Am späteren Nachmittag kam Jennifer von ihrer Arbeit. René hatte der Mut verlassen. Er hatte Helen noch nichts von seinem Jobverlust berichtet und Jennifer würde er auch nichts erzählen wollen, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Somit war alles erst einmal beim Alten, keine Fragen, keine Erklärungsnöte, wenigstens vier oder maximal acht Wochen. Bis dahin würde er entweder einen neuen Job gefunden haben oder ihnen eine wie auch immer geartete plausible Erklärung liefern können.
Die Tage vergingen. Er trieb sich in der öffentlichen Bibliothek der Stadt herum und überflog all die Bücher, die sich mit der Psyche von depressiven Menschen befassten. Durch einen Hinweis in einem Buch auf die besondere Problematik bei Transsexuellen wurde er auf den Gedanken gebracht, nicht nur die tieferen Ursachen für Depressionen verstehen zu wollen, sondern speziell die Psyche von Transsexuellen. Leider lieferte ihm die öffentlich zugängliche Lektüre hierzu bald keine zufriedenstellenden Antworten mehr. Beim Beenden des Lesens eines Kommentars begriff er vollends, gar nicht in der Lage zu sein, auch nur ansatzweise etwas aus diesem hochspezialisiertem Bereich durch das einfache Lesen von Büchern verstehen zu können. Seine schon lange gehegte Befürchtung, er müsse dafür fachliche Hilfe in Anspruch nehmen, fand er damit bestätigt. Bis dahin aber blieb ihm nur die Feststellung, dass dem Thema ‚Transsexualität‘ auch in dieser so fortschrittlichen Zeit nicht genügend Raum eingeräumt wurde.
Der Tag war aber noch nicht so weit vorangeschritten, dass er hätte von seiner Arbeit nach Hause kommen können. Deshalb riss er sich zusammen und fuhr in die Klinik, um dort Oberschwester Beate zu treffen. Sie freute sich auch sehr über seinen Entschluss, nun doch tiefer in die Materie eindringen zu wollen.
„Ich kann mal sehen, ob ich für Sie eine Praktikantenstelle besorgen kann“, bot sie ihm auch gleich an, „dort können Sie sich erst einmal anschauen, ob das überhaupt etwas für Sie sein könnte.“
Er war etwas enttäuscht, sah er sich doch schon zwischen Studenten sitzen, die den Dozenten alles an Wissen entlocken könnten, was sie für ein vollumfängliches Verständnis der menschlichen Psyche benötigen.
„Ich bin jetzt achtundzwanzig Jahre in diesem Geschäft, und glauben Sie mir“, sagte Schwester Beate, „ich habe noch lange nicht alles gelernt, was es darüber zu lernen gibt. Es wird permanent Neues entdeckt, was den Wissensstand erweitert, gar revolutioniert oder Wissen von gestern oder heute Morgen wieder infrage stellt, wenn nicht gleich ganz über den Haufen wirft.“
Renés Gesichtsausdruck entspannte sich wieder.
„Also“, sagte er und stimmte damit ihrem Einwand zu, „warte ich, bis Sie mich anrufen.“
Er bedankte sich vielmals und verließ mit dem erregenden Gedanken die Klinik, schon bald mehr über Menschen zu erfahren, die das gleiche natürliche Schicksal erfahren haben, wie Andrea, wie sie damit umgehen, aber vor allem auch leben können in vielleicht ganz besonders herausfordernden Situationen.
Seine Heimfahrt hatte sich so noch etwas verzögert und Helen und Jennifer saßen schon auf der Veranda und tranken Tee.
„Setz dich zu uns, mein Schatz“, bat Jennifer René auf die Hollywoodschaukel.
Sie und Helen rückten etwas auseinander, um ihn zwischen sich zu lassen. René schaute auf den Tisch und sah ungläubig auf die Teekanne.
„Seit wann trinkt ihr beiden“, er roch an der Kanne, „Früchtetee? Und das zu so einer Zeit?“
Er schaute zu Jennifer, und als sie nicht reagierte, zu Helen.
