Der Tag war endlich zu Ende. René war wie erschlagen und froh, bei sich zu Hause angekommen zu sein, um nur noch schlafenzugehen. Er ließ seine Sachen auf den Boden sinken und warf sich aufs Bett. Kein Klingeln, kein Klopfen sollte ihn stören, er war einfach nur ausgelaugt. In seinem Kopf dröhnte es und ein gleichmäßiges Pfeifen in seinen Ohren begleitete ihn in den Schlaf.
Gegen acht Uhr abends öffnete er seine Augen und blickte erschrocken auf den Wecker. Er wollte doch Jennifer anrufen.
„Mein Liebster“, hörte er Jennifers zauberhafte Stimme seinen Anruf entgegennehmen, „ich habe auf dich gewartet. Ich dachte, wir gehen heute zusammen zu meiner Mutter.“
Verdammt! René hatte das völlig vergessen. Er blickte erst zum Anrufbeantworter, der blinkend drei Nachrichten anzeigte und dann auf sein Handy mit genauso viel entgangenen Anrufen.
„Es tut mir leid, ich war vollkommen fertig. Wir hatten heute gewaltigen Stress auf dem Amt und ich bin gerannt, den ganzen Tag, zigmal hoch und zigmal wieder runter und jedes Mal die blöde Karre, tut mir wirklich leid.“
„Schon gut, ich war doch da und sie hat nach dir gefragt. Da wirst du heute auch nicht mehr bei mir vorbeikommen, oder?“
René steckten die Erlebnisse der letzten vierundzwanzig Stunden weniger in seinen Knochen als vielmehr in seinem Gehirn, sodass er mit erschöpfter Stimme zugab, heute nicht mehr dazu in der Lage zu sein.
Jennifer hoffte dann unterschwellig auf den nächsten Tag, wünschte ihm einen schönen Abend, hauchte ihm noch ein ‚Ich liebe dich‘ ins Ohr und legte auf.
Am Nachmittag des nächsten Tages war jegliche Anspannung und Müdigkeit in René verflogen. Gut gelaunt machte er sich auf den Weg zu Jennifer, die ihn auch schon sehnsüchtig erwartete. Sie umarmte ihn innig. Ihre langen Haare schwangen nach und legten sich um ihn, der ihre Küsse erwiderte und erst seine Augen wieder öffnete, als sie ihn losließ, um mit einer Hand ihre Haare wieder an ihren Platz zu streichen.
„Du hast mir gefehlt!“, sagte sie ihn tief in seine Augen schauend und mit einem Kuss als Abschluss.
„Doch als ich gestern versucht habe dich zu erreichen, ist mir aufgefallen, dass ich ja gar nicht weiß, wo du überhaupt wohnst. Wenn mal was ist, wo finde ich dich dann?“
René stutzte kurz und kratzte sich dabei am Kopf.
„Jetzt, da du es sagst. Aber ich hatte schon mal daran gedacht. Das war noch gar nicht so lange her, genau, gestern erst wollte ich dir vorschlagen, mich mal in meiner Wohnung besuchen zu kommen.“
„Schön, dann könnte ich das heute auch gleich tun.“
Die Fahrt sollte etwas länger dauern.
„Um zwanzig nach sieben noch so viel Verkehr!“
René blickte zur Ausfahrt zum Stadtring, auf der schon die ersten roten Lichter zu sehen waren.
„Auf dem Ring kommen wir auch nicht schneller voran, also schön langsam hier durchquälen.“
Jennifer saß entspannt seitlich René etwas zugewandt. Sie spielte an den Falten seiner Hemdsärmel, zog mal hier und mal da, stach ihn mit einem Finger in die Seite und bohrte in seinem Ohr.
„Hey, lass das, Fräulein!“
René versuchte sich zu wehren, sobald er das Auto wieder einmal anhalten musste.
