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In Schuld gefangen – Kapitel 14 „Rast“

Sehnsüchtig hatte er den Nachmittag erwartet. Jennifer rief ihn heute entgegen der Absprache auf seinem Handy schon in der Staatsanwaltschaft an, um ihm zu sagen, dass sie auch ganz bestimmt zu ihm kommen werde. Er freute sich und wollte gerade ein paar Donuts vom Café in der Nähe seiner Arbeit mitnehmen, als Jennifer ihn erneut anrief, um ihn zu bitten, doch zu ihr zu kommen.
„Die von der Klinik haben soeben angerufen, dass meine Mutter schon an diesem Wochenende entlassen werden könnte“, sagte Jennifer freudig, „ich müsste da noch einiges vorbereiten.“
„Klar“, stimmte René zu, „ich komme und werde dir dabei tatkräftig unter die Arme greifen“.
Freudig steckte er sein Handy ein.
Die Fenster standen offen und Gardinen wehten heraus.
Ein schmaler Weg führte um das Haus herum in den Garten. Dieser war nur durch ein kleines Gartentor von der Einfahrt getrennt. Es quietschte. Als er das Tor geschlossen hatte, rief Jennifer ihm schon aus einem der Fenster im ersten Stock zu, dass er durch die Terrassentür hereinkommen könne.
Ein Lied summend kam sie die Treppe herunter und fiel ihm um den Hals.
„Ich habe oben die Fenster schon geputzt“, fing sie gleich an zu erzählen, „jetzt müssen nur noch die Betten rausgehangen, es muss Staub gewischt und gesaugt werden. Ordentlich ist so weit alles, also können wir uns das Aufräumen sparen. Ich bin so glücklich. Wir werden eine Party feiern, wenn sie da ist und du lädst Dine ein und wen du noch so kennst und ich lade die Kollegen ein, und natürlich Melanie.“
„Hm, Melanie, sollte ich sie kennen?“
„Wirst du noch kennenlernen, keine Bange, sie ist eine Süße, kann aber auch beißen.“
Jennifer summte wieder kurz die Melodie und fiel rücklings auf die Couch.
„Kannst du dir vorstellen, sie ist wieder auf den Beinen und ich habe noch meinen Freund!“
„Was war denn sonst mit deinen Freunden?“
René wusste nicht, was er von ihrer Aussage halten sollte und fragte nach: „Liegen deine ehemaligen Freunde jetzt im Garten, vielleicht unter den Rosen? Und ich dachte, du hättest bis jetzt noch keinen Freund gehabt.“
„Zur Beruhigung mein Schatz“, Jennifer richtete sich auf, drehte sich zu ihm und legte ihre Hände auf seine Schultern, „alle von denen leben noch. Ich hatte bis jetzt nur sehr kurze und vielleicht noch nicht einmal richtige Beziehungen, eher Freundschaften. Zu viel mehr ist es nicht gekommen, denn meine Mutter bekam immer einen Anfall, wenn ich einen mit nach Hause brachte. Na ja, vielleicht nicht unbedingt beim ersten Mal, aber spätestens beim dritten Besuch konnte sie es nicht mehr aushalten und hat sich das auch deutlich anmerken lassen. Natürlich war derjenige darüber verärgert und hat deshalb auch wieder Schluss gemacht. Ich habe dann heulend in meinem Zimmer gehockt. Solch eine Ungerechtigkeit, war es doch keiner von denen, an dem es lag, sondern meine Mutter hatte ihre Probleme mit ihnen. Mit dir ist das total anders. Du hast ihr geholfen, gesund zu werden. Sie hat mich nicht verloren, sondern dich dazugewonnen. Vielleicht musste es auch so kommen.“
Sie lächelte zufrieden.
„Wir haben noch eine Menge zu tun“, sagte sie beim Aufstehen und zog René mit nach oben. Dort drückte sie ihm einen Lappen in die Hand, machte mit einem Zeigefinger nur zwei Runden im Zimmer und ging selbst zu einem Fenster, um den dort stehenden Eimer zu nehmen.
