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In Schuld gefangen – Kapitel 1 „Erinnerungen“

„Erinnerungen“

Ein Mann stand vor dem Eingang eines großen Gebäudes. Ihm fiel es sichtlich schwer, die massive Holztür aufzuschieben, die im Laufe der Jahre abgesackt war und nun auf dem Boden schleifte. Er musste das ganze Gewicht seines Körpers gegen das Holz legen, um sie so weit zu öffnen, dass er hindurchgehen konnte. Von dort aus blickte er in den weiträumigen Eingangsbereich, an dessen Ende sich das Licht des Nachmittags spiegelte. Der heftige Regen der vergangenen Tage hatte einen Weg durch die geborstenen Fensterscheiben gefunden, um sich nahe der Fensteröffnungen in kleinen Pfützen zu sammeln.

Die Treppe in die erste Etage war heute für ihn wesentlich mühsamer zu gehen, als es noch vor dreißig Jahren gewesen ist. Das lag vor allem an seiner schweren Krankheit, die vor ein paar Wochen mit Wucht durchbrach und ihn inzwischen immer mehr lähmte.

Damals war nicht nur bedeutend mehr Leben in ihm, sondern auch in dem gewaltigen Bau, der die Zeiten offensichtlich nicht ohne Verfall überdauert hat. Eines Tages muss es in dem weiteren Bestehen des Heimes eine Kehrtwende gegeben haben, die er sich nicht erklären konnte. So konnte es ihm doch egal sein, ja, er wollte es auch gar nicht wissen, denn er hatte hier zwar viel gelernt, ein Zuhause war es für ihn jedoch ganz sicher nie gewesen. Im Gegenteil, was hier geschah, hat ihn sein Leben lang verfolgt, ließ es ohne Ausweg schwanken und machte aus einem Teenager einen gebrochenen Mann. Doch er war es, der sein eigenes Leben erschütterte, als wegen ihm ein anderes fortging und er damit gerade einmal einen Moment brauchte, um aller Zukunft in eine Richtung zu lenken, die keine Umkehr zuließ, aus der es kein Entrinnen gab.

Er wurde einfach nur dafür bestraft, noch ein Kind gewesen zu sein, welches die Welt lediglich aus der Vogelperspektive kannte und für das ein Hinterfragen noch keine Option darstellte. Wann ist ein Junge bereit für die Wahrheit des realen Lebens, egal wie diese aussieht? Wird er es jemals sein, und wenn, wie kann jener Schritt aussehen, wenn nicht abrupt und ohne Erbarmen?

Putz, Glasscherben und eine Menge anderer Teile lagen verteilt auf dem Boden herum. Mehrere Stücke Papier ragten dazwischen heraus. Eins davon stammte wohl aus einem Schreibheft. Das Wort ‚Hofffnung‘ hatte drei ‚f‘. Eins davon war rot durchgestrichen, so, als dürfte es keine solche Hoffnung geben. ‚Fehler‘ stand am Seitenrand. Er hob ein weiteres Stück auf. Dort stand mit Schreibmaschine geschrieben, dass ein Rollladen ausgetauscht werden muss, weil er sich nicht mehr aufrollen ließ. Das Datum brachte ihn für einen Moment zurück in die Zeit, als sein Sohn geboren wurde.

Damals war wieder alles in Ordnung, dachte er sich, doch hätte alles anders laufen können, hätte anders laufen müssen. Hätte ich auf meine beste Freundin hören, der Liebe auch wirklich eine Chance geben und einem mir so sehr nahstehenden Menschen sein ‚Ich‘ sich selbst finden lassen sollen? Was ist heute mit den Erfahrungen und wofür ist das Gelernte gut, wenn man sich nichts davon zunutze macht, stattdessen immer wieder nach Ausreden sucht? Wo ist meine Verantwortung als Partner und Vater geblieben, wenn ich wundervoll Geschaffenes zerstöre, weil ich einer Versuchung nicht widerstand, gar nicht widerstehen wollte?

So wären diese beiden Papierstücke zum Schluss auch nur irgendwelches Papier, das der Ordnung entrissen auf dem Boden herumliegt, um später bestenfalls verbrannt zu werden oder einfach nur zu verrotten, wie das gesamte Gebäude um sie herum, wenn er sie jetzt nicht in seinen Händen halten würde.

Schicksale und Begebenheiten halten sich nur so lange, wie man es nachlesen kann. Nachdem der letzte Zeuge gegangen ist, wird die Vergangenheit verblassen und letztlich untergehen. Dann hat es Namen und Geschehnisse nie gegeben, obwohl diese Menschen noch fühlbar sind in dem, was sich auch hier herum befindet; leider oder vielleicht besser nur noch in Fragmenten, nur noch greifbar für denjenigen, der nach ihnen sucht. Gibt es diesen Zeugen überhaupt oder will niemand ein solcher sein, der in der Bedeutungslosigkeit dieser vielen vergangenen Augenblicke auch nur eine Sekunde darüber nachdenken wollte, näher auf etwas aus dieser Zeit eingehen zu wollen? Und außerdem; auch dieser Mensch wird vergehen und es wird eine Zeit kommen, in der niemand mehr auch nur dessen Namen kennt oder der gar irgendwann einmal etwas mit ihm zu tun gehabt hätte.

Im noch grellen Schein des Tages sah er einen Fensterladen lose nach unten hängen, der in einem erbärmlichen Zustand war und ganz sicher noch schlimmer aussah, als der Rollladen von damals, bevor er erneuert werden musste. Er trat näher, griff nach ihm und war zu Tode erschrocken, als der auffrischende Wind einen der Fensterflügel auf der gegenüberliegenden Seite des Korridors gegen den Fensterrahmen warf. Es war wahrscheinlich der letzte Fensterflügel, in dem sich noch eine komplette Glasscheibe befand, die nun in Einzelteilen zu Boden fiel.

Er ging zur Treppe zurück. Seine Kraft ließ selbst nach Pausen rasch nach und immer öfter musste er innehalten. Ein Stuhl mit gerissenem Polster konnte ihm ein guter Ort sein, für ein paar Minuten durchzuatmen. Von dort aus sah er auf die rechteckige Aussparung in der Wand, in der sich damals die Tür zu seinem Zimmer befand. Ihm reichte es, dorthin zu sehen, hingehen oder es gar betreten wollte er nicht.

Dieses Zimmer war zehn Jahre lang sein kleines Reich gewesen, in dem er viel erlebte, aber auch viele traurige Stunden verbrachte. Dort war er einsam in seinen Gedanken an die Familie, die ihn ablehnte, weil der Glaube seiner Eltern so gar nicht in deren Leben passte. Dort hatte er so oft geträumt, dass seine Eltern plötzlich wieder vor ihm stehen oder dass es diesen schrecklichen Tag erst gar nicht gegeben hätte. Niemals ging einer dieser Träume in Erfüllung.

Nach kurzer Pause hatte er es sich doch anders überlegt, stand auf, stützte sich in seine Krücken und ging langsam die fünfzehn Meter hinüber zu seiner Vergangenheit.