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In Schuld gefangen – Kapitel 6 „Schmerz“

René erhob sich von der Sitzbank und ging in Richtung des vereinbarten Treffpunkts. Die Warteschlange eines Fastfood-Restaurants reichte bis nach außen. Er drängte sich an den Leuten vorbei, um ein paar Meter weiter und noch nahe genug im Schutz dieser Menge den richtigen Platz gefunden zu haben, den Nordeingang im Auge zu behalten. Hinter ihm befand sich ein Buchladen und neben ihm die Auslage mit dessen aktuellen Angeboten. Lange schon hatte er nichts mehr gelesen, dachte er sich, und stöberte oberflächlich in den Bücherreihen. Es war kein dickes Buch, welches er ergriff, sondern eine dünne Broschüre, die ihm irgendwie bekannt vorkam. Noch ein flüchtiger Blick auf den Titel, doch kein weiterer Gedanke; er hatte heute schließlich sein eigenes Manuskript im Kopf.
18:55 Uhr. Die Bahn war soeben eingefahren. Eine Flut an Menschen drängte zum Nordeingang und durch die fünf doppelten Türen. Könnte er Justin in dieser Menge übersehen?
Ich hatte doch geschrieben, dass er am Eingang auf mich warten soll? Hab ich doch, oder? René war sich gar nicht mehr so sicher.
18:58 Uhr. Der Zeiger der großen Uhr über dem Eingang springt eine Minute weiter.
Jetzt müsste er doch eigentlich kommen, oder ist er schon durch? Vielleicht steht er ja irgendwo und sucht nach einem Mann, der auffällig Ausschau hält nach irgendetwas oder irgendwen und das noch am Eingang? Vielleicht kam er schon früher? Und was macht mich eigentlich so sicher, dass er gerade mit dieser Bahn kommt?
Eine Menge Fragen, die sich leider erst sehr kurz vor dem Treffen stellen und deren Beantwortung auch nichts an der Situation ändern würde, war es doch gerade einmal 19:00 Uhr.
Justin war nicht zu sehen. Die Menschenmenge verebbte, nur noch vereinzelt kamen Leute durch die Türen. Keiner davon hatte Ähnlichkeit mit dem Mann auf dem Foto. Vielleicht kommt er gar nicht, weil er sich nach seiner Entlassung aus der Haft davongemacht hat. Hätte ich mich erkundigen sollen, ob er überhaupt entlassen worden war oder aus irgendeinem Grund doch noch da drinsteckt? Die Mühlen der Justiz mahlen langsam, sehr langsam manchmal. Kann es nicht auch passieren, dass die Justiz einfach mal Einen im Gefängnis vergisst? Vielleicht hat er die Nachricht nicht gelesen, sie gar nicht lesen können. Hätte ich vorher etwa noch einmal an seiner Wohnung vorbeisehen sollen, ob er überhaupt zu Hause gewesen ist? Mensch, bin ich ein Trottel.
Kaum dass er diesen Gedanken zu Ende gebracht hatte, stand Justin in einer der gewaltigen Eingangstüren, die sich nur für ihn öffnete. Wie bekannt kam René dieses Gesicht vor, zwar etwas älter geworden und wieder anders als auf dem Polizeifoto, so aber doch vertraut. Ein breites Grinsen zeigte René, dass Justin seine neue Freiheit sichtlich genoss und wohl auch guter Dinge war, was den Unbekannten anbetraf, der ihm schließlich nur Gutes wollte.
Justin ging hindurch. Er betrat das Einkaufscenter, machte ein paar Schritte zur Seite und blieb an einer Wand stehen. Von da aus blickte er in die beiden Hauptgänge des Centers, die von dieser Position sehr gut einzusehen waren, weiterhin nicht wissend, um wen es sich wirklich handelt, den er dort treffen sollte. Er besah sich jedes Gesicht, das auf ihn zukam, dann aber doch an ihm vorüberging. Drei Minuten waren vergangen. Justin blickte auf seine Armbanduhr und zog die Augenbrauen hoch; wie lang können doch drei Minuten sein. Er schaute zu der Menschentraube am Fastfood-Restaurant. Niemand. Mit seinem T-Shirt wischte er sich den Staub von den Brillengläsern.
