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In Schuld gefangen – Kapitel 29 „Ilias“

Ilias feierte seinen fünfzehnten Geburtstag. Dine und Peter wurden von René zu dieser Feier eingeladen. Er und Dine hatten irgendwie Kontakt gehalten, auch wenn es während der ersten Jahre nach Ilias‘ Geburt ganz gestockt hatte. Sie waren Freunde geblieben, zwar etwas weniger intim doch immer noch vertraut.
Es waren also insgesamt einhundertachtunddreißig Gäste geladen, von denen die weitaus meisten aus der lokalen Wirtschaft und Politik stammten. Nur Dine, Peter und eine Handvoll weitläufige Bekannte waren Renés persönliche Gäste.
Dine hatte immer wieder einmal ein neues Foto von Ilias gesehen und wusste, wie er sich verändert hat. Sie würde ihm jedoch heute das erste Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, kein Wunder also, dass sie diesem Moment entgegenfieberte.
Es klingelte. Margrit öffnete die Tür. Dine und Peter wurden hereingebeten. Sie wies ihnen den Weg quer durch das Haus hinten hinaus in den Garten. Der wäre auch heute ein Ort der Harmonie, würde nicht jene Menschenmenge enorm viel Unruhe verbreiten. Man hatte sich wichtiges auszutauschen, einiges hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln oder mitunter einfach nur viel zu reden. Eine lange Tafel mit einer beachtlichen Auswahl erlesener Getränke lud zu ebendiesen Gesprächen ein. Nicht weit davon entfernt stand René, der sich mit Leuten unterhielt, die Dine auch schon hin und wieder in der Künstlerkneipe gesehen hatte, ohne jedoch mit ihnen in Kontakt getreten zu sein. Sie ging geradewegs auf René zu, der ihr dann auch mit ausgestreckten Armen entgegenlief und sie umarmte.
„Dine, meine liebe Freundin! Du bist gekommen, du machst mich glücklich! Herr Rawson, guten Tag.“
Auch von anderer Seite wurde der Oberstaatsanwalt begrüßt und löste sich schnell von der kleinen Gruppe.
René wollte Dine seinen Bekannten vorstellen, doch sie schaute sich weitläufig um und suchte Ilias
„Wo ist denn nun das Geburtstagskind?“, fragte sie, „ich kann ihn nirgends sehen.
„Ah, Ilias, der ist dort hinten.“
Sie ging quer über den Rasen in die von ihm gewiesene Richtung, folgte dort einer Thuja-Hecke bis zu einem Durchgang und blickte neugierig ins Carré. In dessen Mitte stand ein Brunnen. Nur mäßig lief das Wasser aus drei Fischmäulern in das Becken, welches umlaufend von einer aus dem Stein herausgearbeiteten Ranke verziert wurde. Patina bedeckte Metall und Moos hielt sich tapfer in den winzigen Unebenheiten des Steins.
Auf dem Brunnenrand hinter der Fischgruppe saß ein Knabe mit rötlichen Haaren, die kaum bis auf den Kragen des weißen Hemdes reichten. Er saß da, die Arme in seinen Schoß gelegt, nicht glücklich und nicht unglücklich, ohne Regung, ohne Laut. Niemand weiter war hier zu sehen – es musste also Ilias sein.
„Alles Gute zum Geburtstag, Ilias!“
Aus seiner Abwesenheit geholt drehte er seinen Kopf zu ihr. Lange Wimpern kamen allmählich zum Vorschein und eine ebene Wange bildete sich ab. Seine Nase war lieblich geschwungen. Eine feine Fuge schloss sich an und führte auf den formvollendeten Bogen seiner Oberlippe, die vollendet symmetrisch auf der Unterlippe ruhte. Das Kinn schloss sein Gesicht harmonisch ab, welches der Nofretete in keiner Weise nachstand.
„Wer bist du?“, fragte er sie, als sie freundlich lächelnd mit dem Geschenk in der Hand auf ihn zukam.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Ilias. Ich kenne deinen Vater sehr gut“, sagte sie darauf und streckte ihm ihre Hand entgegen, „ich heiße Undine, aber meine Freunde nennen mich Dine. Du kannst auch Dine zu mir sagen.“
Ilias nahm das Geschenk und legte es neben sich.
„Willst du es denn nicht öffnen?“
Sie sah, wie er schon das Interesse daran verloren hatte, noch bevor er das Geschenk das erste Mal in seiner Hand hielt.
„Es ist winzig“, bemerkte er fast enttäuscht.
„Nicht alles muss groß sein, damit es einen Wert hat! Schaue es dir doch wenigstens einmal an. Bitte!“
Er nahm es denn auch, entfernte das Papier, öffnete die Schachtel und holte ein kleines Medaillon hervor. Es war flach, rund, silberfarben und hing an einer feinen Kette. In seinem Gesicht war der Schimmer einer Freude zu sehen, die jedoch sofort wieder verschwand, als er im geöffneten Medaillon das Bild seines Vaters fand. Er legte es ab und drehte sich von Dine weg.
