„Guten Morgen!“
„Guten Morgen!“, bekam René von mehreren Seiten als Antwort.
Es war Montag und sein erster regulärer Arbeitstag als Praktikant sollte beginnen.
Oberschwester Beate hatte ihm seine Sachen schon am Samstag zuvor gegeben, die er auch gleich in seinem Spind untergebracht hatte. Der Umkleidebereich war minimalistisch und bestand aus zwei Räumen. Mit jeweils etwa fünfzehn Quadratmetern stand dem männlichen und weiblichen Stationspersonal nicht sehr viel Raum zur Verfügung. Es gab drei Duschkabinen, die von beiden Seiten begehbar waren und natürlich auch innen verriegelt werden konnten. In der Regel reichte das auch vollkommen aus, denn die Zeiten, wann das Personal seine Arbeit beendete, variierten teilweise doch beträchtlich.
Nachdem René jedem die Hand gegeben hatte, ging es auch schon los. Stationsschwester Sandra hielt ihm einen Vortrag über die menschlichen Bedürfnisse, drückte ihm eine Pfanne in die Hand und bat ihn, mit ihr zu kommen.
„Guten Morgen, meine Damen, wie geht es ihnen an diesem herrlichen Morgen?“
Sie zog die Gardine der beiden großen Fenster auf. Wesentlich heller wurde der Raum deswegen nicht, denn die Sonne hatte schon das ganze Wochenende nicht geschienen. An diesem Montag kam auch noch Regen hinzu.
„Frau Geller, haben sie durchschlafen können?“
Stationsschwester Sandra blickte hinter sich auf eines der beiden Betten, welche sie bereits passiert hatte. Eine Frau etwa Mitte fünfzig richtete sich etwas im Bett auf. Sie nahm ihre mit grauen Strähnen durchzogenen Haare aus dem Gesicht und legte sie nach hinten.
„Doch, es war heute Nacht richtig gut, ich konnte aber erst spät einschlafen.“
„Es ist aber kein herrlicher Morgen!“, wurde von woanders her eingeworfen.
René schaute auf das Bett gegenüber von Frau Geller.
„Frau Hollander, Hallo! Sie haben recht, es regnet, aber ist denn nicht jeder Morgen ein herrlicher Morgen, auch wenn es mal regnet. Was würden wir ohne Regen tun?“
Die Miene von Frau Hollander hellte sich kaum auf.
Stationsschwester Sandra wusste auf jede noch so negative Bemerkung eine positive Antwort. Sie schien prinzipiell sehr positiv eingestellt zu sein. Sich um die vielen kleinen oder größeren Wehwehchen ihrer Patienten zu kümmern, war ihr ein Bedürfnis, welchem sie mit Hingabe nachging. Das sagte sie jedenfalls zu René beim Verlassen des Raumes.
„Wenn man in diesem Job arbeitet, muss man selbst positiv sein. Kranke Menschen sind meist viel sensibler als gesunde. Dazu kommt noch, dass sich viele einbilden, kränker zu sein, als sie wirklich sind.“
„Das war Raum Nummer Eins, dort hinten kommen noch sieben weitere auf der linken Seite und acht auf der rechten. Wenn wir heute Morgen alle Zimmer mit Wecken durchhaben, werden wir sowieso noch einmal über alles reden müssen, weil bis dahin auch das Gerät hier in deiner Hand ein paar Mal zum Einsatz gekommen ist.“
Es sollte genauso kommen, wie sie es voraussagte.
Weiter hinten, dort, wo es wegen eines Durchgangs kaum Besucherverkehr geben konnte, lagen die Patienten mit bedeutend mehr Pflegeaufwand. Bei Weitem nicht nur alte Leute schauten René an, als er die Zimmer betrat. Es war sogar eine dabei, die jünger war, als er.