René löste sich aus seiner Deckung und ging geradeaus auf Justin zu. Dieser schaute René zwar an, doch bald wieder weg. Hat er sich in den Jahren so sehr verändert, dass sein alter und bester Freund ihn nicht wiedererkennen sollte? Er hatte ihn anfangs ja auch fast nicht mehr erkannt. Unmittelbar vor Justin angekommen gewahrte auch dieser seinen alten Freund.
„Nee, René, bist du es wirklich? Du bist es!“
Justin schob ihm seine Hand entgegen und als René sie ergriff, zog er ihn auch schon an sich heran.
„Mein alter Kumpel René, Mensch, ich bin so glücklich, dich hier zu sehen, komm, lass dich umarmen.“
Er drückte ihn erneut an sich und klopfte ihn auf den Rücken.
„Ja“, erwiderte René, „wir haben uns wirklich lange nicht gesehen. Es ist viel passiert. Komm, lass uns einen Kaffee trinken gehen. Dabei können wir über die alten Zeiten reden.“
„Und auch die neuen“, fügte Justin an und strich sich dabei verlegen durch seine Haare.
René verstand, wie wichtig Justin die Angelegenheit war, weswegen er eingesessen hatte, warum er aber auch wieder draußen und auch nur deswegen hier sein konnte.
Er legte seinen Arm über Justins Schultern: „Wir hatten wirklich gute Zeiten zusammen. Mensch, die Bauchklatscher ins Wasser, die vielen Kirschen und die Molche – kannst du dich erinnern? Es gibt aber Dinge zwischen Himmel und Erde, die kann man nicht beeinflussen, die passieren einfach, ob man will oder nicht. Viel davon ist nicht schön, anderes besser, doch das Beste, was dir je passiert ist, bin ich.“
Sie waren im Café angekommen.
„Ich weiß“, sagte René schon beim Setzen, „du möchtest endlich wissen, wie du aus dieser dummen Sache rausgekommen bist.“
Justin nickte zustimmend und hob die linke Augenbraue.
„Ich kann mir gut vorstellen, wie es so im Gefängnis ist. Drin hocken möchte ich also nicht.“
René verschwieg bewusst, dass er bei der Staatsanwaltschaft arbeitete, denn er wollte sich unter keinen Umständen erpressbar machen. Es reichte ihm zu wissen, wie Justin früher war. Damals hatte er zwar noch keine krummen Dinger gedreht, aber heute, nach doch einigen Jahren, ist sicher einiges geschehen, was Justin auch in dieser Richtung geprägt haben könnte und ihn deshalb nicht gerade vertrauenswürdiger werden ließ. Irgendwie musste er ja in diese dumme Situation geraten sein.
Könne er ihm vertrauen und ist es überhaupt ratsam, ihm Vertrauen entgegenbringen zu wollen? Aber wie soll das alles funktionieren, wenn er ihm gar nicht über den Weg traut?
„Ich trinke einen Milchkaffee.“
René winkte der Kellnerin zu, die umgehend kam.
„Und du?“
„Ja, äh, und ich einen Espresso.“
„Einen Espresso und einen Milchkaffee bitte.“
René sah auf und blickte in bezaubernde Augen, die frei wurden, als sie ihre langen tiefschwarzen Haare aus dem Gesicht nahm und um ihren Hals legte.
„Kommt sofort!“
Er sah ihr nach, wie sie lächelnd ins Café ging. Auch Justin war von ihr angetan.
Geschickt nutzte René die neue Situation, um einer näheren Erklärung der Umstände für Justins Freilassung aus dem Weg zu gehen. Er lenkte das Gespräch kurzerhand auf einen anderen heiklen Stoff und beendete damit das Thema.
