„Also langsam machst du mich neugierig“, sagte René, als die beiden dem Restaurant näherkamen.
„Wer ist der Unbekannte?“
„Du kennst ihn bereits und auch wieder nicht“, meinte sie scherzhaft, „du hast schon von ihm gehört, oder besser gesagt, von ihm gelesen.“
„Nee, das ist doch nicht etwa der …?“
René suchte nach seinem Namen.
„Genau, der ist es, Leone Lagatho, ‚der Lagatho‘ und überhaupt ‚der‘ Schriftsteller der Szene.“; mit diesen Worten öffnete sie die Tür zum Restaurant und ließ René als Ersten eintreten.
Sie standen in einer umfunktionierten Kirche vor einem Pult, auf dem der Gast mit einem Schild um etwas Geduld gebeten wurde, bis dieser einen Platz zugewiesen bekam. Alles sah entgegen dem Äußeren dieses Gebäudes bestens hergerichtet aus, war aber gar nicht so der Stil, den sich René selbst zuschreiben würde, zumal er hier in einer einfachen Jeans stand.
„Die Herrschaften mögen speisen?“, fragte ein in Frack gekleideter Herr, während er mit einer Mappe vor der Brust auf sie zukam. Seine Haare waren pechschwarz und mit reichlich Gel streng aus dem Gesicht gezogen, das ausgesprochen weibliche Züge hatte. Seine Stimme war angenehm freundlich, aber auch bestimmt. Dunkelbraune Augen schauten abwechselnd zu Dine und René.
„Wir gehören zum Tisch von Leone“, sagte Dine und legte eine Visitenkarte vor.
Er nahm sie, legte sie in die Mappe und notierte etwas in einem Buch vor ihm auf dem Pult. Als sich der freundliche Herr wieder aufrichtete, unterbrach eine nun sichtbare und recht wohlgestaltete Ausformung die strenge Linie des Herrenrocks, was einen ganz besonderen Eindruck bei René hinterließ. Was für ein Empfang, dachte er sich.
Der Herr in Schwarz geleitete die beiden in den Restaurantbereich. Mit einer Handgeste, die von einem angedeuteten Nicken und dem kurzen Schließen seiner Augen begleitet wurde, bat er sie an einen Tisch.
„Leone! Ich freue mich, dich zu sehen!“
Dine beugte sich zu dem Herrn, der gerade im Begriff war, aufzustehen. Sie umarmte ihn zwar nur mit einem Arm, dafür aber umso herzlicher und küsste ihn auf beide Wangen.
„Darf ich dir vorstellen, das ist René.“
René stand, als hätte er einen Stock verschluckt. Was solle er jetzt tun, wie sich verhalten? Einfach nur die Hand geben oder auch ein Küsschen? Nein, unvorstellbar, man kennt sich ja nicht. Und außerdem tut er sich bei Männern da eher schwer, ohne Leone oder sonst wen kategorisieren zu wollen, denn schwul ist nicht automatisch gleich schwul, dachte er sich und schielte zum Eingangsbereich.
„Ich habe schon einiges von Ihnen gehört. Es ist mir eine Freude“, zerschnitt Leone die kurze Stille und hielt René seine Hand hin, die von ihm auch zügig ergriffen wurde.
Mit einem ‚Ganz meinerseits‘ erwiderte er den Gruß.
„Ich habe von Ihnen gelesen“, sprach René weiter.
„Was sagen Sie dazu?“, fragte Leone nach und zeigte auf die Sitzflächen, um zum Hinsetzen aufzufordern.
„Nun“, zögerte René etwas, „es war das erste Mal, dass ich etwas von Ihnen gelesen habe.“
„Und Sie haben nichts von dem gefunden, was Sie sich erhofft hatten zu finden?“, knüpfte Leone an Renés Satz an, „stimmt doch, junger Mann? Es ist offen gestanden für meine lieben Leser auch nie einfach, in meine Form der Literatur einzudringen. Sie sind zu anfangs oft irritiert und denken, dass ich verrückt bin, einzig, weil sie es nicht gleich oder überhaupt nicht in ihr Leben einordnen können und deshalb an meinen Gedanken zweifeln, mitunter verzweifeln. Geht es dem Menschen doch nur um seine Befriedigung. Für sie ist deshalb alles nur Trieb, für mich ist es jedoch viel mehr. Über den Orgasmus hinaus verstehen sie nicht, warum wir uns so schinden, um dorthin zu kommen. Ist es auch noch so erregend, so wird es für mehr nie reichen. Wir selbst setzen uns Grenzen, die spätestens dann erreicht sind, wenn wir nach der augenblicklichen Amnesie das Sein infrage stellen.“
„Nun ja …“
René konnte darauf erst einmal nichts sagen und sah Dine an, die gespannt der Konversation folgte.
