Der Frühling dehnte sich in den Sommer hinein. Jennifer war jetzt im achten Monat und ihre Probleme wurden nicht weniger. Im Gegenteil, denn zu den Problemen durch die Schwangerschaft kam noch, dass ihr Vater wiederholt bei ihnen anrief, um lediglich von der Notwendigkeit zu reden, dort einmal vorbeizukommen. Er wirkte dabei immer sehr aufgeregt, ging jedoch nicht näher darauf ein, warum es so notwendig wäre, sie zu besuchen. Es wäre sehr persönlich und sollte deshalb nur von Angesicht zu Angesicht besprochen werden. Wegen seiner Heimlichtuerei wollte Helen ihn auch erst gar nicht sehen, willigte dann doch ein.
Die Arbeit im Pflegeheim hatte Jennifer schon vor Wochen aufgegeben, weil ihr die Arbeit mit den Alten in ihrem Zustand zu viel wurde. Sie konnte die Pflegebedürftigen nicht mehr aus dem Bett heraus- oder ins Bett hineinhieven, konnte sie nicht mehr waschen oder mit ihnen auf Toilette gehen. Sie fühlte sich auch nicht mehr in der Lage, mit ihnen etwa ewig darüber zu diskutieren, ob diese nun zu Hause sind oder nicht, dass sie auch den Mund öffnen müssten, um etwas zu essen, geschweige denn hatte sie Lust, sie immer und immer wieder in ihr Zimmer zurückzubringen, wenn sie orientierungslos und ohne Regung vor der Eingangstür des Pflegeheimes standen und nach draußen starrten. Natürlich litten nicht alle unter Demenz und auch nicht alle waren auf körperliche Unterstützung angewiesen, so war es doch insgesamt zu viel für sie. Weil die Leitung des Heimes stets mit ihrer Leistung zufrieden war, hatte man ihr angeboten, nach einem für sie angemessenen Zeitraum nach der Entbindung zurückzukehren, wofür sie sich nur kurz mit einem ‚wir werden sehen‘ bedankte.
„Bringe alles erst mal hinter dich und erhole dich gut“, sagte eine Pflegekollegin und wollte Jennifer damit ihre Hoffnung zum Ausdruck bringen, sie in etwas mehr als einem Jahr doch wieder begrüßen zu können.
Ludger hatte sich in der Zeit der Trennung sehr verändert. Er war gezeichnet und natürlich allgemein älter geworden, doch vor allem hatte er keine Haare mehr auf seinem Kopf.
Helen und Jennifer warteten zur abgesprochenen Zeit gemeinsam auf ihn. Als er in der Tür stand, taten beide erst sehr ernst, zeigten ihm dann doch eine gewisse Freude und baten ihn herein. Er nahm seinen Hut ab und betrat das Haus. In dem Moment aber, als sie seine Glatze sahen, waren die letzten Jahre der Trennung vergessen und sie kicherten los.
„Das freut euch!“, sagte er vorwurfsvoll und wischte sich mit einer Hand über seinen Kopf.
Die beiden Frauen lachten weiter und Jennifer bejahte seine Frage zwischendurch mit wiederholtem Nicken.
„Du hättest deinem Friseur ruhig sagen können, die Haare nicht ganz so kurz zu schneiden!“
Helen versuchte bewusst, sarkastisch zu wirken.
Der aber blieb ernst.
„Und bist du vielleicht bis hierhergelaufen, oder warum sehe ich dein Auto nicht?“
Mit langem Hals schaute sie durch die Tür in Richtung Einfahrt.
„Nein!“, antwortete Ludger, „mein Auto steht um die Ecke, damit man es nicht vor dem Haus sieht und die Nachbarn dann auch nichts haben, worüber sie sich das Maul zerreißen könnten. Und meine Glatze hat nichts mit meinem Friseur zu tun, sondern mit meiner Leukämie.
