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In Schuld gefangen – Kapitel 24 „Vermögen“

„Guten Morgen, René!“
Luise kam ins Zimmer und setzte sich auf den Rand seines Bettes.
„Ich hoffe, du hattest einen erholsamen Schlaf. Das Wetter ist wundervoll und wir haben heute noch viel vor. Also komm, mein Lieber.“
Dabei strich sie ihm über die Schulter, die unter der dünnen Decke hervorragte, stand wieder auf und öffnete die schweren Gardinen über einen Seilzug.
Die Sonne schien herein und als sie die Fenster öffnete, drangen dutzende Vogelstimmen in den Raum, wodurch dem Garten Leben eingehaucht wurde und er noch größer erschien, als er es in seiner Erinnerung sowieso schon war.
„Steh auf!“, sagte sie und blickte in der Tür stehend zu ihm.
“Ich werde in zehn Minuten noch einmal kommen, vielleicht benötigst du noch etwas.“
Sie verließ das Zimmer.
René stand auf und ging zum Fenster. Die leichte Brise an diesem Morgen strich an den Ästen der Bäume entlang. Die Blätter tänzelten dabei wie vor lauter Freude über diesen Tag, bis die Luft auch sein Gesicht traf und es in angenehm kühle Frische tauchte. Überall saßen die kleinen gefiederten Sänger, die auf- und niederflogen, sich neckten und deren Gesang ihn an diesem Morgen klangvoll begrüßte. Er sah und lauschte gerührt und genoss jene in ihm aufsteigende Unbeschwertheit.
Luise war unbemerkt wieder ins Zimmer getreten und unterbrach sein Träumen: „Ist das schön?“
„Wer hat den Garten angelegt?“, fragte er.
„Das war ich“, sagte sie bei ihm angelangt, „es hat sehr lange gedauert, bis die Bäume ihre heutige Größe erreicht hatten, bis Sträucher und Büsche Horste bildeten und bis die Mauer mit Moos und Flechten vollends überzogen war. Es ist viel einfacher, einen Garten nach methodischen Gesichtspunkten anzulegen und nachhaltig zu pflegen, als einen, der in scheinbarer Natürlichkeit ein Abbild Edens ist.“
Auch sie schien ein wenig zu träumen, als sie neben ihm stand und mit ihm hinausschaute. Ohne weiteren Kommentar legte sie etwas später ihren Arm um ihn und brachte ihn so zum Umdrehen.
„Sei bitte in einer halben Stunde unten, ich warte mit dem Frühstück.“
Ein leichter Druck ihrer Hand an seiner Schulter entließ ihn dann auch ins Bad.
Der Kaffee roch gut, zumindest roch er etwas anders und vielleicht mit etwas mehr Aroma, als der, den er sich immer aus dem Supermarkt holte. Margrit brachte frisch gebackene Brötchen herein.
„Ich rufe Sie, wenn wir die Eier möchten, oder …“, sie schaute zu René, „möchtest du gleich ein Ei?“
Eine kurze Pause, ein stilles Kopfschütteln und Margrit verließ den Raum.
„Also mein Lieber, wir müssen heute natürlich zu Nigel. Du weißt, Herr Simon? Ich habe schon mit ihm telefoniert und er wird den Entwurf des Vertrages gegen fünfzehn Uhr fertig haben. Davor müssen wir dich noch einkleiden. Du kannst nicht ewig in diesen Sachen herumlaufen! Ach so, noch etwas, deine Haare sind zwar lustig, doch passt das nicht zu uns. Wir können jetzt essen.“
Sie hielt René das reichlich gefüllte Brotkörbchen hin.
“Du kannst auch Toast haben, ich werde dir gleich welchen bringen lassen.“
Luise wollte gerade wieder nach Margrit läuten, als er ihr Angebot dankend ablehnte: „Nein, ich danke dir, aber ich esse morgens genau nur ein Brötchen, das reicht mir. Danke schön, wirklich!“
„Ist in Ordnung, aber wenn du doch noch etwas möchtest, sagst du es mir bitte“, schob sie nach, was er mit einem zufriedenen Schmunzeln bestätigte und sich ein Brötchen nahm.