„Wenn mich jemand sucht, ich bin unten!“, sprach sie und tänzelte dabei zur Tür, warf ihm noch einen flüchtigen Kuss entgegen und verließ mit einem bezaubernden Lächeln den Raum.
René schaute sich um. Weiße Betten mit unscheinbarem Muster erhellten das Zimmer. Es roch frisch. Alles war fein säuberlich ausgesucht und passte einfach nur wunderbar zusammen. Die verglasten Schranktüren spiegelten die beiden Fenster wider, sodass der Raum viel größer wirkte. Auf der Kommode zwischen den Spiegeln lagen Seifenstücke fein säuberlich in hauchdünnes Papier gewickelt und mit jeweils einer Schleife versehen. Der Stuhl vor dem Bett war im gleichen Stil wie die beiden anderen Möbelstücke. Über dessen Lehne hingen schwarze Nylonstrümpfe. Er ging zu ihm, nahm die Strümpfe und ließ sie durch seine Finger gleiten.
„Die gehören meiner Mutter und hängen schon seit Jahren dort. Sie selbst möchte sie nicht wegräumen, ich soll es aber auch nicht tun. Ich glaube, mich erinnern zu können … Mama und Papa waren im Kino, danach noch etwas trinken und kamen erst ziemlich spät wieder nach Hause. Sie hatte diese Strümpfe noch an, als die beiden sich in dieser Nacht das letzte Mal geliebt haben, bevor er dann später …, aber das weißt du ja.“
René fühlte sich peinlich ertappt, als er das hörte.
Für ein paar Sekunden schien Jennifer in Gedanken versunken, fügte dann aber hinzu, dass das Leben ja weitergehen würde.
„Anstatt dir die Strümpfe meiner Mutter gefallen zu lassen, wolltest du mir doch helfen. War da nicht was?“
Jennifer lächelte und René legte die Strümpfe äußerst behutsam wieder über die Stuhllehne.
Mit einem Strich ihres Zeigefingers über den Spiegel auf der Kommode unterstrich sie ihr Gesagtes, doch endlich mit dem Staubwischen anzufangen.
René war immer noch beeindruckt von diesem Zimmer, von den Möbeln, den Accessoires, der Schlichtheit, dem Geschmack. Und wie er sich umsah, konnte er sich sehr gut vorstellen, auch in so einem Haus zu wohnen; wo alles stimmt – außen, innen und dessen Bewohner.
Schließlich wurde er fertig und suchte nach Jennifer. Sie war unten auch mit den Fenstern durch und wollte René zu einem Kaffee holen.
„Da kommst du ja, ich wollte dich gerade holen. Magst du einen Kaffee?“
Sie hielt ihm eine Tasse hin, die mit leicht gewelltem Rand und Blumendesign das perfekte Geschirr zu diesem Kleinod bildete.
Er holte die Donuts und bemerkte nebenbei, dass die Hausarbeit zusammen mit ihr richtig Spaß machen würde und nicht nur ein notwendiges Reinemachen sei.
„Wenn ich nicht allein bin, macht es mir auch mehr Spaß“, stimmte Jennifer zu.
Gegen Abend waren sie mit allem fertig. Das Haus glänzte und beide waren froh darüber.
„Wenn Mama übermorgen nach Hause kommt, wird sie es schön haben.“
Sie legte ihre Beine hoch und ihren Kopf in seinen Schoß.
Immer leiser werdend redete sie vor sich hin: „Vielleicht ist es ja doch gar nicht so schlecht, wenn …“
Abgesehen von ihren regelmäßigen und kaum hörbaren Atemzügen war es nun still um René geworden, der dann auch seinen Kopf nach hinten auf die Lehne legte und einschlief.
Mitten in der Nacht wachten sie auf, ob einzeln oder beide zur gleichen Zeit konnte keiner sagen. Sie taumelten vom Wohnzimmer ins Bad und nach einer Katzenwäsche von dort in Jennifers Bett.
