Oberschwester Beate war noch nicht in der Klinik. René hatte nach ihr gefragt und schlenderte nach dieser Auskunft durch die öffentlich zugänglichen Bereiche der Stationen. In der obersten Etage befand sich hinter einer zweiflügeligen Tür eine weitere, durch deren Glas ein Drahtgeflecht gezogen war. Alles deutete darauf hin, dass es sehr schwierig sein könnte, durch diese Tür hinein oder nach außen zu gelangen. Die Klinke ließ sich herabdrücken, die Tür öffnete sich jedoch nicht. Einige Personen saßen apathisch auf den Stühlen, die entlang des Ganges aufgereiht waren, oder aber sie saßen direkt auf dem Boden. Andere liefen herum und verhielten sich wie jene Spielzeugautos, die automatisch ihre Richtung änderten, sobald sie gegen ein Hindernis stießen. Ein paar von ihnen kamen sogar auf René zu und sahen ihn mit verstörtem, vielleicht fragendem Blick an, drehten sich aber bald wieder weg, verweilten ein paar Sekunden – regungslos, dort, direkt hinter der Scheibe und doch so weit entfernt, um schließlich wieder in die Tiefe des Ganges vorzudringen.
René war etwas verwirrt, doch auch fasziniert. Gebannt schaute er auf die Menschen, die in ihrer eigenen Welt lebten und den Ort um sich herum vielleicht nur anders verstanden, als er es tat. Bezeichnen wir uns als normal, dachte er sich, können wir jedoch ab einem bestimmten Punkt nichts mehr begreifen, sei es direkt vor uns auf dieser Erde oder in den unendlichen Weiten des Weltalls. Laufen am Ende wir für jene Menschen dort in diesem Gang genauso umher, wie sie auf uns wirken, die wir hier draußen sind? Vielleicht sind wir für sie sogar chaotisch? Sind nicht die verrückt, die sagen sie wären normal? Was ist normal?
Da stand er nun, sein Gesicht unmittelbar vor jener Scheibe, die ein paar Millimeter Abstand schaffte zu denen, die dort ihr Dasein verbrachten, als wie aus dem Nichts ein Mann vor ihm stand, seinen Kopf krampfhaft abgewendet hielt, seitlich zur Tür schielte und seinen halb geöffneten Mund auf die Scheibe drückte. Sein Atem war schwer und mit jedem Atemzug schlug sich ein Nebel immer größer werdend auf der Scheibe nieder. Er blickte René nicht an, er blickte durch ihn hindurch. Seine gelben Zähne waren kaum zu sehen. Speichel lief ihm aus einem Mundwinkel, der sich als dünne Schnur auf der Scheibe seinen Weg durch den Nebel nach unten bahnte. Seine Lippen waren ausgesprochen schmal, seine Wangen eingefallen. Urplötzlich leckte er mit seiner Zunge über die Scheibe, drehte sich weg und verschwand langsam zwischen den Anderen.
René saß der Schrecken in seinen Gliedern und erst durch ein ‚Moment mal‘ wurde er wieder in die Gegenwart zurückgeholt. Zwei Männer in seinem Alter forderten ihn auf, für sie und ihren Wagen Platz zu machen. Einer von ihnen hielt seinen Ausweis gegen das weiße Kästchen neben der Tür und tippte eine Zahlenkombination ein. Das Kästchen quittierte mit einem leisen ‚Ping‘ und die Tür wurde mit einem summenden Ton freigegeben. So ließ sie sich leicht öffnen. Sie gingen hinein. Die meisten Anwesenden um die beiden Männer herum kümmerte es scheinbar nicht, dass sie zwischen ihnen entlangliefen, andere wiederum interessierten sich für den Wagen und was darauf zu finden wäre. Alle waren friedlich, auch der Türlecker, der am anderen Ende des Flurs an die Wand angelehnt stand und krampfhaft einen Finger in seine Haare hineinzudrehen versuchte, aber nicht wieder hochblickte.
Oberschwester Beate war inzwischen in der Klinik angekommen. Sie arbeitete auch an diesem Tag versetzte Schicht, was ihr ermöglichte, mit allen Ärzten in direktem Austausch stehen zu können. Es könne nicht sein, hatte sie bei einem seiner vorherigen Besuche zu René gesagt, dass sie sich Oberschwester nennt, wenn sie nicht über alle Belange ihrer Station Bescheid wüsste.
