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In Schuld gefangen – Kapitel 8 „Jennifer“

Kurze Zeit später stand er wieder auf der Straße. Mit der 289 hätte er nach Hause fahren können, doch er wollte noch Dine besuchen. Sie wohnte unweit des Stadtzentrums in einer Nebenstraße, weit genug weg vom Trubel, aber dennoch sehr nah an der Staatsanwaltschaft. Sie hörte nicht, wie denn auch, es war Samstagnacht und Dine, so klein wie sie war, so flott war sie aber auch in den Wochenendnächten unterwegs. Er begegnete der Linie 289 noch öfter in dieser Nacht, bis er selbst nach gut zweieinhalb Stunden wieder zu Fuß zu Hause angelangt war.
Den Sonntag verbrachte er vor dem Fernseher, lungerte auf dem Sofa herum, trank viel zu viel Kaffee und blickte dutzende Male auf sein Telefon. Kurz nach vier Uhr nachmittags nahm er schließlich seinen ganzen Mut zusammen und rief erneut an. Dieses Mal meldete sich eine Frauenstimme, die sich viel freundlicher, als der Mann zuvor, nach der Person erkundigte, die da anrief.
„Ich würde gern mit Jennifer reden“, antwortete René auf Nachfrage und versuchte, genauso freundlich zu wirken.
„Eine Jennifer wohnt hier nicht.“
„Müsste sie aber, sie hat mir ihre Nummer gegeben.“
„Aber hier wohnen nur mein Mann und ich, und ich heiße nicht Jennifer.“
„Ja aber …“
„Vielleicht hat Ihnen diese Dame eine falsche Nummer gegeben, welche Nummer haben Sie gewählt?“
„Die Dreiunddreißigzwölfeinundzwanzig!“
„Hm, das ist unsere, aber hier wohnt keine Jennifer, wirklich nicht. Tut mir leid.“
„Danke.“
René legte enttäuscht auf. Ich bin aber auch blöd! Welche Frau wird mir denn nach ein paar Minuten ihre Telefonnummer geben, nur, weil ich etwas mehr Trinkgeld gegeben und eher in ihre Augen als auf ihren Ausschnitt gesehen habe? Er blickte auf seine Uhr. Vier Uhr fünfzehn, um fünf macht das CP zu – nichts wie los. Noch rechtzeitig stand er vor dem Café im Einkaufscenter. Eine Kellnerin war gerade dabei, die letzten Tische in der Ladenpassage abzuräumen.
„Es gibt leider nur noch was zum Mitnehmen. Was hättest du denn gern?“
„Bist du heute nur noch allein hier oder läuft dort hinten noch eine Kollegin herum?“
René lächelte besonders freundlich und versuchte ganz ruhig zu wirken, obwohl er allein wegen der Rennerei vom Parkplatz bis zum Café völlig außer Atem war.
„Gabi kommt erst morgen wieder, aber ich glaube auch nicht, dass du ihretwegen hier bist.“
Die Kellnerin zeigte auf ihren eigenen Ring, was René andeuten sollte, dass Gabi schon in festen Händen war.
„Da ist noch Jennifer, aber die ist heute auch nicht da.“
„Wo ist sie?“, fragte René nach.
„Vielleicht zu Hause, vielleicht bei ihrem Freund?“
René wurde kreidebleich.
„War ein Scherz“, die Kellnerin schmunzelte, „ich habe echt keine Ahnung, wo sie ist.“
„Wann ist sie wieder da?“
„Laut Plan …“, sie schmunzelte erneut, „also, laut Plan ist sie erst am Freitag wieder hier, kann sich aber auch ändern.“
Sie bemerkte in diesem Moment, dass an dem Plan etwas nicht ganz stimmen konnte, und außerdem würde sie ihre Arbeit nicht schaffen, würde sie sich weiter mit René unterhalten. Sie hantierte heftiger herum.
„Du, es tut mir leid, aber ich muss … möchtest du vielleicht doch noch was mitnehmen?“
„Ja …, nichts, doch, ihre Nummer.“
René umkreiste sie und redete auf sie ein.
„Ihre Nummer war nicht richtig, kannst du sie mir geben?“
„Jetzt verlangst du aber etwas viel von mir, ich gebe keine Nummern raus“, bekam er als Antwort und schon rasselte das Rollgitter vor ihm auf den Boden. Sie war im Laden verschwunden.