„Ich werde dir helfen, meine Situation so schamlos auszunutzen, wenn ich mich nicht wehren kann“, sagte er und begann, ihr die Sticheleien mit gleicher Münze heimzuzahlen. Sie hob kichernd ihre Beine an, um seine Angriffe abzuwehren, was ihn noch energischer machte. Kurz bevor er dann zu ihr durchgedrungen war, hupten schon die nachfolgenden Autos, weil er es inzwischen war, der den Verkehr aufhielt. Das wiederum nutzte Jennifer als Chance, ihn erneut zu necken. Der Stau war auf diese Weise nicht nur zügig, sondern auch mit viel Spaß vorübergegangen.
Sie fuhren an einem Flachbau vorbei, der eine riesige Waschmaschine auf dem Dach stehen hatte.
„Dort wasche ich meine Sachen und da gibt es sonntags leckere Brötchen“, er zeigte dabei auf eine Bäckerei und deutete auch auf das Gebäude nebenan, in dem er schon seine Schuhe hat neu besohlen lassen.
An einer Kreuzung sprach er vom coolsten Supermarkt der Stadt, zu dem diese Straße dort drüben hinführt und in dem das Verkaufspersonal besonders gut drauf ist.
Jennifer war noch nie in dieser Gegend gewesen. Sie fühlte sich aber ganz wohl hier, denn René erklärte und zeigte ihr alles so eindrucksvoll, dass es ihr schließlich vorkam, als würde sie das schon lange kennen.
Sie bogen an der nächsten Kreuzung dann auch nach links ab. Es ging einen kleinen Berg nach oben, noch einmal links und schon waren sie da.
„Hier wohnst du also“, bemerkte Jennifer beim Eintreten in die Wohnung und beschaute sich die Bilder im Flur.
„Die gefallen mir“, sagte sie, „sehr sogar. Hier fehlt aber etwas.“
Sie blieb in der Mitte der Wand stehen und zeigte auf die breiten leeren Abstände zwischen den vorhandenen Bildern.
„Was ist auf den beiden Bildern zu sehen, die hier fehlen? Da sind wohl nackte Männer drauf?“, fragte sie scherzhaft mit einem leicht ironischen Unterton.
„Kann man fast so sagen“, antwortete René, „aber woher weißt du das?“
„Ich wusste es nicht, aber wenn bei einem Mann Bilder fehlen, die zwischen Bildern nackter Frauen hingen, und dann eben nicht mehr dort hängen, weil vielleicht die Freundin vorbeikommen könnte, können es nur nackte Männer gewesen sein, stimmts?“
René lächelte.
„Hänge sie wieder auf!“, machte Jennifer einen Vorstoß.
„Gleich?“
„Ja, warum eigentlich nicht?“
René ging ins Wohnzimmer und kam mit den beiden Bildern wieder.
„Du brauchst dich nicht zu schämen, auch ich schaue mir gern nackte Männer an, bin ich deswegen schwul?“ Jennifer lachte.
René reagierte jedoch nicht auf diesen Spaß, sei es, dass er sich sicher war, nicht schwul zu sein, oder weil die kommende Situation solch eine Annahme untermauern könnte. Er war völlig unsicher und stumm hängte er die beiden Bilder zurück.
Auf ihnen waren sehr wohlgeformte Körper abgebildet. Eine Person hatte ihren Kopf zur rechten Seite geneigt. Es war nur eine feine Kinnpartie zu sehen, die in eine flach gewölbte Wange überging, der Mund war leicht geöffnet. Jennifer kam es vor, als hätte sich diese Person vor Scham abgewandt während der Blick des Betrachters auf ihre Blöße fiel. Sie saß leicht nach hinten geneigt, sich mit beiden Armen abstützend und den Rücken zum rechten Bildrand gerichtet. Die linke Schulter schien aus dem Bild herauszuragen. Ihre Beine lagen etwas angewinkelt seitlich auf dem Boden. Und dann!
„Du René, das ist doch nicht …“
Jennifer trat weiter an das Bild heran.
„Ich hätte, glaube ich, dieses Detail nicht gesehen, hättest du das Bild nicht gerade erst wieder aufgehängt. Es scheint im ersten Moment eine Frau zu sein, eine sehr attraktive sogar“, sie lächelte zu René, der sich immer verlegener an seine Garderobe schmiegte, „aber beim genauen Hinsehen ist es doch ein Mann, oder besser, es ist beides!“
René wurde beschämt, als Jennifer ihn anblickte und ihm die Tatsache ins Gesicht sagte.
