„René, Dine ist gekommen.“
René drehte sich mit seinem Rollstuhl um.
Dine erschrak.
„Um Himmels willen, vor vier Wochen warst du noch bei mir und jetzt …“
Er sah viele Jahre älter aus, seine Wangen waren eingefallen, seine Haut grau. Eine knochige Hand hob sich schwerfällig.
„Mir bleibt nicht mehr ganz so viel Zeit. Der Winter kommt, dann wird es besonders schlimm, hat man mir gesagt, wegen der Lunge.“
„René, mein Liebster!“ Dine wollte ihn drücken, doch er bat sie, etwas Abstand zu halten. Beide weinten.
„Ich bekomme immer schlechter Luft. Was bringt dich zu mir?“
„Ich habe alle Informationen, die wir brauchen. Ich weiß jetzt, warum Antoine starb, ich weiß, wer die Tabletten zusammenrührt und wer hinter all dem steckt.“
„Ah, Ilias, wegen Ilias bist du hier.“
Er hustete.
„Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob wir das hier zu Ende bringen sollen. Ilias ist erfolgreich, er ist, im Gegensatz zu mir, kerngesund. Nun gut, er bekommt Tabletten, aber die sind nicht zu seinem Nachteil, eher zu seinem Vorteil, wie mir scheint.“
„Aber was hier passiert, ist kriminell“, warf Dine ein, „er ist doch immer noch dein Sohn!“
„Wo hast du deine Informationen überhaupt her? Die sind gestohlen, gib es zu!“
„Okay, ja … die sind …, aber wir schaden hier niemandem, wir möchten aufklären.“
René hörte es sich schließlich an, was Dine ihm mitzuteilen hatte, obwohl es ihm inzwischen egal war, denn was würde die Wahrheit heute nützen?
„Der Dr. Reinhardt war der Freund von Dr. Bruillon und wohnte auch unweit von Bath. Beide hatten zusammen einige Semester Medizin studiert, bis sich jeder auf sein bekanntes Fachgebiet spezialisierte; einer wurde Facharzt für Pädiatrie, der andere Psychiater. So scheint es, dass sie sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder zusammentaten, um hier ihren perversen Neigungen nachzugehen.“
„Dine!“, René bat sie, ihre Rage zu zügeln, „solche Kraftausdrücke möchte ich nicht mehr hören.“
„Okay, okay, René, ich reiße mich zusammen. Luise wurde also schwanger und gebar einen gesunden Sohn, den sie Antoine nannten. Die Schwester des Herrn Bruillon, Annagreta, arbeitete mehr schlecht als recht an einer Dissertation ‚Zum …“, sie musste von einem Blatt ablesen, „Einsatz eines hormonellen Stimulans zur Verringerung der Prävalenz suizidalen Verhaltens‘. Was das genau heißt, kannst du dir von Luise erklären lassen, denn die hat die Dissertation geschrieben. Die Disputation verlief etwas holprig, doch letztendlich konnte die Frau Dr. Psych. ihren Doktortitel dadurch erst bekommen. Ohne Luise wäre das nicht denkbar gewesen. Luise stand immer im Schatten ihrer Schwägerin. Ganze Bücher entstanden auf diese Weise. Als sie jedoch von dem Experiment erfuhr, das Annagreta und ihr Bruder an Antoine durchführten, welches auch zu seinem Tod führte, war es schon zu spät. Nur mit außergewöhnlich großzügigen Angeboten konnten sie bei Luise erreichen, Stillschweigen zu bewahren.“
„Luise muss wirklich sehr darunter gelitten haben, dass man ihr beides raubte, ihr Kind, welches sie sicher liebte und ihre berufliche Anerkennung. Kannst du dir vorstellen, wie es ist, dass alles hinüber sein soll, was man hatte, und das ohne eigene Schuld? Kann ich sie dafür verurteilen, dass sie nur ein wenig Anerkennung haben wollte, der sie immer hinterhergerannt ist und die sie auch dieses Mal nicht bekommen wird? Sie ist alt, Dine, sie hat ihn zu einem einzigartigen Menschen gemacht, den es nicht ein zweites Mal gibt und Ilias ist glücklich so. Können wir ihr jetzt noch einmal den Boden unter den Füßen wegziehen, nur, weil wir denken, dass sie deswegen mit aller Härte des Gesetzes bestraft werden sollte? Könnte ein Richter Ilias‘ ganz speziellen Fall wirklich objektiv beurteilen? Ist es nicht ab einem bestimmten Zeitpunkt sogar besser, die Beteiligten selbst entscheiden zu lassen, welches Geschlecht sie haben oder noch besser, welches Geschlecht sie sein wollen?“
„Und genau das ist das Verdorbene an diesem Experiment, denn Ilias hatte nie die Chance, sich sein Geschlecht auszusuchen. Er wurde geboren, als schon feststand, dass er nie eine eigene geschlechtliche Identität haben wird.“
„Er hat eine eigene Identität. Diese beschränkt sich eben nicht nur auf die Sache unterhalb der Gürtellinie, sondern bei ihm spielt sich vieles im Kopf ab. Er ist glücklich mit seinem ‚Ich‘, verstehe das doch bitte.“
„Aber denkst du nicht, dass wir Menschen schlussendlich für Experimente dieser Art einmal einen sehr hohen Preis zahlen müssen?“
„Ich weiß nicht, wohin das alles einmal führen wird und sicher werden wir Menschen diesen hohen Preis noch zahlen, klar, aber darf mit dieser Vorausschau ein bestehender Mensch vielleicht sogar gegen seinen eigenen Willen ‚rückgängig‘ gemacht werden?“
Dine wusste nichts mehr zu sagen oder wollte nicht. René hatte jedenfalls die Frage in den Raum gestellt und Dine schwieg.
