„Also Dine, kennst du jemand, der Interesse an meinem Sofa haben könnte?“
Sie kannte das Sofa und brauchte es sich deshalb nicht noch einmal ansehen.
„Bei mir passt das nicht rein“, sagte sie und bückte sich dann doch, um an den feinen Konturen entlangzustreichen.
„Ich habe mir das eigentlich nie so richtig angesehen, ist wirklich toll. Es ist schade, aber das sieht man kaum, wenn es so zwischen den anderen Möbeln steht.“
Sie machte zwei Schritte zurück.
„Ich denke, ich habe tatsächlich jemanden für dich, aber dafür müsstest du wieder einmal mit meinem Bruder zusammentreffen, denn ich kenne die Person nicht persönlich, sondern nur von ihm und darüber, was man eben so noch nebenbei erfährt. Weißt du was, ich rufe Lane gleich an, dass er mit seiner ehemaligen Liaison hier vorbeikommt, denn sie hat nicht nur einen äußerst erlesenen Geschmack, sondern auch das nötige Kleingeld, um ihn sich leisten zu können.“
Dine nahm ihr Handy und kurze Zeit später hatte sie auch schon ihren Bruder mit der Möglichkeit konfrontiert, seine alte Liebschaft unter einem Vorwand wiedertreffen zu können.
„Er kommt, sagte er und sie kommt mit, da war er sich sicher.“
„So schnell?“, fragte René, „wie sicher kann das sein?“
„Bei Lane ist nur eins sicher, dass es keine Sicherheit gibt.“
Dine verdrehte ihre Augen.
„Das kannst du dir bestimmt vorstellen, du hast ihn schon kennengelernt. Doch wenn es um sie geht, setzt er alle Hebel in Bewegung. Wir treffen uns dann wieder hier.“
René war deshalb sehr gespannt auf diese Frau, die wohl die Einzige zu sein schien, welche einen geheimnisvollen Einfluss auf Lane hatte.
Dine und René waren wieder zurück. Es klingelte. René öffnete und sah Lane, der von einer Frau begleitet wurde, die sofort und ohne ein Wort zu sagen, seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Hallo …“, je länger er in den Treppenaufgang blickte, desto größer wurden seine Augen.
Lane grüßte zurück, „Leone wollten Sie sagen. Es ist schon einige Zeit her, dass wir uns trafen. Hallo René, schön Sie zu sehen!“
Freudig gab Leone ihm die Hand.
„Darf ich Ihnen vorstellen? Das ist Yasmine. Sie war bisher meine größte Liebe, bis ich sie verlassen musste. Doch sie war schuld daran.“
Er machte eine abfällige Bewegung und ging direkt zu seiner Schwester.
René stand nun allein mit Yasmine, die ihm die Hand nicht hinhielt, sondern sie ihm reichte, als dürfe er sie nur ansehen.
„Hallo, ich bin Yasmine, höre nicht auf den Dummerjan, der redet oft wirres Zeug und vor allem“, sie kam nahe an René heran, hielt eine Hand vor ihren Mund und flüsterte weiter: „glaube ihm nichts von dem, was er über mich erzählt.“
René schloss seine Augen, als er sie vor sich spürte und sie ihn in einen Duft hüllte, der ihrem Namen gleich die gesamte Welt um ihn herum mit vereinnahmte, ihn für den Augenblick alles vergessen ließ im Sog unwiderstehlicher Weiblichkeit. Nur Nähe und doch viel mehr. Er war wie gelähmt. Wie sollte er sich jetzt dieser Frau gegenüber verhalten? Diese erregende Erscheinung einfach mit einem Händedruck begrüßen oder sie besser nur berühren, und sich dabei die Finger verbrennen? In verschüchterter Faszination brachte er lediglich ein weiteres ‚Hallo!‘ hervor.
„Ich weiß schon gar nicht mehr, was Leone sagte“, stotterte er in einem diffusen Gedanken angenehmer Verwirrtheit hinterher.
„Lass uns beide hineingehen“, lächelte sie René entgegen, der sie bereitwillig passieren ließ.
Sie betrat die leere Wohnung.
Im Wohnzimmer standen Dine und ihr Bruder, die darüber fachsimpelten, wie diese wundervollen Verzierungen entstanden sein könnten.