„Kann sie mir nicht geben“, äffte er sie nach und ging mit dem Gedanken wieder zum Ausgang, dass es bis Freitag keine Möglichkeit gäbe, Jennifer zu sehen oder zumindest bis dahin etwas mehr über sie herauszufinden.
„Guten Morgen, Dine.“
René umarmte sie.
„Schön, dich heute zu sehen. Ich war gestern noch bei dir, aber du warst nicht da.“
„Guten Morgen, René. Ich habe es klingeln gehört, aber ich konnte gerade nicht. Du weißt schon, was ich meine.“
Sie zwinkerte, und René verstand.
„Hast du das Gedicht gelesen, hast du Jennifer angerufen?“
„Ja, habe ich.“
„Was davon?“
„Beides, ich habe das Gedicht natürlich gelesen und ich habe sie auch angerufen, zumindest die Nummer, die ich hatte. Doch die war nicht richtig.“
„Was war an ihr falsch? Hat sie dir eine falsche Nummer gegeben? Aber René“, Dine faltete bittend ihre Hände, „lass uns zum Mittag weiterreden, ich habe hier absoluten Stress! Mir haben die bereits am Freitag oder heute schon sehr früh unglaublich viel auf den Schreibtisch gepackt, da muss ich erst mal durch.“
Ihr Mittagessen wollten die beiden heute am Imbiss zu sich nehmen, der keine hundert Meter vom Hauptgebäude der Staatsanwaltschaft entfernt und damit genau auf halbem Weg zum Gericht stand.
„Einmal einen Hotdog mit und einmal einen ohne Sauerkraut bitte“, bestellte René.
Kurze Zeit später.
„Hier die Würstchen, macht dreineunzig.“
„Bitte?“, fragte er nach.
„Macht dreineunzig.“
„Na klar, dreineunzig. Dine, verstehst du?“
„Was soll ich verstehen?“
„Sie hat mir den Preis damals genauso genannt, wie er das eben tat. Sie sagte, sie bekäme dreineunzig für die beiden Getränke.“
„Hast du etwa ihre Nummer falsch aufgeschrieben!“
„Mensch, bin ich ein Idiot! Natürlich!“
Er drückte Dine beide Würstchen in die Hand, holte sein Handy heraus und begann die Nummer einzutippen.
„Sie hat mir ihre Nummer genau so genannt: dreidreißigzwölfeinundzwanzig, also drei-drei-null, genau, die Null wars, die gefehlt hat. Und dann die eins-zwei-zwei-eins.“
Es klingelte. René kam es vor, als ob es bereits tausendmal geklingelt hat, doch schon nach dem dritten Ton war sie dran.
„Hallo, Jennifer hier.“
René blieb fast das Herz stehen. Er fühlte sich genauso wie beim ersten Mal, als er den Stoffel am Telefon hatte – er war unfähig, etwas zu sagen.
„Wer ist dran? Papa, bist du es?“
„Hallo, hier der wo, äh, der damals im Café“, René stotterte, „der damals, also ich meine, letzten Donnerstag die Nummer von dir bekommen hat, erinnerst du dich?“
„Normal gebe ich meine Nummer nicht raus, wenn ich es aber getan habe, musst du ja schon etwas ganz Besonderes gewesen sein.“
René konnte sie schier am Telefon lachen sehen.
„Na klar erinnere ich mich, du bist der Milchkaffee und der Espresso. Und ich dachte schon, du rufst nie an.“
Ein breites Grinsen glättete die Falten auf seiner Stirn.
„Genau der ruft an. Ich hatte es schon vorher mal probiert.“
„Wann?“
„Gestern. Ich hatte aber deine Nummer nicht wirklich richtig verstanden, ich meine, ich habe sie nicht richtig aufgeschrieben und bin jetzt nur durch Zufall erst wieder darauf gekommen. Es wäre schön, wenn wir uns einmal treffen könnten, zum Quatschen, meine ich.“
„Ja, das wäre echt nett. Heute und morgen geht es bei mir leider erst ab etwa sieben, am Mittwoch und Donnerstag nur vormittags und am Freitag geht es gar nicht.“
„Denn da hast du Schicht.“
„Hey, woher weißt du? Genau, da habe ich Schicht im Café und dann das ganze Wochenende immer ab zwölf Uhr dreißig.“
„Also“, sagte er, „wie wäre es denn dann heute um acht am Nordeingang des CP, nicht, dass wir uns wieder verpassen.“
„Toll, ich freue mich! Dann bis heute Abend.“
Das Klacken im Hörer beendete das Gespräch.