„Was ist, Ilias?“
Er reagierte nicht.
„Was ist los?“, fragte Dine noch einmal und berührte seine Haare.
Er zog seinen Kopf weg und drehte ihn in derselben Weise weiter, wie sie ihm mit ihrem Blick folgte. Sie sah Tränen in seinen Augen.
„Undine, ich begrüße Sie aufs Herzlichste. Sie haben das Geburtstagskind schon begrüßt, schön, dann können wir ja zu den Anderen. Ilias, es ist Zeit, dich umzuziehen, gehe bitte hinein, Frau Wesseling wartet.“
„Frau Bruillon, ich grüße Sie. So schnell geht es und der Kleine wird erwachsen. Wo die Zeit nur hin ist?“
Unterdessen lief Ilias an ihnen vorbei, ohne das Medaillon in seinen Händen zu halten.
„Er ist so schlank“, bemerkte Dine nur leicht hörbar, als er sie passierte, „was für ein hübsches Kind!“
Dine schwärmte.
„Das haben Sie genau richtig ausgedrückt, es ist ein wunderhübsches Kind!“
Luise strahlte auch und bat sie auf den Rasen.
„René ist dort hinten. Er hat etwas vorbereitet. Sie werden staunen! Darf ich Ihnen eine Erfrischung reichen, Undine? Ich muss nach Ilias schauen.“
Luise hielt ihr ein Glas mit Champagner entgegen. Dine nahm es und sah Luise nach, wie sie trotz ihres hohen Alters damenhaft zum Haus und dann hineinschritt.
Endlich war auch René wieder bei Dine. Sie war erleichtert.
„Hast du Ilias gefunden?“
„Ja, habe ich. Er hat dort hinten auf dem Brunnenrand gesessen.“
„Er sitzt oft dort.“
„Und was macht er da?“
„Nichts, er sitzt nur.“
Durch ein gemeinschaftliches Raunen aus ihrer Unterhaltung gerissen, suchten sie nach dessen Ursache und fanden sie auf der Terrasse in Form eines liebreizend anzusehenden Jungen. Es war Ilias, der gleichsam seiner Gestalt diese Rolle einnehmen konnte und wegen seines Charismas auch einzunehmen vermochte.
Luise stand neben ihm, hob ihre Arme und senkte sie langsam wieder als Zeichen dafür, dass jetzt bitte keiner mehr etwas sagen möge.
„Ilias möchte Ihnen als Dank für Ihr Kommen ein Lied vortragen. Es ist ein altes Lied, deren Worte erst kürzlich wieder von meinem allerliebsten Ziehsohn René aufgefunden wurden. Die Melodie stammt vom sicher allen bestens bekannten Monsieur Frachant, den ich hiermit auch recht herzlich für seine Hilfe bei der Realisierung dieser kleinen Aufführung danken möchte. Also, meine Damen und Herren, heißen Sie unser Geburtstagskind willkommen, hier ist Ihr Ilias Bruillon.“
Es war völlige Ruhe eingekehrt. Ilias begann. Selbst die vielen kleinen Bläschen in den Champagnergläsern schienen zu lauschen. Seine Stimme hatte bald den gesamten Garten ergriffen und war tief in die Herzen seiner Zuhörer gedrungen. Minuten lang fesselte er sein Publikum mit einer zauberhaften Aufführung, die gelungener nicht hätte sein können. Dieser heranwachsende junge Mann triumphierte und ließ jeden Anwesenden begeistert zurück. Tosender Beifall, sogar die zuvor versteinerten und bis dahin sichtlich gelangweilten Zöglinge der Gäste klatschten.
Er verbeugte sich kurz und lief mit zügigen Schritten wieder ins Haus.
Dine hatte die Zeilen erkannt. Sie stammten aus einem Gedicht, das sie René in jener Nacht vor mehr als sechzehn Jahren gegeben hatte. Gerade deswegen war sie besonders ergriffen, als sie es heute so unbeschreiblich emotional vorgetragen bekam.
„Ilias hat eine grandiose Stimme“, sagte sie sichtlich gerührt, „du kannst stolz auf ihn sein. Ich kenne die Worte. Du hast das Gedicht wieder hervorgeholt.“
„Dine“, René legte wie in alten Zeiten seinen Arm um sie, „ja, es ist eine Ode über die Suche nach der Liebe und musste gerade deswegen von ihm vorgetragen werden. Es hatte mich damals sehr ergriffen und ich hoffte, dass er selbst dadurch ergriffen wird.“
Sie drehten sich dem Garten zu.
