„Kommen Sie herein.“
René wurde von einem älteren Herrn in Empfang genommen.
„Die Jahrgänge, die Sie suchen, sind alle dort hinten. Wenn Sie gefunden haben, was Sie suchen, haben Sie später die Möglichkeit, sich das auszudrucken. Die meisten Besucher machen das so. Wir können das auch für Sie übernehmen, aber das kostet extra. Sie können sich hierhersetzen.“
Der ältere Herr ging daraufhin ein paar Gänge weiter und bog dann ab.
René war gekommen, um in der Presse von vor etwa fünfzig Jahren nach Informationen zu suchen, die er bisher nicht hatte. Das wäre nicht schwer gewesen, hätte er nur gewusst, womit er eigentlich anfangen sollte. Also leierte er die Bilder in der Hoffnung vor sich herunter, eine dicke Überschrift zu erhaschen, in der das Wort ‚Bruillon‘ vorkam oder ein Bild, auf dem ein Bruillon zu sehen war, oder sonst ein Hinweis auf diese Familie.
Die Stunden vergingen. Endlose Zeitungsartikel sind an René vorübergegangen, als er endlich etwas fand, in dem es laut der Überschrift um die Gründung einer Praxis ging, in der er vielleicht auch sein Praktikum gemacht hatte. Es war darin die Rede von Herrn, Frau und Fräulein Bruillon. Zwischen Überschrift und Artikel war ein Bild abgedruckt, auf dem drei Personen zu sehen waren. Ein Mann im weißen Kittel und zwei Frauen in konservativer Kleidung standen vor einem Gebäude. Im Artikel war dann auch zu lesen, dass Dr. Bruillon die Praxis in diesem Gebäude hinter ihnen eröffnet hatte. René sah das Gebäude auf diesem Foto allerdings zum ersten Mal.
Bei genauem Hinsehen konnte René ein Gesicht im unteren Drittel eines Fensters im Erdgeschoss ausmachen. Es musste ein Kind sein. René wusste, dass Annagreta Bruillon nie Kinder hatte und das Baby von Luise eine Totgeburt war.
„Wer also war das Kind?“
Er hatte für heute genug gesehen, notierte sich das Datum und nahm sich eine Kopie des Bildes mit.
„Ich habe Anlass zur Vermutung, dass mein Stiefbruder hier in dieser Stadt geboren und in dieser Kirche getauft wurde.“
Am anderen Tag und nicht allzu weit von Renés Haus entfernt ging der Pfarrer auf diese Aussage hin mit ihm ins Pfarrhaus. Dort bewahrte man die Taufbücher in einem kleinen Zimmer auf.
„Das Jahr … das Jahr … warten Sie … hier habe ich es. Die Namen derer, die in dem von Ihnen genannten Zeitraum hier getauft wurden … es sind nicht sehr viele, wir sind eine kleine Gemeinde. Sie habe ich hier aber noch nie gesehen. Haben Sie einen Nachnamen, nach dem wir suchen können?“
René erschrak. Sollte er dem Pfarrer die Wahrheit sagen? Er war sich überhaupt nicht sicher, was er tun sollte, doch musste er weiterkommen. „Bruillon“, rutschte es aus ihm heraus.
„Bruillon, haben Sie Bruillon gesagt?“
Er nickte und der Pfarrer klappte das Buch zu. René sah seine Chance schwinden, hier irgendetwas erfahren zu können.
„Mein Freund, die Bruillons, und da bin ich mir sicher, haben nur ein Kind taufen lassen, das war am …“, er schob das Buch ins Regal zurück und zog ein anderes heraus, „hier haben wir es, am neunzehnten Dritten getauft auf den Namen Antoine. Das kann aber nicht derjenige sein, den Sie suchen, denn die Bruillons haben sonst keine Kinder gehabt. Es kann sich also nur um einen Irrtum handeln, tut mir leid. Vielleicht war nur der Nachname falsch oder der Ort.“
René bedankte sich vielmals für die Hilfe und ging.
Wenn ein Kind dagewesen ist, dann war es das von Luise. Warum aber erzählte sie mir, grübelte er nach, dass ihr Baby tot zur Welt gekommen sei? Und wo ist Antoine jetzt? Auf dem Stein der Familiengruft, in der Luises Vorfahren beerdigt waren, gab es keinen Hinweis auf einen Sohn. Für die Bruillons gab es bis dahin noch keinen Anlass für eine Grabstelle. Alle Bruillons, die hier gelebt haben, sind lebendiger Weise wieder fortgezogen. Vielleicht ist auch Antoine mit irgendjemandem fort, sinnierte René.