„Die Kleine hier“, Stationsschwester Sandra beugte sich über ein Mädchen, begrüßte sie: „Guten Morgen, Micha!“, und sprach dann weiter zu René, „sie hatte von der Nachbarwohnung aus ansehen müssen, wie ihre Mutter verbrannte. Sie sah sie lichterloh brennend auf dem Balkon zusammensacken, noch bevor sie sich vom Balkon in das Fangnetz der Feuerwehr retten konnte. Seitdem redet sie nicht mehr, nimmt selbst keine Nahrung zu sich, wäscht sich nicht selbst, macht fast überhaupt nichts selbst, aber macht Fortschritte. Sie ist jetzt drei Monate hier und reagiert auf uns. Wie wunderbar. Die Pfanne hier ist zum Beispiel auch für sie. Allerdings wäre die jetzige Aktion vor einem Monat noch viel beschwerlicher gewesen, als sie noch nicht einmal mithalf, ihren Popo anzuheben. Wir versuchen, so etwas wie tägliche Routine in ihr Leben zurückzuholen. Da nur auf Windeln zurückzugreifen, erscheint zu wenig. Sie ist doch noch so jung.“
Sie drehte sich zu Micha, schob die Bettdecke zur Seite, streifte ihr das Nachthemd hoch, nahm die Windel ab und schob die Bettpfanne unter. René blickte auf die entblößten Linien dieses Mädchens. Er schaute zu, wie die Schwester ihre Beine leicht spreizte und schämte sich fürchterlich, als er den offen vor ihm liegenden intimsten Bereich zu sehen bekam.
Ein wenig später zog Schwester Sandra die Pfanne wieder hervor und gab sie René, der den Deckel dann auflegen sollte. Er nahm die Pfanne und starrte auf deren Inhalt, der so gar nicht in sein Bild von Psychologie passen wollte und von dem darüber hinaus ein für ihn bestialischer Gestank ausging.
„Ich kann das nicht!“
„Was kannst du nicht?“, fragte Schwester Sandra nach.
„Ich kann …“, schon stand er am Handwaschbecken und übergab sich.
„Es tut mir leid, sie kann nichts dafür“, gurgelte er aus dem Becken hervor, „es ist nur … die Pfanne und der Geruch.“
Die Schwester legte den Deckel auf die Pfanne und brachte sie weg. René erholte sich bald. Er stand wieder vor dem Bett des Mädchens und betrachtete sich ihre teilnahmslos nach vorn gerichteten Augen. Sie starrte an die Decke, kaum ein Zwinkern, keinerlei Bewegung. Er ging näher an sie heran und grübelte darüber nach, warum es solch einen entscheidenden Einfluss auf den Menschen hat, was durch dieses Sinnesorgan den Weg in das Gehirn findet. Aus seinen Überlegungen zurückgekehrt nahm er bald den Geruch von eben erneut wahr. Dieser bahnte sich als offenbargewordenes Ergebnis eines zweiten Stuhlgangs seinen Weg unter der Bettdecke hervor direkt in Renés Nase, der, eine Hand auf den Mund gepresst, rennend das Zimmer in Richtung Umkleide verließ.
Stationsschwester Sandra klopfte nach einigen Minuten an und bat um Einlass.
„Was war geschehen? Ich habe dich nur noch in der Tür gesehen, wie du die Station verlassen hast.“
René blickte sie wortlos an.
„Ich kann verstehen, dass du geschockt bist. Hätte ich dich erst ganz langsam darauf vorbereiten sollen? Du wirst Dinge in diesem Beruf erleben, die kommen plötzlich und unerwartet. Ich meine, die schockieren sogar mich, und ich muss damit klarkommen. Ich komme auch damit klar, weil ich weiß, dass meine Patienten mich brauchen, verstehst du, wer kann helfen, wenn nicht wir?“
Sie schaute René flehend an.
„Wenn nicht du!“, entgegnete René als Hinweis darauf, dass er das nicht könne.
„Alte Frauen, okay, da erwartet man ja schließlich schon fast so etwas“, er deutete mit einer Hand eine schiebende Bewegung an, „aber selbst die kann ich nicht.“
Sandra schaute immer noch flehend zu ihm, merkte aber schnell, dass René mit der Angelegenheit fast schon abgeschlossen hatte.
„Du hast dich bereits entschieden, das ist schade“, stellte sie resignierend fest und fragte noch, was sie tun könne, um ihn doch noch umzustimmen.
„Du kannst da nichts tun und es liegt an keinem, außer an mir.“
René wurde unruhig. Sandra wusste, dass sie ihn jetzt aus seiner Ecke herauslassen musste, um ihm wieder Freiraum zu verschaffen, in dem er durchatmen konnte.
„Ich mache dir einen Vorschlag.“
Sie legte einen Arm um ihn.
„Du gehst raus, fährst in der Gegend herum, trinkst einen Kaffee oder zwei, denkst nach und kommst einfach wieder her, wenn du willst. Es muss nicht heute sein, morgen oder nächste Woche geht auch. René, wenn ich auch nur ein klein wenig dabei helfen kann, dass du deine Meinung änderst, rufe mich einfach an.“
Sie schrieb ihm ihre Telefonnummer auf.