„Hallo Oberschwester Beate!“
René freute sich dieses Mal wirklich, sie zu sehen.
„Ich habe auf Sie gewartet.“
Er zeigte nach oben.
„Hallo René, schön, dass Sie hier sind, aber …“, sie ging sehr zügig den Gang entlang, René folgte ihr, „ich muss jetzt noch zum Rapport, wir reden danach.“
René blieb vor der Tür stehen, die ihm vor der Nase zugemacht wurde. Oberarzt Prof. Dr. med. Schilk konnte er jetzt auf dem Schild lesen.
Es dauerte auch nur zwanzig Minuten, die René vor der Tür warten musste, bis zwei gestriegelte Männer mit geöffneten weißen Kitteln und ein paar Akten unter dem Arm herauskamen. Ihnen folgten zwei Frauen, eine mit Kittel und eine in Schwesternkleidung, wie sie Oberschwester Beate trug. Zum Schluss kamen Oberschwester Beate und ein grau melierter Mann miteinander redend heraus und hielten inne, als sie vor René standen.
„Das ist Professor Doktor Schilk!“
Sie blickte den deutlich größeren Mann lächelnd an.
„Und das ist René, der sich um eine Praktikantenstelle bewerben möchte, wenn es geht, auf meiner Station.“
„Oberschwester Beate“, begann er zu reden, schaute von ihr zu René, nickte kurz, zuckte mit seinen Mundwinkeln und schaute dann wieder zu ihr zurück, „ich gebe Ihnen morgen den vorläufigen Plan für nächsten Monat.“
Beim Gehen drehte er sich noch einmal um und ergänzte: „Und sehen Sie zu, dass sie den jungen Mann ja gut unterbringen!“
„Glückwunsch!“
Oberschwester Beate streckte ihm ihre Hand entgegen.
„Willkommen an Bord. Der Professor Doktor ist sehr umgänglich, wenn er sieht, dass jemand bemüht ist.“
René war überglücklich.
„Ach so, ja …“, sie schaute hoch, „das dort oben ist etwas für Fortgeschrittene, für Praktikanten gänzlich ungeeignet.“
Er war mit dieser Aussage zufrieden.
Im Schwesternzimmer vereinbarten sie noch, dass er eine wöchentliche Aufwandsentschädigung erhalten würde, womit er eigentlich nicht gerechnet hatte, und dass er am Ersten des kommenden Monats für 8 Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche anfangen könnte.
Auf der Heimfahrt erschien ihm das schon ziemlich lang, denn früher war er nach spätestens siebeneinhalb Stunden wieder auf dem Heimweg und das nur an fünf Tagen. Dafür aber könne er sich jetzt seinen Traum erfüllen. Er war sich sicher, dass die Anzahl der Stunden nur der erste und kleinste Stein war, mit dem er seinen zukünftigen Weg pflastern könnte. Seine Mutter hatte ihm immer gesagt, dass er die Steine, die ihm im Weg liegen, für sich nutzen könne, anstatt an ihnen zu zerbrechen. In diesem Fall bedeutete das also, viele Stunden zu schrubben, in denen er aber auch eine Unmenge lernen konnte.
Jennifer war anfänglich sehr überrascht, dass es so schnell mit der Kündigung gegangen ist, was aber scheinbar kein Problem war. Es hatte wohl auch nur eines Wortes bedurft und man hatte seine Papiere vor sich auf dem Tisch liegen.
„Ich war doch ein paar Mal bei deiner Mutter, ohne dass du dabei warst und da habe ich auch mit Oberschwester Beate sprechen können. Wir haben über viele Dinge geredet, so auch über Psychologie. Du weißt ja …“
Er tat so, als ob dies das einzige Thema wäre, worüber sich eine Oberschwester und ein Besucher einer Patientin unterhalten könnten.
„Tja, und da habe ich ihr mein Interesse daran geschildert.“
„Aha, geschildert!“, Jennifer verzog keine Miene.
„Da sind wir eben darauf gekommen“, René begann wieder, etwas zu stottern, „dass ich vielleicht dort mal …“
„Das ist nicht fair!“, sie sah ihn betrübt an, „du hättest mir etwas sagen können.“
„Aber was hätte ich dir sagen können?“, fragte René genauer nach.
