Nach einem weiteren Tag in der Behörde, an dem er mit Dine wieder nichts Persönliches bereden konnte, rief Jennifer bei ihm zu Hause an.
„Warum antwortest du nicht auf meine SMS?“, fragte sie nach einem äußerst innigen ‚Hallo, mein Schatz‘.
„Das Handy war die letzten beiden Tage aus oder der Akku ist wieder leer oder ich weiß nicht.“
René nervte diese Frage, denn er hatte wirklich mit keiner Silbe daran gedacht, nach seinem Handy zu sehen.
„Warte mal“, bat er sie und suchte es.
„Schatz!“
„Ja.“
„Du hast recht, es ist eine SMS drauf.“
Ein paar Sekunden vergingen.
„Du hast auch angerufen!“
„Ja, wenigstens vier Mal, aber zwecklos. Und auf deinen Anrufbeantworter habe ich auch gesprochen. Was ist los mit dir?“
„Entschuldige, meine Süße, es ist die Tage irgendwie alles blöd gelaufen, mit dir hatte ich diesen dummen Krach, die Arbeit ging mir gewaltig auf die Nerven und Dine hat sich jetzt einen Schlipsträger geangelt, mit der konnte ich auch nicht reden.“
„Tut mir leid, soweit hätte es nicht kommen müssen, ich komme vorbei“, sagte Jennifer ohne lange zu überlegen.
„Das ist aber schön!“, freute sich René, „und wann?“
„Bin schon unterw…“
René konnte ihr letztes Wort nicht mehr verstehen. Sie hatte aufgelegt und suchte bereits ihre Sachen zusammen, als er noch mit dem Hörer in der Hand auf etwas wartete, was sich wie ein ‚Tschüss‘ oder so anhörte. Ihm fiel dann noch ein, dass er sie hätte abholen können oder ihr wenigstens hätte vorschlagen können, sie abzuholen. Weil er sie aber zu Hause und auf ihrem Handy nicht mehr erreichen konnte, beließ er es bei dieser Idee. Er verstaute nur noch den Hammer, den er für das Aufhängen der Bilder gebraucht hatte und räumte das letzte Geschirr in den Geschirrspüler.
Schon klingelte es.
René öffnete und … Dine stand in der Tür.
„Was glaubst du, was das für ein Monster ist“, empörte sie sich und ging an René vorbei.
„Okay“, sie tupfte sich wie gewohnt mit ihrem Taschentuch die Augenecken, „er sieht hervorragend aus und wird mit aller Wahrscheinlichkeit in den kommenden Jahren den Oberstaatsanwalt einmal ablösen.“
„Ist doch toll! Ja und?“
Dine heulte los, „er ist mehr polygam als monogam. Der hat sich verplappert. Erst sagte er, er wäre nicht verheiratet und dann rutschte es ihm heraus!“
René war leicht verwirrt und fragte nach.
„Aber wieso heulst du, wenn der Kerl polygam ist? Du siehst das alles doch nicht so eng.“
Dine ließ sich aufs Sofa fallen.
„Ich dachte, mit ihm könnte es etwas werden.“
„Etwas werden … nach zwei Tagen? Und du erzählst mir etwas von ‚erst zwei Wochen zusammen‘ und so. Zerr doch seine Alte gleich mit in die Kiste.“
Er war ungehalten, weil Dine ihn die vergangenen Tage mit seinen Problemen alleingelassen hatte und er sich jetzt ihr Gejammer anhören sollte.
„Du bist ein Scheusal“, geiferte sie los, „war ich nicht auch für dich da, als du mich wirklich gebraucht hast?“
René ging zum Sofa und setzte sich zu ihr, die ihren Kopf sogleich auf seine Schulter legte.
„Entschuldige!“
Er streichelte ihr die Wange.
„Es tut mir leid, entschuldige!“, wiederholte er, „du bedeutest mir sehr viel!“
Ihr Schluchzen hörte auf und sie antwortete: „du mir auch!“
Es dauerte dann auch nicht mehr lange und Dine konnte wieder reden, ohne bei jedem Wort schlucken zu müssen.
„Hey“, unterstrich René und legte seinen Arm über sie, „der mag zwar gut aussehen, aber das ist vielleicht schon alles.
„Ist es auch.“
Dine grinste endlich wieder und gestand ihm gleich danach: „Da ist etwas passiert.“
„Was ist passiert?“, wollte René sogleich wissen.
