René fuhr mit Luise und Frau Wesseling in die Privatklinik, in der ein paar Tage zuvor Ilias das Licht der Welt erblickte. Die Basisuntersuchung war abgeschlossen und es sprach nichts dagegen, dass René seinen Sohn heute mit nach Hause nehmen durfte.
Dr. Reinhardt bat sie in sein Büro und legte René die Papiere vor, von denen er noch ein paar zu unterschreiben hatte.
„Ihr Sohn ist für seine Heimreise vorbereitet, Sie können ihn dann mitnehmen. Warten Sie bitte, ich rufe die Schwester.“
Nach nur wenigen Minuten war die Schwester mit dem Baby da. René ging gleich zu ihr, um sich des Kleinen anzunehmen, doch Luise schickte unverzüglich Frau Wesseling mit dem Hinweis auf ihre Tätigkeit los. Sie ermahnte René, an den Schreibtisch zurückzukehren, um seine letzten Unterschriften zu leisten.
„Es ist mein Sohn!“, entgegnete er.
„Ich weiß doch, aber meinst du nicht, dass wir zu Hause alle Zeit der Welt haben, um uns intensiv mit Ilias zu beschäftigen? Frau Wesseling kann ihn nehmen und wir erledigen das Schriftliche. Je eher wir damit fertig sind, umso besser.“
Dabei wandte sie sich zum Doktor, der die Papiere nach ihrem Verbleib in der Klinik und der Aushändigung an René als leiblichen Vater sortierte. Mit einer angedeuteten Verneigung und einem ‚Es war mir eine Ehre‘ verabschiedete er sich von Luise und René und wünschte allen eine angenehme Heimfahrt.
René musste fahren, also konnte er auch im Auto nicht bei seinem Sohn sein. Frau Wesseling füllte mit dem Körbchen die hintere Sitzreihe vollständig aus und Luise saß auf dem Beifahrersitz. Erst zu Hause, als Ilias in seinem Bettchen lag, hatte René die Möglichkeit, seinen Sohn das erste Mal richtig zu betrachten.
Er hatte blaue Augen, seine Hände waren winzig, wie er überhaupt winzig war. Wenn René seine Hände berührte, versuchte sich der Kleine an seinen Fingern festzuhalten. René gab dabei seltsame Laute von sich, um seinen Sohn zum Lachen zu bewegen, doch das gefiel ihm überhaupt nicht. Er schrie. Frau Wesseling stand noch neben ihm und hatte regelrecht darauf gewartet, dass Ilias irgendwann einmal anfängt zu weinen. Sie flüsterte nur und ihre Stimme war wie ein Lufthauch, der um die Ecken kam und Geschichten von weit her zu erzählen wusste, denn Ilias beruhigte sich und im Handumdrehen schlief er ein.
Es war schön, seinen Sohn schlafen zu sehen, doch die Zeit wollte nicht vergehen. Nachdem René selbst schon fast eingeschlafen war und sein absackender Kopf kurz aber hart auf das hölzerne Gestell des Bettchens schlug, ging er dann doch nach unten. Es war für ihn eine neue Situation, an die er sich erst einmal gewöhnen musste. Und wie ihm Frau Wesseling bestätigte, würde er sehr viel Zeit nur herumhängen und auf etwas warten, was ohnehin nur selten passiert: dass Ilias aufwacht.
Er hing also, wie sie es ihm zuvor noch prophezeit hatte, nur im Salon herum, ein Ohr ständig nach oben gerichtet, jederzeit bereit, die Stufen im Flug zu nehmen, um als Erster bei seinem Sohn zu sein.
Schließlich: „A“
Endlich ein Laut! Er ist wach, er braucht mich, ging es durch Renés Kopf, während er die Treppe hochrannte.
Ilias sah ihn groß an, oder doch nicht? Wo schaut er hin?
„Hallo!“
Ilias blickte nur kurz zu ihm, dann wieder weg, er folgte den Handbewegungen auch nur flüchtig und blickte dann auf Dinge, die René selbst gar nicht sah.
„Frau Wesseling, Frau Wesseling! Ilias ist blind! Er kann nichts sehen!“
Völlig aufgelöst rannte er los und zog sie an einer Hand ins Kinderzimmer.