„Na, dass du dort hinwillst. Ich habe mich nämlich auch umgehört und hätte dich eventuell hier im Pflegeheim als Praktikant unterbringen können. Aber du willst ja nicht.“
„Schatz, Süße, Kleines, ich wusste doch nicht, dass du für mich suchen würdest. Vielleicht wäre es etwas gewesen, wenn ich nicht schon unterschrieben hätte.“
Er hatte damit zwar etwas geflunkert, doch hielt auch Jennifer ihn langsam fest, nachdem er sie in seine Arme geschlossen hatte.
„Es wäre eben sehr schön gewesen, wir hätten uns jeden Tag noch auf der Arbeit sehen können.“
„Aber wir wären dort nicht lange zusammen gewesen. Und so ändert sich zumindest nichts, meinst du nicht auch?“
Jennifer nickte zustimmend und konnte schon wieder lächeln.
Der Erste des Monats fiel auf einen Samstag.
Oberschwester Beate begrüßte René ganz herzlich.
Sie war an diesem Tag extra in die Klinik gekommen, um ihn mit den diensthabenden Ärzten, Schwestern und Praktikanten der Station 2B bekannt zu machen, die Station zu zeigen, den Dienstplan zu erläutern, einzukleiden, seine Arbeit zu besprechen und seinen Vertrag auszuhändigen.
Gleichzeitig lernte er einen Jungen und drei Mädchen kennen, die sich, wesentlich jünger, mit ihrem Praktikantenjahr auf ihr Medizinstudium vorbereiteten, zwei Krankenschwestern und einen Pfleger, der wohl in seinem Alter war, sonst aber nichts mit ihm gemein zu haben schien. Zufällig war ein Dr. Maregk, Oberarzt der Station 2C, auch auf der 2B und wurde ihm durch Oberschwester Beate mit der Bemerkung vorgestellt, dass am Wochenende nur maximal ein Oberarzt, und das für nur etwa zwei Stunden, auf der Station wäre.
Bis jetzt erschien ihm alles interessant, doch als er in den ersten Wochen nur ein ‚R‘ auf seinem Tätigkeitsplan sah, war er enttäuscht.
„Wieso nur saubermachen?“, wollte er von Oberschwester Beate wissen, die den Plan gerade aufhängte?
„Weil jeder einmal klein angefangen hat … nein, natürlich nicht, ‚R‘ heißt bei uns nicht ‚Reinigung‘, sondern ‚Restriktion‘, was in deinem Fall so viel bedeutet, wie ‚nicht voll einsetzbar‘. Praktikanten durchlaufen bei uns eine ganze Reihe von Aufgabengebieten, was sie später dazu befähigen soll, eigenständig Aufgaben bei der Pflege der Patienten zu übernehmen. Deswegen haben wir mit dir den Vertrag auch über ein komplettes Jahr geschlossen. Nach diesem Jahr könntest du bestimmte Aufgaben eines Pflegers übernehmen, obwohl du dich nicht so nennen darfst.“
„Und warum kann ich dann nicht gleich Pfleger lernen?“, fragte René nach.
„Weil du als Praktikant keine theoretische Ausbildung durchläufst, sie mit entsprechender Anleitung aber auch nicht zwingend benötigst.“
Das war nicht die Antwort auf seine Frage, und er fragte anders: „Das heißt also, dass ich ein Jahr doppelt machen muss, wenn ich weiterkommen will?“
Oberschwester Beate nickte behäbig.
„Ich denke einmal, so kann man das sehen. Aber René, du fängst auch sehr spät damit an, andere sind in deinem Alter längst fertig ausgebildet. Die haben gleich nach der Schulzeit mit einer Lehre angefangen.“
„Aber gerade deswegen ist es doch nicht gut, wenn ich auch noch ein Jahr verschenke.“
Sie stimmte ihm zwar zu, doch fügte sie auch an, „ein Jahr verschenken …; man kann das so nicht sagen, vielleicht ein Jahr mehr Übung.“
Für diesen schwachen Trost konnte René nur ein angedeutetes Lächeln hervorbringen, das weniger aus Einsicht als aus Höflichkeit über sein Gesicht flog. Er war abermals enttäuscht.