René hob die Hefter wieder auf, die soeben vom Wagen gerutscht waren. An diesem Vormittag gab es wieder erstaunlich viele Vorgänge, die er von der Poststelle in die verschiedenen Abteilungen zu bringen hatte.
Warum Menschen in den Strudel der Kriminalität gerieten, war ihm nicht egal. Aber die Menge der Akten, die inzwischen durch seine Finger gingen, härteten ihn etwas ab. Es waren sicher Einzelschicksale hinter jedem Aktendeckel verborgen, doch darüber, was genau zu deren darin geschilderten Entgleisungen führte, machte er sich keine Gedanken. Er philosophierte über allgemeine Gründe menschlichen Versagens und wie diesen begegnet werden könnte. Straftaten müssten in jedem Fall bestraft werden, war er sich sicher, doch sei die damit verbundene Straftat auch noch so schlimm, wer in Wirklichkeit ist denn aber der Täter? Der, welcher die Straftat beging oder der, welcher diesen Menschen maßgeblich in seinem Leben beeinflusste? Sind es nicht gerade Erzieher und Lehrer, denen Kinder im besonderen Maße anvertraut werden, obwohl sie vielleicht eigene Probleme haben; auch mit Kindern – den eigenen oder fremden, den einheimischen oder hinzugezogenen, den links-, mitte- oder rechtsgeprägten, mit dem gleichen, einem anderen oder gar keinem Geschlecht? Fließen solche Einflüsse dann nicht direkt in die Erziehung von Kindern ein, wenn sie sich einen bedeutenden Teil ihrer Lebenszeit unter deren Obhut befinden? Wie gerecht kann denn Erziehung eigentlich sein, wenn es immer Menschen geben wird, welche die Erziehung eines anderen bemängeln oder gänzlich ablehnen und sowieso alles anders machen würden?
So sind doch Probleme aus der Kindheit eines jeden Menschen der Nährboden weiteren Übels. Bereits ein einziger Auslöser genügt zum Schluss, dass aus einem redlichen Bürger ein Mensch wurde, den man nun am liebsten auf dem Scheiterhaufen lichterloh brennen sehen möchte.
Damit das alles eben nicht außer Kontrolle gerät, müssen Regeln eingehalten werden. Leider gibt es auch immer wieder Menschen, die auf dem Weg zum Mitmacher in der Gesellschaft den Anschluss verlieren, weil sie eine Regel nicht verstehen oder weil die eine oder andere Regel dessen eigenen Menschenverstand und somit dessen eigener Gerechtigkeit entgegensteht. Der Zweck der Durchsetzung solcher Regeln würde auf jeden Fall die Mittel heiligen und Erfolg versprechen; vielleicht nicht gleich zu Beginn, dann aber doch nach einiger Zeit des intensiven Nachdenkens.
Er war jetzt vor dem Fahrstuhl angekommen. Geschäftsnummer R-23-007105 war die letzte Akte auf dem Stapel. Laut seiner Liste gingen die Nummern heute von R-20-007082 bis R-18-007109. René stutzte … 105? Welcher Fall versucht sich da nach vorn zu mogeln?
Er begann zu lesen: ‚Aktenzeichen R-23-007105 angelegt im Polizeirevier 23 am 19.05. um 13:49 Uhr.‘ Darin hieß
es zum Vorwurf: ‚Dem Täter wird vorgeworfen, am 18.05. in der Zeit von 16:07 Uhr bis 16:15 Uhr die Kundenfiliale des Computerherstellers in der Parkstraße Ecke Main überfallen zu haben. Er bedrohte einen Angestellten mit der Faust und forderte von ihm die unentgeltliche Herausgabe eines Laptops Pro. Als dieser nicht auf seine Forderungen einging, warf der Täter ein Notebook in die Richtung des Verkäufers, sodass er nur noch mit einem Sprung zur Seite verhindern konnte, getroffen zu werden. Der Täter überwand den Verkaufstresen und bedrohte den am Boden liegenden Verkäufer erneut mit der Faust. Danach zertrümmerte er eine der Glasvitrinen, entwendete einen Laptop Pro und flüchtete über eine Baustelle in unbekannte Richtung. Augenzeugen beschrieben den Täter als etwa fünfundzwanzig Jahre alt, 1,80 bis 1,90m groß, sehr schlank, Brillenträger, mittellange dunkelblonde Haare und im Allgemeinen als ungepflegt. Besonders hoben sie dabei dessen aggressives Verhalten hervor. Am Tatort konnte ein Notebook gleicher Marke