Völlige Stille. Helens Gesicht wurde fahl. Es mischte sich tiefste Scham hinzu. Jennifer hatte ihren Mund noch vom Lachen offenstehen. Keine Regung.
„Ich dachte mir, dass ich es euch sagen muss, bevor ich meine dritte und letzte Chemotherapie anfange. Das ist in fünf Wochen. Die Erfolgsaussichten sind dieses Mal auch nicht besser als die zweimal zuvor. Das nur mäßige Nachwachsen meiner Haare ist jetzt sicher das kleinste Übel.“
Sie baten ihn in die Küche und setzten sich an den Tisch, wo sie schon so oft gesessen haben.
„Seit wann hast du, ich meine, seit wann weißt du, dass …?“
Helen blickte auf sein haarloses Haupt.
„Seit wann ich weiß, dass ich Leukämie habe? Du kannst es ruhig aussprechen. Ich habe in den letzten dreieinhalb Jahren ganz gut gelernt, mit diesem Wort zu leben, wenn man nur die Einsamkeit verdrängt.“
„Wieso einsam, wo ist …?“
„Als ich den Befund vom Arzt bekam, musste Ida dann auch bald beruflich weg. Ich wusste, dass es eine Lüge war. Doch was konnte ich tun? Kann ich ihr, kann ich überhaupt jemanden einen Vorwurf machen, nichts mit einem Krebskranken zu tun haben zu wollen? Krebs scheint für viele Menschen eine äußerst ansteckende Krankheit zu sein.“
Helen schaute Ludger mit glasigen Augen an. Sie hatte zwar noch nichts von dem damals Vorgefallenen vergessen, aber ihr Herz arbeitete in diesem Moment daran.
„Ich muss auch gleich wieder los. Hubert sitzt im Auto und wartet. Und bevor ihr fragt, er war der Einzige, der nicht abgehauen ist. Es ist mein Hund. Ich kann ihn euch einmal zeigen, wenn ihr wollt.
„Ist schon gut, Ludger, nicht heute“, sagte Helen gedrückt.
„Also meine Lieben, ich mach mich mal fort.“
Er stand auf und war so schnell wieder draußen und um die Ecke verschwunden, dass weder Helen noch Jennifer ihn fragen konnten, wo er überhaupt wohnt.
Sicher war er erst wieder aufgetaucht, als er befürchten musste, seine Leukämie dieses Mal nicht in den Griff zu bekommen. Helen und Jennifer rechneten ihm aber auch groß an, dass er überhaupt einmal vorbeigeschaut hatte, und sowieso: er war doch immer noch ihr Ludger und ihr Papa.
René hatte die Praktikantenstelle angenommen und war seitdem mit Erfolg drangeblieben. Er ist inzwischen zu einer bewährten Hilfskraft aufgestiegen und macht die Arbeit sehr gern, auch wenn sie meistens länger dauert als acht Stunden am Tag. Dr. G. Bruillon hieß der Psychiater, bei dem René sein Praktikum bestritt. Er war Ende Fünfzig und hatte zu der Zeit, als Dr. Maregk studierte, auch eine Gastdozentenstelle an der Medizinischen Universität. Er und Dr. Maregk trafen sich privat ein erstes Mal zu einem Wohltätigkeitskonzert der Philharmonie und lernten sich so über ihre gemeinsame Liebe zur klassischen Musik auch näher kennen.
René war schon wiederholt bei Dr. Bruillon zu Hause gewesen, um Unterlagen hinzuschaffen und andere wieder abzuholen. Seine Frau war stets zu Hause. Sie lief in ihrem eigenen Haus ständig mit einem Kostüm herum. Hauteng anliegend betonte es ihre äußerst opulenten Körperformen, die durch eine Wespentaille betont wurden. Beim Abstellen oder Aufnehmen der Kisten schielte er immer wieder einmal zu ihr, die betont aufrecht in einem Sessel saß, den Schritt bedeckt und die Hände auf dem fest untergeschlagenen Rock. Sie bedankte sich vor dem Gehen stets freundlich bei ihm, reichte ihm die Hand, übergab ihm dabei einen Schein und lächelte kurz aus einem Mundwinkel heraus. Er verabschiedete sich auch stets in guter Manier und durfte dann, wieder von jenem selben schier unnahbarem Lächeln begleitet, das Haus verlassen. Beim Wegfahren sah er sie hinter der Glastür stehen, eine Hand am Türgriff und die andere auf ihrem Rücken.