„Kaffee ist für uns beide nicht gut“, zog Jennifer seinen Blick wieder auf sich.
„Seid ihr beiden auf einem Tee-Trip oder wollt ihr zum Buddhismus übertreten, oder warum soll Kaffee auf einmal schädlich für euch sein?“
Abwechselnd sah er auf Jennifer und ihre Mutter.
„Er ist ja auch nicht für uns beide schädlich“, sagte Helen, „sondern für uns beide“, präzisierte Jennifer.
„Ich verstehe immer noch nicht, aber na ja.“
Er wollte gerade anfangen, von seinem neuen Vorhaben zu erzählen, als Jennifer ihm offenbarte: „Ich bin schwanger!“
Die Worte verließen ihren Mund und stauten sich vor seinem Gehirn, das diese Information erst in einem längeren Prozess verarbeiten musste – René bekam von der Welt für ein paar Sekunden nichts mehr mit. Doch dann sprang er auf und mit hochgerissenen Armen jubelnd im Garten herum. Er musste der ganzen Welt mitteilen, dass er nun Vater werden würde. Erst nach Minuten legte sich seine überschwängliche Freude und er nahm Jennifer in die Arme, drückte und küsste sie, bis sie ihn um ihr Leben und das des heranwachsenden Kindes bat.
„Ich bin so glücklich, du machst mich so glücklich, mein Schatz!“
Er ging zu Helen und umarmte sie.
„Das ist wundervoll!“
„Seit wann weißt du es?“
René setzte sich wieder und hielt Jennifers Hände.
„Mein Test vor drei Tagen war positiv, aber der Arzt bestätigte mir erst heute den Test mit einem Laborergebnis.“
Sie strahlte René an, der ihr pausenlos Küsschen gab und zwischendrin immer wieder auf ihren Bauch schielte.
„Es ist noch nichts zu sehen“, beruhigte sie ihn, damit er seine ständigen Blicke dorthin beenden würde und strich ihm dabei durch seine wild abstehenden Haare.
„Ich glaube es nicht, ein Baby, wir bekommen ein Baby.“
Erst nach einiger Zeit beruhigte er sich und wurde leise. Der Wind frischte auf und es wurde den Dreien bald zu kalt. Sie gingen ins Haus, liefen dann noch längere Zeit im Wohnzimmer herum und überlegten, wo, wie, und in welcher Farbe ein Kinderzimmer hergerichtet werden könnte, bis sie spät schlafen gingen und weit nach Mitternacht Ruhe einkehrte.
Am anderen Tag rief René gleich Dine an. In den vergangenen Wochen hatten sie sich kaum gesprochen und gar nicht gesehen. Sie nahm seine Nachricht freudig auf und beide vereinbarten gleich ein Treffen für den Nachmittag auf dem Platz vor der Staatsanwaltschaft.
„Wie geht es dir so?“, fragte sie als Erstes, als sie sich trafen.
„Mir geht es prima, und selbst?“
Sie umarmten sich und jeder genoss das Gefühl, den anderen wieder einmal zu spüren.
„Ich hoffte immer, dass du mich wegen …“, René ließ sie nicht ausreden und entgegnete gleich, „das mit damals ist durch, ich bin dabei, etwas gänzlich Neues auszuprobieren und ohne dich hätte ich den Absprung wohl nie geschafft.“
Er drückte Dine noch einmal und ihr fiel ein Stein vom Herzen, als sie dabei spürte, wie ehrlich er es meinte.
„Dann sag schon, wie fühlt man sich als werdender Vater?“
„Ich weiß nicht wirklich, wie man sich so fühlt. Ja, wie fühlt man sich eigentlich?“, fragte er sich selbst, „ich bin einfach nur glücklich!“
„Na, und stolz wie ein Pfau bist du auch.“
René grinste.
„Aber hattest du nicht gesagt, dass sie die Pille nimmt?“
„Nimmt sie ja auch, doch scheint diese Art der Verhütung nicht hundertprozentig sicher zu sein, wie wir sehen. Ist auch egal, es ist einfach wunderbar, dass ein Kind unterwegs ist.“
Mit der Frage, was er denn so in den vergangenen Wochen gemacht hätte, griffen sie ein neues Thema auf.
