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In Schuld gefangen – Kapitel 2 „Andrea“

Die ersten Sonnenstrahlen des Tages wurden vom geöffneten Fenster reflektiert und auf Renés Gesicht geworfen. Geblendet zwinkerte er und wich ihnen aus, ständig die Augen auf die bereits vor dem Haus stehenden Freunde gerichtet. Ruby und Ellen traten hinzu und neckten die beiden. Laut kichernd rannten sie davon, um sich im Gebüsch bei der Einfahrt zu verstecken. Die Freunde jagten ihnen mit Gebrüll nach, blieben jedoch bald wieder stehen und hielten sich ihre Bäuche vor Lachen. Bald drangen aus dem Strauch winselnde Laute hervor, bis die beiden Mädchen selbst herauskamen und versuchten, sich ihre zerzausten Haare wieder glattzustreichen. Da es ihnen nicht gelingen wollte, rannten sie zurück zum Haus. Seine Freunde hatten auch dabei ihren Spaß, die Mädchen mit ihrem nachjagenden Gelächter durch die Tür zu begleiten.
„René. René!“, hallte es immer lauter werdend durch den riesigen Korridor, „wann endlich kommst du nach unten?“
Die Tür wurde zügig geöffnet und Frau Krachts stand, einen Arm in eine Seite gestemmt, im Türrahmen.
„Ich brauche dich eigentlich nur zwei Stunden eher zu wecken, damit du genug Zeit zum Ausmären hast und pünktlich in deinen Sachen bist.“
Sie kam näher und er sah sie schon ihre fleischigen Finger in seinen Oberarm graben, die ihn willenlos hinter sich herrennen ließ, doch sie schloss lediglich das Fenster und schob ihn mit leichtem Druck in Richtung Tür.
„Und ich möchte dich auch nicht immer und immer wieder persönlich aus deinem Zimmer holen.“
Mit dem Hinweis auf den anstehenden Kirchengang platzierte sie ihn noch hinter Ruby und Ellen, die sich mit Tränen in den Augen und kleinen Zweigen im Haar ganz hinten anstellen mussten.
Langsam setzte sich die Menge in Bewegung. Es wurde wenig geredet, vor allem, weil Frau Krachts mit erhöhtem Tempo die verlorene Zeit aufzuholen versuchte, die sie durch das Zusammensuchen ihrer Kinderschar verloren hatte.
Die Gruppe kam auch dieses Mal wieder zu der Brücke über den schmalen Bach, der langsam aber stetig das geringe Gefälle nahm und wohl noch nie stillgestanden haben konnte. Selbst unter dem Eis der letzten frostigen Nächte dieses frühen Jahres, dessen Winter besonders kalt und lang erschien, konnte man noch sein leises Plätschern hören. Nach einem Ausgang suchend glitten Luftblasen unter dem Eis entlang, mal hier mal dort verharrend, verschnaufend fast. So war der Ausgang doch kaum in Sicht und soweit man schauen konnte, würde er vielleicht auch nicht zu finden sein. Oder hat doch jemand ein Loch in das Eis getreten, dort hinten, hinter der Biegung, da, wo das Feld direkt an den Bach grenzt? Könnten sie die Freiheit dort erlangen, entfliehen aus der kalten Umklammerung, im Reigen von sich sammelnden Blasen, haltlos und mit leichtem Gurgeln allem durch Entfliehen ein Ende setzen?
Seltsam erschien es René, im nahenden wunderschönen Frühling an die Unwirtlichkeit der vergangenen Jahreszeit zu denken, ja mehr noch, die wärmenden Strahlen der Morgensonne fast zu verpassen, um in der Hoffnung auf aufplatzende Knospen und singende Vögel das Vergehen tatsächlich nicht zu bemerken.
Schließlich sah er seine Blasen wieder, wie sie einen kaum sichtbaren Nebel hinterlassend hinter dem Wehr aufstiegen.