„Ich habe mir darüber noch keine zu großen Gedanken gemacht“, fuhr René fort.
„Macht sich kaum jemand. Der Weg dorthin führt auch nicht über althergebrachte Auffassungen. Diese treten jenen Standpunkten entgegen, die sich dem Genießenden erschließen, wenn er in einer öffentlichen Toilette vor einem Pissoir steht und feststellt, dass es die Person nebenan auch gekonnt hineinschafft, obwohl die offensichtlich nicht vorhandene Anatomie Gegenteiliges unterstellt. Schauen Sie einmal genauer hin und wundern Sie sich nicht, dass so das Urinieren im Sitzen zweifellos nicht nur etwas für Damen ist. Ich uriniere übrigens immer im Sitzen. Sollten Sie einmal versuchen, junger Freund, denn man verändert hierdurch gewaltig seinen Blickwinkel, vor allem, wenn man sich nicht allein an diesem einen Ort entleert.“
Leone blickte René an und forderte ihn damit auf, zuzustimmen. Und als René zögerlich seine groß aufgerissenen Augen wieder etwas schloss, zwinkerte Leone zurück.
„Mein junger Freund, ich sehe, Sie verstehen umgehend“, nahm ein Plätzchen aus einer Glasschale und hielt es René an den Mund.
René war schlagartig überfordert und blickte jetzt hilfesuchend zu Dine, die Leone das Plätzchen aus der Hand nahm, es in ihren Mund steckte und vorschlug, die Karte kommen zu lassen, weil sie langsam hungrig wurde. Leone stimmte zu, winkte einmal und rief so einen Kellner herbei, der sich den ganzen Abend nur um diesen Tisch kümmern sollte.
Von dem bestellten Essen war für René mehr als die Hälfte nur bedingt essbar. Es schmeckte ‚interessant‘, so kannte er aber weder die Speisen, noch konnte er sich vorstellen, welche Zutaten sich zu so etwas missbrauchen ließen. Der Abend verlief trotzdem noch sehr vertraut, sieht man einmal davon ab, dass Leone René für ein weiteres, dafür umso deftigeres Dessert begeistern wollte, welches hier und sofort oder auch anderswo und später eingenommen für alle der reinste Genuss sein würde. René lehnte nachdenklich dankend ab.
Es war kurz vor Mitternacht. René und Dine waren auf dem Weg zu Dines Wagen, als er endlich wieder ein paar Worte fand, die jenseits der gerade verlassenen Welt angewandt werden konnten.
„Also entschuldige, aber ganz richtig ist der nicht“, sagte René und wischte in der Luft an seiner Stirn vorbei.
„Was hattest du erwartet, nachdem du das von ihm gelesen hast und weißt, worüber er schreibt und wie er das tut?“
„Ich dachte eigentlich, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was die Schriftsteller so von sich geben und dem, wie sie wirklich sind, zumal das von damals nun wirklich nicht gerade leichte Kost war. Da kann es einem schon schwerfallen, daran zu glauben, dass der Autor selbst auch so ist.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Schriftsteller etwas mitteilen kann, wenn er nicht mit ganzem Herzen dabei ist. Na ja, vielleicht mag das, was du sagst, auf vereinzelte schon zutreffen, auf Leone jedenfalls nicht. Auch wenn nicht immer alles verständlich zu sein scheint, worüber er schreibt, so sind es doch unsere ureigenen Konflikte, die er ehrlich und direkt beim Namen nennt, weswegen das für viele zu ehrlich sein kann. Trotzdem hat er seine angestammte Leserschaft und ich hoffe, dass die sich nicht wegen ihm so sehr um ihn scharrt, sondern wegen dem, was er zu sagen hat. Doch da beginnen meine Zweifel.“
„Dine!“, René fasste ihr an den Arm, „warum kennst du Leone eigentlich so gut? Und wieso Küsschen hier und Küsschen da? Was ist da zwischen euch?“
Dine blieb stehen.
„Leone ist mein Bruder.“
„Der, von dem du erzählt hattest, er hätte damals …“
„… ja, damals jene Freundin gehabt, die … na ja, du weißt schon.“
René war überrascht.
„Und was ist mit seinem Namen? Du heißt Luhses und warst noch nicht verheiratet. Ah, ich verstehe, er schreibt unter einem Pseudonym. Wenn er aber vollkommen davon überzeugt ist, worüber er schreibt, sollte er da nicht seinen richtigen Namen angeben? Das ist doch merkwürdig.“
„Merkwürdig ist doch wohl eher, dass er unter seinem richtigen Namen Lane Luhses solche Bücher nicht hätte herausbringen können.“
Das leuchtete René ein.