„René, beruhigen Sie sich, er kann ganz normal sehen. Kinder in seinem Alter haben noch eine vollkommen andere Wahrnehmung der Umwelt, als wir Erwachsenen sie haben.“
Sie hielt einen Finger hin, den Ilias sogleich an seinen Mund zog.
„Er hat Hunger. Holen Sie bitte Frau Gabriel, sie wartet schon seit einer Stunde und wollte jetzt eigentlich abpumpen, doch so ist es besser. Aber machen Sie bitte leise, wenn er wach ist. Wenn er schläft, kann es auch mal lauter sein. Das hört sich zwar komisch an, ist aber besser so.“
Frau Gabriel war nun anwesend und René entfernte sich.
Er würde gerne einmal sehen, wie es aussieht, wenn Ilias gestillt wird und das wirklich ohne Hintergedanken, doch beließ er es bei einem beschämten Lächeln, als Frau Gabriel das Zimmer betrat und im Begriff war, ihre Brust zu entblößen.
Gut zwanzig Minuten später kamen Frau Wesseling und Frau Gabriel auch die Treppe herunter.
„Er schläft jetzt bestimmt zwei Stunden.“
Frau Wesseling stand mit einem Fläschchen bei René im Salon. Frau Gabriel indes verabschiedete sich im Vorbeigehen.
„Sie hat noch Milch hiergelassen und wird gegen sechs heute Abend wiederkommen. Ich bringe die Milch in die Küche.
„Noch ganz kurz, Frau Wesseling! Geht das jetzt eigentlich immer so? Ich meine, aufwachen, stillen, schlafen?“
„Tja, René, ich sagte bereits, Neugeborene sind anfänglich sehr verschlafen und wenn ich sage sehr, ist das noch untertrieben. Sie werden aber noch genug von ihm hören, glauben Sie mir.“
Das Wochenende verging, und auch die ganze folgende Woche danach verging, ohne dass sich etwas grundlegend im Haus Danforst Park 890 geändert hätte. Ilias machte nun doch etwas mehr Krach. Alles in allem war es aber immer noch sehr ruhig und die beiden Frauen um Ilias herum wurden den ganzen Tag kaum wahrgenommen.
Es störte René tatsächlich nur die ersten drei oder vier Tage, seinen Sohn nicht so oft herumtragen zu dürfen, wie er es wollte. Irgendwann gewöhnte er sich auch daran. Zu guter Letzt war alles wieder beim Alten und er hatte weder Sorgen noch Verpflichtungen. Außerdem dachte er sich im Anflug eines plötzlichen Vatergedankens, dass Luise den Ilias bisher auch nur zweimal auf ihrem Arm gehabt hätte.
Für René ging das Leben somit weiter, wie es bei Luise begonnen hatte, ihm fehlte es an nichts.
Luise war jetzt öfter und für längere Zeit in ihrem Büro. Sie wollte ihre wissenschaftlichen Arbeiten voranbringen, das Haus musste erhalten, der Garten gepflegt und das liebe Geld verwaltet werden.
René hatte seine persönlichen Freiräume, die er mehr und mehr nutzen wollte und nach anfänglichen Bedenken auch immer mehr nutzte.
Eines Tages setzte er sich in sein Auto und fuhr in die Bellham. Dort angelangt sah er ein Haus stehen, das mit toten Augen auf die Straße starrte. Jedes Leben war aus ihm gewichen. Niemand wartete hinter der Tür mit der Fliegengaze, keine Hollywoodschaukel wippte im Garten, keine Stühle, alles leer.
Das Schild auf dem wild wachsenden Stück Rasen hatte ein dreifaches M, welches auf eine der ganz großen Immobilienfirmen hinwies. Diese sollte also das Haus verkaufen.
„Haben Sie Interesse an diesem Haus?“
Ein Verkäufer mit zweitklassigem Anzug, schlechter Rasur und ungepflegten Haaren stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und fuchtelte mit einem Fotoapparat herum.
„Könnten Sie mal bitte etwas zur Seite gehen?“
Er deutete René mit ausgestrecktem Arm an, aus dem Bild zu gehen.
„Ja, so ist es gut, danke schön.“
Der Makler kam über die Straße.
„Gene Flock mein Name.“
Er streckte René seine Hand entgegen.