„Du bist doch aus dem Heim früher raus, als ich. Was ist aus den Leuten geworden? Hast du nicht bei denen gewohnt? Die hatten doch Geld wie Heu und du solltest angeblich von denen adoptiert werden. Ich war tatsächlich etwas neidisch auf dich – nicht wegen des Geldes, aber dass du eine Familie gefunden hattest.“
„Daraus ist nichts geworden, siehst du ja. Heute fährt denen ihr richtiger Sohn mit dem Sportwagen von seinem Alten rum und das, obwohl der ihn schon enterbt hatte. Kurz nachdem ich bei denen eingezogen bin, hat der wieder auf der Matte gestanden und Rotz und Wasser geheult. Seine Mutter, die Schnepfe, nahm ihn in ihre Arme und wischte seinen Rotz noch aus seinem Gesicht. Ich wusste doch, sagte sie, dass du einmal zur Vernunft kommen würdest“.
Justin verschob sein Gesicht und versuchte, sie nachzuahmen: „Jetzt bist du wieder bei mir und alles wird gut. Verstehst du, und alles war vergebens. Hab ich also, nachdem die mir angeboten hatten, bei der Wohnungssuche behilflich zu sein, meine Klamotten geschnappt und bin weg. Das elendige Proletengesindel! Aber einiges von der Alten ihrem Schmuck hab ich mitgehen lassen und auch was dem Sebo, wie kann man nur Sebo heißen, also deren missratenem Sohn in den Wäscheschrank geschoben. Ob die ihm seinen blöden Arsch aufgerissen haben, weiß ich ja nun nicht, aber ich habe nie wieder etwas von denen gehört.“
„Hier ist dein Espresso“, die Kellnerin schaute kurz zu Justin.
„Und dein Milchkaffee.“
Sie lächelte René an und schob die Tasse zu ihm hinüber.
„Danke, Michelle!“
René lächelte auch.
„Aber ich heiße Jennifer!“
„Schön, Jennifer, hätte ich auch beim ersten Mal draufkommen können.“
Ihre Augen funkelten, als sie bemerkte, ihm auf den Leim gegangen zu sein.
„So, und wie heißt du?“, fragte sie herausfordernd, „ich tippe einmal auf Daniel, oder Steve oder … nee, warte, Christopher.“
„Du kommst nie drauf, dass ich René heiße“, erwiderte er und kniff ein Auge zusammen.
„Ach so, natürlich, René, darf ich noch einmal raten?“
„Und wie heiße ich?“, fragte Justin.
Sie antwortete Justin, deutete auf den Umschlag und ging zum nächsten Tisch.
„Kaum bist du da, flirte ich herum und dann gleich noch mit dieser umwerfenden Frau, die tatsächlich Interesse an mir zu haben scheint. Du bringst mir Glück.“
„Natürlich bringe ich dir Glück; eine Art Wiedergutmachung.“
„Apropos Glück“.
Seine Augen wanderten auf den Umschlag und er beugte sich zu René weit über den Tisch.
„Kann es sein, dass du durch mich noch mehr Glück haben könntest, was vielleicht sogar etwas mit diesem Umschlag zu tun hat?“
„Ja, so könnte man das sehen. Hier drin ist das, was die Leute von der Polizei scheinbar nicht herausgefunden haben, nämlich deine Version des ‚Mensch ärgere dich nicht‘-Spiels.“
René suchte Jennifer und winkte sie zu sich heran.
„Wir müssen los, auch wenn es mir schwerfällt, Jennifer. Es war aber schön, dich kennengelernt zu haben. Wie viel macht es?“
„Ohne Trinkgeld ‚dreineunzig‘ und mit ‚dreidreißigzwölfeinundzwanzig‘.“
Auf dem Weg zu seinem Auto machte er sich die Notiz zu der Nummer, die er soeben von Jennifer bekam. Er notierte sich ‚Jennifer 331221‘.