sichergestellt werden. Offensichtlich handelt es sich hierbei um das Tatwerkzeug. Die Gerätenummer führt in ein Geschäft im 14. Stadtbezirk. Wie aus deren Unterlagen hervorgeht, wurde dieses Gerät am 12. April verkauft. Die dort Beschäftigten wurden überprüft. Zum Tatzeitpunkt waren nur 6 aktuell oder ehemals beschäftigte Personen in der Stadt: 2 Personen befinden sich in Ruhestand, 1 Person ist weiblich, 1 Person arbeitete dort zum Tatzeitpunkt als Verkäufer und 1 Person, der Geschäftsführer, der den ganzen Tag in seinem dort befindlichen Büro die Steuer vom vergangenen Jahr vorbereitete. Die noch fehlende Person konnte als Justin Schnegert identifiziert werden. Wie der Geschäftsführer Stan Robs aussagte, war Justin Schnegert 2 Tage zuvor bei ihm, um das Notebook zurückzugeben, das seit Tagen scheinbar nichtlösbare Probleme bereiten würde. Herr Robs ging jedoch nicht auf dessen Forderung ein.‘
René horchte auf. Justin Schnegert, soll es dieser Justin gewesen sein, der zwar nicht ganz einfach war, ihm aber auch stets zur Seite stand, sollte es notwendig geworden sein? Mit einem Griff war er in der Seite, auf der die Daten zum mutmaßlichen Täter vermerkt waren. Oben rechts, mit zwei Büroklammern befestigt, fand er die Fotos vom Tag der Verhaftung. Und tatsächlich erkannte er Justin, obwohl er wegen der inzwischen vergangenen Jahre und dem Umstand, dass dessen letzten Monate nicht gerade erfolgreich verlaufen waren, eher einem Fremden glich, als einem Bekannten, mit dem man mehrere Jahre seines Lebens in ein und demselben Haus verbracht hat.
Auf diese Weise trifft man sich wieder, dachte sich René und strich mit dem Daumen über das oberste Foto, als wolle er seinen damaligen Freund nett willkommen heißen. Wie weit hast du es gebracht, du Verrückter, bis in die Strafakten.
Als René das Heim verließ, hatte er neben einem ordentlichen Schulabschluss auch den Abschluss einer Lehre zum Anwaltsassistenten vorzuweisen. Er suchte sich eine Wohnung, die am Rande der nächsten Großstadt gelegen und trotzdem bezahlbar war. Es gab keine Frauen, die in seinem Leben eine so wichtige Rolle spielten, dass aus einer flüchtigen Bekanntschaft eine Beziehung hätte werden können.
Da war nur Dine, eine um elf Jahre ältere Kollegin, die sporadisch bei ihm zu Hause auftauchte, um, warum auch immer, mit ihm über ihre negativen Erfahrungen mit Männern zu reden. So erzählte sie ihm sogar intimste Details einer unangenehmen Begebenheit mit dem, wie sie sagte, narzisstisch ausgeprägtem Idioten von Juniorchef. René fand das sicher nicht schön, aber auch nicht schlimm, denn Männer neigen nun einmal zu übersteigertem Selbstbewusstsein, vielmehr wunderte er sich darüber, dass dieser sich damit so viel Zeit ließ, denn Dine war eine attraktive Frau, die ihr Aussehen auch nicht hinter einer Hornbrille zu verstecken versuchte. Über die Zeit hinweg war sie ihm so eine liebgewonnene Freundin geworden, die ihm schon während der Zeit des Praktikums in dieser Kanzlei wertvolle Tipps gab und durch die er auch den Ausbildungsplatz dort bekam.
Als Streitigkeiten zwischen dem Senior- und dem Juniorchef ausbrachen und nicht beigelegt werden konnten, zerbrach im weiteren Verlauf auch das Kanzleikonzept und führte zu deren Auflösung. René hatte sich im öffentlichen Dienst beworben und wurde von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Dass er nur Akten in der Gegend spazieren fuhr, störte ihn nicht, denn er wusste, dass auch diese Arbeit getan werden musste. Außerdem wurde der Job ausreichend gut bezahlt, viel besser als der zu Kanzlei-Zeiten. Er war sein eigener Herr, konnte sich seine Zeit in gewissen Rahmen frei einteilen und keiner wollte ihm auch nur ein Haar krümmen, solange die Akten pünktlich in ihren Abteilungen ankamen und alle zu verschickenden Schreiben am selben Tag auch verschickt wurden.