„Das ist also das unwiderstehliche Objekt, von dem Leone schwärmte.“
Yasmine ging direkt auf das Sofa zu, setzte ihre Fingernägel auf die Metallteile und glitt über die Zierde. Als sie sich nach vorn beugte, um den Bezug der Sitzfläche zu ertasten, rutschte ihr extrem kurzer Rock weiter nach oben. Eine deutlich sichtbare Wölbung ihres weißen Tangas tauchte auf und ergab zusammen mit den Ansätzen zuvor zart verhüllter Rundungen nun ein äußerst gewagtes Bild, welches jedem der drei hinter ihr stehenden Betrachter genug Anlass für Spekulationen bot. Erst als sie sich wieder aufrichtete, um sich nach dem Preis zu erkundigen, zog sie das Stückchen Stoff über ihren Po zurück und lächelte erneut – ganz nebenbei.
„Was möchtest du für dieses schöne Stück?“
Der Hauch einer Frage erreichte Renés Ohr. Nicht wie viel‘ hatte sie wissen wollen, auch nicht, ob es eine Untergrenze für den Preis gäbe, sondern ‚was‘ er dafür haben möchte, war ihre Frage. René konnte nicht antworten.
„Willst du das Sofa auch wirklich verkaufen?“, fragte Dine, die wusste, dass er wegen der vergangenen Minuten einen Moment brauchte, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können.
Als René ihr selbst auf Nachfrage nicht antwortete, nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn auf den Balkon. Die Tür hinter sich schließend vergewisserte sie sich, dass Yasmine von Leone beschäftigt wurde und fing an, René den Kopf zu waschen.
„Wir sind hier, um dein Sofa zu verkaufen. Da drin steht eine Person, die ist bestimmt, was sage ich, sie ist mit Sicherheit die schärfste Nummer weit und breit, aber sie hat es faustdick hinter ihren kleinen süßen Öhrchen. Was glaubst du, warum mein Bruder schon immer gesprungen ist, wenn sie nur die Andeutung machte, mit dem Finger schnipsen zu wollen? Sie weiß genau, was für eine Wirkung sie auf ihre Mitmenschen ausübt und sie hat bestimmt schon mehr Herzen gebrochen, als du in deinem Leben jemals kennenlernen wirst. Du hast Jennifer. Sie ist intelligent und eine natürliche Schönheit, sie liebt dich und du musst dir wegen irgendwelcher scheiß Macken keine Gedanken machen. Yasmine ist heiß, viel zu heiß für dich. Verkaufe ihr das Sofa so teuer wie möglich und alles ist gut.“
„Okay, okay, du hast ja recht“.
Ihre Ansprache und die frische Luft brachten ihn langsam wieder ins reale Leben zurück.
„Das Sofa hat mir zehntausend gekostet, also was denkst du, soll ich nehmen?“, er schaute Dine unsicher an und schlug dann vor: „Vielleicht tausend, ist doch schon gebraucht und ich muss es loswerden.“
„Bist du verrückt?“, fuhr ihn Dine an, „die schwimmt im Geld und du willst ihr etwas schenken! Hänge eine Null dran, wenn sie dich gleich noch einmal fragt, was es kosten soll.“
Beide gingen zurück.
Yasmine und Leone saßen auf dem Sofa und unterhielten sich.
„Also!“
Dine hielt René am Arm und begann: „René ist schüchtern und ihr beiden tragt nun auch nicht gerade dazu bei, dass er aus sich herausgeht. Das Sofa hier ist jedenfalls das Einzige, was er von seiner Großmutter hat. Und sie hat es wohl von ihren Großeltern, wer weiß das so genau, auf jeden Fall ist der Stoff noch im Original. Ihm bedeutet dieses Teil sehr viel, zumal er das alles hier“, sie deutete auf die Metallarbeiten, „so dem Original hat nachempfinden lassen, als wäre es schon vor zweihundert Jahren so hergestellt worden. Dieses herrliche Stück kostet …“, sie drehte sich zu René, der, wie aus der Pistole geschossen sagte: „Einhunderttausend!“
Dine ging der Mund auf und Leone beendete seine genüsslichen Schnüffeleien an Yasmine, auch weil sie aufstand, um René die Hand hinzuhalten und den Kauf zu besiegeln. Sie fragte, wo ein Fenster zur Straße hinausging, öffnete es, hob eine Hand und keine Minute später standen zwei Hünen in der Wohnung, jeder seine hundertzwanzig Kilo reinste Muskelmasse.
„Ich gebe ihm das Geld und ich weiß, dass er es bei dir abliefern wird!“, sagte sie zu René, tätschelte eine Wange von Leone und verließ mit ihm kurz darauf die Wohnung.
Dine und René blieben zurück und erst als sie einen Sportwagen einem Transporter folgen sahen, fiel jegliche Anspannung von den beiden ab.