René kam nach Hause. Jennifer lag wie immer auf der Couch. Der Wohnzimmertisch war vollgestellt mit allerlei gesunden und weniger gesunden Dingen. Helen war damit beschäftigt, ihrer Tochter den nächsten Wunsch zu erfüllen, die außer einem ‚mir geht es nicht gut‘ wieder nichts Neues als Begrüßung zu sagen wusste. Helen drückte ihn wenigstens und fragte nach seinem Tag. Sie ging in die Küche zurück.
„Es war wieder eine Menge los“, beantwortete er ihre Frage und beugte sich zu Jennifer hinab, die ihr Gesicht aber wegdrehte.
Helen sah seine Mimik und versuchte zu mildern.
„Jennifer hat heute auch einen schweren Tag gehabt. Es wird bestimmt ein Mädchen.“
„Mama!“, Jennifer meldete sich, „ich habe dir schon zigmal gesagt, es wird ein Junge. Wann hörst du endlich damit auf? Ich kriege keine Melanie!“, sie wurde sauer, „ist der Pudding endlich fertig?“
Helen rührte heftig, damit die gelbe Masse im Topf nicht anbrannte.
„Ich kann nicht schneller kochen und kalt muss es dann auch noch werden.“
Jennifer versuchte sich aufzurappeln, zog aber nur ihre Decke zu sich.
„Vielleicht könnte man die Klimaanlage etwas runterdrehen, hier drin ist es ja eisig kalt.“
René ging zum Regler. Jennifer rief ihm aber zu, dass er die Finger davon lassen solle, man könne sich ja schließlich etwas drüberziehen, wenn es zu kalt ist. Wenn die Klimaanlage aus ist, wäre es im Handumdrehen schnell wieder zu heiß, und dann?
Zu warm, zu kalt, zu kalt, zu warm – das alles war zwar nicht unbedingt logisch, aber René wusste, dass Jennifer sich konsequent weigerte, ihren Körper auch nur ansatzweise zu zeigen. Ihrer Meinung nach würden sich ihre Maße inzwischen weit jenseits von Gut und Böse befinden. Ihn als werdenden Vater störte es hingegen überhaupt nicht. Er war sogar stolz auf ‚sein Werk‘.
„Dieser Wanst stört mich überall“, sagte sie zornig, zog ihr T-Shirt von sich und ließ es wieder gehen, „beim Liegen, beim Sitzen, beim Aufstehen, beim Gehen, beim Essen, beim Schlafen, beim Duschen, sogar auf dem Klo hängt er mir im Weg, einfach überall und immerzu.“
Das ‚immerzu‘ war kaum noch zu verstehen und die Tür zu ihrem Zimmer flog ins Schloss. Helen hatte den Topf ins kalte Wasser gestellt und blickte mit zuckenden Schultern zu René.
„Das tut mir leid, mein Junge“, sagte sie zu ihm, der mitten im Raum stand und noch zu der gerade geschlossenen Tür schaute.
„Okay, weil ich offensichtlich der Böse bin, will ich auch nicht länger stören und verpisse mich. Mal sehen, ob Mademoiselle heute Abend bessere Laune hat.“
Die Haustür blieb einen Spalt weit offenstehen, als René gegangen war.
Helen war bei Jennifer, die wie ein bockiges Mädchen am Spiegel saß und sich die Haare kräftig bürstete.
