René öffnete seine Augen. In seiner Wohnung regte sich nichts. Nur das Geräusch einzelner Autos drang von draußen wie zum Schein durch die geöffnete Balkontür herein. Er hatte nicht in seinem Bett geschlafen, das erste Mal, seitdem er hier wohnte. Mit seinen ersten Bewegungen verspürte er die Folgen der ungewohnten Haltung, die er wohl die letzten Stunden im Sessel eingenommen haben musste. Auf dem Tisch standen die stummen Zeugen der Nacht, eine abgebrannte Kippe lag auf der Tischdecke inmitten eines etwa drei Zentimeter großen braunen Flecks. Justin lag auf dem Sofa. Ein Arm und ein Bein hingen herunter. Mit leicht geöffnetem Mund zog er die schon angewärmte Luft in sich hinein und entließ sie wieder mit kaum hörbarem Zischen.
Er hatte an diesem sonnigen Morgen kein gutes Gefühl. Sicher hatte es etwas damit zu tun, dass er Justin, der ihm gerade hier und jetzt so fremd erschien, zu sich nach Hause geholt hatte. Sein Leben war bis heute geordnet gewesen. Alles hatte seinen Platz, hier in der Wohnung und seelisch irgendwie auch. Kaum jedoch war Justin hier, änderte sich dieser Zustand, den man zwar nicht unbedingt als perfekt bezeichnen konnte, dafür war er sehr ruhig. Er stand auf und ging zur Küche, die sich offen an den Wohnbereich anschloss. Das Klappern der Kaffeedose hatte Justin geweckt, der sah, wie René mit dem Löffel in der Dose bei der Anrichte stand, ohne sich zu bewegen.
„Was ist los mit dir, was stehst du da und starrst auf den Schrank? Oh, sorry Mann“, Justin entdeckte den Brandfleck, „ist doch nicht durch bis auf die Platte, oder?“
Er hob die Decke an und eine noch halb mit Bier und Zigarettenstummeln gefüllte Dose fiel um.
„Mist, wieder was drauf, doch so kann die Decke wenigstens nicht weiterbrennen.“
Er schaute zu René, ob der nicht auch lachen musste. Doch der bekam von alledem nichts mit.
„Was ist los, Alter?“
Keine Reaktion.
„Hey, hörst du mich?
Justin klopfte mit der Dose gegen ein Glas.
„Gestern Abend stand sie da, wie sie war, einfach nur wundervoll. Ich habe sie wiedergesehen. Die ganzen Jahre habe ich an sie gedacht. Irgendwo in mir drinnen hat sie mir immer zugelächelt, beim Aufstehen, beim Mittagessen und abends im Bett, wenn es ganz ruhig war, und da dazwischen war sie auch bei mir.“
„Wovon sprichst du?“, Justin runzelte die Stirn, „ist es tatsächlich noch wegen Andrea?“
„Sie war ein ganz großer Teil meines Lebens, was sage ich, sie war mein Leben. Heute weiß ich es. Sie wird es auch bleiben.“
Endlich blickte er zu Justin.
„Natürlich rede ich von Andrea! Klar, nicht immer habe ich an sie gedacht, so mit überlegen und so, aber … sie war eben immer bei mir.“
Er drehte sich zurück zur Kaffeemaschine.
„Ich trinke ihn morgens immer sehr stark, kann sonst nicht munter werden, was ist mit dir?“
René schaute zurück zu Justin und hielt ihm den Löffel entgegen.
„Da hast du die ganzen Jahre damit verbracht, nur an sie zu denken?“
Ohne auf Renés Frage wegen des Kaffees einzugehen, blickte Justin vom Tisch hoch.
„Wie kann man so was?“
„Also was ist, zwei pro Tasse passt doch?“
René schob den Löffel weiter in die Dose und füllte langsam die Filtertüte.
„Erst gestern dachte ich, ich wäre über alles hinweg, als die Jennifer mir ihre Telefonnummer gab. Ich habe mich echt gefreut, aber kann man etwas gegen seine Vergangenheit tun?“
„Mensch, gestern hat dir diese Spitzenbraut zu verstehen gegeben, dass du sie anrufen sollst. Du hast ihre Nummer, da liegt dein Handy – ruf sie einfach an. Wenn du nicht heute damit anfängst zu vergessen, wann willst du es dann tun? Also mach schon!“
Aus dem Mund von Justin klang das zwar ungewöhnlich, doch recht scheint er damit zu haben, dachte sich René und griff nach dem Telefon.