“Einhunderttausend!“
Dine griff sich in ihre Haare: „Ich dachte an zehn.“
Und René, „ich dachte, du hast die Null dort hintendran gemeint, wofür ich sie selbst bekommen habe. Ich glaube es nicht.“
Unmittelbar danach ein Zweifel: „Was aber, wenn sie denkt, zu viel dafür bezahlt zu haben?“
„Mach dir deswegen keine Gedanken!“, beruhigte ihn Dine, „sie hat in diesem Moment wahrscheinlich schon wieder vergessen, dass soeben ein Teil ihrer Monatseinnahmen in ein Sofa geflossen sind. Ich bin mir sicher, dass sie andere Formen von Einkommen hat, als du und ich. Und dieses Einkommen muss irgendwo angelegt werden, da bietet sich solch ein Gegenstand quasi an, ohne Quittung den Besitzer zu wechseln.“
René fragte nicht weiter.
Dine umarmte und drückte ihn herzlich, bevor sie ihm zusicherte, ihn anzurufen, sobald ihr Bruder das Geld gebracht hätte.
Das Klacken ihrer Absätze verhallte langsam im Treppenhaus. René saß angelehnt an einer Wand im Flur auf dem Boden. Wie schnell sich Gegebenheiten ändern können, ging es ihm durch den Kopf, denn vor Kurzem hatte er daran gedacht, sein Auto doch noch verkaufen zu wollen, damit der Umbau bei Jennifer bezahlt werden kann, und schon hat er richtig viel Kohle in der Tasche, so viel, dass er sich wegen nichts mehr Gedanken machen musste.
Jennifer fragte ihn natürlich, wie es gelaufen sei. Freudig berichtete René von Yasmine, die ihm dann auch, ohne überhaupt über die Summe verhandeln zu wollen, seinen Preis akzeptiert hatte, und das wäre dann doch so viel gewesen, dass der Renovierung der Kammer nichts mehr im Wege steht.
Noch am selben Wochenende rief Dine an, dass ihr Bruder das Geld bekommen und es ihr auch schon gegeben hätte. Sie wäre gegen Abend wieder in ihrer Wohnung. Dann könnte er vorbeikommen und es abholen, allerdings hätte sie nur wenig Zeit, weil sich noch anderer Besuch angemeldet hat. Sie besprachen deshalb alles schon vorab am Telefon. René bat Dine, ihm offiziell erst einmal nur die Hälfte zu geben, von der zweiten Hälfte wolle er nur vierzig, die sie für ihn aufbewahren sollte. Zehn wären dafür, dass sie ihm so sehr geholfen hat. Auch bat er darum, Jennifer nichts von ihrer kleinen Absprache zu erzählen, denn er wollte niemanden in Verlegenheit bringen.
Als er bei Dine ankam, begrüßte sie ihn herzlich und drückte ihm den Umschlag in die Hand.
„Hier du Verrückter, deine fünfzigtausend, Ich freue mich für euch und gönne es euch beiden von ganzem Herzen. Ihr könnt es sicher sehr gut gebrauchen. Jetzt muss ich dich aber auch schon wieder bitten, mein Süßer, mein Besuch wird jeden Moment kommen.“
René fuhr auf direktem Weg nach Hause und legte das Geld auf den Tisch. Als Helen die Stapel Hunderter liegen sah, konnte sie es nicht glauben, dass ein Sitzmöbel so viel Geld wert sein konnte, doch wollte sie mit nervigen Fragen kein Spielverderber sein und gratulierte.
Nachdem der Umschlag an einer sicheren Stelle verstaut war, lud René beide in sein Auto und sie gingen das erste Mal überhaupt vornehm essen.
„Einen solchen Deal macht man nicht jeden Tag, der muss gefeiert werden!“, sagte René auf der Fahrt in ein außerhalb gelegenes Restaurant.
Der Berg ‚Gillhes‘ ist ein Begriff, wenn es um gutes Essen in harmonisch-eleganter Atmosphäre geht. Knapp siebzig Jahre zuvor hatte ein junger Mann die originelle Idee, auf dem Plateau dieses Berges ein Autokino zu errichten. Ein Drive-in komplettierte das Angebot. Das Kino war für viele Jahre ein voller Erfolg. Bald änderten sich aber die Vorlieben der Twens. Die Nachfrage ließ nach und ein neues Konzept musste her. Vom Autokino ist daher leider nichts übriggeblieben, dafür wurde der gesamte Drive-in-Bereich zum Restaurant im heutigen Stil umgebaut. Anstatt der halbkreisförmigen Zufahrt steht nun jeder Tisch entlang der Fensterfront und jeder Gast kann somit bei Kerzenschein und leiser Musik das Essen und das Panorama gleichermaßen genießen.
