Weitere Wochen vergingen und eine Winteridylle erstrahlte im Außenbereich: Schnee bedeckte Bäume, Hecken und Sträucher mit einer glitzernden Schicht. Der Garten lag eingehüllt in tugendhaftem Schein, keine Spur war zu sehen, kein Weg zu gehen und Friede lag breit in schweigender Schönheit. Die Zeit des Stillstands hatte auch von René Besitz ergriffen. Im Haus hatte sich nicht viel für ihn geändert. Er hatte kaum so etwas wie eine Beziehung zu seinem Sohn aufbauen können. Luise hingegen hatte in letzter Zeit ein gesteigertes Interesse an Ilias gezeigt. So war es entweder Frau Wesseling oder Luise, die ihn mit sich herumtrugen, mit ihm spielten, ihm zu essen gaben oder sich auf andere Weise mit ihm beschäftigten. Jedes Mal, wenn René ihn haben wollte, hieß es nur, dass er eben gerade gespielt hat, es eben gerade zu essen gab oder er jetzt seine Ruhe bräuchte und er ihn deshalb nicht nehmen könne. Er hatte sich bald damit abgefunden, seinen Sohn fast gar nicht mehr zu haben.
Nicht verwunderlich also, dass er, der leibliche Vater, sich nach einem halben Jahr überhaupt nicht mehr wie dieser vorkam. Keiner stellte Fragen, für alle und alles war gesorgt, so war auch alles in bester Ordnung.
Dine hatte René schon lange nicht mehr gesprochen, geschweige denn gesehen. Sie ließ ihm seine Freiheit und dachte sich, ihn dann zu treffen, wenn die Zeit dafür kommen sollte. Also fuhr sie auch nicht bei ihm zu Hause vorbei, rief dort nicht an und gab es auch bald auf, ihn mit einer Kurznachricht erreichen zu wollen.
Es war kurz bevor die Künstlerkneipe schloss. Dine und Peter schnippten gerade noch durch die Tür, ehe der Inhaber seinen Laden abschloss. Die offizielle Sperrstunde musste in jedem Fall eingehalten werden. Wer aber einmal drin war, konnte jedoch bis zum Morgen bleiben.
„Zwei Schwarze bitte!“
Der Barkeeper nahm zwei der größeren Gläser, füllte sie mit Eis, Orangensaft, Herbem und ganzen schwarzen Oliven. Er legte jeweils eine halbe Zitronenscheibe quer über das Ganze, bestreute sie mit Zucker, goss Rum darüber und zündete alles an. Schon war der Star unter den Getränken in diesem Winter fertig, der dem Genießer das fruchtige Aroma der Orange, durchsetzt vom kräftigen Geschmack des Herbem und den Widerspruch von salzigen Oliven und gesüßter Zitrone bot.
Sie rückten näher aneinander, um sich von Jazz und Gesprächen umgeben zu unterhalten und die Leute zu beobachten, die aus allen Gesellschaftsschichten kommend die Welt vergessen oder neuentdecken wollten. Oder um einfach nur gemütlich zusammenzusitzen, so wie sie selbst, um in dieser besonderen Umgebung die Nacht vorübergehen zu lassen. Gegensätzlicher könnte es nicht sein.
An einem Tisch neben dem Eingang saß ein dunkelgrau gekleideter Mann mit Schal der unentwegt auf eine Frau einredete, die im Gegensatz zu ihm grell bunte Sachen trug. Sie hörte ihm nicht wirklich zu, denn ihr Blick schweifte in der Kneipe herum, während er weiter unaufhörlich auf sie einsprach und dabei seinen Blick nur von ihrem Gesicht nahm, um auf ihr Dekolleté zu starren. Oder jene beiden Männer, die sehr vertraulich miteinander redeten und dabei Notizen machten, oder der Mann dort ganz hinten, der Dine an René erinnerte. Er hing in der Ecke der Sitzbank und schlief. Vor ihm auf dem Tisch standen einige Gläser, deren Inhalt ihm augenscheinlich gehörig zugesetzt hatte.
Dine war erschrocken. Sie wollte ihren Freund in solch einem Zustand nicht finden und stand auf, um ihn näher zu betrachten. Bei ihm angekommen, wunderte sie sich dann aber nur über dessen Ähnlichkeit mit René und ging beruhigt zurück zur Bar. Gott sei Dank, er ist es nicht!