„Auf der einen Seite war da zumindest einmal eine Freundin, auf der anderen Seite hat er eine ausgeprägt schwule Art. Wie passt das alles zusammen?“
„Ich denke, er ist mehr schwul als hetero, doch ganz genau kann ich das nicht sagen. Eigentlich lebt er in einer fantastischen Welt, denn an einem Tag liebt er die Frauen, an einem anderen die Männer und wenn es ganz toll für ihn läuft, liebt er beides sprichwörtlich auf einmal.“
Sie legte ihren Arm um René.
„Eigentlich ist es doch egal, auf welcher Straßenseite er so herumläuft. Er ist mein Bruder, und du, René, bist für mich auch wie ein Bruder, manchmal etwas mehr als nur das, aber da scheine ich schon Züge von Leone, ich meine Lane, zu haben. Jedenfalls möchte ich nicht, dass du einsam bist oder wirst, wie er es ist, denn er fand bis heute niemanden für jene, seine sehr spezielle Identität. Er lebt seine sexuellen Fantasien aus, ohne überhaupt zu wissen, ob es seine eigenen sind oder die einer anderen Person. Und er scheint sich langsam weiter zu verändern. Ich habe mich einmal belesen und fand einen Artikel ganz passend. Norman Peloney hat diese Form der Suche nach Lustbefriedigung einmal so formuliert …“, sie holte ihr Handy aus der Tasche und las: „Man begibt sich für Orgasmen zwanghaft in Exzesse, ohne noch darüber nachdenken zu wollen, wie weit so etwas gesteigert werden kann. Dann hat man den Punkt seiner Sucht überschritten, bis zu dem man alles nur derart in Rahmen eingezwängt sieht, sosehr man sich in seiner Sucht verwirklicht. Der Sex selbst ist deshalb keine Sucht, sondern nur eine von vielen Formen herbeigesehnter Dynamik bis zum Orgasmus. Mit dem einsetzenden Orgasmus hat man sich vollkommen von dem Weg getrennt, auf dem man bewusst gehen könnte. So ist der kleine Tod das Ziel und deshalb die eigentliche Sucht, deren Befriedigung nur dadurch erreicht werden kann, indem man sich immer weiter in sie hineinbegibt.“
„Also könnte es passieren, dass er sich im Extremfall bewusst töten lassen würde, nur um beim Orgasmus kurz vor seinem Tod seiner Vorstellung von finaler Ekstase am nächsten zu kommen?“
„Das oder selbst jemanden töten, genau das ist meine Angst und ich trage sie schon sehr lange mit mir herum. Er weigert sich inzwischen, all das anzunehmen, was nicht seiner Vorstellung entspricht, egal, wie das an diesem oder jenem Tag aussehen mag. Und dabei kann er auch vollkommen normal sein. Es ist einfach nicht zu ertragen.“
Dine zog ein Taschentuch aus ihrer Tasche.
„Und das Schlimme ist, ich weiß deshalb nie, wo ich ansetzen könnte. Es ist, als spräche ich dann mit einem Chamäleon, das nicht seine Farbe, sondern sein ‚Ich‘ von einem auf den anderen Moment ändert.“
René war baff. Mit solch einer Geschichte zum Ausklang eines solchen Abends hatte er nicht gerechnet.
Sie waren am Auto angelangt. Dine stieg ein und forderte René auf, auch einzusteigen. Er dankte ihr für diesen Abend, lehnte aber ab und flunkerte, noch ein paar Minuten an der frischen Luft bleiben zu wollen, um dann ein Taxi zu nehmen. In Wirklichkeit überlegte er sich, ob er nicht doch wieder zurück zum Restaurant gehen sollte, um sich das näher anzusehen, was ihm als Nachspeise von Leone so schmackhaft gemacht wurde.
Zum Schluss fehlte ihm dann doch der Mut und auch Jennifer tauchte in seinen Gedanken auf, seine süße Jennifer. Außerdem wäre das Restaurant jetzt sowieso geschlossen, dachte er sich, und alle sind inzwischen fort.
Nach Stunden im Licht der Straßenlaternen und dem ersten hellen Schein am Morgenhimmel kam er zu Hause an. Der Anrufbeantworter zeigte keine Nachrichten, alles war, wie vor dem Aufbruch am Abend zuvor, er war nur um einiges müder. Duschen, Sachen tauschen und nichts wie los zur Arbeit.
Dine saß schon an ihrem Schreibtisch und empfing René herzlich.
„Guten Morgen, René.“
„Guten Morgen, Dine. Wie machst du das nur? Du bist putzmunter!“
Er ging zu ihr, sie kam ihm entgegen und beide trafen sich zu einer herzlichen Umarmung. Es war für beide besonders wichtig, sich nach dieser Nacht in die Augen blicken zu können.
„Ich habe den gestrigen Abend genossen“, fing René an.
Dine erleichtert: „Ich auch!“.
Damit war alles in Ordnung und ihre morgendliche Konversation beendet.