„Sie war alles“, sagte er gleich danach, während er aufsah und das Telefon wieder zurücklegte.
„Sie war bescheiden, fürsorglich, geduldig, verständnisvoll, unglaublich zärtlich – sie war einfach nur lieb; sie hatte die schönsten und die tiefsten Augen, in die ich je geblickt habe, sie hatte einen vollendeten Körper, ihre Brüste waren so süß und so klein, dass sie genau in meine Hand passten, sie hatte für ihre kleine“, René schmunzelte, „Größe die längsten Beine, ihre Hände waren so klein und zierlich“, er betrachtete dabei seine eigenen, „dass sie in meiner Hand verschwanden und“, René verstummte.
„Und?“, fragte Justin nach.
„Und sie hatte einen …“
„Ja was?“, Justin beugte sich weiter zu René hin, der inzwischen wieder im Sessel saß.
„Sie hatte einen Penis.“
Jetzt war es raus. All die Jahre hatte er mit dieser Tatsache gelebt, all die Jahre hatte er sich hinter dieser Tatsache versteckt, die ihm seine Hände gebunden hatte, die ihn knechtete und aus der er niemals dachte, wieder entfliehen zu können. Wem hätte er denn auch diese Geschichte, seine Geschichte mit Andrea erzählen können, ohne dass dieser vielleicht laut losgelacht hätte, noch bevor er an deren Schluss angelangt war? Es war unbedeutend, was Justin jetzt denken würde, René hatte den Schritt gewagt. Auch wenn er Justin als neuen alten Freund wieder verlieren sollte, hätte er aber jetzt wenigstens eine Reaktion, mit der er leben könnte, egal, wie diese auch aussah.
„Das wusste ich.“
René schoss hoch und schaute Justin mit weit aufgerissenen Augen an.
„Wie, das wusstest du?“
„Wir alle haben das gewusst.“
„Ja wie?“
„Dass du mit einem Zwitter zusammen bist, und dass du das noch nicht weißt. Wir dachten, dass du sowieso noch selbst darauf kommen würdest, ja sogar darauf kommen müsstest und dass du dann deine Strafe dafür bekommst, dich immer weiter von deinen Kumpels entfernt zu haben?“
„Was für eine Strafe habt ihr damit gemeint? Meintet ihr mit Strafe etwa ihren späteren Tod? Ich glaube das nicht.“
René ließ sich wieder in seinen Sessel sacken.
„Ihr habt den Tod von Andrea in Kauf genommen, weil ihr Arschlöcher zu wenig Aufmerksamkeit von mir geschenkt bekommen habt? Und du Oberarsch hast von alledem gewusst und mir nichts gesagt!“
René sprang erneut auf und riss die Arme hoch.
„Du bist kein Deut besser als all die anderen Wixer, sieh zu, dass du hier rauskommst, ich kann deine Visage nicht ertragen, und nehme deinen Scheiß gleich mit.“
Er zog Justin vom Sofa hoch und drückte ihm den Karton mit den Geräten und den Unterlagen in die Hand und ihn selbst zur Wohnungstür.
„Mensch, René, wir waren Kinder, was hätte es genutzt?“
Mit einem Schlag war die Tür zu und Justin draußen.
„Was hätte es genutzt, fragt dieses Arschloch noch“, wiederholte René, griff sich in die Haare und sank zu Boden.
„Was hätte es genutzt, wenn Andrea heute noch leben würde?“, schrie er aus sich heraus.
René hatte durch diesen Tag ein verlängertes Wochenende. Den ganzen Freitag verbrachte er in seiner verdunkelten Wohnung und dachte immer daran, dass Andrea noch leben könnte.
Bei allem Schmerz, den er jetzt wieder fühlte, hatte er durch sein Bekenntnis an Justin aber auch Mut gefasst. Er wollte jetzt wirklich damit anfangen, seine Vergangenheit in den Griff zu bekommen. Dine könnte ihm dabei helfen. Mit ihr hat er schon so manche Nacht durchlebt und dabei auch manches Detail ihres Lebens erfahren. Sie würde ihm auch zuhören und hoffentlich einen guten Rat geben können. Am Abend rief er sie dann an, die während des kurzen und intensiven Gespräches auch zusagte, noch bei ihm vorbeizuschauen.
Sie war über den Zustand seiner Wohnung erschrocken, weil sie so ein Durcheinander von ihm nicht kannte.
„Du hast mir nie etwas davon gesagt“, sagte Dine, nachdem René ihr seine Geschichte erzählt hatte.