René konnte es auch nicht gewesen sein, denn der befand sich zu diesem Zeitpunkt wieder einmal in einem Separee im ‚Sweet Rush‘ in entsprechend freizügiger Gesellschaft. Wenigstens diese hübschen Damen hier, sagte er sich immer wieder, bevor er diese Lokalität aufsuchte, ließen ihm jeglichen Frust über die doch so triste Welt vergessen. Es lief auch heute alles darauf hinaus, den Schampus aus ihren Schuhen zu trinken, unentwegt mit ihnen herumzuknutschen, überall herumzufummeln und herumzulecken, überall befummelt und beleckt zu werden und so alle Körperöffnungen und Fortsätze zu bedienen, bis auch diese Nacht wie alle zuvor Make-up-verschmiert zwischen zwei Schenkeln enden sollte.
Eine der leichten Damen nannte sich Marianna. Sie hatte neben dem südländisch wirkenden Namen auch südländischen Akzent und war, wenn René im Sweet war, immer mit von der Partie. Sie wusste, was er mochte und konnte ihm jeglichen in ihm reifenden Wunsch von den Augen ablesen. Es war inzwischen so etwas wie ein vertrautes Verhältnis zwischen den beiden entstanden.
Die Stimmung war an jenem Samstag also nicht schlecht, aber auch nicht berauschend. Irgendwie wollte für René kein richtiger Spaß aufkommen – er wollte mehr. Doch was konnte es Besseres geben, als angetrunken mit zwei willigen Frauen herumzuhuren? Er war wegen der sich breitmachenden Enttäuschung schon etwas mürrisch, als Marianna ihm eine Pille entgegenhielt.
„Schluck die und du wirst begeistert sein.“
Gedankenlos warf er die Pille in seinen Mund und spülte mit reichlich Champagner nach. Es dauerte auch nicht lange, bis sie wirkte. Seine Wahrnehmung veränderte sich und die beiden Damen reizten wieder. Alle Weiblichkeit konnte jetzt ausschweifend verherrlicht, alle Männlichkeit heroisch gepriesen und alles dazwischen hemmungslos genossen werden.
„Lasst uns durch die Nacht reiten ihr Stuten“, rief er voller Ekstase, als der Ausritt urplötzlich zu Ende war.
René lag wie leblos auf dem Bett und hatte alles weit von sich gestreckt. Seine Gespielinnen stellten auch schnell fest, dass solch ein Zustand dann doch nicht normal sein konnte und riefen den Notarzt.
René kam im Krankenhaus wieder zu sich. Man hatte ihm den Magen ausgepumpt und mit diversen Mittelchen das natürliche Leben in seinen Körper zurückgeholt. Er fühlte sich erbärmlich und jegliche Erinnerung an die Nacht fehlte. Neben der Übelkeit war ihm unterschwellig ein anderes Gefühl geblieben, was er aber zu diesem Zeitpunkt nicht einzuordnen vermochte.
Luise war gekommen, um ihn nach Hause zu holen. Sie sprach ihm ihr Bedauern darüber aus, dass er jetzt so leiden müsse, doch er wäre schließlich auch alt genug, um zu wissen, was man dürfe und was nicht, und überhaupt gäbe es schlimmeres. Wenn er also einmal etwas über seinen Durst hinaus trinkt, dann ist das doch nicht so schlimm, denn das macht jeder einmal.
Das nächste Mal trafen sich Dine und René nur durch Zufall.
„René, ich dachte schon, du bist weggezogen.“
„Hallo Dine, wie geht es dir? Schön, dich zu sehen!“
René nahm sie sehr förmlich in den Arm.
Sie aber warf sich an seinen Hals und drückte ihn kräftig.
„Ich habe bisweilen versucht, dich anzurufen, aber du bist ja noch schlechter zu erreichen, als der Papst.“
Sie drückte ihn erneut.
„Äh, Dine, ja, …, das mit den Telefonen habe ich aufgegeben. Die kommen mir mitunter abhanden und ich merke das nicht gleich. Jedes Mal habe ich eine neue Nummer. Ich weiß, ich hätte bei dir vorbeikommen können, aber es kommt eben immer etwas dazwischen.“
Dine freute sich so sehr, dass sie nicht weiter nachhakte.