„Ich wollte schon immer einmal hier hoch, doch es ging nicht. Es war damals schon sehr teuer. Ich habe es mir nicht so schön vorgestellt!“, schwärmte Helen.
Der Kellner brachte jedem eine Karte in bordeauxrot mit feinster goldfarbener Aufschrift und nahm die Bestellung für die Getränke auf.
„Ob ich in so einem noblen Laden arbeiten könnte, weiß ich tatsächlich nicht“, sagte Jennifer, sah dem Kellner hinterher und blickte auch auf die anderen, die exakt gekleidet und beinahe pantomimenhaft um die Tische herumliefen, um nur keinen Ton zu erzeugen, der die Gäste stören könnte.
Trotz aller Steifheit war es schön, eben einmal etwas vollkommen Anderes.
Zum Ende des überaus gelungenen Ausfluges wusste Helen endlich, dass es hier zwar wunderschön ist, sie aber in all den Jahren nicht wirklich etwas versäumt hatte. Jennifer war sich mit diesem Abend sicher, dass ihr Café im CP nicht unbedingt die coolste Location in der Stadt ist, es dort aber viel lockerer zuging und das Arbeiten ganz bestimmt mehr Spaß machen würde, als in diesem Restaurant. René würde ab jetzt nichts mehr im Restaurant um die Ecke vermissen, da es hier oben auch nicht viel besser schmeckt und alle wussten, dass man mit 350 Scheinen viel bessere Dinge anstellen könnte, als sie in kürzester Zeit einfach nur aufzuessen.
Die Drei ließen dann den Abend noch gemütlich bei einem Glas Rotwein in der Bellham 237 ausklingen.
Vier Monate sind seit diesem Abend vergangen. Alle waren zufrieden. Die Kammer war zu einem Kleinod umgebaut. Helen hatte ihre kleine Melanie jetzt wieder täglich bei sich, Jennifer hatte ihren Job in dem Café dann doch aufgegeben und René konnte sich um seine Bücher kümmern. Sein Job war sicher und das Geld pünktlich auf dem Konto. Es war eine kleinbürgerliche Idylle entstanden, in der die Worte ‚Hochzeit‘ und ‚Baby‘ schon wiederholt gefallen waren. Helen war zwar in die kleine Melanie vernarrt, zumal sie Jennifer sehr ähnlich sah, als sie im selben Alter war, doch war es eben nicht ihr eigenes Enkelkind. Als Mutter schmunzelte sie bei dem Gedanken, Oma zu werden. Sie würde sich doch riesig freuen, einen so winzigen Balg den ganzen Tag betüddeln zu können.
Alles war schön, vielleicht zu schön, um ewig wahr zu bleiben.
René stand vor einem mächtigen Schreibtisch, der scheinbar zeitgleich mit der Fertigstellung des Gebäudes angeschafft wurde. Auf ihm lagen Stapel von Akten und losen Papierseiten, die Schreibtischgarnitur war aus Holz, einfach und gediegen, die Schreibunterlage bildete ein Monatskalenderblatt mit dem Zeichen der Staatsanwaltschaft in der linken oberen Ecke. Entlang der gegenüberliegenden Wände standen Regale voll mit Büchern, Aktenordnern und Aktenstapeln; in einer Ecke ein Papierkorb. Insgesamt machte dieser Raum einen altbackenen Eindruck, bei dem der Stuhl hinter dem Schreibtisch noch die jüngste Anschaffung gewesen sein müsste.
Die Tür ging auf. René saß auf einem Hocker vor dem Schreibtisch und schaute hoch. Dine kam herein. Mister Tadellos folgte ihr. Sie hatte eine Akte in ihrer Hand, aber auch eine sehr finstere Miene in ihrem Gesicht.
„Peter“, fing sie an, „war heute Morgen so freundlich, mir diese Akte in die Hand zu geben.“
Sie hielt dabei die Akte hoch und zeigte mit dem Zeigefinger darauf.
„Und weißt du, mein lieber René, wo er die herhat?“
René wusste in diesem Augenblick wirklich nicht, wo die Akte her sein könnte, zog die Mundwinkel nach unten und die Schultern nach oben.
„Dann will ich dir ein wenig auf die Sprünge helfen. Wenn du schon eine Akte verschwinden lassen willst“, sie krachte die Akte auf den Schreibtisch, „dann so“, schaute nun erst zu Peter, dann zur Tür, die er auch gleich schloss, und dann zurück zu René, „dass sie keiner findet!“
René schluckte.
In diesem Moment fiel ihm Justins Akte wieder ein.