Die Kirche war wie immer lausig kalt. Ellen, Ruby und René folgten als Letzte in sie hinein und nahmen direkt vor den Erzieherinnen Platz. Er war es wegen seiner in Gedanken versunkenen Art gewohnt, dort zu sitzen, doch Ellen und Ruby fühlten sich sichtlich unwohl so nah bei den Erwachsenen. Jedes Flüstern, jedes noch so leise Geräusch würden sie vernehmen. Nicht einmal über den Pfarrer könnten sie mehr lästern, zumal er ihnen wegen seiner Fülle immer wieder Anlass zu Witzeleien bot, was die Predigt in den Augen der Kinder wunderbar auflockerte.
René mochte ihn nicht, schon allein deshalb, weil er dessen Worten keinen großen Glauben schenken konnte. Letztendlich war es ihm egal, solange er durch den gänzlich in Schwarz gehüllten Mann nichts zu befürchten hatte.
Vielleicht, nein, ganz sicher war es mit dem Glauben an den liebenden Gott zuvor anders, als seine Mutter und sein Vater noch lebten und ihn mit sich zogen in ihrer Freude, ihrem Glück einer Familie, ihre Liebe an ihn weitergebend. Sie ließen ihn spüren, dass er etwas ganz Besonderes sei, was es galt, gehegt und gepflegt zu werden. Wie er schon damals den Wunsch verspürte, irgendwann einmal all das zurückgeben zu können, weil er dann fleißig in der Schule lernen, die Erwachsenen respektieren und die Alten ehren würde. Denn sie waren es, die ihm dieses Lächeln in sein Gesicht zaubern konnten, dieses Strahlen in seine Augen, und er deshalb jeden Morgen Gott schon beim Erwachen dafür dankte, dass der Tag mit ihnen ganz sicher wieder ein wunderbares Erlebnis werden würde – auch ohne wirklich an den Herrn zu glauben.
Er hätte den fordernden Tonfall der Erzieherinnen nicht gebraucht, die ihm damit eindringlich zu verstehen gaben, dass ihre Regeln dafür da wären, strikt eingehalten zu werden. Auch hätte er auf die Ermahnungen der Erzieherinnen verzichten können, sich der Worte des Pfarrers anzunehmen oder gar danach zu leben.
Was sollte man also sagen allein in diesem dunklen Kasten und so greifbar nahe bei einem Mann, den man nicht mag, der einem vielleicht wegen seines massiven Aussehens hier drinnen Ehrfurcht einflößte? Sollte man ihm alles berichten, auch das, was man von anderen weiß? Er würde danach fragen, schließlich bohren, würde René auch nur eine winzige Andeutung machen. Könnte er dann lügen? Er würde es müssen, seinetwegen und wegen der anderen. Doch lügen mochte er nicht. Niemand verrät einen Freund, und er würde es auch nicht tun! Also hieß es schweigen, von Anfang an und im äußersten Fall nur das zugeben, was ohnehin schon jeder wusste. Mehr nicht.
„Was brennt dir auf deiner Seele, mein Sohn?“
Aus der Stimme des Pfarrers drang Erwartung.
„Ich habe nichts Böses getan und mich stets bemüht, dem Herrgott zu gefallen.“
„Gott sei mit dir, mein Sohn.“
Mit diesen Worten gab der Pfarrer René beinahe gelangweilt zu verstehen, er könne den Beichtstuhl verlassen – nicht gleich, sondern sofort und nicht langsam, sondern zügig, worauf er erleichtert aufstand, das dicke Tuch vor dem Beichtstuhl beiseiteschob und zwischen den Bankreihen Richtung Ausgang lief, fast schon rannte. Es könnte ja sein, dachte er sich flüchtig zurückschauend, dass er noch einmal zurückgerufen wird, und das wollte er wirklich nicht riskieren.
Draußen angekommen atmete er tief durch. Fast alle waren fertig und standen verstreut auf der Wiese, saßen auf der flachen Mauer oder lehnten an dem riesigen Baum neben der Kirche, der schon sehr alt sein musste und innen hohl war, sodass er, wie sich René zusammenreimte, jedem bei Regen, Schnee und Sturm Unterschlupf bieten könnte.
Dorthin ging er und stellte sich zu Ellen, Kai und Andrea. Er lehnte sich an und blickte auf.