So kam es also, dass er schneller wieder vor seinem Auto stand, als er es sich je hätte vorstellen können. Sollte er es sich noch einmal anders überlegen? Was wäre, wenn er beim nächsten Mal wieder so reagieren würde? Was ist mit Micha, sie braucht Hilfe, doch sie hat Stationsschwester Sandra und die anderen Pfleger und Praktikanten. Ist sie und sind all die anderen Patienten gerade auf seine Hilfe angewiesen? Kann er überhaupt helfen, wenn er eigentlich nicht kann?
Er stieg ins Auto und fuhr los. In seinem Rückspiegel wurde das Gebäude der Klinik immer kleiner.
Mit Schrecken kam ihm Oberschwester Beate in den Sinn. Sie wird enttäuscht sein, aber sie könnte das wegstecken und der nette Doktor auch. Der hat bestimmt so viel zu tun, dass ihm das gar nicht auffällt. Sandra hat ihn schließlich gehen lassen, ihn sogar bestärkt, na ja, ihm die Entscheidung überlassen, aber sie hat Verständnis. Also wäre es doch für niemanden sehr schlimm, würde er nicht wieder erscheinen. Und außerdem hätte er ja vorhin nicht umsonst gekotzt.
Während dieser Gedanken wurden die langen Antennen auf dem Dach der Klinik so winzig, dass sie bald gar nicht mehr zu sehen waren.
Er fuhr zum Pflegeheim, um mit Jennifer über seine Situation zu sprechen. Sie wird sicher große Augen machen, mich aber dann auch verstehen, dachte und hoffte er, als er sie am Empfang rufen ließ. Jennifer war zügig bei ihm und wunderte sich überhaupt nicht sehr darüber.
„Was grinst du da?“, fragte er sie.
„Eigentlich war es nur logisch und ich bin jetzt richtig froh, dass du nicht hier angefangen hast.“
„Und woher wusstest du das?“
„Ich wusste es nicht. Ich ahnte es aber, als ich mir Gedanken über deine Erzählungen, deine Bücher, deine Bilder gemacht hatte.“
René wollte es genauer wissen.
„Was haben die über mich gesagt?“
„Sie haben gesagt, dass du die Realität des menschlichen Körpers nur wahrnimmst, wenn sie in deine Vorstellung von Schönheit und Ästhetik passt. Und du hast heute scheinbar schon Dinge erlebt, die sehr weit davon entfernt waren, auch wenn sie in einem anderen Zusammenhang völlig anders auf dich gewirkt haben könnten.“
Jennifer hatte es auf den Punkt gebracht. Jede noch so kleine Überlegung, vielleicht doch noch einmal über seine heutige Entscheidung nachzudenken, war damit endgültig verschwunden. Es würde ihm und im Endeffekt auch der Beziehung nur schaden, würde er öfter mit solcherlei Dingen konfrontiert werden. Also würde er es lassen, es lassen müssen.
„Was du sicher brauchst ist eine Beschäftigung mit der Psychologie.“
Jennifer schaute ihn verständnisvoll an.
Sie musste wieder an ihre Arbeit, der Piepser schlug Alarm. Beide verabschiedeten sich ganz normal mit Küsschen und Tschüss. Jennifer ging zum Fahrstuhl und René wieder zum Auto, in dem er dieses Mal direkt nach Hause fuhr.
Helen machte ihrem René einen Kaffee, toastete zwei Scheiben Weißbrot und setzte sich zu ihm an den Tisch.
„Das mit dieser Arbeit war eben nichts für dich. Schön, dass wir auch mal allein zusammensitzen“, sagte sie zu ihm.
René lächelte.
„Jetzt kannst du mir aber einmal erzählen, woher du diese Sprüche hast.“
Er sah sie fragend an.
„Ich meine die in der Klinik, die du mir jedes Mal ins Ohr geflüstert hast, als du mich besuchen kamst.“
Er stand ohne ein Wort zu sagen auf, ging in das neue Zimmer, kam bald wieder heraus und setzte sich mit einem Schulheft in seiner Hand an den Tisch. Dort blätterte er die erste Seite um. Helen wollte hineinschielen. René ließ sie aber nicht und zog das Heft näher an sich heran.
