Es war Montagabend geworden. Luise und René saßen im Salon und genossen die Ruhe bei einem Glas Wein. Das Telefon klingelte. Luise nahm den Hörer ab und begrüßte Herrn Simon.
„Nigel, Sie rufen an, wie schön. Guten Abend.“
„Luise, auch Ihnen einen guten Abend. Ich möchte auch nur kurz stören. Wie ich Ihnen sagte, rufe ich an, sobald es ein erstes Ergebnis gibt.“
Luise folgte seinen Ausführungen: “Ja, …, ja, …, ja, das ist wirklich schön, …, wunderbar, schon am Sonntag, aha, und am Abend der Vertrag. Nigel, ich bin Ihnen zu tausend Dank verpflichtet. Sie rufen wieder an, wenn der neue Vertrag unterschrieben ist? Ich danke Ihnen vielmals, einen herzlichen Gruß an Ihre Gemahlin. Ihnen noch einen schönen Abend. … Ja, vielen Dank!“
Sie legte auf und ging freudestrahlend zu René.
„Eine gute Nachricht, mein Lieber, sie hat den Vertrag unterschrieben!“
„Das ging aber schnell!“
René merkte, dass gewisse Uhren anders ticken und wollte genauer wissen, wie das schier Unglaubliche erreicht werden konnte.
„Wie haben die das gemacht, wie kann es sein“, fragte er Luise, „dass sie so schnell einen Vertrag unterschreibt, obwohl sie doch genau weiß, dass ich als leiblicher Vater eine gute Chance habe, das Kind zugesprochen zu bekommen, sollte sie es weggeben wollen? Und außerdem hatte ich ihr doch schon eine Menge Geld geboten!“
„Ganz einfach, hier geht es um mehr Geld. Man hat ihr das Doppelte angeboten und gab ihr darüber hinaus das Gefühl von Sicherheit. Doch ja, auch ich bin überrascht, dass sie so schnell von dem Angebot Gebrauch gemacht hat.“
„Ich verstehe es aber trotzdem nicht, ich meine, es ist unser gemeinsames Kind. Sie kann es doch nicht einfach weiterverkaufen wie einen Gebrauchtwagen! Wo ist ihr Gewissen, wo bleibt die Moral?“
„Ab einem bestimmten Punkt, mein Lieber, hat jeder ein Alibi für so ziemlich alles. Und sind wir doch ehrlich, das Gewissen hat in dieser Welt als moralische Instanz schon lange seinen Nutzen verloren.“
Das Gespräch hierüber war damit beendet.
Zwei Herren in schwarzen Anzügen klingelten. Sie hielten jeder einen Koffer in der Hand und verlangten, als Helen öffnete, Jennifer zu sprechen.
Jennifer hatte noch gar nicht mit dem Geld gerechnet. Laut Vertrag mit den Andersons sollte das Geld erst vierzehn Tage nach der Geburt fällig werden, an dem Tag also, an dem man auch das Kind von ihr übernehmen würde. Jennifer würde durch manipulierte Papiere, die sie selbst als Doreen Anderson auswiesen, dem Kind schon bei dessen Geburt eine neue Identität verschafft haben. Der einfache doch geniale Coup wäre mit der Übergabe perfekt.
Bestimmt kommen die und bringen einen Vorschuss, dachte sich Jennifer und ging an ihrer Mutter vorbei, die gerade noch gefragt hatte, was sie für die beiden Männer tun könne.
„Wir sind wegen des Geldes hier, Sie möchten doch?“
Hatte sie also recht. Jennifer nahm die beiden Visitenkarten, die ihr hingehalten wurden, las etwas von ‚Simon & Partner‘ und steckte sie schnell ein.
„Natürlich, kommen Sie herein, setzen Sie sich doch, möchten Sie etwas trinken?“
Die Herren setzten sich, lehnten das Getränk jedoch freundlich ab.
„Also, dann lassen Sie mal sehen!“
Jennifer saß mit glänzenden Augen den Männern gegenüber und schaute auf die Koffer. Einer der Herren öffnete seinen Koffer. Sie konnte nicht hineinsehen und war zum Zerbersten angespannt.
„Hier ist Ihr Vertrag!“
Er hielt ihr den zwei Tage zuvor unterzeichneten Vertrag hin.
„Sie bestätigen doch, dass das Ihre Unterschrift ist?“
Jennifer zögerte, aber bestätigte schließlich.
„Sie wissen auch, dass Sie damit zugegeben haben, Ihr Kind nach der Geburt gegen Bezahlung abgeben zu wollen?“
Jennifer wurde blass.
„Was soll das? Was wollen Sie von mir?“
„Dieser Vertrag hier kostet Sie nicht nur Ihr Kind, sondern es gibt Leute, die würden Sie dafür am liebsten hinter Schloss und Riegel sehen.“
„Wie kommen Sie überhaupt an diesen Vertrag?“
Jennifer nahm ihn vom Tisch und blätterte ihn durch.