„Du hast also eine Transe aufgehängt.“
„Bitte sprich nicht so von dieser Person, du kennst sie ja nicht einmal.“
„Aber du kennst sie!“, erwiderte Jennifer.
„Nein, natürlich nicht, doch sind diese Menschen nicht gerade in der komfortabelsten Situation und die meisten nennen sie einfach nur Transen und außerdem …“
„Was außerdem?“
Jennifer wurde etwas ungehalten.
„Außerdem haben diese Menschen auch Gefühle, so wie du welche hast und die genau wie bei dir sehr verletzt werden können.“
René ging auf sie zu, um die Situation ein wenig zu entschärfen.
„Wenn du möchtest, hänge ich die Bilder wieder ab.“
Sie besah sich auch die anderen vier Bilder näher und entdeckte diesen kleinen Unterschied auf jedem einzelnen.
„Nein, brauchst du nicht“, sagte sie leicht genervt.
René hatte die Bilder aber schon in der Hand und schob sie unter die Tasche auf der Hutablage der Garderobe.
„Sie waren einfach nur schön“, sagte er und fügte dieser Feststellung betont scherzhaft an: „Dafür kann ich ein paar Bilder hinhängen, auf denen du vollkommen nackig bist. Oh ja.“
Als Jennifer mit großen Augen zu ihm hinüberschaute, hob er eine Augenbraue an: „Da hätte ich deinen leckeren Pöppes wenigstens immer vor mir.
„Du hörst dich an, als ob ich schon dort hängen würde. Vielleicht will ich ja gar nicht!“
„Du willst also nicht, dass ich dir ständig auf deinen fantastischen Hintern schaue? Wir können auch ein Foto machen, auf dem du dich gerade rumgedreht hast. Er lachte laut.“
Nach einem kurzen ‚Spinner‘ lächelte auch Jennifer wieder, zwar noch ein wenig verkrampft, aber die Diskussion wegen des kleinen Unterschiedes schien damit vergessen.
„Du hast es wirklich nett hier.“
Sie stand vor seinem Sofa.
„Kann man da auch sitzen oder geht dann irgendwo eine Alarmanlage los?“
René kam aus seiner Küchennische und stellte zwei Gläser mit Wasser auf den Tisch.
„Habe ich machen lassen, gibt es also nur ein einziges Mal auf diesem Planeten.“
„Und war bestimmt richtig teuer!“
René nickte zustimmend.
„Wo schläft mein Traummann? … hoffentlich alleine!“
„Das ist hier drüben.“
Er ging los und zog Jennifer an ihm hängend mit sich. Im Schlafzimmer angelangt ließ sie sich einfach fallen und wollte René zu sich herunterziehen, als er anfing, von ihrer Mutter zu reden.
„Ich habe über deine Mutter nachgedacht, nicht nur heute, sondern schon seit Längerem. Du weißt das ja.“
Er zog sie vom Bett hoch und ging mit ihr zurück ins Wohnzimmer. Dort zeigte er auf zwei Bücher, aus denen seitlich eine Vielzahl kleinerer Zettel herausragten.
„Was sind das für Bücher und was haben die mit meiner Mutter zu tun?“, fragte Jennifer.