„Und welche Rolle spielte nun der Dr. Reinhardt?“, fügte René an seine vorherige Frage an.
„Ganz einfach, Dr. Reinhardt konnte die Inhaltsstoffe auftreiben und hatte mit den Geräten der Klinik, in der er arbeitete, auch die Möglichkeit, die Tabletten herzustellen.“
„Wusste er also von dem Experiment an Antoine?“
„Davon ist auszugehen, obwohl er selbst nichts mit der Erhöhung der Konzentration des Wirkstoffes zu tun hatte. Es war einer seiner Team-Mitarbeiter, der es ohne Rücksprache tat, um einer nachvollziehbaren Wirkung auf die Sprünge zu helfen. Es ist nichts darüber zu finden, ob das auch die alleinige Ursache für den Tod des Jungen war. Offiziell fing das Gehirn von Antoine eines Nachts an zu bluten. Antoine verstarb unmittelbar darauf in der Klinik. Dr. Reinhardt war es auch, der den Totenschein ausstellte. Weil irgendwie jeder in der einen oder anderen Form darin verwickelt war, sagte niemand etwas. Antoine Bruillon verstarb offiziell an einer ‚intrazerebralen Blutung im Bereich arteriovenöser Malformationen‘. Sein Leichnam wurde umgehend nach Bath gebracht, dort eingeäschert und die Urne dann in die Familiengruft gestellt. Dr. Reinhardt machte sich öffentlich rar, was auch erklärt, warum er auf den späteren Fotos nicht mehr zu sehen war. Er stieg bei einem Pharmakonzern ein und kommunizierte direkt mit dem Institut des Vaters deines Dr. Bruillon, der eben nicht nur dieses Institut, sondern auch jenen Pharmakonzern gründete. Später kam er zurück und gründete seine eigene Kinderklinik, in der auch Ilias geboren wurde. Hier schließt sich der Kreis.“
Das Geheimnis um Luise war gelüftet. Ilias wusste ab diesem Tag auch, was für Tabletten er einnahm und entschloss sich, diese Tabletten auch weiterhin zu nehmen. Als Begründung sagte er, dass er vor einer Veränderung Angst hätte, die kommen müsste und die er dann vielleicht nicht wolle oder ertrage. Da er sich so wirklich gut fühle und es nicht anders kennt, möchte er deshalb nichts an der Situation ändern.
„Luise!“, René schob die Tür hinter sich zu.
Er atmete schwer.
„Was ist mein Lieber?“
„Lass mich dir eine Geschichte erzählen und dann kannst du mir sagen, was ich davon halten soll.“
Sie stimmte zu und René begann all das zu erzählen, was er durch seine und Dines Recherchen an Wissenswertem über sie, ihre Familie und den Experimenten herausgefunden hatte.
„Ich habe darauf gewartet, dass du zu mir kommst“, sagte Luise zum Schluss.
Sie holte eine Mappe und legte sie ihm auf den Schoß. Er las die Aufschrift ‚Die Versuchung der Zweifaltigkeit‘.
„Was ist das für eine Mappe?“
„Du weißt, dass ich Ilias liebe wie einen eigenen Sohn.“
„Ja und?“
„Um es deutlich zu sagen, dieses Werk war erst durch dich möglich geworden, weil du ihn mir in meine Hand gegeben hast.“
René schluckte.
„Was habe ich? Wieso in deine Hand gegeben?“
Sein Gesicht war versteinert.