Nach eineinhalb Jahren sollte die Leitungsstelle der Wachtmeisterei neu besetzt werden. Er machte Dine darauf aufmerksam, die sich umgehend auf diese Stelle bewarb und sie wegen ihrer Befähigungen und dem tadellosen Lebenslauf auch bekam. Somit war er nach anderthalb Jahren der Herr über die schriftlichen Geschicke der Justiz in der Stadt und ein wenig darüber hinaus, fast jedenfalls.
Justin, Mensch, du alter Haudegen, es gab eine Zeit, da warst du wie ein Bruder für mich. Kann ich dich denn hier hängen lassen? Was machst du auch für einen Scheiß … Raub! Verflucht, ich will mich deswegen nicht …
René wurde sichtlich unruhig, seine Hände begannen zu schwitzen und hinterließen schon den ersten dunklen Fleck auf dem Papier. Er schwankte hin und her, drehte sich nach links und nach rechts, schaute nach oben und nach unten. Der Gang im Keller war leer, keiner hatte ihn bisher gesehen, wie er erst mit den Akten und jetzt mit sich kämpfte. Was sollte er machen? Das war kein Spaß mehr! Er legte die Akte wieder auf den Wagen und drückte die nach-oben-Taste. Das nach unten gerichtete gelbe Dreieck über der Fahrstuhltür leuchtete auf. Die Sekunden vergingen. Keiner auf dem Flur, hoffentlich auch keiner im Fahrstuhl. Schnell noch schob er die Akte an die zweite Stelle. Kling. Mit einem saugenden Geräusch öffnete sich die Aufzugtür. Leer, Gott sei Dank, leer. Schon beim Hineingehen drückte er übereilig die Drei ‚Abteilungen B, R und T‘. Die Fahrstuhltür schloss sich wieder. Fast unmerklich setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung. In Renés Kopf hämmerte der Puls. Noch ein paar Sekunden und die Tür zum Flur auf die Drei würde sich öffnen. Dort stünde er direkt im Flur mit den anliegenden Büros, die alle nur durch Glaswände vom Flur getrennt waren, dort hätte er keine Chance, wieder umzukehren, keine Chance, vielleicht doch noch etwas zu bewirken, doch noch seinem alten Freund zu helfen. Aber wie sah diese Hilfe aus? Könnte er ihm wirklich aus dieser Patsche helfen, selbst, wenn er die Akte nicht weitergeben würde? Doch jetzt umkehren, nein, das Risiko, auf seiner Fahrt nach unten jemandem zu begegnen, der Fragen stellen könnte, was die Eingangspost auf dem Rückweg zur Poststelle zu tun hat, war zu groß. Die Zwei leuchtete auf und erlosch wieder. Kein Halt, kein Zeuge. Ihm war, als müsse er sich entleeren, hier mitten im Fahrstuhl. Er war zu früh eingestiegen, hätte noch Zeit finden können, in Ruhe zu überlegen, als er noch im Keller war. Das Umlegen des Schlüsselschalters verhalf ihm jetzt zu dieser Zeit, in der ein klarer Gedanke den Lebensweg seines Freundes wieder begradigen könnte. Der Fahrstuhl kam zum Stehen. Jetzt kann nichts mehr passieren. In den nächsten Sekunden würden alle auf den Fahrstuhl warten, vielleicht sogar Minuten, und erst, wenn einer die Treppe nimmt, um zu sehen, was in der Zwei los ist, würde man auf einen Ausfall tippen. Er zog die Akte heraus, strich mit einem Zug den Wagen leer, stieg auf ihn, öffnete eine der Deckenluken und schob die Akte nach draußen. Schnell noch ein paar Akten zurück auf den Wagen, den Schlüssel zurück auf ‚Eins‘ und dann einfach auf dem Boden liegend darauf warten, was als Nächstes passiert.
Im selben Augenblick wieder ‚Kling‘ und die Aufzugtür öffnete sich auf der Drei. Die beiden Damen auf dem Weg zur Raucherinsel außerhalb des Gebäudes stießen gleich einen Schrei aus und binnen kürzester Zeit war er umringt von Menschen, die alle wild durcheinanderriefen: „Helft ihm doch, hebt ihn hoch, nein, nur die Beine, Wasser, wo ist das verdammte Wasser?“
Kurze Zeit später war ein Arzt zur Stelle. René musste nichts sagen, denn der Arzt diagnostizierte heftiges Herzrasen. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht. Die Verteilung der Akten von diesem Vormittag hatte damit jemand anders erledigt. Gut für René, aber vor allem gut für Justin.