„Ich habe mit Menschen, die von Geburt an zweigeschlechtlich sind, bislang nicht sehr viel zu tun gehabt und wüsste offen gestanden auch nicht, wie ich mich in deiner Situation verhalten hätte. Du warst noch sehr jung und wurdest von der Situation überrumpelt. Alles hätte vielleicht besser vorbereitet werden können, auch von ihrer Seite. Hat sie denn nie etwas angedeutet?“
René überlegte, doch er konnte nichts finden, was ihn wenigstens zu einer Vermutung hätte animieren können.
„Anfangs hat sie sich geschämt, wenn wir uns am See umgezogen haben.“
„Und später?“
„Später habe ich es als normal empfunden, mein Gott, wie hätte ich auch Verdacht schöpfen sollen, nur, weil sich ein Junge und ein Mädchen voreinander nicht nackt zeigen?“
„Sicher nicht“, bestätigte Dine, doch, wenn ihr … ihr wart doch schon über ein Jahr zusammen?“
René nickte.
„Wenn ihr also schon über ein Jahr zusammen gewesen seid, da möchte man doch etwas mehr vom Anderen, als nur Küssen, oder?“
René nickte wieder.
„Wollte ich doch auch, doch sie hat es immer wieder verstanden, mich zu vertrösten. Weißt du, wenn sie mich dann mit ihren Schilleraugen angesehen hat, konnte ich kein ‚aber‘ mehr über meine Lippen bringen und fand mich damit ab.“
„Ihr wart beide zu jung, viel zu jung, um mit solch einer Situation fertig zu werden. Menschen mit diesem Problem … warum eigentlich Problem?“, Dine hielt kurz nachdenklich inne, „sie haben mit diesen Voraussetzungen, denke ich mir, sehr große Probleme, eine normale Beziehung zu beginnen oder gar zu führen. Es sind Menschen, die sich schon aus Scham nicht outen. Dazu kommt die Angst vor Spott. Andrea war mit dir zusammen und trotzdem allein, sie hatte sicher Angst, sehr große Angst. Sie hat dich geliebt und fand keinen Weg, sich dir zu offenbaren. Sie dachte sicher immer wieder daran, weniger selbst enttäuscht zu werden, als vielmehr zu enttäuschen. Und sie wollte niemanden enttäuschen, am wenigsten dich. Was sollte sie tun, was also konntest du tun? Ich weiß keine Antwort darauf. In dieser Richtung haben wir alle noch einen sehr langen Weg vor uns und Pornofilme helfen bei der Überwindung von Barrieren am allerwenigsten. Leider funktioniert alles nur noch über Filme und Bilder und der Mensch, um den es eigentlich gehen sollte, tritt immer weiter in den Hintergrund. Mein Bruder“, René blickte erstaunt auf, „war mit einem Mädchen zusammen, deren Klitoris übermäßig stark vergrößert war. Sogar er, der es wirklich mochte und entsprechend sehr gut damit auch umgehen konnte und zeitweise – man glaubt es kaum – eine ganz normale Beziehung mit ihr führte, konnte es letztlich nicht verhindern, dass diese Beziehung zerbrach. Sie konnte es einfach nicht glauben, dass eine so große Deformation schön oder sogar anziehend sein sollte. Später stellte sich heraus, dass sie ihren eigenen Körper nicht akzeptierte. Ihr Defekt, wie sie es immer nannte, war für sie nicht hinnehmbar. Wie könnten dann zwei so junge Menschen eine so gewaltige Aufgabe bestehen? Wenn ich“, sie nahm René in ihre Arme, „mir den einen oder anderen ins Bett hole, dann habe ich schon vor längerer Zeit erfahren, dass Sex Verrat an der Schönheit ist. Die Natur ist wunderbar und irgendwo auch perfekt. So hat sie aber den Fehler gemacht, die Lust über die Ästhetik zu stellen. Schaue den Menschen einmal in ihre Gesichter, während diese sich beim Poppen zum Orgasmus hochschaukeln und sage mir dann, was ist aus diesem Engel einer Frau oder diesem Adonis eines Mannes geworden? Nichts weiter als unnatürlich verzerrte Gesichter und zum Schrei geöffnete Münder, als ob sie soeben das Zeitliche segnen wollen. Was, bitte schön, soll daran noch ästhetisch sein? Der Orgasmus etwa? Nein, denn diese Gier ergreift dich auch, wenn du allein bist. Und dann? Egal, ob mit oder ohne geliebten Partner zum Orgasmus gekommen, bleibt dir von diesem Erlebnis nichts, als dass es ein geiles Gefühl war, währenddessen der Anblick eines geliebten Menschen dir noch nach Jahren in deinem Gedächtnis fest verankert ist, wie du am besten weißt. Denn ihr seid immer unschuldig geblieben und habt die geistige Liebe ausgekostet bis zum bitteren Ende.“
Dine nahm ein Glas Wein und trank einen Schluck.