„Die habe ich mir besorgt. Ich meine, ich habe doch keine Ahnung, worauf ich bei deiner Mutter achten muss. Als ich später bemerkte, dass ich so nicht weiterkommen würde, habe ich die Schwester aus der Klinik gefragt.“
„Meinst du die etwas strammere Schwester?“
„Beate“, sagte René, „genau, Oberschwester Beate! Sie hatte sich übrigens nach diesem ersten Beinahe-Fiasko immer sehr gefreut, wenn ich kam, sagte sie jedenfalls, und dass es deiner Mutter jedes Mal ein wenig bessergegangen wäre, wenn ich da war. Ich hatte sie wegen der Depressionen gefragt. Sie fing natürlich mit Fachchinesisch an und ich habe nichts verstanden. Letztendlich konnte sie mir doch ein paar Tipps geben, welche Bücher am besten für mich wären, eben die, die sich auch einem Laien erschließen würden, soweit das überhaupt möglich wäre.“
„Und die hast du durchgearbeitet, in den paar Tagen?“
„Na ja“, antwortete er, „wenn man es durcharbeiten nennen kann. Ich habe recht viel gelesen, aber auch das Eine oder Andere übersprungen. Und obwohl man angeblich sehr viel in diesen Büchern verstehen soll, sind diese Zettel nicht etwa Notizen zu dem Verstandenen, sondern sie markieren die Stellen im Buch, wo ich rein gar nichts verstanden habe“, er runzelte seine Stirn, „und wie du siehst, gibt es wirklich sehr viel davon.“
Beide lachten.
„Deine Mutter kommt bald nach Hause, da möchte ich alles vermeiden, was sie aufregen könnte und …“, René wieder etwas verlegen, „da ist es besser, wenn man über die Krankheit Bescheid weiß.“
Das leuchtete Jennifer ein.
„Gibt es sonst noch etwas, was ich wissen müsste, ich meine, wenn wir schon mal hier sind?“
„Es hört sich jetzt ein wenig blöd an, aber ich könnte mir sehr gut vorstellen, nachdem wir schon mal übers Heiraten sprachen“, René nahm ihre Hände, „… ich weiß, das war eher Spaß, aber, dass wir doch zusammenziehen könnten.“
In voller Erwartung strahlte er sie an.
Jennifer neigte ihren Kopf nach vorn und schaute ungläubig hoch.
„Ich meine“, fuhr René fort, „wir kennen uns und wir verstehen uns, meistens jedenfalls, aber ganz wichtig, wir lieben uns doch, ist das nicht Grund genug, auch zusammen leben zu wollen?“
Sie drehte ihre Hände aus seinen heraus.
„Ich denke einmal, dass Liebe allein nicht ausreicht, um eine Wohnung gemeinsam zu beziehen oder gar ein Haus. Dafür muss Vertrauen da sein und dieses Vertrauen baut sich auf. Das geht nicht in vier Wochen, es braucht länger.“
Renés Gesichtsfarbe war nun nicht mehr von der weißen Tapete hinter ihm zu unterscheiden.
Einige Sekunden Ruhe. Er starrte auf den Boden und Jennifer blieb nur der Blick auf seine Haare. Mit einer Hand fasste sie ihm an sein Kinn und drückte es sanft nach oben.
„Ich sage damit doch nicht, dass ich dich nicht auch liebe. Nur müssen wir uns noch viel näher kennenlernen, damit wir Situationen einschätzen können, noch bevor sie Einfluss auf uns und unsere Beziehung haben oder gar eskalieren, wie es beinahe heute gewesen ist. Außerdem wüsste ich sehr gern, wer sich hinter René Verdahlen verbirgt. Da ist sicher weitaus mehr als nur mein Liebhaber.
Sie gab ihm einen Kuss, stand auf und half René mit beiden Händen, auch aufzustehen. Danach zog sie die Bilder unter der Tasche hervor, ging zu der Wand, wo sie ursprünglich hingen, und hängte jedes wieder zurück an seinen angestammten Platz.
„Es ist lieb von dir, Bilder von mir aufhängen zu wollen. Doch ergibt es kaum einen Sinn, etwas nur zu verstecken. Am Ende denkt man noch mehr daran. Ich werde versuchen, mich an diesen Gedanken zu gewöhnen, versprechen kann ich allerdings nichts.“
Sie richtete jedes Bild fein säuberlich aus und sagte abschließend, dass der Kleine da unten schließlich nichts für irgendetwas kann.
René tat so, als würde er sich darüber freuen. In Wirklichkeit aber glaubte er, die Unsicherheit in Jennifers Sprache herausgehört zu haben. Er brachte sie nach Hause.
Als er wieder zurück in der eigenen Wohnung war, rief er Dine an und erzählte ihr, was bei ihm vorgefallen war. Sie hörte genau zu und versuchte dann, ihm ihre Sicht auf das Geschehene zu erläutern.