Er könnte das aber dort nicht herausfinden, weil jegliche Beziehung zu seinem Mentor und Luises Ex-Ehemann in die Brüche gegangen ist. Außerdem nahm er an, dass Dr. Bruillon gar nicht mehr lebt. Er hatte einmal einen Gesprächsfetzen mitbekommen, als Luise und Nigel sich unterhielten und er ihr sagte, dass deshalb auch mit keinerlei Ansprüchen seitens der Familie Bruillon mehr zu rechnen sei. Und weil sich das Gespräch um Immobilien drehte, kombinierte René, dass Dr. Bruillon und wohl auch dessen Schwester inzwischen verstorben sein müssten.
René ging zurück zum Zeitungsarchiv. Weil er das Kind hinter dem Fenster auf sieben Jahre schätzte, begann er seine Suche sieben Jahre nach Antoines Geburtsjahr. Der ganze Jahrgang brachte jedoch weder Nachrichten noch Todesanzeigen zum Ableben eines Antoine Bruillon. Auch der nächste Jahrgang brachte nichts Nennenswertes.
Dann der Treffer. Er fand also doch den ersehnten Hinweis in einer Todesanzeige, dass Antoine plötzlich und unerwartet verstorben sei und man seinen Leichnam in die Familiengruft der Bruillons nach Bath verbringen würde, wo auch das Begräbnis stattfände.
Er war also neun, als er starb. In der ein paar Tage später erschienen Danksagung fand sich neben den Familienangehörigen auch ein Herr Reinhardt, Freund der Familie.
René bemaß dieser Information jedoch vorerst keinerlei Bedeutung bei und kam deshalb mit seiner Geschichte ins Stocken.
Er wusste nicht mehr weiter. Alles, was er hätte packen können, hatte er auch gepackt, doch wirklich neue Informationen zu Ilias sind dabei nicht herausgekommen.
„Was haben wir?“, baute Dine alles neu auf, „da ist ein neunjähriger Junge, der unter mysteriösen Umständen stirbt, da ist Luise, die nicht will, dass du das weißt, sonst hätte sie dich damals nicht angelogen und wir haben deinen Sohn, der Tabletten bekommt, die sicher nicht notwendig sind. Da muss es doch einen näheren Zusammenhang geben.“ Brummelnd wiederholte sie für sich „Wir haben … und … und … oder so … oder. Ich habs! Was ist, wenn wir den schlimmsten aller Fälle annehmen, drehen die Reihenfolge unserer Informationen einmal um und finden so vielleicht den Weg aus der Sackgasse heraus. Nehmen wir doch einfach einmal an, Antoine stirbt nicht an einer Krankheit, sondern weil er ein Medikament bekommen hat. Und dieses Medikament ist das Gleiche, wie das für Ilias. Als Antoine stirbt, wird er kurzerhand nach Bath verfrachtet, wo er friedlich ruht. Kein Wunder, dass du hier nichts finden konntest. Wir hätten damit endlich mal wieder einen Punkt erreicht, an dem wir weitermachen können.“
„Sollten sie den Sohn von Luise wirklich nach Bath gebracht haben, weil sie Probleme vermuteten? Und was ist mit Luise? Es war ihr Sohn.“
„Vielleicht wusste Luise gar nichts von diesem Experiment oder alle wollten sichergehen, dass wirklich in aller Ruhe viel Gras über die Sache wachsen kann und das geht nun einmal sehr weit weg von hier am besten.“
„Was fehlt, ist allerdings noch ein Glied. Die, egal ob mit Luise oder nicht, mussten jemanden haben, der den Totenschein ausstellte. Dieser Jemand müsste natürlich gewusst haben, dass plötzliches Herzversagen zu seinem Tod führte, was womöglich auf die Tabletten zurückzuführen wäre. Ein Kind wird in jedem Fall exhumiert, sollte auch nur der geringste Zweifel daran bestehen, dass dessen Tod nicht natürlich war. Also gibt es den Doktor ‚X‘. Wir müssen diesen Arzt von damals unbedingt finden. Doch wer könnte das gewesen sein?“
Die Nachforschungen der zwei privaten Detektive wurden von einem Ereignis unterbrochen, das eines der beiden Leben in ein vollkommen neues Licht tauchte.