Am Morgen beeilten sich beide, auf ihre Arbeit zu kommen. Ein Kuss, ein Winken und sie verloren sich im Morgennebel.
An diesem Nachmittag trafen sich Jennifer und René im CP. Er holte sie von dort ab und sie fuhren gemeinsam zur Klinik. René sprach unterwegs pausenlos davon, was er gern mit ihrer Mutter unternehmen wollte und sie horchte ihm zu, wie gewohnt schräg im Sitz neben ihm, ihn beobachtend: seine schmalen doch wohlgeformten Lippen, wie sie sich bei jedem Ton bewegten, ja tanzten, seine Augen, denen nichts auf der Straße entging, seine kleinen Ohren, in die sie kaum hineinbeißen konnte, wenn er sich dagegen wehrte und seine schönen Hände, die wunderbare Schauer über ihre Haut zu jagen vermochten. Da saß er, schwärmte von ihrer Mutter und sie hatte noch vor Kurzem davon geredet, Vertrauen aufbauen zu wollen, bis sie mit ihm zusammenziehen würde. Auf was für ein Vertrauen wollte sie denn warten? Was ist eigentlich Vertrauen? Hat sie nicht ein wunderschönes Gefühl, wenn sie an ihn denkt und fehlt er ihr denn etwa nicht gleich, wenn er gerade einmal um die Ecke verschwunden ist? Vielleicht ging ihr alles noch zu schnell, vielleicht war sie vorsichtig, weil es dieses Mal mit Mutters Segen geschah, was doch äußerst ungewöhnlich war? Sie wusste keine Antwort darauf und wenn sie sich René so von oben nach unten besah, wollte sie auch gar keine Antworten mehr haben, denn es passte einfach alles zusammen.
Ihr Auto bog von der Straße auf das Klinikgelände ab. Sie gingen Hand in Hand vom Parkplatz durch die Eingangstür direkt zum Fahrstuhl. René ging bewusst an der Treppe vorbei, weil Oberschwester Beate dort stand und sich mit einer Frau unterhielt. Der Fahrstuhl kam noch bevor Oberschwester Beate die beiden erblickte oder sich selbst nach oben in Bewegung setzte.
Im Gang standen Betten. Patienten gingen mit ihren Besuchern auf und ab, andere Besucher wiederum fragten nach Patienten. Ein Bett stand im Weg und alle zwängten sich an ihm vorbei.
Sie klopften an die Tür. Ohne die Aufforderung zum Hineingehen abzuwarten, traten sie ein.
Helen stand am Fenster. Sie drehte sich um, als die Tür geschlossen wurde, und fragte, wo die beiden denn nur so lange geblieben wären?
„Ich habe euch kommen sehen und ihr habt ewig bis hier hoch gebraucht!“
„Hallo Mama!“
„Hallo Jennifer, Schatz!“
„Hallo René!“
„Hallo Helen!“
Sie drückte beide gleichzeitig und René flüsterte ihr heute ins Ohr ‚die Nachtigall und die Lärche sangen um die Wette, doch die Lärche gewann, während sie im Himmel tanzte‘.
„Morgen kommst du endlich heim!“
Jennifer fasste ihre Mutter bei den Händen.
„René und ich haben alles vorbereitet. Mein René wird zu uns ziehen.“
Sie sprach es aus, dann kein Ton mehr.
Helen wartete darauf, dass noch etwas kam, Jennifer wartete darauf, dass wenigstens einer der beiden reagierte und René war sprachlos, denn das war das Letzte, was er erwartet hatte.
Kurze Zeit später löste sich die Stille, als Helen es ganz toll fand, René nun jeden Tag um sich herum zu haben.
„Wirklich, ich freue mich so. Du kannst mir auch endlich erzählen, wo du die schönen Sprüche herhast, die du mir immer in mein Ohr flüsterst.“
Sie strich ihm über eine Wange und lächelte dabei, wie es seine Mutter früher tat. Und René machte die größten Augen seit er und Jennifer ein Paar waren. Er blickte dabei Jennifer an und hob die Schultern, als hätte er nicht richtig verstanden.