Eine Stunde später. Luise stieg auf der Fahrerseite ihrer Limousine ein.
„Ich fahre selbst“, sagte sie zu ihm, „denn ich brauche für meine Unternehmungen nicht noch jemanden, auf den ich aufpassen muss. Denn stell dir vor“, sie wandte sich etwas seitlich zu ihm, „eines Tages, ich war mit dem Kauf einer Jacke beschäftigt, sehe ich meinen Chauffeur ein gegenüberliegendes Geschäft betreten, obwohl er wusste, dass er den Wagen nicht verlassen durfte. Es war bereits das zweite Mal und deshalb der Grund, warum er gehen konnte. Seitdem bin ich mein eigener Chauffeur. Dieser Wagen hier bietet zwar nicht den Standard, den ich mir wünsche, ist aber auch nicht ganz so sperrig und unhandlich, wie der andere. Der steht in der Garage dort hinten.“
Sie zeigte auf die Hausecke, um die der Fahrweg führte und, wie René schon wusste, in einer Doppelgarage endet.
„Was ist überhaupt mit deinem Auto?“
Er zuckte mit den Schultern, ohne etwas zu sagen.
„Wenn wir nach Hause fahren, schauen wir bei dem Händler vorbei, der mir diesen hier verkauft hat. Natürlich ist das alles nicht preiswert, doch ist für mich als alleinstehende Frau hervorragender Service unabdingbar und den bietet er mir.“
Mit diesen Worten zog sie die Tür heran. Das sich erhaben-dumpfe Geräusch beim Schließen erinnerte René an Größe, Kraft und Macht. Luises Zweitwagen war fahrbereit und René erneut begeistert.
Ihm imponierte diese Frau, die wegen ihrer zwar bestimmten, doch auch liebevollen Art seine Gedanken beflügelte, wie sie Menschen scheinbar mit Leichtigkeit für sich gewinnen konnte, wie sie Bildung repräsentiert und Benehmen lebt und … die ihn tatsächlich ab jetzt behütet. Er fühlte sich in ihrer Nähe so sicher, geborgen, und nichts könnte an ihn heranreichen, ohne vorher seine ‚Grande Dame‘ passiert zu haben.
Die Fahrt in die Stadt verlief äußerst angenehm. Luise fuhr ihrer Ausstrahlung gemäß zehn Kilometer in der Stunde langsamer, als es der nachfolgende Verkehr für angemessen hielt. Sie sah dabei kaum in den Rückspiegel und wirkte überlegen. Ihre ruhige Art wurde vom kaum hörbaren Motor unterstrichen. Diese Fahrweise, René konnte es fast nicht glauben, entspannte ihn so sehr, dass er sich schwor, nie wieder rasen zu wollen.
Es war drei. Die Vorzimmerdame bei ‚Simon & Partner‘ bat auch gleich um einen Moment Geduld, drückte eine Taste der Telefontastatur und einen weiteren Moment später kam Nigel aus seinem Büro.
„Frau Bruillon, ich begrüße Sie aufs Herzlichste. René, schön, Sie heute wiederzusehen, guten Tag!“
René machte seinen Diener und grüßte höflich zurück, was auch als solches anzukommen schien.
Nigel ging vor. Luise und René folgten in den Tempel des Rechts. Überall hingen Bilder mit den wohl wichtigsten Personen der Stadt und über deren Grenzen hinaus. Schlichtes Design traf auf kühle Bestimmung. Bücherregale mit vollen Ordnern, hinter dem gewaltigen Schreibtisch an der Wand hing ein Bildnis von ihm selbst und auf dem Schreibtisch stand ein Foto, wahrscheinlich das von seiner Familie, die typisch für die gehobene Gesellschaft vor der eigenen Villa posierte – ein Junge, ein Mädchen, eine Ehefrau.