„Kannst du dich erinnern?“, fragte er Helen: „Die Morgenröte ist genauso schön wie die Abendröte.“
„Ja, das war einer der ersten Sprüche“, sie lächelte.
„Oder: ‚Der Wind bewegt die Äste, doch du bewegst mich.‘“
Ihre Augen leuchteten.
„Das war kurz vor meiner Entlassung. Ja, genau, woher hast du diese Sprüche?“
„Ich war acht und lag Ende November mit einer schrecklichen Erkältung im Bett. Die Tage bis Weihnachten wollten nur sehr langsam vergehen. Meine Mutter gab mir ein Heft, in dem ich das Schreiben üben sollte. Sie sagte mir jeden Tag einen neuen Spruch auf, den ich dann in aller Ruhe aus meinem Gedächtnis in dieses Heft schreiben sollte, was ich auch tat. Es hatte mir damals geholfen, also dachte ich mir, wird es dir doch auch helfen können, zumindest die Zeit bis zu deiner Entlassung zu verkürzen.“
„Oh ja, es hat mir sogar sehr geholfen, gesund zu werden“, sagte sie und fügte an, „ich habe mir all diese schönen Dinge vorgestellt und mir wurde dabei klar, dass ich mein Leben nicht wegwerfen kann, nur, weil ich mit gewissen Dingen aus meiner Vergangenheit nicht gut zurechtkomme. Darf ich?“
Helen bat mit vorgestreckter Hand um das Heft. René gab es ihr. Sie las und blätterte, ihre Lippen bewegten sich und sie sah jetzt so aus, wie seine Mutter, wenn sie das Heft dann nahm und das Geschriebene überprüfte.
„Das ist so wunderbar und ich danke dir, mich an deiner Vergangenheit teilnehmen zu lassen. Deine Mutter könnte stolz auf dich sein, wäre sie doch auch, oder?“
René wollte diese Frage heute nicht beantworten und sollte sie auch nicht, denn Helen antwortete selbst: „Natürlich wäre sie stolz auf dich.“
René, dem das schon fast peinlich wurde, brachte das Heft als Auslöser für diesen Lobgesang wieder zurück. Helen wartete solange am Tisch und hielt ihm die Hand entgegen.
„Ich bin so froh, dass Jennifer dich gefunden hat. Sie hat Probleme mit der Schwangerschaft.“
René zuckte hoch.
„Bleib ruhig, es geht beiden gut, aber sie fühlt sich nicht besonders, weil da etwas in ihr wächst.“
„Kannst du mir das erklären? Ich meine, du warst schließlich auch einmal schwanger.“
„Sie war schon mehrere Male bei mir und sagte, sie empfinde das Kind in ihr als Fremdkörper, na ja, nicht Fremdkörper – Sie sagte, sie habe das Gefühl, als gehöre das Kind nicht zu ihr. Ich hatte während meiner Schwangerschaft auch Probleme, aber …“
Helen wurde sehr nachdenklich, fand jedoch nicht die richtigen Worte oder wollte sie nicht finden, weil sie beim Aussprechen merkte, wie René mit jedem neu angefangenen Satz seine Augenbrauen weiter zusammenzog.
An diesem Tag trifft alles zusammen, nicht nur der Reinfall mit dem Praktikum, nein, jetzt auch noch Jennifers Probleme mit der Schwangerschaft. Was kann da noch kommen? Ihm gingen tausend Dinge durch den Kopf.
„Aber ich konnte sie davon überzeugen, dass es besser ist, das Kind zu bekommen“, hörte er Helen beschwichtigen.
„Hat sie von Abtreibung gesprochen?“
René wurde nervös.
„Ohne mit mir zu sprechen?“
Helen zog an seinem Arm.
„Aber sie lässt es doch nicht abtreiben, so einfach geht das auch nicht.“
Er setzte sich wieder.
„Ich kann das nicht glauben, wir haben vor einer Stunde noch miteinander geredet und sie hat nichts davon auch nur angedeutet.“
„René“, Helen stellte zwei Gläser mit Wasser auf den Tisch, „du darfst sie nicht verurteilen, sie ist jung, ihr erstes Kind und beileibe nicht die einzige Frau, die Schwierigkeiten hat, mir ging es ja …“
„Hast du damals an Abtreibung gedacht?“
„Um Himmels willen, damals war es undenkbar, die Schwangerschaft abzubrechen.“
„Hast du nun daran gedacht oder nicht?“
„Ja, habe ich.“
„Aha!“
René lehnte sich zurück und beugte sich gleich wieder zu ihr vor.