„Hey, deine Wohnung ist der reinste Luxus … wenn ich meine Bude dagegen sehe.“
„Mit ein wenig gutem Willen kann ich aus diesem Luxus auch so ein Loch werden lassen, wie du es scheinbar hast“, warf René ein, „und außerdem müsstest du doch wissen, wie Luxus aussieht. Komm mit ins Wohnzimmer, dort kannst du dich setzen.“
Er schob Justin vorbei an ein paar Schwarz-Weiß-Fotos, die allesamt nackte Personen abbildeten. Sie erschienen Justin im Vorübergehen eher als nicht getroffen, denn ihnen fehlten Details und mitunter war gar nicht zu erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, die sich im Liegen oder sonst wie rekelnd haben ablichten lassen.
Die Tür bildete den Eingangsbereich zu einem nett anzusehenden Sammelsurium aus Flohmarktartikeln und Kunstgegenständen. Das Sofa war, wie ihm René bestätigte, im Großen und Ganzen ein Original aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert. Die spärlich vorhandenen Teile der ehemals reichhaltigen Schnitzereien lieferten die Vorlage für die aufwendige Ziselierarbeit in Bronze. So erzielte man ein einzigartiges Ergebnis, das auch Justin in seinen Bann zog.
„Setz dich“, forderte René ihn auf, „ich hole uns etwas zu Trinken.“
René brachte eine große Flasche und zwei Gläser zum Beistelltisch im Wohnzimmer.
„Cola mit Orange und Eis ist doch okay, oder?“
Er reichte Justin das Glas und setzte sich ihm gegenüber in den Sessel.
„Ich bin jetzt seit Jahren am Arbeiten, habe tagein tagaus meine Stunden geschrubbt, sogar mal an einer Lotterie teilgenommen, aber eher weniger erfolgreich. Mit Sparen, und nur deshalb“, er hob einen Zeigefinger, „konnte ich mir so was wie Wohlstand aufbauen. Für dieses Sofa“, er zeigte auf das Sitzmöbel, auf dem Justin Platz genommen hatte, „habe ich anderthalb Jahre geschuftet, nur, weil ich es unbedingt haben wollte. Die Karre, okay, ich habe wenigstens ein Auto, ist aber heute noch nicht abbezahlt und wenn mit mir einmal was sein sollte, und sei es auch nur, dass mir ein Zahn abbricht, bin ich im Handumdrehen wieder alles los. Wenn ich es mir genau betrachte, kann das für mich nicht der Sinn des Lebens sein.“
Justin hörte zu. Manchmal grinste er ein wenig, doch meistens schaute er abwesend auf seinen Freund, der ihn zu einem Gespräch ermuntern wollte.
„Du hast aber wenigstens etwas und kommst durch, auch ohne krumme Dinger. Nach dem Heim meine Pleite mit den Stirbrooks, danach kein fester Job, etwas Mathe und Programmieren studiert, vorzeitig abgebrochen, weil es finanziell nicht mehr machbar war – schließlich war kein Schmuck mehr da – ein paar Jobs und immer wieder die verzweifelte Suche nach einer Geldeinnahme. Wir haben also etwas gemeinsam, auch wenn es nur Geldsorgen sind.“
„Dich plagen deshalb Überlebensängste“, fasste René zusammen, „und mich plagt mein zu geringer Lebensstandard. Ich habe mich nie beklagt und würde es heute sicher auch nicht tun, wenn du mir nicht erneut in mein Leben getreten wärst und mich nicht quasi mit der Nase auf neue Möglichkeiten gestoßen hättest.“
Mit diesen Worten warf er endlich den Umschlag auf den Tisch, den er schon die ganze Zeit mit sich herumtrug.