„Horch mal, René kann nichts dafür, dass du so mies gelaunt bist.“
„Der kann sehr wohl was dafür, der hat mir das Ding schließlich angedreht.“
„Sei nicht unfair, um ein Kind zu zeugen, müssen schon zwei mitmachen, also bist du wenigstens genauso schuld.“
„Genau das ist das, was ich meine: wir sind schuld, schuld, ein Kind zu kriegen. Mich hat keine Sau gefragt, ob ich es will, nein, immer nur ‚Blablabla‘ und ‚es wird alles gut‘ und, wenn es zu spät ist, hocke ich hier und trage den … in mir herum.“
Im letzten Moment verzichtete sie auf eine bösartige Umschreibung.
„Man kann aber nicht von Schuld reden, wenn jemand ein Kind bekommt. Das ist etwas Schönes.“
„Aha!“
Jennifer lachte gekünstelt los.
„Mit einem Male ist es etwas Schönes und damals? Hm, was war damals? Hör doch auf mit dem Gequake.“
Helen wollte ihr übers Haar streichen, doch Jennifer wehrte ab, krachte die Bürste auf den Tisch und heulte los.
„Es sind nur noch drei Wochen, Schatz, die werden auch noch vergehen.“
Jennifer reagierte nicht mehr und Helen verließ den Raum.
René war inzwischen bei Dine angekommen.
„Hallo Dine, es ist so gut, dass es dich gibt!“, er begrüßte und umarmte sie.
Ihr Bruder war auch da und freute sich natürlich, René nach einer so langen Zeit wiederzusehen.
„Warten Sie“, sagte Lane, „es ist jetzt etwa ein ganzes Jahr her, dass wir Hübschen uns das letzte Mal in die Augen sehen konnten.“
René dachte einen Augenblick nach und bestätigte mit wiegendem Kopf: „Vielleicht nicht ganz, aber so in etwa.“
Auch er freute sich, Lane zu sehen.
„Wie geht es Yasmine?“
Lanes Gesicht verfinsterte sich.
„Mir geht es gut, danke der Nachfrage“, und etwas beleidigt klingend fügte er noch an, „nach ihr fragen Sie, aber wie es mir geht, wollen Sie nicht wissen. Nun gut, ihr geht es gut und sie ist immer noch von deiner Liege begeistert. Ja, okay, sie hat auch schon mal nach Ihnen gefragt.“
René machte große Augen, denn soweit hatte er bei seiner Frage gar nicht gedacht. Er fand zwar Yasmine, wenn man schon einmal von ihr redet, gerade wegen der sehr langen Zeit, in der er sie nicht gesehen hat, besonders reizvoll, doch etwas von ihr wollen? Doch besser nicht!
Dine wusste, dass René nicht wegen Yasmine gekommen war und redete dazwischen.
„Was ist geschehen?“
„Jennifer hat üble Probleme mit sich und ihrer Umwelt und lässt das auch alle spüren, so ungefähr … wenn es mir schon dreckig geht, dann bitte schön auch den Anderen!“
„Und wie lang geht das nun schon so?“
„Wochen! Auf Sex könnte man natürlich noch verzichten, wenn es denn sein muss, aber wenigstens mal kuscheln, noch nicht einmal das.“
Dine zog ihn an sich heran. Er genoss den Geruch seiner Freundin, ihre Hände auf seinem Rücken und ihre weichen Brüste, die sich unter wohligem Druck an ihn schmiegten, bis er schnell feststellte, dass genau das jetzt nicht ginge. Sie gab seinem sanften Druck nach und ließ ihn frei.
„Ich wollte dich einfach nur einmal in meine Arme nehmen, Kuscheln eben.“
Dine versuchte aufzuheitern und schmunzelte.
„Erzähl mir von deinem Praktikum bei dem Seelenklempner.“
„Dr. Bruillon ist Psychiater, meine Süße, kein Seelenklempner.
Als er den Namen Bruillon nannte, wurde Lane, der bis dahin nichts mehr gesagt hatte, wieder munter.