Sie hielt ihm ein dickes Buch entgegen: Leone Lagatho, ‚Zum Schein nur kann ich dir gefallen‘.
„Ich habe dir dieses Buch mitgebracht und bitte dich einmal, ab dieser Markierung hier bis zu der auf Seite zweiundfünfzig zu lesen.
Renés Aufregung hatte sich gelegt, so viel hatte er sich von der Seele geredet, so gespannt hatte er den Worten von Dine gelauscht und dann in dem Buch gelesen. Über vieles müsste er noch intensiv nachdenken, um zu verstehen, was Dine meinte und auch das Buch erschloss sich ihm nicht nach den ersten Zeilen. Wie auch immer, sie würde ihm damit sehr helfen können, so auch aufzuhören, die Schuld für den Tod von Andrea bei sich allein zu suchen. Erst als er seine Augen nicht mehr aufhalten konnte und einige Minuten ruhig schlief, ging sie in dieser Nacht nach Hause und ließ ihm das Buch mit einer Notiz auf dem Wohnzimmertisch liegen: ‚Lies bitte auch dieses Gedicht und rufe dann Jennifer an.‘
An diesem Samstag brachte René seine Wohnung wieder in den Zustand, wie sie vor Justins Eintreffen gewesen war. Der Brandfleck auf der Decke hatte nur eine geringe Verfärbung auf dem Tisch hinterlassen, die Decke an sich flog in den Müll. Die Möbel hatten ansonsten keine Schäden davongetragen und Unreinheiten, die er so hasste, gab es nach zwei Stunden auch nicht mehr.
Für das Gedicht war er nicht in Stimmung. Die vielen Eindrücke der letzten Nacht schwangen noch in ihm nach. Er rief Dine an und bedankte sich dafür, dass sie ihm wieder einmal zur rechten Zeit das Richtige gesagt hatte. Jennifer könne er jedoch noch nicht anrufen, am Sonntag vielleicht, wenn er das Gedicht auch gelesen hätte, sobald er dafür in der Lage wäre.
Justin war an diesem Morgen nur kurz nach Hause gegangen, um seine nötigsten Sachen zu packen. Er drehte sich beim Verlassen der Wohnung noch einmal um, zog dann die Tür ins Schloss und war in den nächsten Bus gestiegen, der Richtung Westen abfuhr und irgendeinen Ort zum Ziel hatte, der für den besten Fahrpreis am weitesten entfernt gelegen war. Er wollte der Stadt endgültig den Rücken kehren. Zu viel war inzwischen geschehen. Der Verlust seines gerade wiedergefundenen Freundes war aber ausschlaggebend dafür.
Es tut mir leid, René, dachte er sich, als der Bus über die Kanalbrücke und dann vorbei an seiner eigenen Wohnung fuhr. Durch das Fenster dort oben hatte er sich gerade noch den Verkehr angeschaut und jetzt war er selbst ein Teil dessen. Nun wusste er auch, was sich all die Leute denken müssen, wenn sie diese Straße entlangfahren: nur weg von hier!
Samstagnacht. Die Lichter der Stadt erhellen den Himmel. René ging eine der beiden Hauptstraßen entlang, die sich ein Stück weiter mitten in der Stadt kreuzen. Hier draußen jedoch ist die ‚Main N‘ noch einsam. Der Hauptverkehr führt um diese Uhrzeit entlang der neuen Hochumfahrung, die über die anderen Straßen hinweg die einzelnen Stadtteile tangiert und auch in die Innenstadt führt. Diese ist natürlich vollgestopft und wird, wie es sich jedes Wochenende wiederholt, erst wieder am frühen Sonntagmorgen ruhiger sein. Er ist auf dem Weg zu einem ganz besonderen Platz. Es ist das Dach eines der Hochhäuser, welche die Skyline der City ausmachen.