Die Angelegenheit hatte ihn aber stärker beansprucht, als er sich ursprünglich eingestehen wollte. Erst nach einer Nacht zur Beobachtung in der Klinik und einem weiteren Tag zu Hause durfte er wieder zur Arbeit.
Was war inzwischen geschehen? Hatte man den Verlust der Akte bemerkt? Was war mit der fortlaufenden Nummerierung? Er war sich gar nicht mehr sicher, das Richtige getan zu haben, obwohl er gehört hatte, dass der Verlust einer Akte schon mal unter den Teppich gekehrt wurde. So soll es jedenfalls in einem der Fälle vor seiner Zeit gewesen sein, in dem der Kasse einer Bank zum Schalterschluss in gleichmäßigen Abständen größere Beträge fehlten, egal, welcher Angestellte dort arbeitete. Sämtliche Unterlagen waren von einem auf den anderen Tag verschwunden. Der Fall wurde geschlossen. Es wurde eine Vereinbarung zwischen der Bank und der Staatsanwaltschaft getroffen, wonach ein Bankmanager von allen Vorwürfen freigesprochen wurde, wenn die Bank nichts von dem Verlust der Akten an die Öffentlichkeit dringen lassen würde. Fälle wie diese gab es also gelegentlich. Bei der Vielzahl von Fällen, die in Stoßzeiten nur noch im Akkord bewältigt werden können, kann sowas schon einmal vorkommen. So war es und so wird es wohl auch in Zukunft sein. Außerdem erscheint es als unmöglich, dass im Nachhinein eine Verbindung von Justin Schnegert zu René Verdahlen hergestellt werden kann.
Aber wie sieht es mit den Beweisstücken aus, die unabhängig von den Akten von der Polizei zur Staatsanwaltschaft verbracht werden? Meistens werden diese mit einer Kopie der Akten frühestens nach zwei Tagen nachgesandt. René würde also mit großer Sicherheit alles in Empfang nehmen können und die Gesamtlieferung auch quittieren.
Kaum war er in der Poststelle angekommen, kam schon Dine auf ihn zu. Sie hatte am Vorabend noch mit René telefoniert und wusste deshalb, dass er wieder voll arbeitsfähig war.
„Guten Morgen, René, es ist gut, dass du wieder da bist. Es tut mir leid für dich, wir haben aber heute richtig viel zu tun. Die Liste der Kästen von gestern ist noch hier und auch heute waren sie schon da und haben geliefert. Überprüfe bitte die Posten im Einzelnen, bitte auch die gestrigen noch einmal, und bringe danach die beiden Listen hoch.“
Eifrig durchsuchte er die beiden Rollbehälter für die Asservatenkammer, bis er tatsächlich die gesuchte Nummer ziemlich weit unten fand.
Im Büro schien alles seinen gewohnten Gang zu nehmen. Jeder freute sich, René wiedersehen zu können. Man gab ihm reichlich guten Rat, wie man sich nach Herzbeschwerden verhalten sollte und er bedankte sich freundlich, so wie ihn hier auch jeder kannte.
Er war bei allen beliebt, egal, ob es die Staatsanwälte oder deren Mitarbeiter waren. Bei seiner Arbeit hat es niemals Unregelmäßigkeiten gegeben, sodass seine Aktion nie stattgefunden haben könnte. Erleichtert und ermutigt konnte er sich überlegen, was mit der Kopie der Akte und den beiden Geräten geschehen solle. Schließlich würde er alles mit der Post einfach rausschicken und den Beleg dafür vernichten. Ein geeigneter Zeitpunkt würde sich sicher bald ergeben, doch bis dahin packte er die Teile in eine Schachtel und schob sie unter lang verjährte Fälle, die in jenem Teil des Archivs gelagert wurden, wo garantiert niemand herumstöbern würde. Während der kommenden beiden Wochen horchte René auf jedes Wort, das ein Hinweis auf die verschwundene Akte sein könnte. Ihm kam nichts Verdächtiges zu Ohren. Er wurde ruhiger und die Anspannung fiel restlos von ihm ab, als die Geräte und die Aktenkopie dann noch an die eigens dafür eingerichtete Postfachadresse rausgegangen waren.