Dine stand immer noch Renés Hotdog haltend am Imbiss und hatte die Konversation im Groben mitverfolgen können.
„Dein Gesicht verrät mir, dass dieses Gespräch erfolgreicher war, als die beiden zuvor. Ich freue mich für dich.“
Sie drückte ihre Wange gegen seine und schloss die Augen. René bedeutete ihr viel.
Der restliche Tag verlief äußerst schleppend. Das ständige Überprüfen der Uhrzeit tat das seinige, doch nach endlosem Warten wurde es für René langsam Zeit, sich wieder einmal in Richtung CP aufzumachen.
Einige Kilometer weiter südlich stand eine junge Frau in ihrem Zimmer vor dem Spiegel und probierte ihre gesamte Garderobe durch, konnte jedoch scheinbar nichts Passendes finden. Es war Jennifer, die gerade nach Hause gekommen war und sich für ihr erstes Date nach langer Zeit fertigmachte. Nichts wollte ihr gefallen und die Zeiger der Uhr rückten gnadenlos vor. Zum Schluss war sie wieder in ihren Sachen, mit denen sie von der Arbeit gekommen war, nicht gerade originell, dafür aber bequem.
„Ich bin dann mal weg“, rief sie ihrer Mutter beim Verlassen des Hauses zu.
„Warte!“
Ihre Mutter erwischte sie gerade noch, bevor sie die Tür schließen konnte.
„Ich wünsche dir einen tollen Abend“, sagte sie und küsste ihre Tochter auf die Stirn, „pass auf dich auf, man weiß nie, was da draußen rumgammelt! Und schau halt, dass es nicht so spät wird. Und …“
Jennifer war aber schon die Treppe vor dem Haus runter und rief ihrer Mutter noch zu: „Ja, mache ich.“; bis sie dann auch schon nicht mehr zu sehen war.
Ihre Mutter stand noch eine Minute in der Haustür, lächelte, weil auch ihre Tochter beim Weggehen gelächelt hatte und ging wieder hinein.
Kurz vor acht stand Jennifer am Nordeingang. Zwei Minuten später kam René dazu.
„Hallo Jennifer, wie gehts?“
„Hallo René, ich freue mich, dass wir uns heute treffen konnten. Mir geht es prima, und selbst?“
„Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns heute schon sehen würden. Noch gestern war ich fest davon überzeugt, vor dem Wochenende würde ich nicht mehr in deine tollen Augen blicken können. Also geht es mir doch fantastisch!“
Jennifer wurde rot. Sie war es nicht gewohnt, solche Komplimente zu bekommen.
„Danke, du Schmeichler. Wärst du auch ohne meine ja so tollen Augen gekommen?“
René überlegte kurz und sagte dann strahlend, dass das heutige Date schon sehr gefährdet gewesen wäre, hätte sie nicht auch dieses bezaubernde Lächeln gehabt. Jennifer neigte ihren Kopf und schielte nach oben.
„Jetzt hör auf, du machst mich ganz verlegen.“
„Was möchtest du tun?“, fragte er Jennifer mit einem Lächeln.
„Wir könnten in die ‚Kellerbar‘ gehen oder auch ins Kino. Oder wir gehen einfach nur so spazieren.“
„Oder“, schlug René vor, „wir laufen der untergehenden Sonne entgegen, dorthin, wo sie noch scheint, wenn es hier schon dunkel ist.“
„Das geht doch gar nicht!“
Jennifer schaute ungläubig.
„Geht doch und wenn du willst, zeig ich es dir.“
Als sie zum Auto gingen, hielt Jennifer etwas Abstand, denn ihre Mutter hatte sie nicht umsonst vor seltsamen Typen gewarnt.
Sie fuhren in die Straße, in der auch Dine wohnte und stellten das Auto dort ab. Während des Spazierganges erzählte Jennifer von ihrer Arbeit im Café und dass sie eigentlich als Pflegehilfe in einem Pflegeheim arbeitet. René hörte begeistert zu, zumal er sich bis dahin nicht vorstellen konnte, dass sich jemand ohne Schulabschluss so in die Gesellschaft integrieren konnte. Weiter erzählte sie, dass sich ihre Mutter und ihr Vater vor ein paar Jahren haben scheiden lassen. Diese Zeit wäre für sie sehr schwierig gewesen und fiel leider auch in die Zeit der Schulabschlussprüfungen, die sie dadurch wiederholt gerissen hatte.