Der Himmel war zu dieser Jahreszeit sehr gut durch das Geäst zu sehen, denn die Blätter verbargen sich noch in zarten Knospen und ließen so den Blick nach oben frei gewähren. Es schien der Himmel durch die Baumkrone hindurchzuziehen. Die Wolken blieben an den Zweigen hängen und formten sich ständig zu neuen Gestalten – zu einem Gesicht, wie er träumte, zu einem Pferd, einem Haus oder gar zu einem Gebirge, so riesig, nah und doch unerreichbar.
Er schloss die Augen und fühlte mit einer Hand die Rinde, wie sie rau den Wolken eine Empfindung verlieh, so, als ob es richtig wäre, zu ertasten, zu erfahren, weiterzuschauen, als nur bis zum Horizont. Das fühlte sich gut an, es war schön.
Plötzlich berührte er etwas Warmes, ganz Weiches. Sofort öffnete er seine Augen, um das zu erblicken, was so unverhofft von seinen Fingern berührt wurde. Er sah Andrea ihre Hand halten. Den Schreck sah man auch in ihren Augen und ihr Gesicht war rot angelaufen. Schnell versuchte sie, eine Entschuldigung zu stammeln.
„Ich, ich … wollte nicht“, sagte sie kurz und blickte beim Weggehen zum Boden, als hätte sie etwas verbrochen.
„Warum läufst du weg?“, rief René ihr nach, „warte!“
Er folgte ihr zur Mauer auf der Rückseite des Kirchengebäudes.
„Warte doch endlich“, bat er sie und griff nach ihr.
“Du hast auch geträumt, fliegen zu können, nicht wahr?“
Der Übergang schien ihm gelungen, denn Andrea blieb in einer Nische stehen und drehte sich sogar zu ihm um.
„Woher weißt du das?“
„Es waren die Wolken, der Wind, das Rauschen.“
Andrea verstand genau, wovon er sprach. Verlegen schaute sie ihn an.
War ihm Andrea vorher nie sonderlich aufgefallen, war er jetzt umso mehr angetan von ihr, mit ihrer kleinen Nase, den grünen Augen und den roten Haaren. Er wollte sie nie mehr loslassen und konnte es in diesem Moment auch nicht.
Da standen sie, unschuldig, unerfahren, mit zittrigen Beinen, die Hände gar ineinandergelegt, die Augen aneinandergeheftet, als schon wieder diese nur zu sehr bekannte Stimme nach René rief und den Augenblick jäh beendete.
Frau Krachts entging nichts. Sie hatte die beiden beobachtet, wie sie hinter der Kirche verschwanden. Die vielen Jahre als Erzieherin hatten sie vorsichtig werden lassen, wenn sich ein Junge und ein Mädchen zügig von der Gruppe entfernten. Sie musste dem Treiben auf den Grund gehen. Kurzerhand beendete sie das Gespräch mit einer anderen Erzieherin und folgte den beiden nach. Kaum dass René und Andrea sie ankommen sahen, machten sie sich in die entgegengesetzte Richtung davon. Frau Krachts kam erst wieder in Sicht, als beide schon bei ihren Freunden standen.
Ihm war zwar so, als hätte Andrea noch einmal flüchtig zu ihm herübergeschaut, doch konnte er sich das genauso gut auch nur eingebildet haben.
Als sich seine Mutter und sein Vater am unerwarteten Ende ihres Lebens voller Zärtlichkeit in Blicken verfingen und so einschliefen, war es das letzte Mal, dass ihn solch ein durchdringendes Gefühl überkam. Sie haben gelächelt, obwohl sie wussten, dass sie von dieser Erde gehen würden, und zwar heute, bald, vielleicht sogar in diesem Moment. Da war trotz des drohenden Unheils der Minuten noch Platz für den Anderen, für ein Beieinander und ein Füreinander, für Glaube und Gewissheit, für Dankbarkeit und Gefühl.
Doch René musste bleiben, einfach verlassen von denen, die er liebte und die ihn liebten. Er sah sie auch nach Jahren immer wieder vor sich, wie sie ihre Augen langsam schlossen, wie der Griff seiner Mutter nachließ und sich ihr Arm zum Schluss in seine kleinen Hände legte. All diese Erinnerungen könnten ihm nie wieder die zärtliche Umarmung seiner Mutter oder den starken Arm seines Vaters erleben lassen. Er sehnte sich danach, doch es würde nicht geschehen. Ein Abschied konnte so endgültig sein. Warum geschah es gerade ihm?