„Na, beim Rummachen ist etwas passiert.“
„Wie?“, er unterbrach sie, „du kennst ihn erst zwei Tage näher und hast schon mit ihm rumgemacht?“
„Nein, ich habe schon am ersten Tag mit ihm …“
„Puh!“, er stieß einen für ihn ungewöhnlich erstaunten Ton aus, „und dann vielleicht noch in der Staatsanwaltschaft?“
„Ja.“
„Ich glaube es nicht, zu guter Letzt seid ihr dann mit dem Fahrstuhl bis ganz nach unten ins Archiv gefahren?“
„Ja.“
„Und habt gleich bei eurem ersten Treffen …?“
„Ja.“
„Na, das nenne ich mal flott.“
René strich sich über seine Stirn, fing dann aber auch gleich an zu grinsen.
„Also erzähl schon, was war denn da nicht so überragend?“
Dine begann zu erzählen, wie er ihr erst den Rock hochraffte, dann den Slip eilig herunterzog und schließlich an ihr herumrieb, als wäre sie eine Gummipuppe aus dem Sexshop um die Ecke. Er selbst hatte seine Hose noch nicht ganz unten, als er auch schon in sie einzudringen versuchte und es geschah, wie es eben hätte nicht geschehen sollen: „der kleine Hengst wieherte“, wie sie sagte, „viel zu früh und das vor dem falschen L… ich meine, an der falschen Stelle.“
René lachte laut los.
„Das ist die beste Story, die ich seit Langem gehört habe. Und das dir! Aber warum hast du dich dann den ganzen Tag nicht mehr sehen lassen?“
„Der hat mir doch alles vollgesaut. Da habe ich mir freigenommen und bin nach Hause.“
René war nicht mehr zu halten. Er krümmte sich vor Lachen. Für Minuten musste er um Luft ringen und erst als sein Bauch schmerzte, konnte er den Versuch unternehmen, wieder auf die Sitzfläche zu gelangen, von der er gerade heruntergerutscht war.
René sah sie mit Tränen im Gesicht an.
„Wenigstens brauchst du dir keine Sorgen zu machen, weil du doch ohne Gummi gekämpft hast, oder soll ich sagen, bekämpft wurdest?“
Er war wieder kurz davor, einen weiteren Lachanfall zu bekommen.
„Du, mir ist das peinlich, richtig peinlich. Erzähle mir bitte nichts zu irgendjemandem!“, flehte sie ihn an.
„Ihm müsste das peinlich sein“, entgegnete René, „und natürlich erzähle ich nichts, das weißt du auch.“
„Ja, das weiß ich“, sagte sie sanft in einem bedeutend besseren Zustand, als eine halbe Stunde zuvor.
„Aber, Dine, mal etwas ganz anderes, mein Schätzchen kommt gleich.“
Er schob seine Hand unter ihre Knie und gab ihr mit leichtem Druck nach oben und ebendiesem Hinweis zu verstehen, ins Bad zu gehen, um sich dort wieder in ein Wesen zu verwandeln, das sich, wie er es umschrieb, unter den Menschen blicken lassen könnte.
Sie war soeben im Bad verschwunden, als es klopfte.
René ging zur Tür und erblickte im Spion die Züge seiner Jennifer.
„Hey, schön, dass du da bist“, begrüßte er sie und nahm sie in seine Arme.
„Ich bin auch so froh, wieder bei dir zu sein.“
Sie setzte ihre Tasche ab.
„Hast du heute noch etwas vor?“, fragte René mit dem Blick auf die Tasche gerichtet.
„Wir gehen erst zu meiner Mutter, dachte ich und danach habe ich heute nichts mehr vor, außer dass ich dableibe.“
Er stieß einen Jubellaut aus und ging mit der Tasche ins Schlafzimmer.
Dine kam in diesem Moment aus dem Bad und fragte in den Raum hinein, ob sie ein Handtuch haben könnte, als sie direkt vor Jennifer stand, die überrascht ihren Blick auf Dines recht gut gefüllten BH richtete. Und weil Dine der Anblick von Jennifer auch bemerkenswert gut gefiel, beließ sie es bei einem wohlwollenden Lächeln und verzichtete auf Renés Reaktion.
Als der wieder zurück ins Wohnzimmer kam und fragte, ob Dine etwas zu ihm gesagt hätte, standen sich die beiden Frauen immer noch musternd gegenüber. Er musste aufklären.