„Sie ist noch sehr jung und hat vielleicht oder ziemlich sicher noch weniger als ich mit Mehrgeschlechtlichkeit oder dem, was danach aussieht, zu tun gehabt. Ob Zeit da etwas helfen kann, weiß ich nicht, aber du hast doch gesagt, sie wäre so tolerant.“
„Das war vielleicht ein vorschneller Irrglaube.“
„Oder hast du zu viel vorausgesetzt?“, warf Dine ein und seufzte ins Telefon.
„Ob man da etwas mit Abwarten erreicht, wage ich doch zu bezweifeln. Entweder man mag es oder man mag es nicht, zumal es sich in eurem Fall um den Partner handelt, der solche Gedanken mit sich herumträgt. Sicher kann man sich im gewissen Rahmen eine größere Toleranz aneignen, aber spätestens in der eigenen Beziehung würde ich aufhören, den Bogen immer weiter zu spannen.“
„Aber es ging doch nur um ein paar Bilder.“
„René, mein Lieber, hier geht es nicht nur um Bilder, hier geht es nicht um Jennifer, vordergründig jedenfalls nicht, hier geht es vor allem um dich. Du hast gesagt, du liebst sie und sie hat gesagt, sie will versuchen, sich zu ändern. Wenn wir ehrlich sind, bist du doch der Grund, warum es eigentlich diese Diskussion gab. Wenn du sie wirklich liebst, und ich gehe einmal davon aus, musst du aber auch dafür sorgen, dass du ihr keinen Anlass gibst, ihre Liebe auf die Probe stellen zu müssen.“
„Ich verstehe nicht, ich stelle doch ihre Liebe nicht auf die Probe!“
„In dem Moment, in dem du Jennifer dazu bringst, sich ändern zu wollen, bringst du auch die Beziehung dazu, sich zu ändern. Nur ihre Liebe macht das mit. Würde ihr Verstand arbeiten, würde dieser bald abwinken und, nüchtern betrachtet, hätte er damit auch recht.“
„Was erzählst du da für ein Zeug?“
René wurde unruhig.
„Du kennst mich, René, ich würde dir nie ans Bein treten, aber Jennifer möchte sich wegen deiner Marotten ändern, doch sich zu ändern, wäre deine Aufgabe, damit eure Beziehung so bleiben kann, wie sie ist. Und die Frage ist, ob du das überhaupt kannst. Hast du es jetzt verstanden?“
René hatte verstanden. Zumindest zu diesem Zeitpunkt nahm er an, es verstanden zu haben. Er dachte jetzt nicht zum ersten Mal, dass er eine große Aufgabe vor sich hat, doch irgendwann einmal müsste er sich das auch bewusstwerden lassen. Seine Liebe, die mit Andrea begann und mit Jennifer ihre Fortführung erfuhr, muss einzig und allein nur für Jennifer gelten, wollte er seine Beziehung zu ihr erhalten. Aber wie kann er etwas ignorieren, was für ihn Bedeutung hat? Und wie sieht Jennifers Toleranz aus oder Toleranz im Allgemeinen; wo fängt sie an und wo hört sie auf? Kann man bei bestehenden Grenzen eine Toleranz noch Toleranz nennen?
„Dine, Süße, ich danke dir. Ich habe da erst einmal dran zu kauen. Wir sehen uns morgen.“
„Schlaf schön Süßer, bis morgen.“
René legte auf, ging wieder in den Flur und nahm alle Bilder von der Wand. Er würde so bald als möglich im nächsten Bilderladen vorbeischauen und sich für den Flur neue Bilder holen.
Es gibt natürlich Landschaften, oder Blumen, Jennifer mag Blumen. Nach kurzem Nachdenken fiel ihm ein, dass es auch im CP solch ein Geschäft geben muss. Nach der Arbeit würde er mit seinem Auto dorthin fahren. Vielleicht könne er aber auch Jennifer von ihrer Schicht abholen und mitnehmen … oder es besser sein lassen.
