesehen und wusste weder, wo du warst, noch, wie ich dich erreichen konnte.“
Jennifer drückte René an sich und heulte.
„Mach das nie wieder, hörst du, nie wieder!“
Er war wegen dieser Aussage irritiert.
„Ich habe die Zeit einfach gebraucht, für mich, für uns.“
Kaum, dass er diese Antwort ausgesprochen hatte, wetterte Jennifer weiter: „Okay, es kann sicher sein, dass du mal eine Pause brauchst, aber was ist mit mir, kann ich einmal Pause machen, so mal den Koffer abstellen und sagen ‚Tschüss bis heute Abend‘? Nee, kann ich nicht, aber du kannst das.“
René schaute zu Helen, die wie angewurzelt auf der Couch saß.
„Helen und ich haben gestern erst …“
„Und wir haben heute erst“, unterbrach ihn Jennifer.
René hatte nichts erzählen müssen. Er befand sich schlagartig wieder in derselben Situation, wie zwei Tage zuvor. Jennifer konnte ihre Launen an ihm auslassen und er musste es im Interesse der bald größer werdenden Familie hinnehmen. Er hoffte auf die Zeit nach der Geburt, dass sich ihr Zustand wieder normalisieren würde.
Am Sonntag gingen sie dann auf seinen Vorschlag hin auch in den City-Park. Jennifer und ihre Mutter genossen den Spaziergang, doch René war in Gedanken versunken.