Anfänglich war er etwas zurückhaltend. Er dachte, sie würde ihn auslachen, wenn er anfing, über Psychologie zu reden. Das Gegenteil war jedoch der Fall. Beim ersten Wort darüber horchte Dine gespannt auf. Sie zog ihn an seinem Jackenärmel in die Richtung eines Cafés und gab ihm zu verstehen, dass er ruhig alles erzählen könne, was er wolle, denn sie würde dieses Thema auch brennend interessieren.
Nach mehr als zwei Stunden lehnten sich die beiden zurück. René war ausgelaugt vom Reden und Dine vom Zuhören. Sie war verblüfft von dem Wissen, was er sich in dieser Zeit doch angeeignet hatte und riet ihm wegen seines schier grenzenlosen Enthusiasmus, seinen Traum zu verwirklichen.
„Du kannst dein Engagement für gute Dinge einbringen, da bin ich mir sicher!“, sagte sie und stand auf.
„Ich werde mit Jennifer reden und auch sie davon überzeugen. Sie wird in absehbarer Zeit den Job in dem Pflegeheim ohnehin nicht weitermachen können, da wäre es doch nur sinnvoll, wenn du für sie einspringen könntest. Bis dahin hast du vielleicht die Möglichkeit, ein Praktikum dort zu machen. Es wäre zumindest ein Anfang.“
René freute sich über dieses Angebot und nahm es natürlich sehr gern an, zumal er damit einer ganz sicheren Erklärungsnot ausweichen könnte.
Vielleicht wird Jennifer mich in meiner Entscheidung sogar bestärken, dachte er sich, stand auch auf und umarmte Dine.
„Süße, ich danke dir ganz lieb!“
Kaum war René zu Hause, kam ihm Jennifer entgegen, küsste ihn, wie sie es jedes Mal tat, nahm ihn dieses Mal jedoch an den Händen und blickte ihm tief in die Augen.
„Seit wann geht das schon so?“
René verstand nicht.
„Was meinst du?“
„Dine hat angerufen!“
Jennifers Stimme wurde etwas erregter.
„Sie hat mir erzählt, dass du schon seit Längerem davon träumst, den Menschen und insbesondere die Psyche des Menschen begreifen zu wollen.“
Sie lächelte.
„Und warum weiß ich nicht, dass du das viel lieber machen würdest, als den Job in der Staatsanwaltschaft?“
René konnte durchatmen. Dine hat Jennifer lediglich so viel erzählt, wie nötig war, um ihren Instinkt als liebenden Partner zu wecken, der natürlich nur darauf ausgerichtet ist, den Anderen glücklich zu sehen. Er schaute jetzt auch ihr in die Augen und lächelte.
„Was soll ich denn machen, dich und unser Baby hier ohne Einkommen hängen lassen? Wie soll das gehen?“
„Indem du Stütze vom Amt bekommen würdest, zumindest für die nächsten sechs Monate. Ist dein Praktikum vorüber, hast du vielleicht schon eine Aushilfsstelle, die dir Zeit lässt, zu studieren und bei der du auch ein wenig Geld verdienst. Außerdem haben wir noch etwas Geld von dem Sofa.“
Sie erschrak bei diesem Satz, denn sie wollte ihm eigentlich nur zureden und nicht über das Geld bestimmen.
René wusste jetzt, dass Dine ganze Arbeit geleistet hat und blickte Jennifer verliebt an.
Er tat, als würde er überlegen und stimmte zu: „Eigentlich hast du recht, warum soll man es nicht einmal versuchen? Mehr, als dass ich einen anderen Job annehmen müsste, kann uns ja nicht passieren.“
Helen freute sich am meisten darüber, weil sie wusste, dass ihr René das Zeug zum Psychologen hat.
Zufrieden und entspannt gingen Jennifer und René an diesem Abend etwas eher in ihr Zimmer, in dem jedoch erst nach weiteren gefühlvollen Stunden das Licht gänzlich gelöscht wurde.