Nigel nahm eine Visitenkarte aus dem schwarzen Schreibtischset und reichte sie René.
„Für den Fall, Sie benötigen einmal meine schnelle Hilfe, melden Sie sich bitte sofort bei mir.“
René nahm die Visitenkarte dankend an und steckte sie in die aufgesetzte Tasche seines Hemdes, das frisch gewaschen und gebügelt ein Teil seines neuen Outfits war. War das nun seine Freifahrkarte zu ‚kann ja mal passieren‘ oder ‚ist doch nicht so schlimm‘?‘, fragte er sich beim Hinsetzen.
„Ich lasse Ihnen einen Kaffee bringen, Sie möchten doch Kaffee, oder lieber Tee?“
Nigel blickte in die Runde und als Luise ihren Kopf nur kurz und ein wenig senkte, rief er die Dame, mit der René schon flüchtig bekannt wurde.
„Wir haben den Vertrag heute Vormittag mit Priorität vorbereitet.“
Er reichte Luise ein wichtig aussehendes Dokument, das nur durch die Aufschrift ‚Entwurf‘ quer über das Deckblatt etwas an Gewicht verlor.
Der Kaffee wurde gebracht.
„Nehmen Sie Milch, Zucker? Danke Beatrice! Schauen Sie sich den Entwurf in Ruhe an, ich bin mir aber sicher, Sie werden auch dieses Mal mit uns zufrieden sein!“
„Dessen bin ich mir sicher“, antwortete Luise, „deshalb wäre ich Ihnen verbunden, könnten Sie mit ihren Worten lediglich zusammenfassen, worum es geht.“
Nigel nahm zwei weitere Exemplare dieses Vertragsentwurfs, gab eins René und schlug eins für sich auf. Er begann zu lesen und es folgte eine dann doch recht umfangreiche Abhandlung über Paragrafen, Rechtslagen, Anerkenntnis, Zuwiderhandlung und Rechtsfolgen. Zum Schluss hatte René nur das im Gedächtnis behalten, was in seinen Augen auch wichtig für ihn war: laut Vertrag soll René den Namen für das Kind aussuchen dürfen, welches ihm am Entlassungstag von der Kindesmutter übergeben werden wird, Jennifer würde ausdrücklich auf ihr Sorgerecht als Mutter verzichten und die Rücknahme der Zusage oder gar die Anfechtung dieses Verzichts ausschließen. Luise, die wahrscheinlich mehr Erfahrung im Vertragswesen hatte als René, machte einen zufriedenen Eindruck, also würde auch das Drumherum stimmen.
„Ich werde gleich zwei Exemplare fertigen lassen. Wenn sie es wünschen, können wir uns anschließend um die Unterzeichnung durch die werdende Mutter kümmern.“
„Nein! Nein, vielleicht …“, René wies darauf hin, dass es unter Umständen familiärer wäre, er kümmere sich darum, wobei Nigel zu bedenken gab, dass man gerade bei solchen Dingen die Emotionen nicht unterschätzen darf. Das leuchtete René ein und auch er sagte zu. Die Geldübergabe wolle er dann doch selbst übernehmen, denn dann wäre schließlich alles schon unterschrieben.“
„Was für eine Geldübergabe?“
Nigel blickte fragend.
„Ich habe bis jetzt noch nichts von einer Geldübergabe gehört!“
„Entschuldigen Sie, das muss wohl bei unserem gestrigen Gespräch untergegangen sein. René möchte der zukünftigen Mutter seines Kindes einen gewissen Betrag als eine Art Entschädigung zahlen, oder nennen wir es Anreiz.“
„Klingt plausibel und gestaltet alles sehr viel einfacher, also werde ich diesen Punkt noch in den Vertrag aufnehmen. Möchten Sie den Entwurf noch einmal gegenlesen, bevor wir den Vertrag zur Unterschriftleistung ausfertigen?“
„Nein, natürlich nicht, Nigel!“
Luise lächelte.