Es war exakt der, den sie am Sonntag unterschrieben hatte.
„Wo wir ihn herhaben, steht nicht zur Debatte, was drinsteht, ist ausschlaggebend. Einhunderttausend, eine nette Summe. Doch dafür eine Gefängniskarriere zu beginnen um das Geld zum Schluss noch nicht einmal zu haben, ist doch abwegig, meinen Sie nicht auch?“
Er beugte sich vor und fuhr fort.
„Wir machen Ihnen ein Angebot, aber nur, weil Sie so nett sind. Fünftausend und keinen Cent mehr.“
Der andere Herr öffnete seinen Koffer und holte den Vertrag von ‚Simon & Partner‘ hervor.
„Hier unten müssen Sie unterschreiben.“
Jennifer saß der Schock in ihren Knochen und blickte zu ihrer Mutter, die in der ganzen Zeit mit ihren Tränen kämpfte. Sie las sich den Vertrag durch, der lang und länger wurde und wo irgendwann einmal die Zahl ‚fünfzigtausend‘ stand.
„Aber hier steht, ich bekomme bei Unterschriftsleistung ‚fünfzigtausend‘ und nicht ‚fünf‘!“
„Das war letzte Woche, denken Sie einmal darüber nach. Sie haben jetzt noch die Wahl, unterschreiben Sie, nehmen Sie das Geld, was wir Ihnen in bar hier auf den Tisch legen werden und seien Sie damit zufrieden, oder Sie wählen den anderen Weg.“
Der andere Herr griff in seinen Koffer, sortierte etwas und legte daraufhin ein Bündel ‚Fünfziger‘ auf den Tisch.
„Seien Sie vernünftig und unterschreiben Sie.“
Jennifer nahm den Kugelschreiber und unterschrieb die beiden Exemplare, wie ihr geraten wurde, nahm das Geld und schrie die beiden Herren an, dass sie jetzt verschwinden sollen: „Und jetzt raus hier! Bestellen Sie René, dass ich ihn hasse, über alles hasse.“
Die beiden Herren entfernten sich, stiegen in ihre schwarze Limousine ein und fuhren gemäßigt los.
„Und die anderen sind auch Schweine.“
„Welche anderen?“
Helen heulte.
„Na die Andersons, die greife ich mir.“
„Jennifer, bleib hier!“, rief Helen ihr hinterher, aber Jennifer war schon draußen.
Diesmal brauchte sie keine halbe Stunde, um bei den Andersons anzukommen. Wo aber damals das glänzende Namensschild hing, hing jetzt nur ein Schild am Tor, dass das Anwesen zu verkaufen sei.
Als sie Worte aus dem Garten vernahm, drückte sie gegen die Tür neben dem Tor, die sich auch jetzt wieder leicht aufschieben ließ.
Ihr kam eine in Hosenanzug gekleidete Frau entgegen, gefolgt von einem Pärchen, mit dem sie beim Gehen sprach.
„Sie können, wenn Sie wollen, gleich morgen einziehen, der Notar hätte für Sie heute noch einen Termin frei. Wir machen das für unsere Kunden so, Service, Sie verstehen.“
Sie sah Jennifer.
„Junge Frau, was kann ich für Sie tun?“
„Hat hier nicht eine Familie Anderson gewohnt?“
„Familie Anderson? Nein! Das Haus gehörte einer älteren Dame und die hieß Steyn. Anderson ist mir gänzlich unbekannt.“
„Aber am Sonntag, ich war hier bei denen, das Wohnzimmer, der Computer!“
„Junge Dame, da müssen Sie sich irren, denn das Haus steht seit einem Monat leer.“
„Unmöglich, ich war drin, vorgestern erst und habe mit denen geredet.“
„Wie gesagt, das kann nicht sein, es steht seit, warten Sie“, sie blätterte im Exposé, „seit genau drei Wochen und sechs Tagen leer und wurde, dafür verbürge ich mich“, sie lächelte zum Pärchen hinüber, „in dieser Zeit auch nicht genutzt.“
Jetzt begriff Jennifer. Es war alles nur eine Zirkusaufführung gewesen und sie war diejenige, die den Clown gespielt hat. Tatsächlich, sie wurde reingelegt. Und das Schlimmste daran war, dass sie nichts in der Hand hatte, rein gar nichts. Im Gegenteil, mit ihrer Unterschrift hat sie den Empfang von fünfzigtausend bestätigt. Und dieses Geld hätte sie bei Vertragsbruch natürlich zurückzuzahlen.
Jennifer war wieder zu Hause und stürmte mit den Worten ‚ich kauf mir das Schwein‘ ins Wohnzimmer.