„Seine Wohnung“, sagte sie, „ist doch ziemlich teuer. Und neben der Miete zahlt er dazu ja noch“, sie begann, mit den Fingern aufzuzählen: „extra Strom, extra Telefon, extra Wasser, extra Gas, extra Fernsehen und“, es folgte eine kurze Pause, „er ist immer so weit weg von mir.“
„Wann habt ihr das beschlossen?“, fragte Helen und blickte zu René.
Der aber hob erneut seine Schultern.
Jennifer sprach weiter: „Habe ich soeben“.
„Du hast das soeben?“
Helen sah zu ihrer Tochter, die jetzt hilfesuchend René anschaute.
Ihm fiel auch eine ehrlich gemeinte Erklärung dazu ein: „Ich habe es Jennifer schon vor einiger Zeit angeboten, doch damals war wohl alles noch zu neu. Ich denke aber, dass ich ihr bis heute zeigen konnte, es wirklich ernst mit einer langfristigen Beziehung zu meinen, wobei es sicher am besten ist, auch zusammen zu wohnen. Und natürlich möchte ich sie auch immer in meiner Nähe haben.“
Helen nickte sichtlich erleichtert über die Übereinstimmung der beiden Meinungen.
„Komm her, mein Lieber, lass dich drücken.“
Sie nahm ihn in ihre Arme und hielt ihn wie ihren eigenen Sohn.
„Und das mit dem ‚Sie‘ lassen wir ab heute.“
Der folgende Spaziergang war nicht sehr ausgedehnt, weil Helen noch ihre Sachen packen wollte, von denen Jennifer und René das Meiste an diesem Tag schon mitnahmen. Sie verabschiedeten sich mit dem Wissen, am nächsten Morgen gegen zehn wieder hier zu sein, um sie abzuholen.
René grinste, als beide im Auto saßen und das Klinikgelände wieder verließen.
„Du bist mir ja Eine, erst stellst du mir in Aussicht, noch weitere Monate allein in meiner Wohnung hocken zu müssen, bis wir endlich zusammenziehen können und dann“, er schlug seine Hände aufeinander, „ping, schon bin ich bei dir … äh … bei euch eingezogen. Das ist unglaublich!“
„Wenn du etwas dagegen hast, musst du es sagen, sonst gibt es bald kein Zurück mehr!“, sagte sie schmunzelnd und blickte in ein strahlendes Gesicht.
„Hast du dir auch schon überlegt, wann du mich als neuen Mitbewohner begrüßen möchtest?“
„Ich denke, wir können uns hierfür ein wenig Zeit lassen. Du bringst deine Sachen schrittweise zu uns ins Haus und wenn abzusehen ist, wann die Wohnung übergeben werden kann, kannst du deinem Vermieter Bescheid geben, dass du ausziehst. Du sagtest einmal, du hättest einen Monat Kündigungsfrist im Mietvertrag stehen. Stimmt doch?“
„Ja, das stimmt, vier Wochen zum Ende eines Monats.“
René zählte nach und war erstaunt, dass ihm nur noch sieben Wochen blieben, bis er sein kleines Reich aufgegeben hätte. Mit etwas Wehmut dachte er daran, mit weitaus mehr Freude dachte er an ein tägliches Zusammensein mit Jennifer. Auch Helen, die er sehr mochte, wäre ab jetzt immer in seiner Nähe.
„Glaubst du nicht, dass deine Mutter erst einmal in Ruhe zu Hause ankommen möchte?“
„In Ruhe zu Hause ankommen?“
„Ich meine, wegen der Party.“
Jennifer überlegte.
„Stimmt, vielleicht will sie einfach nur wieder zu Hause sein, ohne Stress, ohne was, nur sie und wir beide. Und die Party können wir nachholen. Apropos holen, aber wir holen an diesem Wochenende trotzdem noch nichts von deinen Sachen, ja?“
Sie blickte dabei zu ihm hinüber, den Kopf an der Kopfstütze angelehnt, eine Strähne ihrer Haare über einem Auge und den Mund leicht geöffnet. Solch einem Blick konnte er natürlich nicht widerstehen und stimmte schmachtend zu, alles langsam angehen zu lassen.
