Ein zweites Mal krachte der Fensterflügel gegen das Holz und schlug das letzte Stück Glasscherbe heraus. Jäh wurde René aus den Erinnerungen an sein Leben gerissen. Er schreckte hoch und drehte sich wieder zum Flur.
Auf der anderen Seite, also schräg gegenüber, gab es einst jene Begebenheit mit der Krachts, die ihm lange Zeit in den Knochen steckte. Hat ihn das denn nicht einen wichtigen Teil seines Lebens unvermittelt vorweggenommen und ihn zu früh mit dem hart konfrontiert, was ihn später so sehr prägte und ihn immer wieder willenlos werden ließ ungeachtet aller Gefahren? Konnte er von den Gefahren wissen, denen er sich vehement auf seiner Flucht in die Emotionen aussetzte? Wollte er es überhaupt wissen, ahnend, dass nur er die Verantwortung für all sein Tun tragen wird? Und wenn, was war es genau, was er ahnte – dass der Mensch, wie er als Mensch nun einmal ist, sein eigenes Leid verursacht?
René mochte nicht weiter fragen. Er hatte Angst vor den Antworten, er hatte Angst vor der Offenbarung seiner eigenen Schuld, dass er stets wusste, was er tun würde, und es doch tat. Und dafür gibt es keine Entschuldigung.
„Mein Gott, vergib mir meine Schuld, die ich mir immer wieder aufgeladen habe und die mich gefangen hält mein Leben lang. Mach, dass sie mir alle vergeben, sie mit mir gerissen zu haben in meiner ewigen Flucht, mach, dass Andrea mir vergibt. Es tut mir heute unsagbar weh, dass ich sie nie besuchen kam. Mir fehlte der Mut, an ihr Grab zu treten, ihren Namen zu lesen, sie wieder zu sehen und zu fühlen, so nah bei ihr. Selbst heute kann ich es nicht. Oh Gott, zeige mir den Weg aus meinem Schmerz.“
Stufe für Stufe sprach er auf seinem langsamen Weg im Turm nach oben, ohne darüber nachzudenken, ob es etwas bezwecken könnte oder ob da überhaupt jemand ist, der ihm zuhört. Er hatte jetzt nach Jahrzehnten einen Punkt erreicht, an dem ihm dieses Sprechen, vielleicht war es sogar Beten, zu einem Bedürfnis geworden ist, auch wenn oder gerade weil es jetzt das erste Mal aus wirklich freien Stücken war.
Vor ihm lag etwas im Staub. Er hob es auf. Ein dünnes Buch, eher eine Broschüre war es, was er nun in einer Hand hielt und ihn verstummen ließ. Er hatte sie in seinem Leben schon mehrere Male in den Händen gehalten, ohne jedoch viel mehr als den Titel gelesen zu haben. Es schwirrte in seinem Kopf herum und der Anflug eines Gedankens beim Beschauen des Umschlages wollte schon wieder von ihm gehen. Doch diesmal legte er sie nicht wieder weg. Dieses Mal wollte er mehr darüber erfahren, warum sich beim Menschen immer alles nur um sich dreht und warum dieses frische Nass so sehr gut zum Inhalt passt.
Nach unendlichen Strapazen kam er oben an. Sein Leiden hatte jetzt ein Ende, keine Stufe mehr, die er erklimmen, keine Tür mehr, die er aufhalten musste.
Die frische Brise wehte ihm seine Haare wild durcheinander. Er hatte seine Augen fast ganz geschlossen, damit ihm keine Träne die wunderschöne Sicht auf die Umgebung versperren konnte. In die Ferne blickend, erinnerte er sich an die Kirche, die dort hinten und weiter hinter dem Horizont lag, wie sie damals dorthin gingen und er von Weitem schon ihre Glocken hörte.