„Haben Sie eben Bruillon gesagt?“
„Ja, warum?“
„Ich hatte während der fürchterlichen Zeit mit Cecil Kontakt zu einer Psychologin namens Bruillon. Denn auch Schriftsteller können, wie ich an mir sehe, mitunter an ihre Grenzen kommen. Fiktion wird dann zur Realität und Probleme können nicht mehr gelöst werden. Was mich umtreibt wird auf erdachte Charaktere projiziert und die Verarbeitung der Ursachen ist mir nicht mehr möglich, da es sich nun um einen anderen Menschen handelt, der mein Problem hat und dieses für sich selbst lösen muss. Frau Bruillon fragte mich damals, ob vielleicht Cecil …“
„Lane!“
Dine bat ihn, auf Einzelheiten zu verzichten, da das niemanden im Raum etwas anginge.
René kombinierte indes, dass die Psychologin Frau Bruillon die Frau seines Chefs war. Na ja, dachte er sich, macht irgendwie fast schon Sinn: Psychiatrie und Psychologie unter einem Dach. Und deswegen, schlussfolgerte er, trägt sie auch diese Kostüme, das typische Erscheinungsbild einer Psychologin eben.
René ging überhaupt nicht auf Lane oder Cecil ein, sodass das Thema erschöpft war und Dine und René in die Feinheiten der menschlichen Psyche abdrifteten, was Lane wiederum zu weit weg von jeglicher Praxis fand. Ihm wurde es zu langweilig und er stand auf, um zu gehen.
René bat ihn, Yasmine von ihm zu grüßen. Lane versprach es widerwillig, drückte aber beide mit einem Lächeln und ging.
„Was ist mit ihm los?“, fragte René beim Schließen der Tür.
„Er hat Stress mit Yasmine, er hat immer Stress mit Yasmine, das ist so, wie mit dem Streichholz und dem Schwarzpulver. Er ist das permanent brennende Streichholz und sie das Pulver und wenn beide aufeinandertreffen, dann kracht es ganz leicht und gewaltig. Tja, sie sind mal wieder aufeinandergetroffen.“
Dine holte eine Faltkarte mit zwei geschwungenen Herzen darauf, setzte sich nah zu René und las vor:
Liebe heilt und spendet Leben,
nur ohne Liebe trifft die Not.
Dem Schmerz kann auch nur sie vergeben,
den du erfährst bei ihrem Tod.
Verlässt die Liebe ihren Pfad,
ist niemand mehr, der dir vergibt.
Zum Ende gibt sie dann den Rat,
geliebt wird nur, wer wirklich liebt.
Jeder braucht Liebe, braucht Zuneigung. Gibt es Zuneigung ohne Liebe, bestimmt, doch kann es Liebe ohne Zuneigung geben, ich glaube nicht.“
Sie rutschte näher. René war schon in der Ecke angelangt und konnte nicht weiter nach hinten fliehen. Sie legte sich auf ihn, nahm seine Hände und streckte seine Arme nach oben, ließ ihre Haare in sein Gesicht fallen und hauchte ihm ins Ohr: „So ein Mist, dass wir Freunde sind!“
Jetzt nahm René Dine in seine Arme und drückte sie, umarmte sie und genoss sie, lange, sehr lange, als Weib, als Frau, vor allem aber als beste Freundin. Sie war unglaublich, seine trüben Gedanken verflogen, er fühlte sich wieder wohl.
„Ich liebe dich, Dine!“, sagte er glücklich.
