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In Schuld gefangen – Kapitel 30 „Geheimnisse“

„Dine, ah, hier bist du. Hallo.“
René nahm ihre Hand.
„Warum sollte ich auf den Friedhof kommen?“
„Heute sind es zehn Jahre.“
Sie nahm ein Taschentuch und tupfte ihre Tränen weg. Auf einem schlichten schwarzen Grabstein stand nur sein Name ‚Leone Lagatho‘.
„Lane fehlt mir. Kannst du dich noch an unsere Unterhaltung erinnern, an dem Tag, als du ihn das erste Mal getroffen hast und wir auf der Straße noch ein paar Minuten über ihn sprachen? Kurz danach wurde er positiv auf HIV getestet, hat es mir aber erst sehr viel später gesagt.“
„Das hätte ich jetzt nicht gedacht“.
René schluckte bei dem Gedanken an diesen Abend.
„Das hat wohl niemand gedacht. Ich hatte dir damals gesagt, dass er sein exzessives Leben bis zu seinem Tod steigern könnte. Ich ahnte sein Verderben nahen, schon lange, bevor er AIDS hatte, und habe nichts unternommen. Kannst du dir nun vorstellen, dass ich mir wegen Ilias Gedanken mache?“
„Um dein Gewissen zu beruhigen? Oder meinst du wirklich, Ilias läuft in so etwas wie ein Verderben hinein?“
„Ich glaube, ich habe schon viel zu lang gewartet, denn meiner Meinung nach läuft Ilias nicht in etwas hinein, sondern ist bereits mittendrin. Dein Sohn wurde fünfzehn, ich hatte meine Bedenken, er wurde sechzehn – keiner, und vor allem du konntest meine Bedenken nicht aus dem Weg räumen. Er wird in einem halben Jahr zwanzig und ich kann mein Gewissen nicht länger damit beruhigen, dass es mich eigentlich nichts angeht und er bestens behütet wird. Denn spätestens wenn es wieder einen dramatischen Zwischenfall in meinem Familien- oder Freundeskreis gegeben hat, wird es mich etwas angehen müssen. Ich werde diesen Fehler von damals nicht noch einmal machen. Ich muss dieses Mal etwas unternehmen, du musst etwas unternehmen. Entschuldige, René, wenn ich wieder damit anfange, aber ich mache mir einfach nur Sorgen, wahnsinnige Sorgen.“
Dines ständige Zweifel hatten ihn schließlich mürbe gemacht und René überlegte laut: “Fragen muss ich niemanden mehr. Die sagen mir immer das Gleiche. Ich könnte versuchen, etwas über die Tabletten herauszubekommen, wofür genau die hergestellt werden und wer sie herstellt. Es muss einen Anhaltspunkt geben, an dem wir ansetzen können!“
Beide gingen eingehakt den Friedhofsweg entlang, der in eine dünne Schneedecke gehüllt war. Die Dämmerung hatte eingesetzt. Sie war froh, dass er neben ihr ging, dass er sie stützte, dass er sie hielt in dieser schweren Stunde, in der jedes Mal, wenn sie ihren Bruder hier besuchte, die Erinnerung an ihn ihr Herz brennen ließ. Sie kamen dann auch bald zu den alten Kastanien, die beiderseits des Friedhofseinganges standen. Es begann wieder leicht zu schneien.
„Ich rufe dich an, wenn ich Genaueres weiß, versprochen!“
Er küsste ihr die Stirn, umarmte sie und half ihr in ihr Auto. Dine kurbelte die Scheibe herunter und fragte noch einmal: „Wir sprechen uns doch bald?“
„Werden wir! Versprochen!“
Er drückte drei Finger auf seine Lippen und dann auf die von Dine, „Fahr langsam!“, fügte er noch an und winkte ihr hinterher.
René konnte die nächste Möglichkeit kaum abwarten, dass er wieder an die Tabletten gelangen könnte, die Luise in ihrem Schreibtisch aufbewahrte. Erst jetzt wunderte er sich, warum sie nicht einfach in Ilias‘ Nachttisch lagen, wie die anderen Medikamente auch, wenn er einmal krank ist. Wie dem auch sei, es musste ein Moment abgepasst werden, in dem er ungestört das Arbeitszimmer betreten, die Schachtel aus dem Schreibtisch holen, und eine Tablette austauschen könnte.