„Sie mögen entschuldigen, aber ich habe bereits einen meiner besten Leute darauf angesetzt, den Beweis für die grundsätzlich positive Haltung ihrer ehemaligen Freundin zu einem Abgabeansinnen zu erbringen. Ich denke einmal, er wird mir am Montag erste Informationen zukommen lassen, die ich Ihnen selbstverständlich weiterreichen werde. Es könnte da bereits sehr hilfreich sein, wenn“, er blätterte in seinen Aufzeichnungen, „Jennifer Estril einer finanziellen Gegenleistung aufgeschlossen gegenübersteht. An wie viel hatten Sie so gedacht?“, fragte er zu René schauend.
„Also, ich hatte ihr fünfzigtausend angeboten und ich denke einmal, dass sie die auch nehmen würde. Genau weiß ich es nicht.“
„Dann wäre soweit alles besprochen.“
Nigel stand auf und reichte beiden die Hand.
„Frau Bruillon, meine Teuerste, beehren Sie mich bald wieder. René, auch Ihnen noch einen angenehmen Tag. Wir melden uns bei Ihnen.“
René trank noch den Rest des Kaffees und sie verließen den Bürokomplex, in dem ‚Simon & Partner‘ die gesamte Etage gemietet hatte.
Ein äußerlich gänzlich neuer René verließ mit Luise das Stadtzentrum in Richtung ihres Stammautohauses, das sich in einem anderen Stadtbezirk befand. Schon als sie auf das Gelände fuhren, sah man einen Angestellten hektisch umherlaufen. Noch ehe sie zum Stehen kamen, war der Geschäftsführer persönlich an Luises Tür, um diese mit einem breiten Lächeln zu öffnen und ihr beim Aussteigen behilflich zu sein, natürlich weiterhin mit einem Lächeln in seinem Gesicht.
Auch René wurde begrüßt. Keiner erkannte ihn wieder, vielleicht wollte sich auch keiner anmerken lassen, dass er schon einmal hier gesehen wurde, wie er die Autos bestaunte, die sich jenseits seiner finanziellen Mittel auf Hochglanz poliert nur einem ausgewählten Publikum zum Kauf präsentieren. Heute stand er da und könnte sich einen holen, irgendeinen, der ihm gefällt. Ihm wurden alle Wagen genau gezeigt, für die er auch nur den Hauch eines Interesses zeigte. Bald schon war er überfordert und sagte resignierend, dass er kein neues Auto möchte, zumindest nicht jetzt. Luise lächelte und überließ René das Steuer ihrer Limousine. Er durfte die beiden wieder nach Hause chauffieren.
„Du hast mir heute gefallen“, sagte Luise.
„Was soll ich denn mit einem neuen Auto? Meins ist doch noch nicht alt, und außerdem, die Sachen, der Vertrag! Das sind Dinge, die ich sonst nicht gehabt hätte. Ich danke dir noch einmal ganz herzlich dafür.“
„Bitte schön!“
Luise freute sich tatsächlich über ihren Zögling.
„Ich meine aber auch, dass du bei Nigel einen ausgezeichneten Eindruck hinterlassen hast. Das ist wichtig, denn wir, die Bruillons, arbeiten schon sehr lange erfolgreich mit seiner Sozietät zusammen, und das soll auch so bleiben.“
Seine großen Augen bemerkend, fügte sie noch an: „Es geht nicht darum, alles zu verstehen oder selbst in die Hand nehmen zu wollen. Dafür gibt es Spezialisten wie Nigel, die sich um störende Fragen kümmern.“
Es wurde langsam Abend. Eine stilvoll aber nicht übermäßig modern gekleidete Frau klingelte in der Bellham 237. Helen öffnete die Tür.