Das nahezu Unmögliche geschah etwa zwei Wochen danach. Der Haftrichter entließ Justin aus der Haft, weil bei der Polizei kein ihm zuordenbarer Fall vorlag und die Staatsanwaltschaft auf Anfrage mitteilte, dass zu diesem Fall auch kein Ermittlungsverfahren gegen einen gewissen Justin Schnegert läuft oder eingeleitet wird. Er bekam sogar für die Zeit der Untersuchungshaft eine Entschädigung aus den Mitteln der Staatskasse in Aussicht gestellt. Somit war er frei, konnte sich jedoch diese Wende nicht erklären. Es muss ein Versehen vorliegen, dachte er sich, denn die beiden Geräte waren immer noch bei den Behörden und bald schon würden sie dieses Versehen bemerken. Für ihn war es also klar, so bald als möglich aus der Stadt verschwinden zu müssen. Nichts hätte er lieber getan, als sofort den nächsten Zug oder Bus zu nehmen und seiner Wahlheimat den Rücken zu kehren, wenn er nicht Kopien seiner Software unter dem Dach seines Wohnhauses hervorholen und mitnehmen müsste.
Ein Uhr nachts. Im Haus herrschte Totenstille. Autos rasten über die Stadtautobahn. Das Siegel an seiner Wohnungstür war aufgerissen. Im Schein einer Taschenlampe saß Justin auf der Lehne seines Korbsessels und hielt einen Brief in der Hand: ‚Hallo Justin‚ wenn du diese Zeilen liest, hast du es geschafft und du bist wieder draußen. Mache dir über deine nächsten Tage keine Sorgen. Es ist alles unter Kontrolle. Ich habe den Laptop und das Notebook und werde sie dir übergeben, falls du Interesse hast. Wer ich bin, wird dir einfallen, wenn du an Andrea denkst. Warte auf mich am 15. um 19:00 Uhr am Nordeingang des Centennial Plaza.‘
Wer kann das sein, der ihm diese Nachricht geschrieben hat? Der Dicke, wie er dachte? Größer, wer weiß, was das Schwein von mir will, vielleicht ist der nicht nur brutal, sondern auch pervers. Ach du meine Güte! Doch was könne er dagegen tun? Nichts, was ihm ins Gedächtnis kam, war machbar. Es bliebe nur noch, ihn umzubringen. Völliger Irrsinn! Doch hat sich der Dicke nicht selbst ein Ei ins Nest gelegt, indem er die Unterlagen hat verschwinden lassen? Ich werde den Spieß rumdrehen, dachte sich Justin, und den Brief gegen ihn verwenden. Ich werde gar nicht erst hingehen und ihm einen schönen Brief zurückschreiben. Aber, Andrea, warte, wie kann der Dicke Andrea kennen. Das ist schon so lange her, dass selbst ich sie bereits vergessen hatte. Er kann sie unmöglich kennen. Es gibt nicht viele, die mit Andrea engeren Kontakt hatten. Da waren außer mir nur noch Kai und, na klar, René. Soll der mich dort rausgeholt haben? Wie aber soll das gehen, der und die Justiz austricksen? Das geht nicht, und selbst wenn, er würde es nicht tun, weil er nun mal so eine ehrliche Natur ist.
Wie er so darüber nachdachte, wurde ihm klar, dass auch er selbst einmal anders war. Sicher war er viel kürzer angebunden, als René und die meisten anderen Jungs im Heim, so war er aber im Großen und Ganzen ehrlich. Und später? Wenn er sich heute in seinem geistigen Spiegel betrachtete, bemerkte er, dass zwar Lüge und Wahrheit oft nahe beieinanderliegen, so aber manch eine Sache von ihm auch genauso oft zugunsten der Lüge gedreht wurde. Im Umkehrschluss hieß es nichts Anderes, als dass er in den vergangenen Jahren wohl mehr gelogen hat, als die Wahrheit zu sagen. Wenn er, warum dann nicht auch René? Langsam kam in ihm Freude auf über seine Freilassung und damit verbunden ein baldiges Wiedersehen mit seinem alten Freund.