Es war noch früh am Morgen. René wollte sich ein Fotoalbum der Bruillons ansehen, als es ihm einfach auf den Boden fiel. Er konnte sich das nicht erklären und ihm fehlte die Kraft, es umgehend wieder aufzunehmen. Erst unter äußerster Anstrengung und nach einer Schreckenspause konnte er es mit beiden Händen greifen und in den Schrank zurücklegen. Erschöpft setzte er sich auf einen der Stühle und ließ seine Arme herabhängen.
„Luise, Luise!“
René rief mehr erschrocken als panisch.
Sie war auch gleich zur Stelle und rief Dr. Gassling an, den Hausarzt.
„Es ist wie tot hier drin, ich kann die Arme nur noch ein wenig bewegen, und meine Beine sind taub.“
Dr. Gassling machte ein betrübtes Gesicht.
„Ich weiß nicht, was es sein könnte. Hierfür gibt es mehrere Ursachen. Hoffen wir einfach das Beste.“
„Was glauben Sie, Gerhard, sagen Sie uns, was Sie denken.“
„Ich kann nichts sagen, Luise, aber es bedeutet nichts Gutes. Auf alle Fälle muss er gleich mitkommen. Wir werden ein CT durchführen, eventuell auch ein MRT. Ich möchte einfach nur einen Tumor, Schlaganfall, Herzinfarkt oder Ähnliches ausschließen.“
René wurde in die Klinik gebracht.
Vier Stunden später war er wieder zu Hause. Luise war ihm keinen Zentimeter von seiner Seite gewichen. Nur als die Geräte zum Einsatz kamen, musste sie den Raum verlassen. Auf der Heimfahrt kam sich René so schäbig vor. Neben ihm und seine Hand haltend saß eine Frau, die ihm alles ermöglichte und ein Leben geboten hatte, wie es leichter nicht hätte sein können. Zum Dank dafür schnüffelte er jener alten Dame hinterher. Kann das richtig sein, fragte er sich, den diese Frage im Moment mehr beschäftigte als seine ihm immer noch schlaff herabhängenden Arme.
„René, ich mache mir Sorgen! Sicher, es ist gut, dass die nichts in deinem Kopf oder am Herz gefunden haben, aber die vielen anderen Krankheiten, die es gibt, meine Güte, René, hoffentlich wird alles gut.“
Nach ein paar Tagen war die Funktionalität seiner Arme und Beine wiederhergestellt. Es war jedoch fürchterlich für René, feststellen zu müssen, wie schnell sich auch Luise daran gewöhnt hatte, dass er sich nur schlecht behelfen konnte. Sie saß bereits am dritten Tag wieder in ihrem Arbeitszimmer und vergrub ihr Gesicht in ihren unzähligen Aufzeichnungen.
René hatte sich in dieser Zeit alle Fotoalben angesehen. Ihm war dabei ein Mann aufgefallen, der auf sehr vielen Familienfotos zu sehen war. Er nahm allerdings eines der späteren Fotos, auf dem dieser mysteriöse Mann eben nicht mehr mit in die Kamera lächelte, wie auf den anderen zuvor, und ging damit zu Luise.
„Wir haben das hier aufnehmen lassen, als Dr. Bruillon seine zweite Dissertation fertiggestellt hatte und wir das in seiner neuen Praxis feierten. Ich bin die einzige Person darauf, die noch lebt.“
Dabei seufzte sie leicht wehmütig, doch lachte dann über den Hund, der unbedingt mit auf das Foto wollte.
„Er hatte sich vor mich hingesetzt, mich mit seinen dunklen Kulleraugen angeschaut und mit seinem Schwanz gewedelt. Ich weiß nicht, aber er scheint mich gemocht zu haben, denn er wollte später sogar mit mir ins Haus.“
Luise lachte erneut.
Um diese Zeit war der Mann nicht mehr gemeinsam mit den Bruillons zu sehen. Antoine stirbt und der Mann verschwindet zumindest aus dem Leben der Bruillons. Beides geschah in diesem einen Jahr. War das Zufall?