„Hallo, Sie wünschen?“
„Guten Tag, verzeihen Sie meine Störung, mein Name ist Doreen Anderson und ich wohne noch gar nicht einmal so weit von hier in der ‚Peterson‘. Mein Mann und ich wohnen dort seit etwas mehr als acht Jahren … warum wir uns bisher nicht begegnet sind?“
Sie blickte nachdenklich.
„Frau Anderson! Was kann ich für Sie tun?“
„Entschuldigen Sie bitte, aber mir ist das richtig peinlich, so habe ich doch ein Anliegen!“
Weil sie sehr ordentlich gekleidet war, sie einen angenehm freundlichen Ton in ihrer Stimme hatte und auch sonst keine Merkwürdigkeiten zu erkennen waren, bat Helen Frau Anderson herein.
„Möchten Sie ein Glas Wasser?“
„Oh, ja, das wäre nett, danke schön!“
Sie begann, ihre Situation Helen zu erläutern: „Mein Mann und ich versuchen nun schon seit sieben Jahren, ein Kind zu bekommen. Es war uns aber nicht vergönnt. Es liegt an mir, ich weiß, wir beide wissen es und es belastet mich so sehr. Fünf künstliche Befruchtungen waren erfolglos geblieben. Ich war seelisch einfach nicht mehr in der Lage für dieses ständige Warten; und dann nur eine Enttäuschung, immer wieder diese Enttäuschung. Wir haben uns schließlich für eine Adoption entschlossen.“
Helen wusste jetzt, worauf sie aus war.
„Sie sprechen sicher auf meine Tochter an.“
„Ja, das tue ich. Undine ist eine Freundin meiner Schwägerin. Beide unterhielten sich über René. Sie sagte ihr, dass Jennifer ein Kind von ihm erwartet und sie das Kind womöglich sogar zur Adoption freigeben möchte. Deshalb bin ich gleich hergekommen, denn, sollte sie sich dazu entschließen, wäre ich Ihnen dankbar, würden Sie dabei an mich denken. Hier meine Karte. Kommen Sie vorbei, wann immer Sie wollen, Sie und Ihre Tochter sind herzlich willkommen.“
Sie gab Helen die Karte.
„Ich danke Ihnen so sehr, dass Sie mir zugehört haben und für das Wasser.“
„Ich danke Ihnen für die Karte und alles Gute. Auf Wiedersehen.“
Jennifer kam von ihrem Besuch beim Frauenarzt. Ihre Mutter erwartete sie bereits. Sie erzählte ihr die Geschichte vom Nachmittag und gab ihr auch die Visitenkarte mit feinster nüchtern-schöner Schrift und ausgesprochen angenehmer Haptik. Der Text bestand aus gerade einmal drei Zeilen. In der obersten Zeile stand ‚Internist Dr. Steven Anderson‘, darunter der Name der Klinik und etwas abgesetzt der Name der Stadt und der Region.
„Und sie hat sonst nichts weiter gesagt?“, fragte Jennifer.
„Nein, nur, dass wir immer herzlich willkommen wären, sonst nichts.“
„Undine, das ist doch bestimmt Dine, denn wer sonst könnte von dem wissen, was ich zu René gesagt habe? Mutter, wir machen einen Spaziergang!“
Die Straße mit dem Namen Peterson lag etwa ein Kilometer entfernt, also noch weiter raus aus der Stadt in die Gegend hinein, wo die noch besseren Häuser standen. Ein Ort, an dem Kinder ohne Gefahren groß wurden, behütet durch eine große Gemeinschaft Gleichgesinnter und einer Sicherheitsfirma, die, durch die Anwohner engagiert und finanziert, dort ständig präsent war.
Nach einer halben Stunde waren sie dort.
„Was stand auf der Karte?“
Jennifer zog sie ihrer Mutter aus der Hand.
„822, also noch ziemlich weit durch.“
Sie zeigte auf ein Schild mit den Hausnummern ‚Peterson 200–596‘ und dann auf ‚Peterson 628–1080‘, „also dort noch etwa die halbe Straße lang.“
Weitere zehn Minuten später standen sie vor dem Haus. Die Einfahrt war gepflegt; das in Messing gehaltene Namensschild am schmiedeeisernen Tor zeigte eindeutig, dass hier Familie Anderson wohnte.