Viele Stunden hat er so schon unter seiner Bettdecke geweint, manchmal die ganze Nacht hindurch, um dann vor lähmender Müdigkeit für eine halbe Stunde einzuschlafen. Wenn überhaupt, dann ahnte Frau Krachts nur etwas von seinem Leid, doch erzählen würde er ihr nichts davon.
Es kehrte Ruhe in das Haus ein. Die Uhr auf dem Korridor schlug acht Mal und somit mussten alle Kinder auf ihren Zimmern bleiben. Nach einer weiteren Stunde würde Nachtruhe herrschen. Das Reden war untersagt. Es war so leise, dass man die Mäuse in den Wänden hätte nagen hören können. Die breiten Rollläden an den Stirnseiten des ellenlangen Ganges wurden herabgelassen. Kein Tageslicht konnte so mehr eindringen. Alle Lampen wurden gegen neun zentral vom Büro aus gelöscht und eine Notbeleuchtung dafür eingeschaltet, die genügend Licht lieferte, um die Kinder ihren Weg zur und von der Toilette finden zu lassen. Wenn es ging, wurde das sowieso vermieden, denn auch René ist das Blut schon in seinen Adern gefroren, als ihn in dieser gespenstischen Atmosphäre eine Erzieherin aus heiterem Himmel ansprach. Die Zimmer waren abgedunkelt; die Fensterläden öffnen durfte man nicht. Es stand neben jedem Bett eine Nachttischlampe.
Das Haus wurde als Sanatorium für Tuberkulosepatienten konzipiert und als dieses auch betrieben. Die Nachfrage nach solchen Einrichtungen ging jedoch mit der Verbesserung der allgemeinen Gesundheitsbedingungen zurück. Es stand einige Zeit leer. Mit dem Umbau des Gebäudes zu einem Heim für Waisenkinder wurde ihm neues Leben eingehaucht. Der Pavillonstil verlieh diesem Bau ein recht ansprechendes Äußeres. Auf einem vergilbten Foto, welches im Büro hing, konnte man die Pracht dieses Gebäudes kurz nach Bauvollendung sehen, deren Schönheit sich heute, so viele Jahre danach, lediglich auf ein paar Erinnerungen reduzierte.
Andrea hatte sich ein Buschwindröschen in ihr Haar gesteckt und lief zum Zaun, fast schüchtern und aus den Augenwinkeln heraus hinter sich schauend. Sie war sich sicher, dass René ihr folgen würde, der auf der Terrasse stand und sie beim Fortgehen beobachtete. Doch er wusste nicht, was er machen sollte, denn auch Kai schaute ihr nach.
Hatte er ein Auge auf sie geworfen? Wenn schon, sie waren sich gestern bereits so sehr nahe, so nahe würde Kai ihr niemals kommen können. Auch wenn sich Kai trauen würde, sich an Andrea heranzumachen, würde sie ihm doch einen Korb geben. Würde er ihm sein Interesse an Andrea verraten, wenn er ihr nachliefe?
Zu diesem Zeitpunkt kam glücklicherweise Justin die Treppe herab und gab Kai ein Zeichen, mit ihm zu kommen. Beide würden wieder im verlassenen Steinbruch rauchen gehen, das wusste René. Es war somit die Gunst der Stunde.
„Geht nur, ich kann das Zeug nicht riechen, mir wird einfach schon beim Zuschauen übel.“
„Sei doch kein Weichei“, entgegnete Kai, „du hast es ja noch nicht einmal versucht, komm mit.“
Mit einer winkenden Bewegung beim Fortgehen versuchte er, René aufzumuntern, doch noch mitzukommen. Aber René lehnte erneut ab und drehte sich zum Haus, als wolle er hineingehen. Kai und Justin gingen allein los und waren auch bald auf dem Feldweg zum Steinbruch verschwunden. René konnte kehrtmachen und endlich die Richtung einschlagen, in die er Andrea ein letztes Mal gehen sah.