„Jennifer, das ist Dine, Dine, das ist mein Schatz, und bevor hier irgendwelche Missverständnisse auftreten“, er blickte zu Jennifer, hielt sich seine Hand wie zum Schwur an die Brust und schüttelte den Kopf, „zwischen Dine und mir ist nichts, auch wenn ich gerade sehe …“, ein wenig provozierend zog er seine Augenbrauen hoch und grinste, „da ist überhaupt nichts zwischen uns, ehrlich!“
„Unterstehe dich!“, drohte Jennifer ihm dennoch mit einem Schmunzeln und begleitet von einem Klaps auf seinen Hinterkopf. Ein weiterer Klaps folgte. Es war Dine, die mit ‚Unterstehe dich!‘ Jennifers Drohung unterstrich.
Sie gaben sich die Hand, setzten sich aufs Sofa und ließen René einen guten Jungen sein.
Beide redeten unentwegt. Gelegentlich durfte er ihnen etwas zu trinken oder ein paar Süßigkeiten bringen, ansonsten wollten sie alleingelassen werden.
„Waren hier nicht drei Personen anwesend?“, versuchte er sich einmal einzumischen.
Sie antworteten nicht. Stattdessen hielten sie ihm wieder ihre Gläser hin, die er bereitwillig und inzwischen mit dem Wein füllte, der zuvor doch so wunderbar in einem Holzregal aufgehoben war und eigentlich nur seinen erlesenen Geschmack unterstreichen sollte.
Es war gegen halb neun, als sich Dine aufmachte, die Wohnung zu verlassen.
„So, ihr zwei Hübschen, ich lasse euch jetzt allein, und dass mir keine Klagen kommen!“, sagte sie an der Tür zu René, blickte auf die Bilder, schüttelte kurz den Kopf, zwickte ihn in eine seiner Wangen und winkte Jennifer zu, die es mit einem zugeworfenen Kuss beantwortete.
René schloss die Tür, drehte sich um und warf Jennifer einen frechen Blick zu.
„Na, da haben sich ja zwei gesucht und gefunden.“
„Sie ist eine ganz Liebe und du kannst froh sein, solch eine gute Freundin zu haben.“
Mit diesen Worten hatte sie ihn an sich herangezogen. Ihre Lippen klebten sofort aufeinander und ihre Zunge forderte ihn zu mehr auf. Er genoss und erwiderte es, sie erregten sich, kamen nackt im Schlafzimmer an und liebten sich hingebungsvoll.
Gegen Mitternacht fiel Jennifer noch ihre Mutter ein.
„Um Himmels willen, wir haben meine Mutter vergessen.“
„Haben wir nicht. Ich hatte heute Nachmittag schließlich genug Zeit und habe bei ihr angerufen, dass wir morgen erst kommen.“
Beide schliefen sich an den Händen haltend und mit einem Lächeln in ihren Gesichtern ein.
„Warum hast du die Bilder alle abgenommen?“, fragte Jennifer beim Frühstück, „und was für monströse Dinger hast du da eigentlich aufgehängt?“
Sie stand mit einem Brötchen in der Hand auf und ging in den Flur.
„Ich weiß nicht, wie du auf so eine Idee kommen konntest. Ich sagte doch, dass das alles kein Problem für mich wäre. Vielleicht entscheidest du dich ja noch um, bis du von meiner Mutter wieder zurück bist.“
„Wieso, gehst du nicht mit zu deiner Mutter?“
„Heute geht nicht, ich muss noch etwas erledigen.“
René fragte nicht nach, obwohl es ihn wurmte. Viel konnte es nicht sein, aber na ja …
Er hatte seine Entscheidung für das neue Inventar natürlich schon an diesem Morgen als Fehler erkannt. Traurig war er aber nur, weil er seine Jennifer an diesem Tag dann kaum mehr sehen würde. Er fuhr sie nach Hause und machte dadurch einen gewaltigen Bogen, um zu seiner Arbeit zu gelangen.
Gegen neun kam er trotzdem pünktlich an. Er wollte vor der Arbeit noch kurz bei Dine vorbeischauen, als sie ihm auf dem Flur entgegenkam. Sie schien vergnügt, was ungewöhnlich war, denn normalerweise war ihr Gehirn um diese Uhrzeit schon mit Terminen vollgestopft. Sie hätte dann kaum einen Blick für Nebensächliches übrig, hatte sie René zuvor einmal an den Kopf geworfen.
Doch heute schien es anders. Sie gingen nebeneinander den Flur entlang und Dine nutzte die kurze Zeit, um ihn für das ‚Sahneschnittchen‘ zu gratulieren, als was sie Jennifer zusammenfassend bezeichnete.
„Bei der Kleinen würde ich überhaupt keine Bilder mehr aufhängen“, scherzte sie, „da kann man ja fast das Ufer wechseln.“
Er fasste dieses Kompliment als ‚typisch Dine‘ auf und ging in sein Arbeitszimmer.