Die beiden Tage vergingen wie im Flug. Justin hatte dank seiner neuen Freiheit den Müll vom Flur nach unten in eine der ungenutzten Lagerhallen der Firma gebracht, die ihm auch die alte firmeneigene Wohnung für ‘nen Appel und ‘n Ei überließ. Sicher hieß das nicht, noch mehr Müll in die ohnehin schon mit unbrauchbarem Zeug vollgestopften Hallen zu bringen, doch gerade deswegen würde es dort auch nicht auffallen. Er räumte all den Unrat aus seiner Badewanne und von seinem Waschbecken, reinigte leider nur mit mäßigem Erfolg die Toilette und entrümpelte den Wohnbereich, wo er schließlich auch seine verloren geglaubte Geldbörse wiederfand – wie viel Ärger hatte er deswegen gehabt! Das blaue Rohr, welches er nach ein paar Monaten für eine Stange seiner Garderobe hielt, entpuppte sich nun als Stiel des Besens. Die Garderobe selbst kam mit silbrig matter Farbe zum Vorschein. Er hatte inzwischen vergessen, dass Baseballcaps einmal seine Leidenschaft waren. Zwei seiner ehemals achtundzwanzig Marken-Ballcaps waren noch da. Die anderen waren vermutlich bei den Besäufnissen, die bis vor einem Jahr schon mal unangekündigt bei ihm stattgefunden haben, abhandengekommen. Natürlich hat keiner jemals etwas gesehen oder gesagt – sie waren einfach weg.
Es wurde 18:00 Uhr. Justin wusste, dass er zu Fuß und mit der Bahn etwa fünfundvierzig Minuten bis zum Centennial Plaza brauchen würde. Da er es unbedingt vermeiden wollte, an diesem denkwürdigen Tag zu spät zu kommen, machte er sich bald auf den Weg.
Er ging entlang einer Eisenbahnstrecke, die quer durch das Industriegebiet führt. Der Rost auf den Schienen und die zwischenzeitlich hochgewachsenen Sträucher zwischen den Schwellen verrieten, dass hier schon lange kein Zug mehr entlanggerollt war. Betonteile aus einem augenscheinlich größeren Abriss lagen wild verstreut auf dem Boden. Ein flackerndes Licht im Inneren einer Remise, schrill quietschende Luken, zerborstene Scheiben, Gras in den Dachrinnen, sogar Bäume auf den Flachdächern und zwischen den Platten der Betonstraße.
Wie kommt das Licht dorthin, fragte er sich zurückblickend, gibt es denn noch Leute, die hier arbeiten, oder gar leben? Ihm wurde mulmig und er dachte sich, dass es gut wäre, hier entlangzugehen, solange es noch taghell war. Heimwärts würde er einen anderen Weg nehmen, oder René würde ihn nach Hause fahren, denn der hat bestimmt ein Auto.
Dann sah er die Bahnstation schon von Weitem. Er hatte Glück. Keine fünf Minuten nachdem er angekommen war, kam auch schon eine in die Jahre gekommene Bahn, die ihn quer durch die Stadt zum Einkaufscenter bringen würde, das wegen seiner enormen Größe neben fünfzehntausend Parkplätzen auch eine eigene Bahnstation mit natürlich gleichem Namen hatte.
Die Räder der Bahn pressten sich gegen die Gleise. Jedes Mal, wenn es in eine Kurve ging, durchbrach ein merkliches Schaukeln die Ruhe der Passagiere, die entweder von ihrer Arbeit nach Hause oder auch zum CP wollten. Sitzend oder stehend blickten sie mit unbewegten Gesichtern nach draußen durch die bräunlich verschmutzten Scheiben der Bahn. Auf den kurzen Strecken im Untergrund schauten sie weg, erschrocken wegen der auftauchenden Tunnelwand. Nur dann bewegten sie ihre Augen zum Nachbarn, um festzustellen, dass da überhaupt jemand steht und man es wer weiß wie lange schon neben einem Schwarzen oder Weißen ausgehalten hat, obwohl man Andersfarbige gar nicht mag. Doch wer würde es sich oder der Person neben ihm eingestehen wollen? Vielleicht nur ein paar Einzelne, die diese Anonymität der wild zusammengewürfelten Fahrgesellschaft als abenteuerliche Herausforderung sehen.
Die Bahn schlängelte sich entlang der Häuserzeilen und noblen Viertel. Dort standen die Erst- und Zweitwagen in ihren offenen Garagen, ein Fahrrad lag in einer Einfahrt, ein älterer Mann mähte seine ewig vielen Quadratmeter Rasen im Vorgarten. Und dort … Wasser sprudelte aus einem Hydranten und Kinder freuten sich über das kühle Nass. Jeder konnte den eigenen Pool hinterm Haus nutzen, doch auf der Straße, das war was. Es spritzte heraus und überall lagen Sachen herum, Turnschuhe, Strümpfe, T-Shirts. Übermütig sprangen die Kinder durch die Fontäne. Es war heiß an diesem Nachmittag im Juni.