„Und, was ist mit Ilias?“
„Dem geht es blendend.“
„Wie, blendend, erzähl mal!“
„Was soll ich da erzählen? Der wächst eben und wird älter, er ist jetzt knapp über drei, spielt und läuft. Das wars!“
„Das kann doch noch nicht alles gewesen sein! Was unternehmt ihr beiden denn so? Du kannst doch auch einmal mit ihm vorbeikommen!“
„Also“, René stockte, „das wird schwierig.“
„Wieso schwierig? Du musst es nur sagen, wenn du nichts mehr mit mir zu tun haben willst!“
Dine wurde kratzbürstig, denn sie verstand nicht, dass es nach über zwei Jahren nichts Anderes von Angesicht zu Angesicht zu reden gab, außer, dass er sie nicht besuchen kommen könnte.
„Nein, nein, Dine, verstehe mich da bitte nicht falsch, ich kann ihn nur nicht so einfach mal mitnehmen.“
Dine verstand auch das nicht.
„Warum kannst du nicht, bist du der Vater oder nicht?“
„Bin ich schon, doch Ilias kann nicht einfach so.“
„Ist doch was mit ihm, ich denke, ihm geht es blendend?“
„Geht es … eben nicht, er ist krank!“
„Was hat er, doch hoffentlich nichts Schlimmes!“
„Er hat“, René suchte krampfhaft nach einer Ausrede, „etwas mit der Lunge, Lungenentzündung.“
„Das ist fürchterlich. Was sagt der Arzt?“
„Na, dass er Ruhe braucht und so ein Zeugs halt.“
„Hast du ein Bild von ihm?“
„Ja!“
Stolz holte René ein Bild aus dem Portemonnaie.
Dine nahm es: „Wie alt war er da?“
„Wir haben es an seinem dritten Geburtstag machen lassen.“
„Da war er also schon Drei?“, holte sie seine Bestätigung ein und gab das Bild zurück.
„Ja, war er, wieso fragst du?“
„Nur so, ich wollte sichergehen, dich richtig verstanden zu haben. René, entschuldige, ich muss los, unbedingt, bin schon fast zu spät, mein Date. Oder komm doch einfach mit. Du kennst ihn.“
René winkte ab, denn er war nicht zufällig im CP.
„Wir sehen uns, wir bleiben in Kontakt!“, sagte Dine und drückte ihn noch einmal zum Abschied.
Es folgte von ihm eine zögerliche Umarmung und sie war in der Menschenmenge untergetaucht.
René ging in die Toilette, in der er schon sehnsüchtig erwartet wurde.
Gar nicht so weit von den Toiletten entfernt standen Dine und ihr Ehemann fest umschlungen vor einem Restaurant.
„Mein Schatz, entschuldige, ich bin etwas spät. Du glaubst gar nicht, wen ich getroffen habe: René!“
„René Verdahlen?“
„Ja, genau der René, der damals …“
„Ja, das ist jetzt etwa vier Jahre her. Und, wie geht es ihm, was macht er so?“
„Ihm geht es anscheinend gut. Sein Kleiner ist jetzt drei, ganz süß, aber etwas ist komisch.“
„Hat er etwas gesagt oder wie kommst du darauf?“
„Er hat sich seltsam verhalten und, ich weiß nicht, das Kind …“
„Tja, nach mehr als zwei Jahren, in denen ihr euch nicht gesehen habt, hat sich einiges getan. Schau uns an. Und Kinder verändern sich doch auch ständig. Wie die einmal aussehen werden, weiß doch niemand.“
Er nahm ihre Hände zwischen seine und küsste ihre Fingerspitzen.
Sie zog sie aber zurück und sprach weiter: „Du weißt, wenn ich ein komisches Gefühl habe, ist etwas dran.“
„Ja, ich weiß. Könntest du aber jetzt erst einmal bestellen?“
„Ein Wasser für mich.“
Dine schaute nur sehr kurz zum Kellner und bestellte, bevor sich ihr Blick wieder in der Allgemeinheit der Umgebung verlief.
„Höre jetzt bitte auf, dir den Kopf zu zerbrechen. Es kann schon sein, dass er Probleme bei sich zu Hause hatte, da ist man unter Umständen einmal etwas anders. Es ist aber nichts, was uns von diesem wunderbaren Fischfilet abhalten sollte.“
Ihre finstere Miene hellte sich auf und sie war vollends zufrieden, als der Kellner das Filet zum Tisch brachte.
Ein Mann stand in der Toilette und wusch sich seine Hände. René kam herein und stellte sich daneben. Er nahm etwas Seife und begann auch, sich die Hände zu waschen. Unmittelbar bevor René fertig wurde, hatte sich der Mann seine Hände am Lüfter getrocknet und den Raum verlassen.