„Ich finde deine Idee richtig gut und wir könnten ein echt florierendes Geschäft daraus machen. Du bist der Denker und ich bin der Lenker, du setzt die Strategien um und ich halte meinen Kopf hin und auch mein Konto. Warte, nicht, dass du mich falsch verstehst …“
Schon fuhr Justin dazwischen: „Hey, was, wieso Konto, hat doch alles prima geklappt mit meinem Konto.“
„Bis jetzt.“
René zog einen Zettel aus einem Ordner und hielt ihm eine Kopie vor, wonach handschriftlich auf diesem Vernehmungsprotokoll notiert stand: ‚Wegen des Raubes sind alle Konten des Verdächtigen zu überwachen‘.
„Also nicht nur mal die Konten ansehen und schauen, was sich da so getan hat, sondern die Konten im Auge behalten und schauen, was sich dort so tut. Verstehst du, du bist finanziell ein gläserner Mensch. Sowas wie die zweihundertsiebenundneunzig Buchungen auf deinem Konto kannst du in Zukunft vergessen, denn solcherlei seltsame Bewegungen auf permanent überwachten Konten machen sich nicht gut, du verstehst, keine schlafenden Hunde wecken. Auch nicht, wenn sie sagen, dass du rehabilitiert bist.“
Justin schien zu verstehen und schluckte hörbar.
„Ich glaube, du hast recht. Nur gut, dass ich dich kenne. Wer weiß, wie lange es sonst gedauert hätte, bis ich wieder in meinen paar Kubikmetern gesiebter Luft sitze.“
„Also sind wir uns einig?“
Justin nickte und hielt René die Hand hin.
„Machen wir etwas aus unserer Chance.“
René schlug ein.
Draußen wurde es kühler. Die Fenster waren inzwischen offen, um die frische Abendluft hereinzulassen. Cola und Whiskey standen auf dem Tisch und das zweite angebrochene Sixpack Bier stand daneben. Justin, der mit wachsender Begeisterung die Getränke in sich hineinschüttete, war schon stark in Mitleidenschaft gezogen und die alten Heimgeschichten sprudelten nur so aus ihm heraus.
“Mnsch de Krchts, wes füne Frao, riesn Dinga. Ech hädd se ja janz jern ma jenageld. Aba de wa unnaba, kamste nech ran. In de Dusche hab ech se jeloggd, dachde, se rubbeld mir n Binsl. Ech hadde echd ne Ladde, aba de is wieda wech. Son Schiss aba auch. Bin dänn zm Wäldchn am Sä.“
Er schüttete etwas Whiskey in sein Glas.
„Huh, de Ndrea hat mech jesehn un jefragt, wo de bist, weil se quatschen wollde. Umn Haar häd se mech aufm falschn Bein jehabt wegn de Ladde, ech musst se doch los wärn … äh, wie had se mech da übahaupt jefundn?“
Er runzelte die Stirn und schütte den Whiskey in seinen Mund.
„Jenau, woher had se dis jewusst, diss ech dord bn, hädd ech jern jewusst.“
Auch dieser Schluck kam erst im Magen und kurz danach in seinem Kopf an.
Andrea!
René hörte jedoch sofort auf, Justin zuzuhören, nachdem er ihren Namen vernommen hatte.
Natürlich hatten wir uns gesucht. Und wir hatten uns gefunden, aber nicht geredet. Warum hat sie mir nichts gesagt, mich einfach gehen lassen? Ich hätte doch nur ein einziges Wort von ihr gebraucht und alles hätte anders laufen können. All unsere Wünsche, unsere Träume hätten wir erleben können und sie …
Justin lamentierte immer noch. „De Krchts, Mann, des wäs jewesen.“
René war bereits in seine letzten Erinnerungen an Andrea versunken.