„Und weiß Jennifer davon, dass du sie hast abtreiben wollen?“
Er erwartete jetzt ein entsetztes ‚Nein‘, als Helen ihm ganz ruhig antwortete, dass sie es Jennifer bereits gestanden hatte, als ihr Mann die beiden verließ.
„Wir haben uns gegenseitig die Schuld zugeschoben, dass ihr Vater von uns weggegangen ist. Ich habe ihre Anschuldigungen dann nicht mehr ausgehalten und ihr ins Gesicht geschrien, dass er nur weggegangen sei, weil sie immer so oft geheult hat und dass sie Jennifer eben hätte abtreiben sollen, als es noch Zeit dafür war.“
Helen weinte und flehte René an, bei Jennifer nicht wieder mit der alten Geschichte anzufangen und ihr auch nichts darüber zu sagen, dass sie ihm von Jennifers Abtreibungsgedanken erzählt hat.
„Ihr beide werdet nie mit euch selbst und untereinander ins Reine kommen, wenn ihr eure Vergangenheit nicht bewältigt, noch bevor sie zu einem Problem wird. Ihr müsst miteinander über alles reden und euch immer verzeihen, anders geht das nicht. Das habe ich leider für mich viel zu spät erkannt.“
Schließlich versprach er Helen, diese Diskussion nicht zu erwähnen.
„Ich weiß nicht, ob ich dieses Versprechen immer werde halten können, aber ich versuche es.“
Damit war es auch schon fast Nachmittag und Jennifer kam bald nach Hause.
René tat sich schwer, sich nichts anmerken zu lassen. Etliche Male hatte er die Frage auf den Lippen, warum sie nicht mit ihm über ihre Probleme sprach. Da Jennifer aber völlig normal war, sie also ihre Schwangerschaft zu akzeptieren schien und ihn die Beziehung zwischen Jennifer und ihrer Mutter genau genommen nichts anging, solange er selbst nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde, vergaß er dann auch bis zum Abendessen, worüber er und Helen an diesem Nachmittag sprachen.
In der Nacht wurde René durch ein Geräusch geweckt. Jennifer saß am Fenster zusammengekauert auf einem Stuhl und blickte in die Dunkelheit. Ab und zu wischte sie sich über ihr Gesicht. Tränen rannen herunter und ein leises Schluchzen begleitete das Zusammenknüllen ihres nassen Taschentuches. Sie rührte sich kaum als er aufstand und zu ihr ging. Jetzt, da er hinter ihr stand und seine Hände ihre Schultern berührten, neigte sie ihren Kopf und liebkoste ihn mit sachtem Streichen ihrer Wange.
„Ich habe dich aufgeweckt.“
Ihre Stimme klang sanft.
„Tut mir leid!“
René küsste sie auf eine Schläfe.
„Ist in Ordnung.“
Er nahm sie bei der Hand.
„Lass uns wieder ins Bett gehen, es ist kalt, du frierst.“
Sie schmiegte sich an ihn und er fühlte ihren schlanken Körper, wie er sich langsam wieder erwärmte.
Ihr gleichmäßiges Atmen so nah an seinem Ohr verriet ihm, dass sie inzwischen eingeschlafen war.
René jedoch blieb wach und grübelte darüber nach, wieso dieses himmlische Wesen nur solche Probleme haben konnte. Es könnte doch alles so toll sein! Dass es ihr leidtut, weiß er, auch, dass sie ihn nicht aufwecken wollte. Doch was ändert das an dieser Situation?
Kurz bevor der Wecker klingeln sollte, schaltete ihn René aus. Er blickte auf das zerzauste Haar seiner Jennifer. Ein Stück Ohr schaute hervor. Er fühlte ihre schmalen Schultern, ihren Rücken, ihre Taille, die Hüfte, streichelte sie. Sie bewegte sich leicht und fast schon wie ertappt zuckte er mit seiner Hand weg. Jennifer drehte ihr Gesicht nach ein paar weiteren Augenblicken zu ihm und formte mit ihren Lippen ein Oval, was er als Aufforderung verstand, sie zu küssen. Das tat er und lehnte sich dabei so sehr an sie, dass sie ihn deutlich an ihren Schenkeln spürte. Sie legte einen Arm nach hinten und umfasste zärtlich seine Erregung. Ihre Müdigkeit ließ nur ein schwaches Gleiten zu, dessen flache Intensität nach einer Weile René in Wallung versetzte. Er wollte in sie eindringen, vorn, hinten, egal, Hauptsache eindringen. Doch Jennifer machte keinerlei Anstalten, ihm entgegenkommen zu wollen. Sie verweigerte sich ihm sogar, sodass er sich an diesem Morgen über ihr kniend selbst in vollen Zügen genoss.