Er ging zu der Apotheke, die ihn schon früher einmal ein Scheinpräparat aus Stärke anfertigte, und ließ auch dieses Mal ein Placebo herstellen, dass auf den ersten Blick rein äußerlich nicht von den Tabletten für Ilias zu unterscheiden war. Es hatte bereits zuvor einmal wunderbar funktioniert; Ilias hatte keine Probleme, niemand hatte etwas bemerkt, auch Luise nicht. Doch damals hatte er diese eine Tablette noch verhältnismäßig einfach austauschen können, es war ja auch nur gegen Fieber, das trotz dieser wirkungslosen Tablette bald zurückging. Mit Schrecken musste er jetzt aber feststellen, dass es dieses Mal ein Problem gab.
„Ich komme an die Dinger nicht ran.“
„Wieso? Es hat doch schon einmal geklappt. Hat Luise die Pillen woanders versteckt?“
Dine blickte hilfesuchend zu René, der selbst nicht anders schaute.
„Was ist denn nun mit den Tabletten?“, bohrte sie.
„Der Schreibtisch ist verschlossen und den Schlüssel trägt sie um den Hals, an den komme ich in hundert Jahren nicht ran.“
„Verdammt!“
Dine sah ihr Vorhaben schon scheitern.
„Aber sie muss doch den Schlüssel einmal ablegen, im Bett, in der Badewanne oder sonst wo!“
„Macht sie aber nicht. Vielleicht habe ich zu oft gefragt und sie ist misstrauisch geworden.“
„Und was ist, wenn du den Schlüssel einfach nachmachst?“
„Wie soll ich denn den Schlüssel nachmachen, wenn ich das Original nicht habe.“
„Stimmt! Und wie nimmt Ilias die Tabletten ein?“
„Jeden Abend beim Essen bekommt er sie von Luise in die Hand gelegt und er schluckt sie umgehend.“
„Warum also nicht die Tablette genau zu diesem Zeitpunkt tauschen?“
„Genau, Tablette fällt runter, ich tausche sie und gut ist es. Genial! … Nein, nicht genial. Das funktioniert nicht, weil die Tablette nicht einfach so auf den Boden fällt, ja überhaupt dort hinfallen kann, ohne dass ich sie einem von beiden aus der Hand schlage. Es müsste also noch früher geschehen, noch bevor Luise ihm die Tablette gibt.“
„Wie willst du es denn sonst machen? Ilias sitzt dir gegenüber und Luise zwischendrin. Also, wo ist die Tablette, bevor Ilias sie bekommt?“
„Luise hat sie in einer kleinen Dose vor sich auf dem Tisch liegen.“
„Vor sich auf dem Tisch, das ist schlecht, und da davor?“
„Keine Ahnung, habe ich noch nie aufgepasst. Sie trägt sie mit sich herum.“
„Genau, du musst sie dazu bringen, diese Dose aus ihrer Hand zu geben, damit du die Tablette in der Dose gegen eine andere tauschen kannst. Wenn Luise die Tablette aus der Dose nimmt und sie Ilias gibt, macht sie es selbst, verstehst du, und wird auch trotz ihres Argwohns nie einen Verdacht schöpfen.“
Luise kam aus dem Arbeitszimmer. Als sie die Tür von der Bibliothek anfasste, klebten ihre Hände an den Türgriffen. Es war, wie sie riechend feststellen konnte, zumindest sehr viel Fruchtaroma in der klebrigen Masse enthalten. Nicht dass ihr das in diesem Haus das erste Mal passierte, denn Ilias liebt Gummibärchen. Das tun viele, doch er kaute sie nicht einfach. Er lutschte sie und hatte selbst mit neunzehn nicht damit aufgehört, sie immer wieder aus dem Mund zu nehmen. Dieses Mal waren es Himbeerteddys, die ihre Spuren an der Bürotür und, wie sich bald herausstellte, auch an der Badezimmertür hinterließen.
Luise regte sich schon seit vielen Jahren darüber auf und auch heute sagte sie: “Ilias, du bist ein Ferkel. Schon wieder alles vollgeschmiert.“
Sie ging zum Bad, griff erneut in den zuckerhaltigen Kleber und schrie laut auf.