„Erst konnte ich an nichts Anderes mehr denken, als daran, dass mein Vater uns verlassen würde und später hatte ich keine Zeit mehr dafür.“
Bis heute, sagte sie, hätte es keine Möglichkeit mehr gegeben, einen Schulabschluss und dann eine Lehre nachzuholen. Ihre Mutter, die seit der Scheidung depressive Schübe hatte, war der Grund dafür gewesen, dass sie letzten Endes in die Pflege von pflegebedürftigen Menschen eingestiegen ist. Es mache ihr Spaß, obwohl das Geld hinten und vorn nicht reichen würde. Deswegen würde sie zwei Jobs machen. Der Lohn, vor allem aber das Trinkgeld im Café würden sie und ihre Mutter über Wasser halten.
René fühlte sich durch ihre Erzählungen sehr zu ihr hingezogen. Es war, wie sie erzählte, was sie erzählte, wie sie die schweren Zeiten nur anmerkte und die guten ausführlich beschrieb, wie sie ihre Tränen verbarg und mit ihrem Lächeln Eisberge zum Schmelzen bringen könnte. Er war von ihr begeistert und kein Gedanke an seine schlimme Vergangenheit hätte aufkommen können. Selbst als er von seiner Zeit im Heim erzählte, schien sie ihre so junge aber schützende Hand über ihn zu halten und aufkommender Schmerz verging, so wie er gekommen war, schnell und ohne Spuren zu hinterlassen.
„Schau!“, René zeigte nach oben zum Ende eines Wolkenkratzers, „dort oben möchte ich mit dir hingehen, denn genau da scheint die Sonne abends in tiefstem Rot und es ist ruhig dort oben und wenn wir Glück haben, besuchen uns Feen, du wirst sehen.“
Jennifer wurde jetzt richtig mulmig zumute. In diesem Gebäude sollte sie bis ganz nach oben, um dort Feen zu treffen?
„Und du bist dir sicher, dass wir dort Feen treffen und nicht Fledermäuse?“
„Glaube mir, dort oben gibt es keine Fledermäuse.“
René ergriff ihre Hand und willig ließ sie sich von ihm in den Fahrstuhl ziehen, der nur zwanzig Sekunden später in der obersten Etage ankam. Von dort aus ging es über ein Treppenhaus, einen Flur und einem weiteren Treppenhaus zum Maschinenraum, dessen schwere Eisentür auch heute nur klemmte und eben nicht abgeschlossen war. Um ja keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, hatte René noch nie die Beleuchtung eingeschaltet. Das Licht der Handys half allerdings nur wenig, den furchteinflößenden Weg entlang der vielen Motoren zu gehen, die sich geisterhaft mit ebensolchem Ton in Bewegung setzten und wieder stoppten. Jennifer bereute inzwischen, mitgekommen zu sein und wollte umkehren, denn ihre Angst nahm mit jedem Meter zu, den sie tiefer in den Maschinenraum vordrangen.
Doch dann öffnete René eine Tür und Jennifer fühlte sich, als ob sie auf dem Dach der Welt angekommen wäre. Sie war von dem Ausblick überwältigt, der sich ihr bot; ihr mulmiges Gefühl wich der Begeisterung und die Furcht dem Glück.
„René, du hast nicht gelogen. Ich gebe zu, Angst gehabt zu haben, aber das hier ist so einzigartig, ich könnte …“
„Hey, nicht so wild!“
Er schlug beide Arme um Jennifer, um sie von der Brüstung wegzuhalten. Sie hingegen hatte ihre Augen geschlossen und richtete ihr Gesicht in die Strahlen der untergehenden Sonne. Ihre Hände umklammerten seine Arme und ihre Haare wehten wild überall umher. Erst als der rote Schein hinter dem Horizont verblasste, folgte sie seinem leichten Druck weg von der Dachkante.
„René“, sie flüsterte seinen Namen, „ich habe deine Feen gespürt. Sie flogen um mich herum und ich schwankte durch den Hauch ihrer Flügelschläge. Sie setzten sich auf meine Schultern und berührten mich mit ihren Zauberstäben.“
Und wirklich, ihr Gesicht hatte Sommersprossen bekommen, da, wo vor ein paar Minuten noch keine waren. Ihre Augen funkelten vor Glück als sie sich umsah, hinter sich, zu René, der sie immer noch in seinen Armen hielt.
„Wir werden noch einmal herkommen, wenn die Feen schlafengegangen sind, um zusammen die Ruhe zu genießen.“
Sie legte eine Hand um seinen Nacken.