Seine ehemalige Anwaltskanzlei vertrat jene Firma, die den Service an den Fahrstühlen dieses Gebäudes sicherstellte und von Schadensersatzansprüchen durch den Gebäudeeigner bedroht war. Der Firma wurde unterstellt, die Eingangstür zum Maschinenraum derart beschädigt zu haben, dass das unbefugte Betreten des Daches über den Maschinenraum nur unzureichend verhindert wird. Die Eingangstür würde klemmen, woraus lediglich der Eindruck entstünde, sie wäre abgeschlossen, doch tatsächlich ließe sie sich nicht mehr abschließen. Nicht nur der Maschinenraum, sondern auch das Dach wäre damit theoretisch frei zugänglich.
Nach einem Vorort-Termin wusste René sofort, dort für sich einen Platz der absoluten Ruhe gefunden zu haben, um unter freiem Himmel zu träumen oder auch einfach nur einmal zu lesen, wie an diesem Tag und zweihundertfünfzig Meter über der Stadt.
Die Lust der Wogen, Wanderwelten,
Hitze, Kälte – irgendwann
ist es so, wirds für mich gelten,
dass verändert mich der Drang
der tiefsten Reinheit deiner Seele
inmitten meiner Träumerwelt,
ich mich aus diesen Träumen stehle,
damit es mir mit dir gefällt.
Oder find ich mich bald wieder,
grad gelobt es wird vergehn,
und labe mich am alten Mieder –
will diese Nacht noch nicht bestehn,
einher mit stürmenden Gefühlen,
erschreckt mich fast rasanter Zug,
doch wahrlich zwischen diesen Stühlen,
mich Liebe und das Glück ertrug.
Dann wirklich schleicht ein Schamgefühl
über Poren meiner Haut,
unwirklich zieht dein Antlitz kühl,
entfernt des Abschnitts junger Braut,
wenn Spalten in der Nähe klaffen,
wenn du nicht deine Feder führst,
wenn Stunden die Minuten raffen
und du nicht meine Unschuld kürst.
Geschehen wars mit viel Geduld,
ein Meer der Schönheit mich betört,
hat niemand hierfür eine Schuld,
denn ich hab immer dir gehört
und einfach mich nur dein Gebaren
verzückt, es mich vom Wahn befreit,
dass mir beim Treiben widerfahren
als Mahnung jüngst vergangner Zeit.
So fand das Wunder auf den Wegen
von dir zu mir und umgekehrt,
wo reines Herz ist überlegen
und Leid die Liebe noch vermehrt,
den Anfang in der Harmonie,
die endlich dann auch mir vergibt,
dann ists so schön ja wie noch nie,
ich bin so sehr in dich verliebt.
René fand es schade, dass dieses Gedicht nicht für ihn, sondern für eine ganz andere Person geschrieben wurde, es sei denn, Dine hätte in der Nacht eine poetische Eingebung gehabt und ihm dieses Gedicht verfasst, was aber eher unwahrscheinlich war. So fühlte er sich bestätigt, dass er in seinem Kopf Raum für etwas Neues, vielleicht sogar eine neue Liebe schaffen und er dem Hinterherhängen von zurückliegenden Gefühlen ein Ende bereiten muss. Ist es da nicht schon eine Fügung, die Telefonnummer eines doch sehr hübschen und netten Mädchens in der Tasche zu haben, die nur darauf wartet, seine Stimme am anderen Ende zu hören?
Er hielt den Zettel in der Hand, nahm sein Handy und wählte die Nummer ‚drei-drei-eins-zwei-zwei-eins‘. Eine ältere und raue Männerstimme stellte sich kurz mit ‚Willems‘ vor und fragte in gleichem Atemzug, was der Anrufer wolle.
Ist das vielleicht ihr Vater? Hat sie doch einen Freund, sogar einen Ehemann? René war überrascht und wusste im ersten Augenblick nicht, was er antworten sollte. Sekunden vergingen.
„Hallo?“
Unmittelbar folgend und ziemlich heftig: „Hallo!“
René wusste jetzt erst recht nicht mehr, was er sagen sollte und legte auf. Er hatte eigentlich damit gerechnet, Jennifers nette Stimme wieder zu hören, die sich gleich freudig danach erkundigen würde, wie es ihm geht. Doch stattdessen fuhr ihn ein Monster von Mann an, sodass ihm zumindest in diesen Augenblick überhaupt nichts mehr einfiel. Für jetzt hatte er jedenfalls genug.
Er würde es später noch einmal versuchen, denn dann hat er vielleicht mehr Glück und ihr Vater, als was er den Mann letztlich einstufte, wäre entweder nicht zu Hause oder würde bessere Laune haben, sollte er wieder an der Strippe sein.
René machte sich auf, das Dach zu verlassen.