Sie kamen in seinem zukünftigen Heim an und parkten das Auto das erste Mal in der Garage. Als Jennifer das Rolltor herunterzog, fühlte sich René schon wie zu Hause.
„Es ist wie ein richtiges Ankommen bei dir und mit dir.“ fing René an.
„Aber, wenn ich hier wohne“, er blickte dabei an dem Haus empor, „wohne ich viel näher an der Staatsanwaltschaft. Brauchen wir denn das Auto überhaupt noch?“
„Das warten wir wohl erst einmal ab. Wer weiß, wozu wir es noch gebrauchen können und dann ist keins da, um zum Beispiel morgen meine Mutter zu holen.“
René beließ es also dabei und nahm Jennifer an eine Hand. Sie gingen hinein.
Es wurde Samstag. René und Jennifer hatten die vergangene Nacht unruhig geschlafen; Jennifer, weil sie ihre Mutter an diesem Tag nach Hause holen wollte und René, weil Jennifer so unruhig war. Das Frühstück bestand nur aus Kaffee. Auf Toast oder Brötchen und damit auch auf Marmelade, Käse oder Wurst wurde verzichtet, es sollten nirgendwo mehr Krümel zu finden sein, wenn Helen ihre Küche wieder betritt. Die beiden Tassen spülten sie aus und stellten sie in den Schrank zurück. Die Küche sah aus, als wäre sie ein Ausstellungsstück in einem Möbelhaus. Blumen hatte Jennifer schon am Tag zuvor hereingeholt; es waren aber keine Rosen, denn die sollten nur im Garten blühen. Sie stellte einen großen Strauß Margeriten auf den Küchentisch, der Helen freudestrahlend in ihrem Heim begrüßen sollte.
Sie kamen mit Helen in der Bellham an.
„Ist das schön, wieder zu Hause zu sein!“
Helen blickte sich um, als würde sie eine Zeitreise in die Vergangenheit machen.
„Ich wusste gar nicht mehr, wie schön es hier ist!“, unterstrich sie ihre erste Freude und ging entlang der Couch, ihre Finger an der Lehne streifend, über die Kissen und über die Decke, die dort lag, sollte es einmal kühler sein und man würde sich wärmen wollen.
„Willkommen wieder zu Hause!“
Jennifer ging mit ausgestreckten Armen auf ihre Mutter zu. Sie umarmten sich und auch René wurde hinzugewunken.
„Es gab in den Tagen zwischendrin immer wieder einmal Momente, dass ich dachte, ich würde das hier nicht wiedersehen.“
Sie hatte Tränen in den Augen und René wusste nicht mehr, wie er mit der Situation umgehen sollte.
Er lenkte ab und sprach von den Hinweisen des Arztes.
„Der Doktor hat gesagt, dass Sie, nee“, er berichtigte sich, „dass du eine entspannte Umgebung brauchst und jegliche Unruhe vermeiden sollst – Emotionen gehören dazu. Und nur, weil du so sehr darauf gepocht hättest, hat man dich heute schon entlassen.“
Was er sagte, verfehlte seine Wirkung nicht, denn sie wischte sich die Augen und bestätigte seine Worte mit der Zugabe: „Weil ich ihn so lange genervt habe, denn das hat er mir einmal vorgehalten: Wenn Sie, Frau Estril, nicht langsam aufhören, mich zu nerven, werde ich Sie in den Keller verlegen lassen.“
Sie lächelte etwas dabei und fügte mit erhobenem Zeigefinger an: „Und der hätte das auch getan!“
Alle lachten.
Helen brachte ihre Sachen nach oben in ihr Schlafzimmer, als ein kleiner blonder Lockenkopf vor der Eingangstür stand, sich die Nase an der Scheibe breitdrückte, mit einer Hand das Licht abschirmte und mit der anderen leise klopfte.
Jennifer blinzelte René an und eilte zur Tür.