Sie saß im Licht der untergehenden Sonne. Ihre Haare fielen wie ein Schleier über ihre Schultern, ihr Profil erinnerte immer wieder an eine Madonna, so zart war sie. Mit ihrem leicht gesenkten Kopf wurde sie zur Einheit von Anmut und Zerbrechlichkeit. Das Buch in Ihren Händen handelte wieder einmal von einer schüchternen Frau, die ihrem Auserwählten nur über langes Werben die Hand reichte, mit all den Intrigen, Lügen und Herz-Schmerz, das diesem Glück entgegenstand. Wenn sie ihm wieder einmal eine Passage aus dem Buch vorlas, konnte er sich sehr gut vorstellen, dass sie die Rolle der schüchternen Frau hätte spielen können. So betrachtete er sich Andrea auch an diesem Abend. Goldgelb legten sich die späten Sonnenstrahlen auf ihr Gesicht. René war verzaubert und überglücklich, mit diesem wunderbaren Mädchen zusammen zu sein, vielmehr noch, dass sie ihn liebte.
Es musste wohl irgendwann einmal passieren, dass seine Liebe in Begehren mündet, irgendwann einmal münden musste. Und sicher ist das von der Natur auch so gewollt, denn ansonsten gäbe es nur händchenhaltende Pärchen und nicht das Glück von Familie.
Nach dem Abendessen gingen beide noch einmal hinter das Wirtschaftsgebäude. Der Schuppen war für die Gartengeräte bestimmt und wurde nie abgeschlossen. Der Oberboden war leer. Dorthin zogen sich beide immer dann zurück, wenn sie zwischendrin einmal für ein paar Augenblicke ungestört sein wollten, an diesem Tag, wie an den vielen Tagen zuvor.
Andrea lag auf dem Rücken. René beugte sich über sie. Er schob ihr Haar aus ihrem Gesicht, küsste ihre Stirn, ihre Augen, ihre Ohren, ihre Lippen, und sie genoss sein Schmeicheln, ja, sein Werben. Sie ließ es zu, obwohl ihr Herz vor Sehnsucht aber auch vor Angst fast zerspringen wollte, als es raste in unheimlicher Erwartung des Bevorstehenden.
So ließ sie es heute doch geschehen und gab sich dem Augenblick hin, in dem ‚ihr‘ René ihr Zögern überwand. Nach den vielen Monaten des Näherkommens schien sie sich endlich sicher sein zu können, dass seine Liebe stark genug ist, um allen Schwierigkeiten zu trotzen. Sie glaubte fest an ihn und an seinen Glauben an sie. Konnte sie ihren Geliebten doch auch nicht ewig hinhalten, der ein heranwachsender Mann war und die Früchte seiner Liebe ernten wollte.
René indes wähnte sich am Ziel seiner Träume. An diesem Tag wird er seine Liebe krönen können zusammen mit solch einer Göttin, die es kein zweites Mal gab.
Er öffnete sanft ihre Bluse und küsste ihren Hals, streifte die Bluse und das T-Shirt von ihr ab und sah auf die Knospen ihrer Unschuld. Behutsam liebkoste er sie, bis sie sich vor Erregung aufstellten und Andrea seine Berührungen mit einem leichten Raunen beantwortete. Er umschlang sie wie Efeu einen Baum, drückte sich an sie und hielt sie fest, um sie nur Sekunden später mit Küssen zu bedecken. Sein Atem überzog ihre Haut und Zärtlichkeiten wichen heftiger werdendem Tun.
Sie schob sein T-Shirt hoch und übersäte ihn mit Küssen. Auch sie atmete schneller und wagte mehr, viel mehr als jemals zuvor.
Zarte Bisse, Hände glitten über Beine, öffneten einander die Hosen, zogen sie herunter. Andrea berührte ihn und fühlte seine pochende Erregung in ihrer Hand. Es drängte ihn dazu, auch sie dort anzufassen, wo es im nächsten Moment zu einer himmlischen Vereinigung kommen soll, dass er sich labt in dem feuchten Schoß dieser einmaligen Frau, sie in allen Variationen genießen kann, sie riecht, sie schmeckt, sie hört, sie fühlt, wie sie ein Teil eines einzigartigen Aktes ist, bei dem sie ihn schließlich für heftiges Gleiten ganz in sich aufnimmt.