„Er bekommt Gesangsunterricht und er probt mehrere Stunden am Tag. Doch wie kann ich stolz auf etwas sein, woran ich keinerlei Anteil habe? Und außerdem, Luise hat sich allein um ihn gekümmert. Weißt du, ich habe in den vergangenen Jahren sehr viel falsch gemacht und wenn ich nichts falsch gemacht habe, habe ich es versäumt, etwas zu machen. Ich habe gesoffen, Drogen genommen und rumgehurt, anstatt mich um die Menschen zu kümmern, die mir doch eigentlich so viel bedeuten sollten und irgendwo ganz tief hier drin auch bedeuten. Ich bin älter geworden und weiß nicht, wie ich diese verlorenen Jahre wieder aufholen kann, ob es überhaupt möglich ist.“
„Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen“, entgegnete Dine, „aber wie sieht es mit Ilias aus? Und aufholen wirst du ohnehin nichts können, maximal nachholen. Vielleicht.“
„Ilias ist …“, René stöhnte, „ich habe gesehen, wie erstaunt du gewesen bist, als Luise ihn mit ‚Bruillon‘ vorstellte. Ich sehe in Ilias auch nicht wirklich einen Sohn. Er ist mir so nah wie Luise, und ist genauso wie sie einfach in mein Leben getreten, der nun als Bestandteil dessen existiert. Mehr aber auch nicht. Leider. Luise hat ihn bereits kurz nach seinem vierten Geburtstag adoptiert. Das ändert doch nichts. Im Gegenteil, es war wohl besser so, denn ich fühle mich zeitweise ziemlich schwach. Und überhaupt, Ilias ist sowieso mehr Luises Kind als mein Sohn.“
Die Leute redeten wild durcheinander und Luise schaute mit langem Hals von der Terrasse zu den beiden hinüber. Das fiel Dine auf und hielt es deshalb für besser, das Gespräch an einem anderen Tag und an einem anderen Ort fortzuführen.
„René, wir reden später noch einmal in Ruhe über Ilias, okay? Hier ist es so unruhig und außerdem …“, sagte sie und schielte zur Terrasse.
Er verstand und nickte. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er vielleicht schon, dass Dine auf mehr aus war, als sich nur über die Äußerlichkeiten eines gesanglich hochbegabten Jungen zu unterhalten.
Ilias ist an diesem Nachmittag auch nicht mehr erschienen. Luise sagte den Gästen, dass er sich wegen eines Auftritts in der Bather Gala schonen müsse und deshalb auf seinem Zimmer bleiben würde. Damit war der Tag fast vorüber. Die Gäste fuhren wieder ab und zurück blieb ein Junge, der durch eine dreifachverglaste Thermofensterscheibe die wegfahrenden Autos nicht vernahm.
Die Jahre vergingen und es war so etwas wie beschauliche Gleichmäßigkeit und gehobene bürgerliche Ruhe im und um dieses Haus im Danforst Park herum eingetreten.
„Ilias, deine Medizin!“
Luise legte eine Tablette auf seine Handfläche. Er nahm sie zwischen seine Finger, steckte sie in den Mund und schluckte sie hinunter, wie er es tausendmal vorher schon getan hatte.
„Wie lange muss er denn eigentlich diese Medizin noch nehmen?“, fragte René ganz nebenbei, „nach den vielen Jahren müsste sich sein Zustand doch gefestigt haben.“
„René, seine Haut wird sich nie so entscheidend verbessert haben, dass er auf die Tabletten verzichten könnte. Du weißt, was Dr. Freste gesagt hat. Also fange nicht wieder mit diesem Thema an!“
„Ich habe bei Dr. Freste angerufen und er bestätigte mir, dass es gegen dieses angebliche Syndrom keine Medikamente gibt.“
„Gibt es auch nicht!“, Luise lächelte, „aber verstehe doch bitte; man kann nur versuchen, die Mängel, die für das Syndrom verantwortlich sind, auszugleichen, und das macht dieses Medikament, das er jeden Tag bekommt.“
René schien wieder überzeugt. Er lächelte zu Ilias, der zu Luises Linken ihm gegenübersaß und von dieser Diskussion sichtlich gelangweilt war.
Ein paar Tage später.
„Und was hast du festgestellt?“
„Nichts, ich habe rein gar nichts festgestellt!“
„Wie? Das kann nicht sein, die Tabletten enthalten neben vielem Zeugs auch Östrogene.“
„Was soll ich denn auch feststellen, dass er nicht im Stehen uriniert, das mache ich auch nicht.“
„Aber was ist sonst so mit ihm, macht er etwas typisch Weibliches? Ein junger Mann mit neunzehn hat Bartwuchs, zumindest ansatzweise und diese Brüste, er hat, entschuldige, fast größere als ich in seinem Alter!“
„Was soll das? Was willst du mir weismachen? Er ist wie jeder andere Junge in seinem Alter!“
René regte sich auf.
„René, ich bitte dich, kann es denn nicht sein, dass …“
„Nein, das kann nicht sein, er ist normal, vollkommen normal!“
René stand erregt und wild gestikulierend auf und verließ Dines Wohnzimmer.