Er beugte sich unter die Äste der Bäume hindurch, an den Sträuchern entlang und durch die Lücke im Zaun. Nirgends konnte er sie sehen. Etwas weiter schon würde das Feld anfangen, doch auf dem offenen Feld würde und durfte er sie nicht treffen, also muss sie hier sein. Außen vor dem Grundstück durchschritt er die trockenen hohen Gräser vom Vorjahr, immer am Zaun entlang, bis er über den Graben auf den Feldweg springen konnte, der in entgegengesetzter Richtung auch zum Steinbruch führte.
Wo ist sie? Warum versteckt sie sich? Selbst als er ganz um das Grundstück herum war, gab es von Andrea keine Spur.
Hat sie mich zum Narren gehalten? Oder möchte sie mich einfach nur ärgern?
Da stand er nun und drehte sich im Kreis, einem Leuchtturm gleich, der nicht wusste, wohin er eigentlich blicken soll, als sie plötzlich vor ihm stand.
„René, ich habe auf dich im Steinbruch gewartet. Doch die Einzigen, die kamen, waren Justin und Kai. Die hatten nur ihre doofen Sprüche drauf. Ich dachte, du kommst auch!“
Er wurde bleich. Die beiden waren bei Andrea. Sie konnten sich mit ihr unterhalten, ihr in die Augen schauen. Obwohl die nur Blödsinn vorhatten, wurden sie mit ihrer Anwesenheit belohnt. So etwas dürfte nicht wieder passieren.
„Äh, ja, hm …“, stammelte er herum, „ich habe dich gesucht“, kam es fast ironisch aus seinem Mund.
„Wo warst du denn da?“, fragte Andrea.
„Ich dachte, du wärst …“.
„Aha, du dachtest, ich wäre …“
Verschmitzt nutzte sie seine Sprachlosigkeit und lief an ihm vorbei, die Schultern gleichgültig hebend, doch mit dem süßesten Lächeln im Gesicht, das er jemals zu sehen bekommen hatte.
„Andrea, wann gehst du wieder zum Steinbruch?“, rief er ihr nach.
„Wenn keine Raucher mehr die Luft verpesten.“
„Dann lass uns doch gleich gehen“, schlug er ohne nachzudenken vor und ging auf sie zu, als würde ihm die Zeit schon zu lang werden, „die werden heute doch nicht ewig dort sein!“
„Natürlich!“
Sie blieb stehen, drehte sich um und ging sogar wieder ein kurzes Stück auf René zu.
„Natürlich werden wir den beiden dann genau in die Arme laufen. Was glaubst du, werden die denken?“
Sie wusste, dass sich Justin und Kai ihren eigenen Reim daraus machen und es entsprechend rumerzählen würden. Schnell wäre sie schon zu René ins Bett gestiegen, weshalb sie es vermeiden musste, so vertraut mit ihm gesehen zu werden. Das hatte in diesem Moment weitaus mehr Gewicht, als ihr heimliches Verlangen, mit ihm allein ein paar Minuten in einer der verträumten Ecken am See zu verbringen.
„Okay!“, René kratzte sich am Hinterkopf, drehte sich in Richtung Tor und ging los.
„Wir werden doch aber einmal gemeinsam im Steinbruch sein, nicht wahr?“
Seine Stimme flatterte und eine Gänsehaut bildete sich in seinem Nacken, als er ihren Atem spürte, während sie ein ‚ja‘ in sein Ohr hauchte. Er schmolz im Genuss ihrer Nähe dahin und drehte sich nur ganz zögerlich um, doch Andrea war da schon weg.
„René!“
Kai und Justin kamen geradewegs auf ihn zu.
„Weißt du, wen wir im Steinbruch getroffen haben? Andrea ist dort gewesen, die saß einfach da und sah über den See. Keine Ahnung, wie die dort hingekommen ist. Auf alle Fälle ist die Zicke einfach aufgesprungen und hat nicht einmal hochgeschaut, als wir ihr eine anboten. Die hat nur mit dem Kopf geschüttelt und ist weg. Der werden wir jedenfalls keine mehr anbieten.“
„Die braucht was ganz Anderes!“, bemerkte Justin noch, machte eine eindeutige Bewegung und lachte los.
„Klar“, bestärkte ihn Kai und stimmte mit lautem Lachen zu, „die Weiber sind nur für eins gut.“