René sah eine Chance darin, mit einer Erkenntnis aus diesem Umstand der Wahrheitsfindung wieder ein Stück näherzukommen. Er holte sich eines der letzten Bilder, auf dem jener Mann abgebildet und er dazu noch am deutlichsten zu erkennen war. René kannte den Mann irgendwoher. Der kurze Haarschnitt, sein strenger Seitenscheitel, das kantige schmale Gesicht; alles kam ihm bekannt vor, doch wer es war, fiel ihm erst in der Nacht ein, als er schon Stunden im Bett lag.
René befand sich auch in dieser Nacht in jenem Dämmerzustand, in dem er in den vergangenen Wochen schon so viel Zeit verbracht hatte. Besonders nachts dachte er viel nach und hatte dann auch oft eine Idee, die ihn wieder ein Stück vorwärtsbrachte.
Er schreckte hoch. Es war der Mann, der sie in der Klinik begrüßte und dann die Papiere für Ilias fertiggemacht hatte, es war der Mann, der mit in der Danksagung aufgelistet war, es war dieser Dr. Reinhardt. René saß wie versteinert im Bett. Was könnte dieser Doktor mit den Bruillons zu tun gehabt haben, und warum ist er von der Bildfläche verschwunden?
Die Nacht war noch nicht zu Ende. René rief Dine an, die ihm lediglich zu verstehen gab, dass sie ihn zurückrufen werde. Er wartete jedoch nicht so lange und sagte Luise, an diesem Morgen auf das Frühstück verzichten zu wollen. Entgegen Luises Protest machte er sich auf den Weg zu Dine, die ihm missmutig die Tür öffnete.
„René, was rufst du mitten in der Nacht an? Du spinnst doch! Worum geht es denn überhaupt?“
„Dine, beruhige dich, ich habe einen triftigen Grund. Der Arzt, der Luise und mich als Zweites aufgesucht hatte, als wir in Ilias‘ Geburtsnacht in der Klinik waren, ist ein gewisser Dr. Reinhardt.“
„Ja und? Was ist da besonderes dran?“
„Dieser Doktor war bis zum Tod von Antoine mit der Familie Bruillon befreundet, zumindest war er immer mit auf den Fotos, danach nicht mehr. Also muss der etwas mit dem Tod von Antoine zu tun haben!“
„Und mit den Tabletten, die Ilias bekommt“, schlussfolgerte Dine jetzt vollkommen wach.
„Wir brauchen die Unterlagen. Ich denke aber, dass dieser Dr. Reinhardt solche brisanten Unterlagen nicht in der Klinik aufbewahrt. Er hat sie zu Hause!“
Dine versprach René, dieser Sache nachzugehen und ihm Bescheid zu geben, sollte sie näheres wissen.
Ein herabfallendes Glas alarmierte Luise. Sie stand auf und ging zügig in den Salon. Ilias kam die Treppe herunter, blieb jedoch auf der untersten Stufe stehen.
René lag neben dem Tisch und hielt einen Arm leicht nach oben, seine Hand war gewölbt und sein Kopf zu den vielen Scherben gedreht, die verstreut um den Tisch herumlagen.
„Ich konnte mich einfach nicht mehr auf den Beinen halten. Dabei ist mir auch das Glas aus meiner Hand gerutscht, einfach so herausgerutscht.“
Dr. Gassling kam sofort.
„Ich nehme ihn jetzt wieder mit in die Klinik und er wird dort ein paar Tage bleiben müssen. Wir machen einige Tests und dann kann er hoffentlich wieder nach Hause.“
„Gerhard, es ist jetzt das zweite Mal, dass er in die Klinik muss, was hat er?“
„Es ist zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nicht möglich, etwas zu diagnostizieren. Wir wissen, dass es keine Multiple Sklerose ist, auch eine Diparese schließen wir aus. Es ist entweder Multisystematrophie, Idiopathisches Parkinson-Syndrom oder Amyotrophe Lateralsklerose. Die Krankheitsbilder sind ähnlich, gerade bei MSA und IPS. ALS lässt sich ohnehin schwer diagnostizieren. Haben Sie bitte Geduld. René wird in ein paar Tagen wieder bei Ihnen sein.“
„Was können sie mir über diese Krankheiten sagen, Gerhard? Ich bin sehr beunruhigt.“
Luise flehte mit gefalteten Händen.