„Ilias, was ist das? Komme bitte her, hörst du? Sofort! Das ist ekelhaft.“
Sie hatte gerade ihre Hände unter das laufende Wasser gehalten, als sie ein lautes Krachen aus der ersten Etage vernahm. Luise rannte mit nassen Händen, so schnell sie noch mit ihren achtzig Jahren laufen konnte, aus dem Bad und dann die Treppe hoch.
„Ilias! Um Himmels willen!“
Es war zu allen ihrer Erleichterung nichts weiter passiert, als dass eine Bronzefigur zwischen den Scherben einer der beiden Bodenvasen auf dem Boden lag.
Völlig außer Atem nahm Luise Ilias in ihre Arme, der angewurzelt in der Tür zu seinem Zimmer stand.
„Ich dachte schon, es ist etwas Schlimmes passiert.“
„Ich war das nicht!“, versuchte er sich zu rechtfertigen.
„Ist schon gut, dir ist nichts passiert und das ist die Hauptsache.“
Auch René kam hinzu. Als sie aber sahen, dass wirklich nur eine Vase zu Bruch gegangen war, legte sich die Aufregung langsam und sie gingen wieder nach unten. Luise wusch sich ihre Hände fertig, nahm die Dose von der Ablage und folgte in den Salon.
„Du hast sie!“
Dine nahm begeistert das Tütchen mit der Tablette.
“Wie hast du es nun gemacht?“
„Es war dann doch leichter als gedacht und hat keine fünf Minuten gedauert. Luise beendet ihre Arbeiten im Büro stets zur gleichen Zeit, dreißig Minuten vor dem Abendessen. Sie holt sich dann ein Glas Wein und geht damit in die Bibliothek, um dort noch etwas in aller Ruhe zu lesen. Mir ist schon vor Jahren aufgefallen, dass Luise bei einem Zwischenfall zwar schon leicht erregt ist, sich dann aber immer noch beherrscht. Erst ein erneuter Zwischenfall kurz nach dem Ersten bringt sie auf hundertachtzig. Also habe ich die beiden Griffe der Schiebetüren der Bibliothek und die Klinke der Badezimmertür mit Himbeersirup bestrichen. Das war der Auslöser dafür, dass sie nach Ilias rufen würde. Auch er liest abends noch und kommt erst zum Essen herunter, nachdem Luise ihn gerufen hat. Ich konnte mir deshalb sicher sein, dass er bis dahin in seinem Zimmer bleiben und es erst unmittelbar nach Luises Aufforderung verlassen würde. Wir haben in der ersten Etage zwei große Bodenvasen stehen. Zwischen diesen stehen zwei Bronzefiguren auf hölzernen Sockeln und ganz in der Mitte steht eine Stehlampe. Das Kabel der Lampe habe ich in die Steckdose auf der anderen Seite von Ilias‘ Tür gesteckt. Eine der Figuren verschob ich bis kurz vor dem Umkippen über den Sockelrand hinaus und befestigte das Kabel daran. Würde Ilias nun seine Tür öffnen, würde die Tür das Kabel spannen und die Figur dabei herunterziehen, die so dann direkt auf der Vase landet. Genauso ist es auch geschehen und die Figur zerschlug mit großem Getöse das Porzellan. Das Geräusch musste Luise durch Mark und Bein gedrungen sein und sicher dachte sie, Ilias wäre gestürzt. Also hatte sie nichts weiter im Kopf, als nachzusehen. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt im Raucherzimmer gewartet, um dann ins Bad zu gehen und die Tablette zu tauschen. Danach bin auch ich hoch und warf noch die Frage in den Raum, warum der Stecker der Lampe auf der falschen Seite eingesteckt war.“
Drei Wochen waren inzwischen vergangen.
Dine und René trafen sich wieder bei ihr Zuhause zu einer ihrer ‚konspirativen Sitzungen‘, als was er ihre Zusammenkünfte inzwischen bezeichnete.