„Darf ich dir vorstellen, das ist Melanie.“
René war sichtlich angetan von der Kleinen, kniete sich herunter und begrüßte sie.
„Hallo Melanie, du bist also die Süße, die auch mal beißt?“, woraufhin sie sich an Jennifer schmiegte und René nicht aus ihren Augen ließ. Er hielt ihr seine Hand zur Begrüßung hin. Sie legte ganz vorsichtig ihre Hand zwischen seinen Daumen und den Zeigefinger, zog sie aber rasch wieder zurück und rannte los.
Die Stufen waren für sie noch etwas hoch und es sah putzig aus, wie sie ihre kurzen Beinchen hochhievte, um die Treppe zu erklimmen.
„Sie geht hoch zu Mama.“
René schaute fragend.
„Sie ist die Tochter von unserem Nachbarn. Meine Mutter hat auf sie aufgepasst, wenn die Nachbarn arbeiten waren. Speziell in der letzten Zeit scheinen noch Beziehungsprobleme hinzugekommen zu sein, sodass Melanie dann auch sehr oft bei uns war. Meine Mutter war froh, dass sie tagsüber jemanden um sich herum hatte und, ich sage es einmal so deutlich, die waren froh, neben dem Partner nicht auch noch auf ihr Kind aufpassen zu müssen.“
„Und dabei ist die Kleine doch so süß, adoptiert die doch, oder wir tun es!“
„Langsam!“
Jennifer zog dieses Wort gekonnt in die Länge und drückte ihn währenddessen sanft von sich.
„So einfach geht das nicht.“
„Also habt ihr schon mal daran gedacht?“
„Eher meine Mutter und denken kann man viel. Außerdem hast du hier nur ‚Fräulein Melanie ist glücklich, uns wiederzusehen‘ erlebt, du solltest aber einmal ‚Fräulein Melanie bekommt ihren Kopf nicht durchgesetzt‘ oder ‚Fräulein Melanie möchte nicht schlafen‘ erleben, ich glaube, da änderst auch du deine Meinung.“
René sah nur schmunzelnd die Treppe hoch.
„Wir haben doch nicht an alles gedacht. Könntest du nicht Saft und etwas Obst holen, mein Schatz?“, fragte Jennifer vor dem geöffneten Kühlschrank stehend.
Als sie nichts hörte und ins Wohnzimmer blickte, war René schon weg.
Ihr gefiel dieser Zustand, wie sie gemeinsam dafür sorgten, dass genug zu essen im Haus war, so, wie sie vorher gemeinsam das Haus herrichteten. Und René stand vor der Garage, hielt den Hebel des Rolltores in seiner Hand und fühlte sich am Ziel angekommen.
Als er zurückkam, waren alle am Tisch in der Küche versammelt. Jennifer und ihre Mutter saßen sich gegenüber und Melanie, seitlich dazwischen, schlürfte die Milch aus einer Schale mit Müsli, ohne René zu beachten.
„Wir haben kurz darüber geredet, dass wir die obere Etage ausbauen könnten, damit wir dann unten einen eigenen Wohnbereich haben.“
Jennifer bat ihn mit ausgestrecktem Arm, sich zu ihnen zu setzen.
„Wir könnten dann machen, was wir wollen und würden Mama nicht stören.“
„Was haltet ihr aber davon, wenn wir den Raum dort hinten nehmen?“
René blickte Richtung Terrasse und meinte den Raum, der nur zur Aufbewahrung von eigentlich nicht mehr benötigten Dingen genutzt wurde.
„Die Kammer könnten wir leerräumen, neu tapezieren und deine Möbel hineinstellen. Wir machen da einfach unser Schlafzimmer draus.“
Er beugte sich zu Jennifer hinüber und gab ihr einen flüchtigen Kuss.
„Und den Wohnbereich hier nutzen wir alle gemeinsam.“
Eigentlich war es das, was die beiden hören wollten und mit einem breiten Lächeln auf beiden Gesichtern holte sich René einen Kuss auf jede seiner Wangen ab.