„Auch, wenn es nie wieder so schön sein kann wie heute, so möchte ich doch noch viel mehr mit dir erleben.“
René wollte nachfragen, was sie damit meinte, als Jennifer ihm einen Finger auf seinen Mund legte.
„Pst“, sagte sie, „alles hat seine Zeit.“
Sie gingen nebeneinander die Straße entlang bis zum Auto.
„Ich gehe zu Fuß nach Hause. Es war schön, wunderschön. Ich bin froh, dass wir uns getroffen haben. Schlafe gut, wir telefonieren.“
Jennifer ließ seine Hand einfach los, drehte sich auf dem Absatz um und verließ ihn, ohne noch einmal zurückzuschauen. René sah ihr nach. Ihr schlanker Körper glitt über den Gehweg und einmal hob sie eine Hand, ein wenig nur als kurzen Abschiedsgruß.
„Hast du schon einmal ein Wunder erlebt?“, fragte René Dine am nächsten Tag.
„Wenn du mich so direkt fragst und ich dir auch ehrlich antworten soll, wovon ich ausgehe, nein. Es gab da sicher mal die eine oder andere Begebenheit, die mich wundern ließ, ob das aber nun Wunder waren, möchte ich bezweifeln. Doch Spaß beiseite, du hast dich mit Jennifer getroffen und dich hats erwischt, nicht wahr?“
René nickte mit glänzenden Augen.
„Es gibt sie, die Wunder. Gestern habe ich eins getroffen und sogar berührt. Was gibt es Schöneres, als die …“
Dine vervollständigte: „Liebe?“
René wollte Jennifer heute eigentlich wieder treffen. Leider wurde Jennifers Mutter an diesem Tag erneut ins Krankenhaus eingeliefert, sodass sie ihr nächstes Treffen auf einen Tag in der darauffolgenden Woche verschieben mussten.
„Die vielen Tage, in denen wir nur telefoniert haben, das war grausam.“
Sie kuschelte sich in Renés Arm.
„Meiner Mutter geht es schlecht, ich meine, sie wird nicht sterben oder so, aber sie leidet. Kannst du dir vorstellen, sie hat einmal zu mir gesagt, dass sie sterben möchte, damit ich mich mit ihr nicht auch noch herumschlagen muss.“
„Sie hat es bestimmt nicht so gemeint.“
„Doch, das hat sie, nicht umsonst ist sie jetzt wieder in der Psychiatrie. Ich habe ihren Arzt angerufen. Der hat sie auch gleich mitgenommen. Sie ist selbstmordgefährdet. Die Einzige, die sie davon noch abhält, bin ich, obwohl ich doch auch ein Grund für ihren Zustand bin. Sie lebt in einem Zwiespalt. Auf der einen Seite möchte sie mein Glück und denkt, diesem Glück mit ihrer Krankheit im Wege zu stehen, auf der anderen Seite möchte sie mich nicht verlieren. Alle Beteuerungen, dass keins von beiden zutrifft, hört sie sich an, mehr aber nicht. Ich fühle mich so machtlos. Du, ich weiß langsam keinen Rat mehr.“
René drückte seinen Arm etwas gegen sie.
„Wir werden ab jetzt damit klarkommen müssen, wir gemeinsam.“
Auf diese Worte hatte Jennifer gehofft, und endlich fand sie in René jemanden, der das Leid eines Familienangehörigen nicht als Fluch ansah, sondern als erste gemeinsame Aufgabe in einem doch hoffentlich langen und gemeinsamen Leben.
Sie saßen noch Stunden an diesem Tag zusammen und erzählten sich aus ihrer Kindheit, wo wer gestürzt ist und heute welche Narben hat. Und weil Jennifer schon immer ein sehr bewegungsfreudiges Mädchen war, die jene Bewegungsfreude auch schon mal mit einer Schmarre bezahlte, bekam René langsam eine Vorstellung von der Schönheit ihres Körpers. Sie stand auf und zog ihre Hose seitlich und mit der Bemerkung ein wenig herunter, dass jener Kratzer hier ursprünglich mal mit vier Stichen genäht werden musste. Auch legte sie ihren Rücken frei, um ihm eine Narbe unter dem linken Schulterblatt zu zeigen, die ein Andenken an eine äußerst ruppige Begegnung mit einem Briefkasten war. René sah sie jedes Mal neu, sah ihre Augen, ihren Mund, ihre Hände, folgte ihren Erzählungen, die so bildhaft aus ihr heraussprudelten, dass er zum Schluss dachte, bei jeder Geschichte mit dabei gewesen zu sein.