„Es gibt zwei Nachrichten. Ich sage dir zuerst die gute: ich habe die Ergebnisse der Laboruntersuchung, und jetzt die schlechte: der Hersteller der Tabletten ist ein Pharmakonzern, welcher unter anderem Medikamente herstellt, die Östrogene enthalten.“
„Was ist daran schlecht?“, fragte René, „diese Medikamente sind schon länger auf dem Markt und es gibt bis heute keine Auffälligkeiten bezüglich großer Nebenwirkungen. Ich verstehe immer noch nicht.“
„Das ist es ja, diese Medikamente sollen lediglich ein Defizit an Hormonen ausgleichen, und das hat Ilias ganz sicher nicht.
„Das heißt also im Umkehrschluss, dass die Tabletten für Ilias in Form und Farbe eine Nachahmung sein müssen?“
„Genau das heißt es!“
„Das macht doch aber gar keinen Sinn.“
René nahm sich die Notizen vor, die Dine ihm auf den Tisch gelegt hatte.
„Warum sollte man Tabletten äußerlich einer völlig anderen angleichen?“
„Um dieser Tablette ein Alibi zu verschaffen.“
„Du meinst, dass diese Tabletten gezielt so hergestellt werden, um jemanden hinters Licht zu führen?“
„Ich denke, dass das so ist. Dich hat es schließlich auch beruhigt. Übrigens erklärt das auch seine faltenlose Haut. Jede Haut hat Falten, und wenn sie noch so fein sind, doch seine nicht. Glatt wie bei einem Kinderpopo.“
„Was sagt der Hersteller über diese Tablette?“
„Der sagt natürlich nichts ohne eigene Laboruntersuchungen, aber schon rein äußerlich wären ihre Tabletten anders, denn die von ihnen hergestellten Tabletten hätten auf je einer Seite eine Zahl deutlich eingeprägt, während die andere nur auf einer Seite solch eine Prägung aufweist, die gegenüberliegende Seite wäre glatt. Es wäre schon deshalb unwahrscheinlich, dass sie aus ihrer Produktion stammt.“
„Aber Dine, wenn die nicht von denen ist, von wem dann? Wer könnte eine solche Tablette herstellen?“
„Und warum?“, ergänzte Dine, „wer hat ein Interesse daran, Ilias ein Mittel einzuflößen, das seinen Hormonhaushalt verändert?“
„Was soll sich ändern?“
René fragte und Dine suchte sogleich in dem Stapel Papier.
„Hier steht in dem Untersuchungsergebnis, dass eine Tablette fünf Mikrogramm eines Wirkstoffes enthält, der bisher noch nicht beschrieben worden ist. Man geht davon aus, dass bestimmte Hormone zu einer Verlangsamung des Alterungsprozesses beim Menschen führen können.“
„Und was ist das für ein Zeug, woran die forschen? Was macht es?“
„Es wird an einem Wirkstoff geforscht, der ohne weiteres Zutun die körpereigene Produktion von Östrogen der Änderung des eigenen Östrogenspiegels angleicht. Man gibt einen Hormonspiegel vor und der Wirkstoff macht die Arbeit. Es ist nicht mehr notwendig, die Menge des Wirkstoffes zu verändern, da überschüssiger Wirkstoff abgebaut wird. Damit ist dieses Medikament ein hervorragendes Langzeitmedikament, das lediglich regelmäßig eingenommen werden muss.“
„Jetzt also noch einmal gefragt, wer hat ein Interesse daran, dass Ilias so bleibt, wie er ist und sich nicht zu einem Mann entwickelt?“
„Luise!“
Beide stießen den Namen gemeinsam hervor.
„Natürlich, sie gibt ihm jeden Tag das Zeug, sie schließt es weg und sie redet um den heißen Brei herum, wenn man danach fragt. ‚Ihr Kind‘ hat die schönste Stimme, ‚ihr Kind‘ ist das schönste überhaupt.“
René war bestürzt. Er hatte jetzt fast zwanzig Jahre mit ihr unter einem Dach gelebt, hätte das aber nie erwartet.
„Wir müssen jetzt drei Fragen beantworten, bevor wir überhaupt handeln, ich meine, die Polizei einschalten können. Erstens: Wer ist der Hersteller dieser Tabletten? Zweitens: Was sind die wahren Gründe, dass Ilias diese Tabletten bekommt? Und drittens: Wer ist der wahre Nutznießer?“