Dort saß Helen. Sie hatte in der knappen Stunde, in der Jennifer das vermeintliche Haus der Andersons aufgesucht hatte, den Vertrag durchgelesen und bremste ihre Wut.
„Das würde ich nicht machen. Hier steht …, warte … dass du Stillschweigen zu wahren hättest über Teile dieses Vertrages oder den Vertrag selbst.“
„Ich werde zu den Bullen gehen, ich werde den Vertrag anfechten, sie verklagen, sie wegen Betruges anzeigen, ich werde …“, sie fiel heulend ihrer Mutter an den Hals.
„Du tust am besten gar nichts, höre wenigstens jetzt einmal auf deine Mutter.“
„Diese Dreckschweine, ich könnte sie alle umbringen, eigenhändig erwürgen“, sagte sie aufgebracht und stampfte dabei auf den Boden.
„Reg dich bitte nicht so auf, Jennifer, das Baby!“
„Ja, das Baby, wird es schon überl…“, sie hörte kurz auf zu sprechen, „Mama“, ihr Blick fiel auf ihren Bauch, „das Baby, Mama, ruf schnell einen Krankenwagen, es kommt.“
„Bist du dir sicher?“
„Ich spinn doch nicht, ich merke doch, es will raus, los, mach schon, ruf endlich diesen verdammten Krankenwagen!“
Schweiß trat auf Jennifers Stirn.
„Das hast du nun davon, dass du dich immer so sehr aufregst. Das Baby kommt, ach du meine Güte … zu früh!“
Mit ohrenbetäubendem Lärm kam ein Rettungswagen angefahren.
„Ganz ruhig! Tief durchatmen und entspannen. Wann sollte der Geburtstermin sein? Nächste Woche? Okay, wir checken einmal alles durch. Aber ich denke, es ist ein Fehlalarm. Schauen wir einmal.“
Man untersuchte sie, der Blutdruck war sehr hoch, also Aufregung.
„Schonen Sie sich! Kein Kaffee, keine Aufregung, viel Spazieren gehen! Bewegung ist gut und natürlich an der frischen Luft.“
Kaum war die Rettungsärztin wieder fort, fing Helen erneut an.
„Laut Vertrag musst du jetzt dem Rechtsanwalt Bescheid geben, dass du mit einem Arzt gesprochen hast, weil es medizinisch notwendig wurde. Mache es bitte!“
„Ich werde einen Scheißdreck tun, ich sag denen zuletzt vielleicht noch, wann ich aufs Klo gegangen bin oder frag vorher nach, ob ich darf. Und wie sollen die denn das mitbekommen haben?“
Es war Mittwoch, das Telefon klingelte. Jennifer zuckte zusammen. Sie wusste nicht warum, aber sie ahnte etwas.
„Ja, Estril.“
„Frau Estril, Jennifer Estril?“
„Ja, das bin ich.“
„Sie erinnern sich, A. Clayton, wir hatten schon einmal das Vergnügen. Sie haben einen Vertrag, also halten Sie sich daran. Sollte wieder einmal etwas mit Ihnen sein, werden Sie sich sofort unter der Nummer melden, die im Vertrag steht, verstanden?“
Sie sah diesen großen und in ihrer Situation furchteinflößenden Mann wieder vor sich stehen, der kürzlich das Gespräch mit ihr führte.
„Ja, habe ich.“
„Haben Sie das wirklich verstanden und werden Sie sich daran halten?“
„Ja!“, ihre Stimme flatterte, „ja, versprochen, ich werde es tun!“
Sie legte den Hörer auf und zitterte am ganzen Leib. Das hätte sie wirklich nicht erwartet.
Ihre Mutter kam aus der Küche.
„Wer war dran?“
„Clayton“
„Wer ist Clayton?“
„A. Clayton, einer der beiden Männer, die wegen des Vertrages da waren.“
Jennifer setzte sich und sprach resignierend weiter, „ich werde doch tatsächlich überwacht.“
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
Sie schloss die Gardinen aller Fenster.
„Hör auf damit, es ist heller Tag.“
Ihre Mutter ging hinter ihr her und zog die Gardinen wieder auf.
„Noch ein paar Tage und es wird alles vorbei sein. Wir werden von hier weggehen. Was meinst du? Wir gehen wieder zu Ludger, es würde ihm guttun, uns guttun. Wir verkaufen dieses Unglückshaus und ziehen nach Purgwhall, da wollten wir doch schon mal hin, erinnerst du dich, als Papa noch bei uns war? Wir werden wieder eine Familie, wie wir sie einmal waren, nur du und Ludger und ich.“
„Und Hubert“, sagte Jennifer mit Tränen in den Augen.
„Und Hubert?“, wiederholte Helen fragend.
„Sein Hund!“
„Klar, Hubert natürlich auch!“