„Guten Morgen, René!“
Dr. Bruillon begrüßte ihn ganz besonders nett.
René blieb neutral und grüßte zurück.
„Ihre Freundin hatte angerufen und sich danach erkundigt, ob Sie hier waren.“
„Ich weiß“, bestätigte René und ging zum Aufenthaltsraum, um sich für den Tag umzuziehen.
„Warten Sie bitte!“
Der Doktor ging ihm nach.
„Kommen Sie dann bitte gleich einmal in mein Sprechzimmer, ich hätte einen Vorschlag zu machen.“
René dachte sich sofort, dass es etwas mit vergangenem Samstag zu tun haben könnte.
„Herr Doktor.“
Dr. Bruillon stand von seinem Stuhl auf, ging um den Schreibtisch herum und setzte sich auf die Schreibtischkante direkt neben René, stützte sich locker ab und lächelte.
„Meine Schwester ist Psychologin und würde gern mit Ihnen einmal über gewisse Dinge reden.“
„Ihre Schwester? Reden? Wie meinen Sie das? Wir reden doch auch, wenn ich bei Ihnen bin.“
„Ja sicher, das machen wir“, entgegnete der Doktor, „doch sie möchte Ihnen helfen.“
„Mir helfen?“
René wusste, dass Psychologen helfen können, aber bis jetzt kamen dafür nur andere infrage und nicht er selbst. Er brauchte keinen Psychologen oder ganz und gar eine Psychologin.
Dr. Bruillon bemerkte seine Zweifel und fuhr fort.
„Wir dachten uns, dass Sie vielleicht am Wochenende jemanden gern um sich haben, mit oder bei dem Sie sich aussprechen wollen“, wartete eine Weile und redete dann weiter: „Sie können natürlich erst einmal darüber nachdenken. Lassen Sie sich Zeit und geben Sie mir Bescheid, wenn Sie eine Entscheidung getroffen haben.“
René dachte nicht nach und sagte spontan zu.
„Nein, ist gut, ich muss nicht darüber nachdenken. Es geht klar. Ich danke Ihnen und Ihrer Schwester für das Angebot und wann?“
„Sie können auch gleich. Fahren Sie zu mir nach Hause, ich rufe meine Frau an, dass Sie kommen.“
René verstand jetzt gar nichts mehr.
Wieso Frau, eben war es noch die Schwester. Und wenn doch Schwester, warum bei ihm zu Hause? Und warum gleich?
„Ist doch in Ordnung, wenn ich meine Frau anrufe?“
„Ja, natürlich!“, stimmte René zu und verließ das Sprechzimmer.
Beim Hinausgehen hörte er den Doktor noch telefonieren. René war völlig durcheinander und all seine zusammengezimmerte Logik war dahin.
Es kam ihm alles recht merkwürdig vor, also näherte er sich dem Haus der Bruillons dieses Mal mit einer eher vorsichtigen Erwartung. Die Einfahrt zum Haus erschien René heute noch gewaltiger, als vorher. An der Tür wartete Frau Bruillon, als hätte sie sich seit seinem letzten Besuch nicht gerührt, eine Hand am Griff, die andere auf ihrem Rücken.
„René, guten Morgen“, bat sie ihn jetzt viel persönlicher als sonst herein und gab ihm ganz normal die Hand. Sie lief schräg vor ihm in Richtung einer Tür, die für ihn bislang verschlossen war.
Es müssen hunderte Bücher gewesen sein, die in einem umlaufenden, achtstöckigen Regal standen. Ganz oben scheinbar die sehr alten, je weiter man nach unten gelangte, desto neuer wurden die Ausgaben und ganz unten nur Kommentare, wie er sie schon kannte.
„Wundern Sie sich bitte nicht“, erklärte Frau Bruillon, „bei der Vielzahl von Publikationen gestaltet sich der Aufbau einer Systematik schwierig. Aber kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas. Hier drüben finden Sie die fortlaufenden Ausgaben zu Themen der aktuellen Forschung.“
Sie zog ein dickes intensiv rotes Buch aus der Mitte eines Regals und hielt es ihm hin. ‚Das Sein als Instanz subjektiver Wahrheit‘. Der Verfasser war eine Frau Dr. Psych. Bruillon.