Der Tag war zu Ende. René wartete auf dem Klinikgelände auf Jennifer, bis ihm wieder einfiel, dass er heute allein hier war.
Oberschwester Beate sah ihn und rief ihn zu sich.
„Haben Sie den Abschnitt gelesen, in dem Dr. Herdel das Glutamat dafür verantwortlich macht, dass die Weiterleitung von Reizen gehemmt werden kann oder sie komplett daran gehindert sind, weitergeleitet zu werden, egal ob im Gehirn oder im Muskel?“
Sie erwischte ihn in diesem Moment auf dem völlig falschen Fuß.
„Oberschwester Beate“, sagte er nachdenklich, „ich weiß gar nicht, in welchem Zusammenhang dieser Dr. Härtel …“
Er wollte ihr gerade bestätigen, dass ihm diese Passage des Buches wirklich nicht bekannt war, als Jennifer geradewegs auf die beiden zukam und sie begrüßte.
„Jennifer, Süße! Schön, dass du doch noch kommen konntest.“
René gab ihr einen Kuss und alle gingen Richtung des Zimmers ihrer Mutter. Ein Gang vorher bog Oberschwester Beate ab und René konnte Jennifer von seinen Bedenken erzählen.
„Die Oberschwester hat soeben versucht, mir etwas mitzuteilen, und weil ich die Bücher schon durchhabe, hat es mich umso mehr verwundert, nichts von dem geschnallt zu haben, was sie mir da erzählte. Die Theorie ist eben nur so gut, wie man sie veranschaulicht bekommt. Auch wenn ich noch mehr Zeit dafür aufbringen könnte, würde ich doch nichts davon begreifen, weil das Verständnis dafür ganz einfach nicht vorhanden ist.“
Sie waren an der Tür angelangt und gingen hinein.
Jennifers Mutter saß neben ihrem Bett, war vollständig mit normaler Straßenkleidung bekleidet und stand auch sofort auf, um sie zu begrüßen.
„Jennifer, Schatz und René, mein Lieber.“
Sie nahm jeweils eine Hand und schaute abwechselnd in ihre Gesichter.
Mit einem Lächeln sagte sie: „Wir gehen heute zusammen runter. Die Medikamente haben sie stark reduziert. Es grenze an ein Wunder, sagten sie, dass ich so schnell wieder fit bin. Eigentlich wäre für mich eine Therapie angesagt, doch auf die könnten sie wohl aller Voraussicht nach verzichten.“
„Das ist so schön, Mama!“, freute sich Jennifer und drückte ihre Mutter.
Auch René drückte sie und flüsterte ihr einen weiteren Spruch ins Ohr: ‚Morgenröte und Abendröte sind heute gleichermaßen wunderschön‘.
Helens Gesicht erstrahlte und ihre Augen funkelten, wie lange nicht mehr.
„Ich freue mich auf zu Hause, Jennifer, dann kann ich endlich wieder in unseren kleinen Garten. Was machen eigentlich die Rosen?“
Sie schaute betrübt, weil sie wohl dachte, eine schlechte Nachricht zu erhalten.
„Die Rosen sind alle ganz prächtig, Mama. Sie blühen und duften. Etwas wenig Regen hatten wir ja, aber ich habe regelmäßig gegossen. Es ist nur gut, wenn du wieder zu Hause bist, dann kannst du sie gießen und dich an ihnen erfreuen.“
Helen freute sich über ihre fleißige Tochter.
Alle drei befanden sich bald auf den Weg nach unten, um im angrenzenden Park ein paar Meter zu gehen. Helen war zwischen René und Jennifer eingehakt.
„Jennifer, Schatz, René hat mir sehr viel von euch erzählt,“, sie schaute erst zu René und dann zu Jennifer, „er ist ein ganz besonderer junger Mann.“
„Ich weiß, Mama.“
„Und er liebt dich über alles, mein Schatz.“
Jennifer blickte traurig zu René, weil ihr die letzten unschönen Diskussionen einfielen.
„Auch das weiß ich, Mama.“
„Ich habe den Ludger von ganzem Herzen geliebt, es ist mir sehr schwergefallen, ihn gehen zu lassen … du weißt, wohin das geführt hat, aber jetzt habe ich dich und René und ich bin froh, dass er es ist, in den du dich verliebt hast.“
Jennifer hatte die Botschaft verstanden und schwieg. René führte das Gespräch fort.