Langsam ging er zum Rand, keine Furcht mehr in den Gliedern, dass der Turm nicht halten würde, keine Angst, das Gleichgewicht zu verlieren. Nicht weit von hier entfernt gab es einen lichten Fleck in dem Wald, der sich inzwischen aus dem Wäldchen von damals entwickelt hat. Genau dort muss der Steinbruch gewesen sein, der Feldweg macht nur ein paar Kurven und verschwindet dann darin. Der Steinbruch, der See. Er dachte an die wunderbaren Momente seiner ersten und unvergessenen Liebe, an den Tag, als er sie suchte und sie am See war oder sie beide baden waren und er ihre vielen Hügelchen auf der Haut spürte. Alles war schön, so schön und so vergänglich, dass ihm die Erinnerung daran sein Herz zerreißen wollte. Sein Blick folgte dem Weg zurück durch die Einfahrt, auf die vielen Dinge, die abgebrochen, umgeworfen oder zertrümmert auf dem Platz vor dem Eingang herumlagen, bis zum Fuß des Turmes.
Der Turm war hoch, sehr hoch. René sah nach unten. Ihm wurde schwindelig, doch er wehrte sich nicht dagegen – zu schön die Versuchung.
Stehe ich hier an dieser Stelle, an der ich doch nie stehen wollte und es bis heute auch vermied. Ich habe sie damals hier hochgetrieben und könnte sie heute hier oben wieder gehen lassen, indem ich dasselbe tu. So sehr, wie ich es mir wünsche, würde sich aber etwas ändern? Ich weiß, dass es nicht so ist, und es zehrt, macht mich noch kränker, und ich hoffe und schmachte nach Frieden, den ich schon einmal für ein paar Schläge meines Herzens gefunden hatte. Einen Frieden, den ich viel zu schnell vergab, genauso wie das Glück, das mit ihr starb. Ich ließ es zu und es ging für immer verloren, egal, wie sehr ich später danach suchte. Habe ich es doch nie geschafft, einen Strich zwischen damals und mir zu ziehen, weil jeglicher Augenblick meines Lebens bereits Vergangenheit war, als er geschah. Welch erschütternde Misere. Mein holpriges Leben fügt sich zusammen dank der vielen Steine auf meinem Weg und trotz all der Lücken, die es gab und die niemals geschlossen werden konnten. Kann ich denn nun wirklich glauben, dass ein Ende meines Seins ein wahrhaftiges Ende sein wird?
René trat vom Rand zurück und glitt entkräftet an seinen Krücken herab auf den Boden.
Er blickte auf die Broschüre in seiner Hand und erinnerte sich an Frau Krachts, die immer für ihn Zeit hatte und wie eine Mutter hätte sein können, hätte er es nur zugelassen, da war der Buchladen, der ihm diese Broschüre präsentierte, aber die überschwängliche Freude auf Justin und die finanziellen Möglichkeiten mit ihm ließen sie zügig wieder in der Auslage versinken, und da war das Café, in dem er sie fand und einfach nur hätte mitnehmen müssen, doch die Verlockung von Macht und Pracht waren damals größer als sein Verlangen nach innerem Frieden. So dauerte es sein ganzes Leben lang, bis er endlich die Zeit hier oben finden würde, all das zu lesen, was er vor so vielen Jahren schon hätte lesen sollen.
Und er fing ganz von vorne an ‚Du suchst etwas und weißt nicht was?‘.
Stunden waren vergangen. Er hatte die Broschüre ganz durchgelesen, hörte den Wind durch die Bäume rauschen und schaute zu den Wolken, die auch jetzt wieder die schönsten Figuren in den Himmel zauberten. Er ertastete mit einer Hand die raue Oberfläche des Bodens, so wie damals die Rinde des Baumes und fühlte jetzt auch die Hand seiner Andrea, die ihm in diesem Moment vergab.
Dine wollte René wieder abholen, sah ihn aber nicht am Tor. Der Turm, ja der Turm war es, von dem er immer wieder einmal gesprochen hatte. Im Dunkeln wagte sie sich schließlich durch das alte Gemäuer zum Aufgang hin und dann hinauf.
Dort fand sie ihn auf dem Boden sitzen, seine Augen waren geschlossen und das Gesicht zum Himmel gerichtet. Sie wollte ihn gerade ansprechen, als seine rechte Hand von seinem Schoß auf eine Broschüre glitt und dabei zwei Schnipsel Papier freigab, die vom Wind fortgetragen wurden.