„Teil Drei“, sagte sie, „Teil Vier ist momentan in Arbeit.“
René bekam Falten auf seiner Stirn.
„Frau Bruillon, die Schwester meines Mannes. Sie ist diejenige Dame, mit der Sie einen Termin haben. Ah, ich verstehe“, sie lächelte wieder, „die meisten Patienten, die mein Mann zu seiner Schwester schickt, wissen nicht, dass es zwei Frauen Bruillon in diesem Hause gibt. Sie mögen also verzeihen, wenn Ihnen dadurch eine gewisse Unsicherheit widerfahren ist.“
Sie schob das Buch wieder zurück.
„Guten Morgen René!“
Eine Frau, Anfang fünfzig, mit Dutt, Brille und in einem Hosenanzug reichte ihm die Hand.
„Ich bin Annagreta. Wir befinden uns in meinem Räumen. Luise, also die Gattin meines Bruders, ist hier die gute Seele des Hauses. Doch kommen wir gleich zu dir, ich darf doch ‚du‘ zu dir sagen? Annagreta ist übrigens ein Wort, also bitte nicht nur Anna oder Greta sagen – ein Merkmal aus meiner Kindheit. Du siehst, auch Psychologen haben zumindest leichte Psychosen.“
Sie lachte kurz auf und führte ihn zu einem großen Fenster, das den Blick in den Garten eröffnete. Er war, wie das Haus selbst, sehr weitläufig angelegt. Zu weitläufig, wie sich René dachte, denn ihm fehlten die vielen Details, die einen Wohlfühlgarten, wie den in der Bellham, ausmachten. Da war es auch nicht hilfreich, dass er als Park angelegt war.
„Er ist geprägt von träger Strenge. Kein Baum steht unbewusst, jede optische Verbindung hat ihren Sinn, auch weil es nicht so scheint. Das ist wie der Widerspruch zwischen unserer Psyche und der Natur.“
Sie stand neben ihm, schaute mit nach draußen und drückte ihm ein Glas in die Hand.
„Du trinkst doch Brandy, oder? … Wir leben in einer Welt, in der die meisten Menschen versuchen, die Natur in Formen zu zwängen. Doch kann man sie nicht in die Hand nehmen und drücken, einengen, würgen, quetschen, wie man will. Man versucht es immer wieder, man versucht zu erklären, aber dann versagt der Geist und der Mensch ist nicht mehr in der Lage zu begreifen.“
Sie nahm ihm das Glas ab und trank einen Schluck.
„Mein Bruder hat mir ein paar Hintergrundinformationen gegeben. Deine Freundin befindet sich in einer akuten Phase dreier Antagonismen: der Konflikt mit sich selbst, der Konflikt mit dem ungeborenen Kind und der Konflikt mit dir. Wenn man es genauer betrachtet, sind die Probleme, die zu all dem führten, relativ banal und kein Grund für irgendetwas – nichtssagend, unbedeutend. Würdet ihr euch zusammenreißen und einfach nur dem Frauenarzt deiner Freundin glauben, dass eine Schwangerschaft Veränderungen mit sich bringen kann, die unter Umständen weit darüber hinausgehen, dass es einer Schwangeren nicht ganz wohl ist, wäre euch schon geholfen.“
Nach einem weiteren Schluck gab sie ihm das Glas zurück.
„Das Zauberwort hierfür ist Verständnis, Verständnis für die Situation des Anderen. Ohne den Einen gibt es keinen Anderen und ohne den Anderen gibt es den Einen nicht. Also, was führte dazu, dass du an einem Samstag zu Dr. Bruillon gekommen bist?“
René erzählte ihr von der Art und Weise, mit der Jennifer ihm begegnet, wie er sich dabei fühlt und entsprechend immer gereizter reagiert, wie Jennifer dadurch noch gereizter wird und wie Helen ihm jetzt auch nicht mehr hilft. Er sprach von dem zweimaligen Besuch bei Dine und was dort vorgefallen ist.
Annagreta hörte zu, machte sich Notizen und ließ ihn ansonsten die ganze Zeit reden, ohne auch nur eine einzige weitere Frage zu stellen.