„Warte! Warte bitte … nur ganz kurz, ich …“
Andrea öffnete ihre wunderbaren Augen und drückte René sanft etwas von sich, der jedoch nicht mehr reagierte. Er versuchte stattdessen immer drängender, seine Hand zwischen ihre Schenkel zu schieben und sie versuchte mit noch mehr Kraft, ihre Beine zusammenzupressen, um seinen immer gröber werdenden Vorstößen Einhalt zu gebieten. Bald konnte sie aber seinem massiven Vordringen nichts mehr entgegensetzen.
Und so geschah es, dass er endlich nach dieser langen Zeit voller sinnlicher Begierde dorthin greifen konnte und auch griff, wo sein heiß ersehntes Paradies auf ihn warten sollte.
„Verdammt, was soll das, was ist denn das für eine Scheiße?“
René setzte sich blitzartig auf und betrachtete sich seine Hand, als ob er soeben eine verwesende Ratte angefasst hätte.
„Wie konntest du mich dermaßen verarschen? Das ist ja ekelhaft. Hau ab!“
Aufs Äußerste angewidert wischte er sich die Hand an ihrer Bluse ab.
„Das ist doch ekelhaft“, wiederholte er und spuckte noch ein ‚Pfui Teufel!‘ hinterher, „ich könnte kotzen.“
Erneut wischte er sich seine Hand an ihrer Bluse ab und überhörte in seinem Brüllen ihr leises Bitten und Flehen, ihr zu verzeihen, ihr zuzuhören. Angeekelt rutschte er immer weiter von ihr fort, nach hinten liegend, der widerwärtigen Gestalt zu entfliehen, bis sie ihm irgendwann einmal ihre Bluse aus seinem Händen zog, seinen Fuß losließ und aus dem Schuppen rannte.
In seiner Raserei bemerkte er auch nicht, dass er nur noch allein dort oben war. Zu groß war seine Abscheu, zu groß der Schock, aber auch viel zu groß sein Selbstmitleid, um zu bemerken, dass Andrea sein Fluchen jetzt gar nicht mehr hören konnte.
Ihre große Angst vor diesem Tag hatte sie schon lange mit sich herumgetragen. Lediglich ihre zurückhaltende Art half ihr über die Zeiten hinweg, in denen auch sie engere körperliche Nähe brauchte, sie es aber nie wagte, diesen Schritt zu gehen. Sie weinte bitterlich und ihr Haar klebte in ihrem Gesicht, als sie den Schuppen hinter sich gelassen hatte.
Irgendwann einmal kam René auch wieder zu sich.
Andrea war verschwunden. Er rief sie, keine Antwort. Seine zutiefst verletzenden Worte kamen ihm wieder in den Sinn, die nicht von ihm stammen, einfach nicht von ihm stammen konnten, denn er liebte sie doch so sehr.
„Andrea!“, keine Antwort.
Hastig zog er sich seine Sachen über, ergriff ihr T-Shirt und rannte los, vom Schuppen weg und am Wirtschaftsgebäude vorbei Richtung Haus, zum Turm. Sich in alle Richtungen drehend, wie damals, als sie unversehens vor ihm stand, wünschte er sie sich jetzt wieder herbei, um sie in seine Arme zu schließen und ihr zu sagen, wie unsagbar leid es ihm tut.
„Andrea, bitte, Andrea, wo bist du? Sag etwas! Antworte! Verzeihe mir, ich habe es doch nicht so gemeint, ich …“
Plötzlich diese unheimliche Stille. Die Erde hörte auf, sich zu drehen, kein Lüftchen bewegte mehr ein Blatt, nichts bewegte sich mehr. Er sah am Turm nach oben. Ein Schrei und sie schlug vor seinen Füßen auf.
Ihr Haar klebte immer noch in ihrem Gesicht, doch sie weinte nicht mehr.