René nickte.
„Die Besitzer haben es picobello saubergemacht. Sie haben sogar die Böden gewischt, obwohl sie das gar nicht hätten machen müssen.“
René ging nicht darauf ein.
„Wissen Sie, wo die Besitzer hingezogen sind?“, fragte er stattdessen nach.
„Nein, das weiß ich nicht. Die persönlichen Daten sind im Büro und an die kommen nur die vom Büro ran. Wir vom Außendienst haben nur die Namen, das wars. Möchten Sie vielleicht die Namen?“
„Nein, ich weiß, wer da drin gewohnt hat. Danke.“
René setzte sich wieder in sein Auto und fuhr los.
„Dine, könntest du endlich öffnen, ich weiß, dass du da bist.“
Nach dem dritten Mal Klopfen hörte er die Dielen knarren.
„Ist gut, ich komme doch schon!“
„Ich komme doch schon“, machte er sie leise nach, und als sie öffnete, sagte er laut, „das sehe ich!“
„René, mit dir habe ich überhaupt nicht gerechnet, was machst du hier?“
„Ist das alles, was du zu meiner Begrüßung zu sagen hast?“
Er schob sich an ihr vorbei.
„Glückwunsch erst mal! Ich habe gehört, dass du Vater geworden bist. Aber du rufst ja nicht einmal an! Bist wohl jetzt etwas Besseres?“
„Pass auf, was du sagst, sonst …“, drohte er spaßig und nahm sie in seine Arme.
„Es war überhaupt alles erst neu und dann kam noch das Baby. Ich finde jetzt endlich wieder zu mir zurück!“
„Und zu mir, wie ich sehe.“
„Verzeihe mir, dass ich meine allerbeste Freundin sechs Wochen lang nicht angerufen habe, ich werde mich wieder mehr um dich kümmern.“
„Brauchst du nicht, Peter ist da.“
„Peter? Der Peter?“
„Ja, der Peter!“ Sie deutete René an, ruhig zu sein.
Sie gingen zu ihrem Schlafzimmer. Dine öffnete die Tür. Dort lag ein Mann auf einem schwarzen Latexbett. Seine Arme und Beine waren gespreizt und straff gegen die vier Bettpfosten gespannt. Er war bis auf eine Kopfmaske, deren Augenklappen verschlossen waren, vollkommen unbekleidet.
Dine zeigte mit ihrem Zeigefinger nochmals deutlich, dass René ruhig sein sollte, der sichtlich verwundert auf die Szenerie blickte.
Sie flüsterte ihm ins Ohr: “Wenn du willst, kannst du dich für den Rausschmiss von damals revanchieren.“
René schüttelte den Kopf.
Dine lächelte nur, nahm eine längere Rute, ging zu ihrem freiwilligen Opfer und peitschte sie ihm zweimal heftig zwischen die Beine. Der riss seinen Mund kurz stöhnend auf, gab aber sonst keinen Laut von sich.
René schwankte förmlich zwischen völliger Ratlosigkeit und verhaltener Begeisterung. Erst als beide wieder draußen waren, konnte er sie fragen, seit wann der wilde Hengst von damals auf diese Art sexueller Befriedigung steht.
„Als er mich im Archiv wieder einmal mit Gewalt nehmen wollte, dazu auch noch hinten hinein, habe ich ihn von mir gestoßen und zugetreten. Er lag am Boden und krümmte sich vor Schmerzen, fand es aber äußerst erregend, wie er mir nach einer Erholungspause mit großen glänzenden Augen gestand. Seitdem möchte er es eben etwas härter und das in wirklich allen Variationen.“
„Und du kannst ihm das geben?“
„Natürlich, kann ich das!“
René war entsetzt.
„So hätte ich dich überhaupt nicht eingeschätzt.“
„Ich gebe ihm, was er braucht und sucht und behandle ihn dabei mit vollem Respekt. – Ich denke aber auch oft an dich. Damals, zusammen im Bett, das war etwas komplett Anderes. Ich könnte dir nie wehtun, im Gegenteil!“
Sie schaute ihn verliebt an, „allerdings, wenn du unbedingt willst, schnalle ich dich auch aufs Bett!“
Sie lachten beide.