„Willst du damit andeuten, dass ich dir meinen Sohn für deine Studien überlassen habe?“
„Ja, das hast du, denn wie würdest du es nennen, wenn jemand sein eigenes Kind einer zu diesem Zeitpunkt fremden Person überlässt? Und außerdem hast du doch ein schönes Leben hier gehabt. Was glaubst du, haben mich deine Ausflüge in das tobende Leben gekostet, was glaubst du, hat mich dein Luxus gekostet? Du hast nicht ein einziges Mal mehr danach gefragt, wo das alles herkommt und du hast dich nach einem halben Jahr auch nicht ein einziges Mal mehr für nur irgendetwas bedankt! Jetzt kommst du und wirfst mir das vor? Du dürftest dich tatsächlich in keiner Weise echauffieren.“
René wusste jetzt, was er von alledem zu halten hatte. Er forderte Luise auf, die Mappe wieder von seinem Schoß zu nehmen, fuhr aus dem Zimmer hinaus und telefonierte.
„Ich bitte dich, komme mich abholen, ich möchte auf eine Reise gehen.“
Dine war zwar etwas erstaunt, doch wusste sie auch, dass er nicht mehr allzu viel Zeit für Ausflüge zur Verfügung hatte. Sie stand also an einem Samstag vor diesem großen Haus und lud René ein.
Er schaute sich beim Wegfahren nicht um. So konnte er nicht sehen, wie ihm Ilias winkte. Luise war sowieso nicht zu sehen. Sie saß an ihrem gewaltigen Schreibtisch und weinte.
Er, René, sollte jetzt an allem schuld sein, der doch nichts weiter tat, als Vertrauen zu haben. Wer darf ihm denn sein Vertrauen vorwerfen?
Kann es aber auch sein, dass er schon wieder versagte, wie so oft, und jetzt das Leben eines weiteren Menschen auf dem Gewissen hat? Doch dieses Mal war es anders, oder? Dieser Mensch war noch am Leben, viel mehr noch, er freute sich darüber.
Aber ist es denn nicht egal, ob man lebt oder nicht, wenn das Leben eine vorgefertigte Geschichte ist, bei dem es keinen Zufall gibt? Was ist mit Ilias‘ Identität, die er gegenüber Dine vertrat, ist es überhaupt eine? Und verhindert man nicht, dass der auf diese Weise künstlich geschaffene Mensch jemals wird erfahren können, was Leben eigentlich heißt? Ist dann dieses Leben auch ein glückliches Leben, so wie sein eigenes weit davon entfernt war, glücklich zu sein? Kann es denn ein anhaltendes Glück überhaupt geben oder ist Glück nur ein Augenblick? Rennt man so nicht pausenlos irgendetwas hinterher und die Suche nach dem Glück entpuppt sich als Haschen nach Wind? Ist es denn nicht viel wichtiger, zufrieden zu sein mit dem, was man tut und was man lässt?
Sie bogen in eine Nebenstraße. Diese wandte sich um ein paar Kurven und von Weitem schon konnte er ein großes Dach erkennen. Die Dachrinnen hingen teilweise herunter. Das Haus war schon längere Zeit verlassen. Eine Mauer schaute vereinzelt zwischen den Sträuchern hindurch, die sich teilweise bis an die Straße ausgebreitet hatten. Große Bäume standen dahinter. Es sah aus wie ein alter Park. René hatte große Augen und Dine sah ihm an, dass er in Erinnerungen schwelgte. Sie hielten an einem gusseisernen Tor. Es stand ein Spalt weit offen, sodass René sich mit seinen Krücken hindurchzwängen konnte.
Er hörte die Kinder noch, als wäre es erst gestern gewesen, er hörte sie während ihrer Spiele kreischen oder beim Drängeln an der Essensausgabe; sah nach oben, von wo er immer heruntergeblickt hatte, sah Ellen und die anderen, deren Namen ihm nicht mehr einfielen, sah Andrea.
Es sind so viele Jahre vergangen, seitdem er diese Einfahrt entlangfuhr, um in der Kanzlei anzufangen. Viel hatte sich verändert, doch nichts zum Guten.
René schickte Dine fort und bat sie, erst ein paar Stunden später wieder vorbeizukommen, um ihn abzuholen, da er diese Ruhe hier bräuchte mit seinen Gedanken an damals, in denen er bereits jetzt gefangen war. Sie bot ihm noch einmal an, bei ihm zu bleiben. Auch wenn sie sich fernab aufhalten würde, wollte René doch lieber allein sein und alles auf sich wirken lassen, gab er ihr zu verstehen. Dine willigte ein.