Dieses Mal sah er Dine sehr andächtig sitzen. Sie nahm ihn bei der Hand und flüsterte mit bewegter Stimme: „Ich liebe dich auch! Es gibt nicht viel auf dieser Welt, wofür es sich lohnt zu leben, doch bist du ganz sicher ein Grund dafür.“
Sie hatten an diesem Abend noch lange darüber gesprochen, wo eigentlich diese oder jene Liebe anfängt und wo sie aufhört, welche Unterschiede es überhaupt gibt und ob mit Eltern, Geliebten und Freund wirklich schon alle Facetten der Liebe abgedeckt sein können. Sie waren sich schließlich einig, dass ihre Liebe zueinander etwas ganz Besonderes ist, was sogar aushalten würde, die Freundschaft flüchtig zur Verliebtheit werden zu lassen. Allein schon die Möglichkeit stellte an diesem Abend beide gleichermaßen vollends zufrieden, gerade weil mit Sicherheit keiner daran denken wollte.
René fuhr nach Hause. Die Lichter waren alle erloschen, als er in der Bellham ankam. Es herrschte völlige Ruhe. Der Dielenboden knarrte ein wenig, ansonsten nichts. Er machte sich fertig, stieg ins Bett und fühlte Jennifer neben sich, die er liebte und die sein Traum war, der sich jedoch peu à peu in Luft auflöste.
Wie oft hatte er es in den vergangenen Wochen versucht? Gespräche, Berührungen, Gesten. Außer Vorhaltungen, dass man Rücksicht auf sie nehmen solle, kam kaum etwas von ihr zurück. Er hatte mehr körperlichen Kontakt zu Helen, als zu ihr und er war dabei, sich daran zu gewöhnen. Sicher würde Helen nicht infrage kommen, wenn er sich die Zärtlichkeiten holen würde, die er brauchte und nicht von seiner Jennifer bekam. Er hielt es allerdings für sehr schade, dass es jemand anderes sein würde, als sie. Eigentlich hatte er sie noch gar nicht richtig gekannt. War es das, was ihn heute einholte? War er jetzt erst dabei, sie wirklich kennenzulernen? Was sollte er noch an ihr entdecken? Ihre andere, ihre wahre Seite? Wie soll die aussehen? Eins war sicher, sie ist psychisch genauso labil wie ihre Mutter und wenn dann noch ein Kind dazu kommt, könnte es zum Knall kommen, so wie es bei Helen schon wiederholt der Fall war.
René bekam langsam Angst, Angst vor Jennifer und Angst vor der Zukunft mit ihr, so es denn überhaupt eine geben kann. Er schaute auf sie. Das helle Licht des Mondes fiel über die dünne Bettdecke. Sie atmete schwer und tief. Ihr Bauch ragte nach oben und sah unnatürlich aufgesetzt aus. Es schien auch ihm inzwischen, als würde er gar nicht zu ihr gehören. Doch in ihr wuchs sein Kind heran, das von alledem nichts wusste und nie etwas wissen durfte. Es war das Opfer, das nicht freiwillig auf diese Erde kommen, sondern mit Presswehen herausgetrieben oder gar herausgeschnitten werden sollte. Nur gut, dass es sich das nicht aussuchen kann, dachte er sich und beobachtete die kaum sichtbaren Bewegungen unter der Decke, die von einem Beinchen oder Ärmchen hervorgerufen wurden.
Jennifer drehte sich zur Seite. Sie sah von hinten auch jetzt noch genauso schön aus, wie vor der Schwangerschaft. Ihre dunklen Augenränder waren nicht zu sehen, so auch nicht ihr gesamtes aufgedunsenes Gesicht. Sie schien so besser atmen zu können, denn das Schnaufen war vorbei. Er ertappte sich, ihre Schulter berühren zu wollen. Doch als er an ihre wiederholten Reaktionen dachte, die ihn seine vorhergehenden Versuche stets abrupt abbrechen ließen, stoppte er auch diesen Vorstoß der Gefühle.
Was also ist ihm noch geblieben von dem Reiz dieser Frau? Kann er eine Beziehung führen, die nur aus Erinnerung besteht und was ist, wenn sie nicht kann oder will? Warum fühlt sie sich durch alle Fragen nur belästigt und wehrt sie ab, geschweige denn, dass sie eine Antwort darauf gibt? Wie soll es nun weitergehen, mit ihnen und dem Kind?