„Sich so zu verlieben muss mir aber auch ermöglicht werden. Wäre meine Zuneigung unbeantwortet geblieben, wer weiß, wie lange ich die Energie gehabt hätte, mich bei Ihrer Tochter zu bemühen. So hat sie es geschafft, mich um ihren kleinen Finger zu wickeln. Also ja, Ihre Tochter ist nicht nur wunderschön und klug, sondern auch stark. Wenn sie mir nur ein Prozent dieser Stärke als Liebe zurückgeben könnte, würde das für den Rest meines Lebens reichen.“
„Ich bin nicht so stark, wie du behauptest, wir hatten das letztens schon mal!“
Jennifer schaute zu ihm und schämte sich ein wenig wegen des Lobes vor ihrer Mutter.
„Sie ist bescheiden, das soll aber nicht heißen, dass sie nicht auch eine Faust hat, mit der sie auf den Tisch hauen kann.“
„Ich weiß“, bestätigte René und küsste Jennifer in der Luft entgegen.
Der Wind fing an aufzufrischen. Die Bäume rauschten und Blätter und kleine Äste fielen zu Boden. Unbemerkt hatten sich Wolken zusammengezogen. Während ihres Weges zurück zur Klinik fing es auch schon an zu regnen. Sie schafften es gerade noch rechtzeitig hinein, bevor die ganz großen Tropfen Blasen in den rasch größer werdenden Pfützen bildeten.
„Als ob dich jemand gehört hat und dann das Wasser aufdrehte, damit du nicht mehr gießen musst“, sagte Helen.
„Ich mache das gern, Mama, das weißt du, und außerdem entschädigen mich die Blüten und der Duft so sehr dafür.“
Sie brachten Helen noch nach oben und gingen auf dem Weg zum Ausgang am Schwesternzimmer vorbei, in dem sich neben einem jungen Mann, ein Praktikant, wie sich René dachte, auch Oberschwester Beate befand. Sie lächelte beiden gleich entgegen, als sie in der Tür zum Schwesternzimmer auftauchten.
„Ist denn schon darüber gesprochen worden, wann meine Mutter voraussichtlich entlassen werden kann?“
„Also in den Unterlagen steht noch nichts und der Chefarzt macht morgens in der Zeit von sieben bis achtdreißig Visite. Dann wird auch angesprochen, wann womöglich ein Patient entlassen werden kann. Für ihre Mutter wurde einmal der achtundzwanzigste des Monats genannt. Das ist nicht offiziell und kann sich sehr leicht wieder ändern.“
Sie blickte von Jennifer weg wieder zu René, der fast schon eingeschüchtert das Lächeln erwiderte, es dann aber vorzog, sich mit einem freundlichen und nicht minder zügigen ‚Danke und einen schönen Tag noch‘ das Zimmer zu verlassen.
In der Tür nach draußen sahen sie schon, wie der Regen von den Dächern der Autos hochspritzte. Die meisten Leute wurden, wie die beiden auch, von diesem Platzregen überrascht.
„Hey, dann hast du ja frei!“
René freute sich, dass er diesen Abend doch noch mit Jennifer verbringen könnte.
„Habe ich nicht, wie kommst du darauf?“
Sie schaute dabei nicht von den Wolken weg, die in der Ferne schon wieder aufrissen und ein paar Sonnenstrahlen durchließen.
„Wir sehen uns dann morgen wieder“, sagte sie, küsste ihn noch einmal flüchtig und rannte dann schnell zur Bushaltestelle, um in den gerade haltenden Bus einzusteigen.
Dort blickte sie zwischen den Tropfen durch die Tür, winkte René noch einmal zu, bis der Bus mit qualmendem Auspuff auf die Hauptstraße fuhr und bald aus seinen Augen verschwand.
René fuhr direkt nach Hause und nahm sich das Buch vor, von dem die Oberschwester geredet hatte. Natürlich war an besagter Stelle, die er auch bald fand, ein Zettel eingeschoben, der ihm das Unverständliche des Geschriebenen vor Augen führte. Er las sich die Passage wiederholt durch, doch konnte er nicht annähernd das herauslesen, was die Oberschwester versuchte, ihm zu vermitteln.
Wenn ich mir all diese Bücher so anschaue, die es gibt, dachte er sich, und ich will mich da auf eigene Faust durcharbeiten, obwohl ich überhaupt keine Ahnung von der Angelegenheit habe, dann kann das nicht funktionieren. Ich brauche professionelle Hilfe! Ob da allerdings Oberschwester Beate weiterhelfen kann, weiß ich nicht und will es eigentlich auch nicht herausfinden.
Er legte das Buch zurück auf den Stapel.