Jennifer ging näher heran. Die Tür neben dem Tor war nicht abgeschlossen, sodass sie entlang der Hecke unmittelbar zum Haus gelangte.
Helen hatte Bedenken und blieb vor dem Tor stehen.
„Mach nur schnell, damit die uns nicht noch verhaften“, flüsterte sie ihrer Tochter hinterher.
Im Haus saßen eine Frau und, wie es den Anschein hatte, ihr Ehemann. Sie saßen nebeneinander und sahen sich die letzten Neuigkeiten im Fernsehen an. Er hatte seinen Arm um sie gelegt und küsste sie innerhalb dieser kurzen Zeit zweimal auf ihre Haare. Zwei halbgefüllte Weingläser standen vor ihnen auf dem Tisch. Das Wohnzimmer war modern eingerichtet und spiegelte den Wohlstand der Besitzer wider. Jennifer schlich weiter. Vielleicht fand sie etwas, was Licht in diese ungewöhnliche Geschichte bringen könnte. Ein Blick in ein Zimmer um die Ecke. Dort stand ein Schreibtisch und andere Möbel, die auf ein Arbeitszimmer hinwiesen. Der Monitor auf dem Schreibtisch war eingeschaltet. Jennifer ging näher heran, um Einzelheiten erkennen zu können. Es war eindeutig das Bild einer Kamera, welches nach ein paar Sekunden von einem anderen abgelöst wurde. Das ging so weiter, bis auf dem dritten Bild eine Person zu sehen war, die an einem Fenster stand und dort hineinschaute. Jennifer war erschrocken. Mensch, ist die fett! Was macht die da? Das Bild ging weg. Jennifer wollte es genau wissen. Vier Bilder weiter. Die Person stand immer noch am Fenster und, sie war nicht fett, sondern … schwanger. Als sich diese Person dann auch noch genau in dem Moment bewegte, als Jennifer nach der Kamera suchte, wusste sie, dass sie es war, die gerade von einer Überwachungskamera der Andersons aufgenommen wurde. Jennifer hatte gesehen, was sie sehen wollte und machte sich zügig und ohne sich noch einmal umzudrehen, wieder Richtung Ausgang davon.
Draußen nahm sie ihre Mutter an der Hand und zog sie hinter sich her.
„Schwein gehabt, die wohnen tatsächlich da, und videoüberwacht ist der Laden auch noch, und, weißt du was, die müssen Geld haben wie Heu, tja, und suchen ein Kind. Mama, das ist unsere Chance.“
„Was hast du vor, Jennifer?“
„Die da brauchen ein Kind nötiger als René und die haben das Geld, es so großzuziehen, dass wir uns nach dessen Abgabe auch keine Vorwürfe machen brauchen.“
„Willst du René das Kind vorenthalten?“
„Wieso vorenthalten? Der hat sich uns während meiner gesamten Schwangerschaft vorenthalten, also brauche ich jetzt auf den keine Rücksicht mehr zu nehmen.“
„Was willst du also tun?“, fragte Helen.
„Ich werde morgen noch mal herkommen und mit ihnen reden.“
„Was willst du mit denen reden?“
„Was die so zahlen würden!“
„Für das Kind? Du willst das Kind verscherbeln? Wie auf einem Markt, wer am meisten zahlt, bekommt den Zuschlag? Und René?“
„Jetzt hör mir mal gut zu, Mutter! Ich habe überhaupt keinen Bock mehr auf das dumme Gequatsche, von wegen René hier und René da. Der Arsch hat sich einen Dreck um uns gekümmert, also was soll er mich kümmern. Ich verscherble mein Kind nicht, ich bringe es dort unter, wo es die besten Chancen hat. Und das ist nun mal nicht bei René! Ist das jetzt endlich angekommen?“