„Mein lieber René, es ist nun einmal so, dass in den Genen einer Frau die Liebe zum Kind im Allgemeinen und zum eigenen Kind im Besonderen fest verankert ist. Das hört sich in deiner Situation etwas verwirrend an, aber selbst die Ablehnung des eigenen Fötus kann auf jene zuweilen bedingungslose Liebe zurückzuführen sein. Sollte sich nämlich herausstellen, dass der Vater aus welchen Gründen auch immer nicht mehr als Partner geeignet erscheint, kann das neben der völligen Ablehnung dessen auch zur Ablehnung des noch ungeborenen Kindes führen. Grundsätzlich werden die Liebe und der Hass als wichtige Eckpunkte der Emotionalität vor allem durch Hormone beeinflusst. Deshalb passiert nichts unmittelbar und bewusst, wenn die werdende Mutter beginnt, an allem etwas auszusetzen, sei es an ihrer Umgebung, an ihrer Schwangerschaft oder an sich selbst. Die Vernunft wird diametral in den Hintergrund gedrängt, und anstatt diese hormonellen und damit auch psychischen Veränderungen während einer Schwangerschaft als notwendig zu akzeptieren, kann sich solch ein Zustand im weiteren Verlauf gegen jeden und alles richten.“
René war schockiert über die Details, die so perfekt in seine Beziehung zu Jennifer passten.
„Und du“, wurde sie deutlich, „bist der eigentliche Grund für alles – anfänglich dafür, dass jenes Glück in die Familie einzog, dann aber als Enttäuschung, nicht nur als Heiland versagt zu haben, sondern für das doppelte Unglück verantwortlich zu sein, was die Erwartungen aller zerstörte, so verschieden sie auch gewesen sein mögen. Deine einstige Zuneigung zu deiner Freundin kommt in keiner deiner Schilderungen mehr vor. Die entscheidenden Fragen sind deshalb nicht, ob und wie ihr wieder zueinanderfindet, sondern wann ihr euch trennt und was mit dem Kind geschieht, wenn es einmal auf der Welt ist.“
Er hatte das bisher nur geahnt, was Annagreta ihm soeben offenbarte. Dine hatte es ihm wohl auch schon versucht zu erklären, ist dabei aber scheinbar viel zu behutsam vorgegangen. Doch Trennung? Daran hatte bisher niemand gedacht.
Weil Dine die wichtigste Person in deinem Leben ist, würde ich gern mit dir auch über sie reden. Leider reicht die Zeit heute nicht mehr aus, weswegen ich vorschlage, du kommst morgen wieder. Vielleicht zur selben Zeit?“
René sagte erwartungsvoll zu.
Jennifer war im Garten. Sie saß auf einem der dünnbeinigen Stühle, die ständig Gefahr laufen, mit einem oder mehreren Beinen im Rasen zu versinken.
Jennifer war im Garten. Sie saß auf einem der dünnbeinigen Stühle, die ständig Gefahr laufen, mit einem oder mehreren Beinen im Rasen zu versinken.
„Hey Jennifer.“
Er hatte auf dem Weg zu ihr in den Garten ein Gänseblümchen gepflückt. Sie lächelte und bedankte sich.
„Ich kann nichts dafür“, sagte sie schließlich, „in mir geht alles drunter und drüber. Ich liebe dich, doch liebe ich dich auch nicht, meine Mutter nervt und niemand hat mir etwas getan.“
Er nahm sie in den Arm.
„Ich weiß es und wir können nichts dagegen tun, außer abwarten.“
Als er bemerkte, dass sie sich aus der Umarmung lösen wollte, ergänzte er schnell: „… bis das Baby da ist.“
Jennifer bat ihn um Nachsicht und verließ ihn doch.
Helen hatte sich in den letzten beiden Tagen auch verändert. Sie stimmte René bei Weitem nicht mehr so oft zu, sie gab sogar Jennifer mehr Recht, obwohl es manchmal nicht angebracht war. Er wurde ihr gegenüber etwas zurückhaltender, vorsichtiger, denn auch Helen war im Endeffekt nur eine Mutter, wie sie ihm von Annagreta so plausibel dargestellt wurde.