„Diese Krankheiten sind auch beunruhigend, Luise, es tut mir so leid. Multisystematrophie ist eine Parkinson-ähnliche Krankheit, auch Idiopathisches Parkinson-Syndrom ist eine degenerative Erkrankung, die unter anderem Symptome der Bewegungsarmut bis hin zur Bewegungslosigkeit zeigen kann. Die Amyotrophe Lateralsklerose ist eine Motoneuronerkrankung. Sie geht unter anderem einher mit Muskellähmung. Alles kann infrage kommen. Es könnte natürlich auch sein, dass seine Gesundheit durch etwas aus seiner Vergangenheit solch eine akute Verschlechterung erfährt. Wir werden deshalb sein Blut auf Antikörper und seine Lymphdrüsen auf Veränderungen untersuchen und hoffen, dort nichts zu finden.“
Was meinen Sie mit ‚nicht finden‘, Gerhard?“
„Antigene oder Reste einer Bakterien-DNA.“
„Wieso Antigene, wieso Bakterien? Antigene können doch so etwas nicht hervorrufen, die sind körpereigen. Oder richten die sich gegen sich selbst?“
„Das kann passieren, wenn es zu einer Überreaktion infolge des Eintrages von DNA kommt. Ja, auch Bakterien können solche Ausfallerscheinungen verursachen. Meistens geschieht das nicht unverzüglich und nicht direkt sichtbar, sondern über einen gewissen Zeitraum und dann als Wirkung auf Nerven und Organe.“
„Gerhard, sagen Sie schon, worum handelt es sich? Sagen Sie mir, was Sie vermuten! Ich bitte Sie!“
„Es könnte Treponema pallidum sein und löst Lues aus, besser bekannt als Syphilis.“
Luise wurde kreidebleich. „Ja aber, René und Syphilis, wie soll das gehen?“
„Wenn wohl eher nicht in letzter Zeit, so kann René doch mit Treponema pallidum in Berührung gekommen sein, als er damals für eine längere Zeit jenen Lebensstil bevorzugte, welcher die Ansteckung mit allen möglichen Infektionskrankheiten, die vor allem durch Geschlechtsverkehr übertagen werden, zu einer permanenten Gefahr für ihn werden ließ. Es ist sehr gut möglich, dass er sich seiner Zeit damit angesteckt hat.“
„Das ist aber schon so lange her.“
„Ja, aber das ist auch das Problem bei Lues. Die Erkrankung wird manchmal nicht erkannt und plötzlich ist die infizierte Person bei Stufe Drei von drei möglichen Stufen angelangt und dann sind lebenswichtige Bereiche des Körpers irreversibel geschädigt, darunter die Organe, die Muskulatur und das Rückenmark.“
Luise stand sprachlos und mit Tränen in den Augen vor dem Doktor.
„Es ist nicht sehr wahrscheinlich …“, fuhr er nach kurzer Pause fort, „es kann aber auch sein, dass“, Luise unterbrach den Arzt entgegen ihrer höflichen Art, „um Himmels willen, was denn noch?“, „dass infolge seines Drogenkonsums Teile des Gehirns geschädigt wurden“.
Luise konnte kaum noch stehen. „Was denn noch alles!“, wiederholte sie schluchzend.
„Doch wir müssen schauen, was wir finden, ob wir überhaupt etwas finden. Geben Sie uns bitte Zeit, wir melden uns bei Ihnen.“
Luise ging neben René. Die großen Räder des Rollstuhles glitten lautlos über den Boden. Ein Krankenpfleger half René in den Van, ein anderer verpackte den Rollstuhl.
„Es wird nicht leicht werden, aber wir schaffen das.“
René blickte zu Luise, die ihm die Hände drückte, wie immer, wenn er Trost brauchte.
„Egal, was es im Endeffekt ist, mit allem kann man noch einige Jahre leben.“
„Kann, genau, du sagst es, kann! Doch normalerweise geht es ab einem bestimmten Punkt immer schneller bergab, das weißt du aber auch.“
„Ja, aber es gibt trotzdem Menschen, die leben schon seit zwanzig, dreißig, sogar vierzig Jahren mit solchen Krankheiten und es geht. Warum soll es bei dir nicht auch gehen?“
„Sieh mich doch an. Ich bin nun mal einer von den knapp hundert Prozent, bei denen es eben nicht so ist! Und außerdem, was für ein Leben sollte das dann noch sein?“