Dine war bis zum Mittag in einem Meeting. Erst dann konnte er mit ihr reden.
„Ich habe alle meine Bilder abgenommen“, berichtete er, als er sie zum Mittag sah, „und werde heute neue holen.“
Sie war schockiert über seine, ihrer Meinung nach zwar konsequente aber genauso übereilte Entscheidung, akzeptierte diese jedoch mit der Bemerkung, dass man natürlich allerlei Dinge aufhängen kann, um die Wohnung zu verschönern. In dieser kurzen Pause wollte sie aber nicht zu weit in das Thema eintauchen, zumal René keine achtzehn mehr war. Als ein Staatsanwalt aus der vierten Etage sie passierte und ihr einen eindeutig zweideutigen Blick zuwarf, brauchte er ohnehin nicht weiterzureden. Sie streifte sich nur ihren Rock gerade und sprach beim Fortgehen davon, nachher noch einmal das Thema aufgreifen zu wollen und dass er es einfach auf sich zukommen lassen solle, weil sich sehr oft sehr viel wie von allein regelt.
„Regelt sich alles wie von allein, na klar, wenn alles zu spät ist“, wiederholte er sie und sah sie im Fahrstuhl neben Mister Tadellos verschwinden.
Ihre positive Arbeitseinstellung brachte Dine an diesem Tag auch nicht wieder zurück in ihr Büro. Ab einer gewissen Position kann man sich eben seine Arbeitszeit einteilen, wie man will, dachte er sich etwas verärgert und stieg in sein Auto.
Schleppender Verkehr, Autos, Staus, und immer wieder Autos brachten ihn heute fast zur Verzweiflung. Um neue Bilder zu kaufen, kann man sich ja auch keine bessere Zeit aussuchen, als den Berufsverkehr. Nur gut, dass die Läden so lange offen sind, sonst wäre meine Wohnung kahl und nichts würde drinstehen.
Eine dreiviertel Stunde später war er im CP. Freie Parkplätze fand er genügend, auch wenn diese ziemlich weit entfernt vom nächsten Eingang lagen. So viele Autos den riesigen Parkplatz belegten, so viele Menschen strömten auch in das Gebäude.
Wenigstens im Bildergeschäft gab es keine Menschenmenge. Scheinbar will keiner mehr Bilder kaufen, dachte er sich beim Hineingehen, oder die Leute hängen sich wirklich anderen Schnickschnack an die Wand.
Nach kurzer Zeit fand er ein paar Bilder, die so sehr verschieden waren, dass sie schon wieder zusammengehören mussten. Das war es. Nichts deutet mehr auf irgendeinen Zusammenhang hin. Keine Details und vielleicht deswegen Kunst, zumindest andere Kunst.
Ein Bild zeigte Kleckse. Wild schienen sie zusammengewürfelt und sollten nun seiner Meinung nach jene Blumen darstellen, an die er zuvor gedacht hatte. Auf einem anderen Bild waren wieder Kleckse. Auch diese Kleckse sollten Blumen darstellen, oder was auch immer. Und mit dem dritten Bild war die Trilogie vollendet, so ziemlich egal, was drauf zu sehen war. Alles war grell und gewaltig.
Diese Bilder würden hervorragend in seinen Flur passen, da sie nebeneinander angebracht die nun leere Fläche wunderbar abdecken würden. Der Preis warf ihn fast um. Doch was tut man nicht alles für die Liebe, ging es ihm durch den Kopf, als er das große Paket zur Seite stellen ließ, da es nicht in sein Auto passen würde und deswegen geliefert werden musste. Unterwegs holte er sich noch ein paar Haken für seine neue Errungenschaft und es konnte nach Hause gehen. Kaum angekommen klingelte es schon und die Bilder waren da. Haken rein in die Wand, Bilder dran, und tatsächlich, von der weißen Wand war nichts mehr zu sehen, überall nur noch Farbe. Doch heute war es ihm egal, scheißegal. Schließlich hat ihm keiner zuhören wollen, versuchte er sich einzureden, wohl wissend, dass er künftig allein mit diesem Kunstmonster leben musste.