René ging durch eine nach hinten führende Tür in den Bereich der Toilettenkabinen. Die Privatsphäre dort war hervorragend geeignet, sich Befriedigung auch unnatürlicher Bedürfnisse zu verschaffen. Bis auf einen Riegel zeigten alle grün. René ging zu einer der unbesetzten Nachbarkabinen, schloss die Tür hinter sich und klopfte in einem speziellen Rhythmus gegen die Trennwand.
„Wie immer fünfzehn das Stück. Wie viel willst du?“
„Gib mir fünf, nein, gib mir zehn.“
René schob eine Rolle Scheine unter der Trennwand hindurch. Einen Augenblick später bekam er ein Plastiktütchen zurück, in dem sich mehrere kleine gelbliche Pillen befanden. Er zählte zehn Stück und bestätigte den Handel mit einem kurzen ‚Okay‘.
Die Tür neben ihm ging auf, die Tür nach draußen schlug zu.
René setzte sich, holte eine der Pillen heraus und besah sie sich ausgiebig, bevor er sie langsam auf seine Zunge legte und mit geschlossenen Augen hinunterzelebrierte.
Seit dem Vorfall mit Marianna war er auf Drogen. Diesem Gefühl damals hatte er sich zwar eine Zeit lang erwehren können, doch flehte es ihn immer drängender an, befriedigt zu werden. René gab eines Tages bereitwillig nach und sprach Marianna an. Sie hatte an diesem Tag keine, doch würde sie jemanden kennen, der wieder jemanden kennt, der dann wohl denjenigen kennt, der welche besorgen könnte. Mit diesem Bekannten hatte sie auch Kontakt aufgenommen, der René seitdem mit den Drogen versorgte.
Die Pille wirkte und er gab sich dem Rausch hin. Dem Trieb machtlos folgend bis zum Zenit entspannte er sich im Rhythmus heftiger Kontraktionen, bis er nach weiteren zwanzig Minuten wieder einen relativ klaren Kopf hatte und die Toilette verließ.
Auf seinem Weg zum CP-Ausgang sah er Dine sich intensiv mit einem Mann unterhalten. Gleicher Typ Anzug, gleicher Haarschnitt, gleiche aufrechte Haltung – ihm kam der Mann bekannt vor, selbst von hinten.
René ging grinsend zu den beiden hin.
„Dine, da bist du ja noch!“
Der Mann drehte sich um, und tatsächlich, René erkannte seinen alten Chef, den neuen Oberstaatsanwalt.
„Herr Oberstaatsanwalt, welch eine Ehre, Sie zu treffen.“
Dieser wollte gerade aufstehen, als ihn René mit gemäßigtem Druck auf die Schultern zu verstehen gab, doch sitzenzubleiben.
„Ich begrüße Sie, Herr Rawson“, sagte er zu ihm, ohne Anstalten zu machen, ihm eine Hand geben zu wollen.
„Das ist also dein Date, ah, ich verstehe, wann wirst du Rawson heißen, Dine?“
René wandte sich ihr zu.
„Ich heiße schon so seit einem Jahr, einem Monat und …“
„Acht Tagen, mein Schatz!“
Peter Rawson ergänzte treffsicher ihre Aufzählung und gab damit René unmissverständlich zu verstehen, dass, wenn überhaupt, er nur maximal die zweite Geige spielen könnte.
„Na, wenn das so ist, möchte ich das junge Glück nicht länger stören“, sagte er und verließ das Restaurant und dann das CP.
René wirkte überhaupt nicht beleidigt, im Gegenteil, er machte sich aus der gesamten Situation noch einen Spaß.
„Da stinkt etwas zum Himmel. Vorhin war er komisch und jetzt ist er wie ausgewechselt.“
„Wie ist er denn jetzt? Wenn er vorhin komisch war und jetzt wie ausgewechselt ist, müsste er eigentlich normal sein.“
„Nein, er ist auch wieder komisch, nur eben ganz anders komisch, als vorhin.“
Peter suchte nach dem Kellner. Er wollte zahlen.
„Möchtest du noch etwas, mein Schatz, bevor wir zahlen?“
„Nein, nein“, sagte Dine abwesend, „aber er war früher anders, irgendwie anders.“
Peter bezahlte.
Dine dachte immer noch nach, auch nachdem sie aufgestanden und bereits langsam zur ‚Kellerbar‘ unterwegs waren, welches sich am anderen Ende des CP befand.