Er war geschafft. Sie war anscheinend zufrieden und er war es sowieso. Beide konnten dann auch aufstehen, damit Jennifer zu ihrer Arbeit kam.
Zwei Wochen später meldete sich Oberschwester Beate bei René.
Mist, die habe ich total vergessen, schoss es ihm durch den Kopf, als er ihre Stimme im Telefon hörte.
„Oberschwester Beate! Hallo, schön, Sie zu hören.“
Die Grußerwiderung kam nur vorsichtig fragend aus seinem Mund.
„Dass Sie sich nicht noch einmal gemeldet haben, finde ich nicht gerade schön“, sagte sie mit bedrohlichem Unterton, „und Schwester Sandra auch nicht!“
Der Unterton hatte sich verschärft.
„Aber ich rufe Sie nicht nach etwas mehr als zwei Wochen an, um Ihnen das zu sagen. Ich habe einen Platz für Sie gefunden, der Ihnen garantiert besser gefallen wird.“
René war verblüfft darüber, wie jemand, der von ihm hintergangen wurde, sich dann noch so ins Zeug für ihn legen konnte und unterstrich deshalb seine Situation: „Ich bin immer noch nicht richtig weg von der Aktion damals.“
„Ich glaube Ihnen“, beruhigte Oberschwester Beate.
„Wir sind Ihnen auch gar nicht böse, obwohl wir doch gedacht haben, dass Sie einmal vorbeikommen, um ‚Hallo‘ zu sagen.“
Er freute sich jetzt richtig über ihren Anruf und ärgerte sich über sich selbst.
„Sie können ruhig einmal wieder vorbeikommen, aber wir können uns auch woanders treffen.“
„Sehr gern!“, sagte er und dachte dabei an das Café im Erdgeschoss, in dem er auch Jennifer kennenlernte.
„Hallo Jennifer, Hallo René!“
Beate stand freudestrahlend auf und streckte ihre Arme den beiden entgegen, die eine viertel Stunde zu spät kamen.
„Oberschwester Beate, ich freue mich, Sie zu sehen!“
Beate drückte sie wie eine enge Bekannte.
„René!“
Auch ihn drückte sie.
Er wollte sich gerade entschuldigen, als sie schon anfing: „Ich weiß, ein Unfall.“
„Ja, wir haben darin festgesteckt und es ging keinen Meter weiter, weder vor noch zurück. Aber woher wissen Sie das?“
„Ich habe es von der S-Bahn aus gesehen. Die verläuft genau an dieser Stelle oben drüber. Als ich die vielen Autos stehen sah, dachte ich mir noch, froh sein zu können, heute nicht mit dem Auto gefahren zu sein.“
„Genau, ich habe auch immer zu Jennifer gesagt, dass wir mit der Bahn wohl schon im CP wären, jedes Mal, wenn oben eine entlangfuhr.“
„Aber jetzt sind Sie ja da und ich kann Ihnen, René, ein Angebot machen, wovon Sie eigentlich nur träumen könnten und andere es auch tun, aber es geschehen noch Zeichen und Wunder.“
René bekam große Augen.
„Dr. Maregk, Sie erinnern sich, der Oberarzt von der 2C hat mich vorgestern angesprochen, dass ein sehr guter Bekannter von ihm einen Praktikanten sucht. Ich dachte mir erst nichts weiter dabei, denn Praktikanten werden immer gesucht, aber mir fiel ein, dass dieser Freund Psychiater ist. Und da hat es bei mir geklickt. Ich habe sofort an Sie gedacht und …“, Jennifer und René schauten fragend zu Beate, „na, was wohl, Sie sollen sich am Montag bei ihm vorstellen.“
René war außer sich vor Freude und bedankte sich tausendmal bei Oberschwester Beate, die ihm damit ein zweites Mal geholfen hatte.
Dieses Mal musste er durchhalten, und das würde er auch, denn er stand jetzt wirklich an der Schwelle von dem, wo er hinwollte.