„Und wenn ich sage ‚nicht findet‘, dann meine ich auch solche Verstecke“, René wusste, was jetzt kam, „die selbst bei einer Inspektion nicht herauskommen. Du Rindvieh, du trauriges“, Dine nahm die Akte wieder auf und schlug sie ihm auf den Kopf, „packst das Ding auf den Fahrstuhl und denkst, dass sie da so den Rest dieses Jahrhunderts immer hübsch mit hoch- und runterfährt. Hast du nur ein Mal in den zig hunderten Mal, da du den Fahrstuhl benutzt hast, auf diesen runden, orangefarbenen, grell leuchtenden und eigentlich nicht übersehbaren Aufkleber geguckt, der da eindeutig diesen jetzt aktuellen Monat angibt, in dem der Fahrstuhl wieder inspiziert wird? Hast du das?“
Dine kochte.
„Dank Peter passiert dir nichts Schlimmeres, als dass du gehen darfst.“
René runzelte die Stirn. Er hatte bis zu diesem Zeitpunkt geschwiegen und wollte gerade ansetzen, etwas zu sagen wie ‚es tut mir leid’ oder ‚es wird nicht wieder vorkommen‘. Doch jetzt blieb ihm schon der Ansatz dessen im Hals stecken und es war Ruhe im Raum. Im Leben hätte er nicht daran gedacht, dass Dine mit dem ‚er dürfe gehen‘ gemeint hat, seine Sachen zu packen, die Staatsanwaltschaft zu verlassen, sich bis Ende des Monats Resturlaub und dann unbezahlt freizunehmen.
All das teilte sie ihm dann noch mit, als Peter gegangen war und sich beide gegenübersaßen, René auf dem Hocker, Dine in ihrem bequemen Stuhl und dazwischen die Macht in Form dieses Schreibtisches.
„Ich habe mit Peter geredet und ihm das gesagt, was du vorhin wohl sicher auch sagen wolltest. Er ist ein netter Kerl und du kannst froh sein, dass die Monteure die Akte nicht schon viel früher gefunden haben, sonst hätte das wirklich Ärger gegeben, du kennst die Sachen: Behinderung von Ermittlungen, vielleicht sogar Mithilfe bei einer Straftat und so weiter und so fort.“
Sie lehnte sich zurück.
„Schon eine Stunde bevor du da gewesen bist, haben Peter und ich darüber gesprochen, welche Möglichkeiten es gibt, dich aus dem Schlamassel rauszuholen. Er hat mir am Ende vor Augen geführt, dass es hier auch um meinen Arsch geht, verstehst du das?“
Dine setzte sich wieder auf.
„Sag endlich was! Was hast du dir dabei gedacht? Hat es sich wenigstens gelohnt?“
Sie befand sich zwischen Heulen und Ausrasten.
„Es tut mir wirklich leid!“
René beugte sich nach vorn, getraute sich aber nicht aufzustehen.
„Ich weiß, dass es Dummheit war und ich habe diese scheiß Akte vergessen, ich habe sie einfach vergessen.“
Er heulte.
Nach ein paar Schluchzern sprach Dine weiter: „Ich mache dir deine Papiere fertig. Ende des nächsten Monats bekommst du sie dann auf offiziellem Wege zugeschickt, oder besser, ich übergebe sie dir persönlich. Und jetzt sieh zu, dass du aus meinen Augen verschwindest.“
Doch anstatt ihn davonzujagen, winkte sie ihn zu sich heran, nahm ihn in ihre Arme und erweiterte ihren letzten Satz, „dass du aus meinen Augen als deine Vorgesetzte verschwindest.“
Ein Kuss auf seine Wange und René konnte gehen.
Vor dem gewaltigen Gebäude der Staatsanwaltschaft schaute er sich noch einmal um und ließ so die letzten zweieinhalb Jahre Geschichte werden. Damit war alles geklärt und er fühlte sich trotz der noch wackeligen Beine so frei wie kaum jemals zuvor.
Auf dem Heimweg machte er sich keine weiteren Gedanken über seine nahe und ferne Zukunft, auch wollte er dieses seltsame Glücksgefühl nicht weiter hinterfragen, das sich inzwischen mit einem breiten Grinsen in seinem Gesicht bemerkbar gemacht hatte. Jennifer und Helen würden zwar verwundert sein, dass er den Verlust seiner Arbeit so locker wegsteckt, doch geht es schließlich um seinen Job und außerdem haben sie ihn als verantwortungsbewussten Mann kennengelernt, den hierfür keine Schuld treffen konnte. Irgendetwas Lapidares würde ihm schon einfallen, sollten sie fragen.