„Erzähl schon, was ist alles passiert? Was macht dein Sohn? Ilias heißt er, nicht wahr? Und du“, sie betrachtete sich sein Outfit, „bist in die Oberliga aufgestiegen. Ich gönne es dir!“
Sie freute sich für ihn und umklammerte dabei seinen Arm.
„Und der da drin?“, warf René kurz ein.
„Nicht ablenken, mein Lieber, dem geht es gut, also, erzähle schon!“
René schilderte die Tage, an denen eigentlich nichts passierte, außer dass er hin und wieder beim Wechseln der Windeln mit dabei sei, ansonsten wäre es nur langweilig.
„Ich weiß, ich hätte mich früher melden können, aber ich dachte immer wieder, ich könnte ihn jeden Moment mal hochnehmen.“
Dine fand es schade für ihn, doch verwies sie ihn auch auf die Zeit, dass Ilias älter würde und dann einen Vater bräuchte, der mit ihm Fußball spielt und Baumhäuser baut. Mit einem Kuss verabschiedeten sie sich. Dine konnte ihm heute auch nicht weiterhelfen.
Allerdings hatte der Besuch bei ihr seine Spuren hinterlassen, die nach Beschwichtigung schrien. Diese Beschwichtigung bei Luise finden? Er hatte bereits über gewisse Möglichkeiten nachgedacht, doch war Luise für ihn diesbezüglich überhaupt nicht zu durchschauen. Auf der einen Seite konnte er nicht verstehen, wie ein Mensch ohne solcherlei Bedürfnisse leben könnte, die seiner Meinung nach unbedingt befriedigt werden müssten, auf der anderen Seite war sie nicht prüde im persönlichen Umgang mit ihm, wenn sie sogar im dünnen Morgenmantel vor ihm herumlief und ihm zuweilen in, wie er es empfand, zweideutiger Weise sehr nahekam.
Woher kamen dann seine Bedenken? War es der Altersunterschied, der sich als quälende Einschränkung in seine Gedanken stahl? War es ihre innige familiäre Art, ihn als eigenen Sohn zu betrachten, was er dankbar annahm und verstand, sich aber manchmal als völliges Gegenteil in Fiktionen äußerte? War seine übersteigerte Libido nicht der Auslöser für all seine abwegigen Gedanken? War nicht seine Einsamkeit die wahre Ursache für alles?
Er konnte es in dieser körperlichen Extremsituation nicht beantworten und jegliche Fantasien blieben als Resultat seines unbefriedigten Wunsches nach Intimität übrig. Es gab somit nur zwei Optionen zur Lösung des inneren Konflikts, wovon er eine im Anschluss auch umsetzte.
Früher hatte er es sich in einer ruhigen Ecke bequem gemacht, das rauschende Wasser der Dusche über sich laufen, die Zimmerdecke seines Zimmers auf sich wirken oder sonst wie mit Fantasie seine rechte Hand auch schon mal im Freien die Arbeit erledigen lassen. Heute war die Örtlichkeit dort zu finden, wo ihm eine Dame mit ganzem Körpereinsatz gekonnt diese Hand ersetzte. Das ging ihm jedenfalls durch den Kopf, als er eine Stunde später entspannt auf seinem Rücken liegend stetig pralle Brüste vor sich auf- und niederwippen sah, die ihm dabei in meditativer Gleichmäßigkeit einen einzigartigen Duft frisch geduschter Weiblichkeit entgegenfächerten.
Diese Sitzung dauerte erwartungsgemäß nicht sehr lange. Es ging ihm auch nicht unbedingt um diese Frau, die zweifellos sehr attraktiv war und auch ganz genau wusste, wie man sich um einen Mann kümmert, sondern einzig nur darum, den hormonellen Stau durch das soeben bei Dine Erlebte wieder abzubauen. Es gab keine Fragen, keine Bemerkungen; erst wurde die Hose, dann das Portemonnaie geöffnet, man fühlte sich danach nicht unbedingt gut, so aber doch erleichtert und überhaupt schien danach wieder alles im Lot.
Luise saß an diesem Abend noch lange über ihren Papieren. René wollte nicht stören und ging in seinen Wohnbereich. Er kam später noch einmal heraus, weil ihm Ilias wieder eingefallen war. Der aber lag tief schlafend in seinem Bettchen.